Generationenfrage

10. Juli 2010

Die ARD hat mich positiv überrascht am Mittwoch. Sie wissen schon, da war dieses Fußballspiel gegen Spanien, das die deutsche Nationalmannschaft erneut mit 0:1 verloren hat. Aber ich wollte ja eigentlich etwas zur ARD sagen. Bzw. zunächst zu Günter Netzer, der in seinem vermutlich vorletzten Einsatz als ARD-Experte noch einmal erahnen ließ, wieso die Kombination Netzer/Delling in ihren ersten Jahren so beliebt, so erfrischend, so anders war als das, was man davor im deutschen Fernsehen gekannt hatte. Also bevor die Kabbelei Selbstzweck war, bevor wir zum hundertsten Mal Variationen von „Sie waren doch eh ein Standfußballer“ auf der einen und „Sie haben ja überhaupt keine Ahnung“ auf der anderen Seite gehört hatten. Als Netzers nüchterne Analysen im Mittelpunkt standen und nicht deren Inszenierung durch Stichwortgeber Delling. Nüchtern? Wenn ich richtig gehört habe, hat Netzer zuletzt mehrfach „wir“ gesagt, wenn er von der deutschen Mannschaft sprach – das gab’s früher doch nicht, oder?

Zurück zu Mittwoch: ich fand Netzers fassungslosen Blick großartig, als Gerhard Delling ernsthaft glaubte, eine abweichende Meinung vertreten zu müssen, nachdem der Bundestrainer und Netzer selbst die Großchance von Toni Kroos bzw. dessen mögliches Fehlverhalten gleich bewertet hatten. Nur ein Detail, klar, aber solche Dinge werde ich vielleicht sogar ein wenig vermissen. Richtig positiv hat mich derweil die Entscheidung der ARD gestimmt, das wichtigste von der ARD übertragene WM-Spiel nicht von Herrn Simon kommentieren zu lassen, sondern von Tom Bartels, dem meines Erachtens weitaus kleinsten Übel bei öffentlich-rechtlichen Fußballübertragungen. Ich weiß nicht, ob das an irgendeiner Quotenregelung lag, oder vielleicht doch daran, dass einmal jemand die Zuschauer gefragt haben könnte, was sie von Herrn Simon halten.

Wie auch immer: Tom Bartels machte seine Sache gut, wenn auch glottal [ Grüße an @gnetzer ;-) ], und er widerstand sogar lange der Versuchung, vor der Zeit die Zukunft dieser deutschen Mannschaft herbeizureden. Zwar ließ er immer mal wieder anklingen, dass das Team noch sehr jung sei, verband dies aber stets mit dem Hinweis, dass sich die Chance eines WM-Halbfinals nicht allzu oft ergebe, unabhängig vom Alter, und dass man sie natürlich nutzen sollte. Bei Toni Kroos indes spielte das Alter dann doch ein Rolle: vielleicht wäre es für ihn ja zu früh gekommen, wenn er in diesen jungen Jahren durch den Führungs-(und dann vielleicht auch Sieg-)Treffer gegen Spanien zum Helden geworden wäre. Für Toni Kroos. Zu früh. Da hat er ja Glück gehabt.

Letztlich hat man mit 0:1 verloren. Verdient. Die Mannschaft hat es nicht geschafft, dem Europameister und WM-Topfavoriten ihr Spiel aufzuzwingen. Ein Spiel, das uns alle begeistert hatte. Ein Spiel, von dem nur noch die Älteren unter uns glaubten, dass eine deutsche Nationalmannschaft so spielen könne. Ein Spiel, das meines Erachtens weitaus besser ist als das, was die bis dato zutage getretenen Fähigkeiten der einzelnen Spieler erwarten ließen. Ein Spiel, das ganz offensichtlich die viel zitierte Handschrift eines Trainers trägt. Meinetwegen auch eine Philosophie, deren Bedeutung Martin Blumenau -wenn auch vor dem Spanien-Spiel – so großartig beschrieben hat. Dieser Trainer heißt nicht Louis van Gaal, auch wenn er Joachim Löw sicherlich den einen oder anderen Gefallen tat.

Sicher, es mag nicht nur so sein, dass die Mannschaft es nicht schaffte, dem Gegner ihr Spiel aufzuzwingen. Möglicherweise ist es auch dem Trainer nicht gelungen, die Mannschaft dahin zu bringen, dass sie tatsächlich so sehr von ihrer Stärke überzeugt war, wie sie zwischendurch schien. Schade. Ich sähe es gerne, wenn dieser Trainer versuchen würde, die nächsten Schritte mit dieser Mannschaft zu gehen. Denn natürlich müssen weitere Schritte folgen. Natürlich macht Platz 3 nicht glücklich. Aber daran kann man arbeiten, die sportliche Tendenz stimmt. Vielleicht hätte man für das Halbfinale aber auch Klaus Toppmöller engagieren sollen. Oder Christoph Daum. Hätte ein mutigeres Auftreten der Spieler befördert.

