Furchtbar altmodische Gedanken

5. Juli 2010

Manchmal bin ich verdammt altmodisch. Oder auch nur ein Slow Adopter, wenn man so will. Dabei hätte ich es ja kommen sehen müssen. Jean-Marc Bosman hat den Spielern alle Macht gegenüber den Vereinen an die Hand gegeben. Nein, natürlich nicht Bosman selbst, sondern die Richter des EuGH. Die Spieler haben das seither weidlich ausgenutzt verhalten sich rational und tanzen dem Großteil der Clubs auf der Nase herum.

Einige Jahre später haben die Trainer nachgezogen. Nachdem sie im Machtgeflecht der Profiligen jahrzehntelang auf die Rolle  als „schwächstes Glied in der Kette“ reduziert worden waren, traten sie zunehmend selbst- und vor allem machtbewusst auf. So ist zumindest mein Eindruck. Felix Magath war über viele Jahre hinweg ein phasenweise überaus erfolgreicher Trainer, dem letztlich dennoch immer wieder der Stuhl vor die Tür gestellt wurde. Diesem scheinbar unvermeidlichen Los ging er erstmals (?) in Nürnberg aus dem Weg, als er aus einer Position der Stärke heraus kurz vor Saisonbeginn den Verein verließ, weil der Verein seinen Forderungen nicht entsprach. In Stuttgart machte er sich mit seinem Abgang später keine Freunde, in Wolfsburg ging er als Meisterheld und dürfte dennoch nicht nur Freunde hinterlassen haben. Ähnliches gilt für Bruno Labbadia in Leverkusen, bloß ohne Heldenstatus. Dieter Hecking wechselte in der laufenden Bundesligasaison von Aachen nach Hannover, und über Jose Mourinhos medienwirksam inszenierten Abgang aus Mailand ist wohl auch alles gesagt – zumindest kennt er seinen (Markt-)Wert und geht seinen Weg.

Die nächste Runde dürfte den Vorstandsmitgliedern vorbehalten sein. Genau wie bei den Trainern gibt es selbstverständlich auch hier bereits Beispiele aus der nicht mehr ganz so jungen Vergangenheit. Michael Meier ging bereits in den Achtzigern von Köln nach Leverkusen, Peter Kenyon (von dem ich nicht weiß, ob er einen Vorstandsposten inne hatte) ließ sich im September 2003 von Roman Abramowitsch aus Manchester zu Chelsea locken. Klar, so ist der Markt. Andreas Rettig ging damals auch von Freiburg nach Köln, beim Sportclub legte man ihm keine Steine in den Weg, beide Seiten hatten – soweit ich weiß – immer mit offenen Karten gespielt, Rettigs Ambitionen waren bekannt.

Bei Horst Heldt liegt die Sache für mich etwas anders. Das hat natürlich zum einen damit zu tun, dass mir die Situation beim VfB deutlich näher geht als jene damals in Freiburg. Zum anderen empfinde ich den Zeitpunkt als unanständig. Ja, auch ein verdammt altmodisches Wort. Und möglicherweise völlig unangebracht, weil ich mich zu wenig mit den Abläufen in einem Profiverein auskenne. Vielleicht ist die Sommerpause tatsächlich gar nicht so wichtig für die Kaderzusammensetzung in der neuen Saison. Vielleicht hat der VfB längst alle angestrebten Transfers in trockene Tücher gepackt und will sie erst nach der Weltmeisterschaft verkünden. Vielleicht ist die Kaderplanung auch gar nicht Teil der Jobbeschreibung des Vorstands Sport, sondern wird ohnehin von der Herren Gross, Schneider und Staudt erledigt.

In meinem möglicherweise naiven Weltbild indes ist es Horst Heldts Aufgabe, im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten die Vorstellungen umzusetzen, die er gemeinsam mit dem Trainer in Sachen Spielerkader diskutiert und entwickelt hat. Und da ich mir kaum vorstellen kann, dass man mit dem aktuellen Kader in die Saison gehen will, ging ich bisher davon aus, dass der Sportdirektor gerade in diesen Wochen in besonders hohem Maße gefordert ist. Gerne will ich Horst Heldt unterstellen, dass er bereits seit Monaten mit der Anbahnung großartiger Transfers befasst ist. Er hat sicherlich Kontakte geknüpft, Gespräche geführt, über Zahlen verhandelt, Perspektiven aufgezeigt, persönliche Beziehungen zu Spielern und Beratern aufgebaut, den VfB in schillernden Farben dargestellt und keinen Zweifel daran gelassen, dass der jeweilige Spieler und der Verein, vertreten in erster Linie durch ihn selbst, eine grandiose gemeinsame Zukunft vor sich haben.