Um nicht falsch verstanden zu werden: ich hätte mir auch eine das Spiel bestimmende deutsche Mannschaft gewünscht. Und ich hielte es für zu kurz gesprungen, nur die Stärke der Spanier dafür verantwortlich zu machen, dass es nicht so kam. Vermutlich haben die Trainer in Sachen Spielvorbereitung und wohl auch Aufstellung nicht alles optimal gelöst. Aber sie hatten eine Mannschaft geformt, der man es endlich wieder zutrauen konnte, diese Herausforderung auf Augenhöhe anzunehmen und möglicherweise verdient zu bestehen. Oder wie der geschätzte Rob Alef schrieb:

Im Halbfinale von Durban waren die Spanier wieder die besseren Spanier, aber es ist nicht so schlimm, wenn von zwei überdurchschnittlichen Mannschaften die bessere gewinnt.

Und wie komme ich jetzt zurück zu Tom Bartels? Zu Toni Kroos, der nicht zu früh zum Helden werden soll? Und das zu einem Zeitpunkt, da man die Zeiten hinter sich glaubte weiß, als der 24-jährige Jeremies der Benjamin im deutschen Team war, während bei Frankreich die Herren Henry und Trezeguet (beide 20), bei England der 18-jährige Michael Owen Leistung trugen. Nein, 1998 soll nicht das Thema sein. Vielmehr geht es um die Sorge, dass ein Erfolg „zu früh kommen“ könne. Ein entscheidendes Tor. Ein Weltmeistertitel. Oder im Kleinen: ein Aufstieg. Und wenn es nur aus der Kreisliga ist.

Was für ein Blödsinn. Man muss die Chancen ergreifen, wenn sie sich bieten. Aufsteigen. Tore schießen. Weltmeister werden. Oder zumindest den Europameister schlagen. Da kann der aktuelle Kader noch so jung und talentiert, die Mannschaft noch so unerfahren, vielversprechend und mit Juniorentiteln dekoriert sein: eine Garantie auf künftige Erfolge gibt es nicht. Ja, das ist eine Binsenweisheit. Und doch wuchern die Gräser nicht wild genug, um beispielsweise die „Morgenpost“ oder die „Welt“ davon abzuhalten, von der „Goldenen Generation“ zu schreiben. Zu der zumindest bei der Welt auch Arne Friedrich zählt…

Die goldene Generation also. Ok, von der spricht man in Spanien auch. Nicht ganz zu Unrecht. Der Inbegriff goldener Generationen allerdings ist die um Luís Figo, Rui Costa, Vitor Baía, Pauleta und Nuno Gomes, die es unter diesem Begriff auch in die Wikipedia geschafft hat und in ihrer Glanzzeit… äh, was genau gewonnen hat? In England sprach man auch von einer goldenen Generation. Frank Lampard, Steven Gerrard und John Terry zählen zu ihren Protagonisten. Sowohl auf Vereins- als auch auf Nationalmannschaftsebene waren sie ähnlich erfolgreich wie jene goldene Generation, die von Edgar Davids und Clarence Seedorf geprägt war. Obwohl, wenn man ehrlich ist, haben sich die Niederländer etwas besser geschlagen. Insbesondere im Verein. Zico, Socrates, Falcão, Junior. Auch sie waren Teil einer goldenen Generation. Die 1982 und 1986 nicht einlösen konnte, was sie versprochen hatte. In Kroatien ist man genügsamer. Die goldene Generation wurde 1998 Dritter und hat wohl noch heute Heldenstatus. Jarni, Boban, Prosinecki, Suker und die anderen.

Auch in Deutschland gab es schon einmal eine goldene Generation, die sich achtbar schlug. Ihre Protagonisten hießen Christian Schwarzer, Daniel Stephan und Stefan Kretzschmar, Weltmeister wurde aber nur Schwarzer.

Wenn es aus dem diesjährigen WM-Kader ebenfalls nur einer schaffen würde, fände ich das bedauerlich. Schließlich gehe ich davon aus, dass diese goldene Generation den Weltfußball bestimmen und auf Jahre hinaus unschlagbar sein wird.

Das ist es, was ich eigentlich sagen wollte.

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7 Antworten to “Generationenfrage”

  1. gses Says:

    Nimm einige Prisen des 06er 1/8-Finals UKR vs. SWI und kombiniere sie 1000-fach mit dem 10er 1/8-Finale JAP-PAR und du bist noch nicht mal ännähernd dran, wie Tom „Schlaftablette“ Bartels seine Wirkung entfacht.

  2. Max Says:

    Ist angekommen.

  3. heinzkamke Says:

    @gses:
    Der Mitreißfaktor ist für meine Bewertung kein Kriterium…
    Im Übrigen darf SWI – UKR ja als legendär gelten ;-)

    @Max:
    Ganz anrüchiger Kommentar Deinerseits, der musste unbedingt in die Moderation.

  4. Hennes Says:

    Man kann sich leicht erklären, warum die Jugend des deutschen Kaders immer wieder mantraartig beschworen wird. Denn die Angst, am „Jan Ullrich-Faktor“ zu scheitern, ist allgegenwärtig. Damit meine ich nicht, beim Dopen erwischt zu werden und sich unwürdig aus der Öffentlichkeit zu verabschieden, sondern vielmehr das Schicksal, als Bester der Zunft zu gelten und auf Jahre hin alles gewinnen zu können, gäbe es da nicht jenen Einen, der immer noch ein Stückchen besser ist und einem immer wieder die Siege vor der Nase wegschnappt.

    Auf den Fußball übertragen macht sich nach dem zweimaligen Scheitern an Spanien einfach die Sorge breit, immer wieder als beste Mannschaft zu gelten, doch dann in jenem einen entscheidenden Spiel auf die Furia Roja zu treffen, die an diesem Tag einfach immer wieder ein Stückchen besser ist (zugegeben, für 2008 gilt das nicht!).

    Deswegen der Blick in die Zukunft: Die goldene Generation der Spanier, die im Gegensatz zu allen im Artikel Genannten heute Abend wirklich ihr Schaffen vergolden kann, hat hoffentlich irgendwann auch mal ihren Zenit überschritten. Das wächst sich raus! Und dann wäre es an der deutschen Mannschaft, in das Vakuum hineinzustoßen.

    Dieser nach vorne gerichtete Blick hat aber auch immer einen verzweifelten Anstrich. Viel befriedingender wäre doch, Spanien auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit zu besiegen. Aber auch das wird kommen. Zumal man immer wieder beobachten kann, dass der Hunger auf Siege nach dem Erreichen eines großen Ziels unweigerlich nachlässt. Bin daher schon mal sehr gespannt, wie die nächten Turniere für Spanien laufen werden. Im Gegensatz dazu wird die deutsche Mannschaft, in der die jungen Spieler schon jetzt mehrmals den bitteren Geschmack der Niederlage kosten mussten, sich auch zukünftig ins Ziel, den Titel zu gewinnen, verbeißen. Bis sie es endlich geschafft hat…

  5. heinzkamke Says:

    @hennes:
    Ganz abgesehen von Deinen Gedanken zur Situation und Perspektive der deutschen Mannschaft, die ich weitestgehend teile, gefällt mir der „Jan Ullrich-Faktor“ sehr gut.

    Und ich denke sogleich an Peter-Michael Kolbe, Harald Schmid, Jürgen Hingsen (wobei die nicht unbedingt als die besten ihres Fachs galten, aber eben auch dem einen besseren Sportler nicht gewachsen waren).

    Andere Ideen, anyone?
    Raymond Poulidor ist vielleicht ein Kandidat, auch wenn er nicht nur Anquetil unterlag, und sicherlich viele weitere Leichathleten.

  6. Hennes Says:

    Man sieht, bei Einzelsportarten lässt sich der „Jan Ullrich-Faktor“ recht häufig finden. Der Namensgeber entstammt schließlich ja auch, wenigstens was die Siegerlisten angeht, einer Einzelsportart.

    Im Mannschaftsbereich wird’s schon schwieriger. Mir fällt auf Anhieb nur die SG Flensburg-Handewitt ein, die schon so manchen Fluch Richtung Kiel ausgestoßen haben wird!

  7. heinzkamke Says:

    Über den Mannschaftssport habe ich zwischenzeitlich auch ein wenig nachgedacht, allerdings eher mit Blick auf einzelne Spieler – beim Fußball naturgemäß am ehesten Torhüter. Wie Stein, der nie eine Chance gegen Schumacher hatte, oder Kleff, dem Maier vor der Nase saß. Andere traf es phasenweise, wie Netzer, der 74 nicht an Overath vorbei kam, und wenn man in England ehrlicher zu sich selbst wäre, hätte womöglich entweder Lampard oder Gerrard längst so ein Schicksal getroffen.

    Die Vergleichbarkeit solcher Fälle mit Jan Ullrich mag allerdings überschaubar sein.


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