Jetzt sieht das etwas anders aus. Wenn ich mich recht entsinne, verwies Heldt bereits Mitte Juni darauf, dass sich während der Weltmeisterschaft – kein schlechter Zeitpunkt übrigens, um einen Paukenschlag pianissimo vonstatten gehen zu lassen – am Transfermarkt ohnehin nichts tue und danach alles reibungslos von seinem Nachfolger fortgeführt werden könne. Logisch. Wir brauchen uns also keine Sorgen zu machen. Horst Heldt hinterlässt ein bestelltes Feld, die ausstehenden Transfers sind nur noch Formsache, und Heldt wird im Juni 2011 nicht ohne Stolz betonen, dass die Meisterschaft des VfB, über die er sich sehr freue, in Teilen auch seiner Arbeit im WM-Frühsommer zu verdanken sei.

Im Ernst: ich finde, es gehört sich nicht, sich in dieser Phase der Saison Knall auf Fall zu verabschieden. Nicht nur, weil es um den VfB geht. Aber „gehört sich nicht“ ist wohl keine relevante Kategorie.

Zu Heldts Stuttgarter Bilanz und den Nachfolgekandidaten hat sich @hirngabel drüben im Brustring gewohnt fundiert geäußert. Mir persönlich würde eine Lösung mit Jan Schindelmeiser sehr zusagen; allerdings hat er bei seinem Rückzug in Hoffenheim gesundheitliche Gründe ins Feld geführt, von denen ich nicht weiß, wie gravierend sie sind. Unabhängig davon scheint er bei den Diskussionen in Cannstatt keine Rolle zu spielen. Was glücklicherweise auch für Guido Buchwald und einige andere Altinternationale gilt. Es fällt mir auch schwer, mir Fredi Bobic als Sportdirektor vorzustellen; aber da bin ich für eine positive Überraschung gerne zu haben.

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11 Antworten to “Furchtbar altmodische Gedanken”

  1. nedfuller Says:

    Klingst wie ein trotziges, beleidigtes Kind.

    Ich kann das aber verstehen. Man fühlt sich so im Stich gelassen.

    Schön Naiv hört es sich auch an, daß er ein bestelltes Feld hinterlässt.

    Ein Freund von mir hat mal gesagt, am Ende des Tages kommt es darauf an, wer das Geld bekommt oder sich geil dabei fühlt…

  2. Nick Says:

    Interessant finde ich ja auch das Verhalten der ‚Gegenseite‘, Heldt erst zu umgarnen, dann zu behaupten, er wäre unzufrieden in Stuttgart (ob das so war, davon weiß ich als Außenstehender zu wenig), um deshalb keine Ablöse zu zahlen.

  3. heinzkamke Says:

    @nedfuller:
    Wenn das so klingt, kann ich wenig dagegen sagen. Entspricht aber nicht meiner eigenen Wahrnehmung. Zumal ich zum einen noch nicht einmal weiß, wie ich Heldts Weggang aus sportlicher Sicht bewerten soll und zum anderen überzeugt bin, dass mich das Ganze in einer vergleichbaren Situation auch bei anderen Vereinen sehr ärgern würde.

    @Nick:
    Hat mich auch irritiert. Dürfte aber mit dem berühmten längeren Hebel zu tun haben. Was will der VfB mit einem Vorstand, der gegen seinen Willen gehalten wird? Anders als bei einem Spieler, bei dem wenigstens der Marktwert deutlich sinkt, glaube ich, dass der Schaden für Heldt, wenn man ihn in Stuttgart ein Jahr lang auf Eis legte, überschaubar bliebe.
    Hm, stimmt diese Einschätzung?

  4. hirngabel Says:

    Ich hab das ja schon bei mir und auch bei twitter mal kurz thematisiert: Ich finde es sehr schade, dass Gerhard Poschner so gar kein Thema zu sein scheint.
    Ein wirkliches Urteil kann ich mir über seine Qualifikation (weder menschlich noch fachlich) zwar nicht erlauben, aber von den reinen Basisdaten her gefällt er mir als Kandidat eigentlich ziemlich gut.
    Er hat den scheinbar dringend notwendigen Stallgerucht – aber er hat sich in den letzten Jahren dennoch durchaus emanzipiert vom VfB.
    Er hat einschlägige Erfahrung gesammelt in einer europäischen Topliga und dementsprechend ein hoffentlich ordentliches Netzwerk aufgebaut.
    Er kann sich ziemlich gut verkaufen im TV, ohne als Dummschwätzer rüberzukommen.

    Mit Schindelmeiser könnte ich vermutlich auch leben – zumindest wesentlich besser als mit Wohlfahrt, Verlaat und Konsorten.

    Bei Bobic bin ich leicht skeptisch, aber durchaus bereit ihm eine Chance zu geben. Seine Qualifikationen sind halt nicht so positiv überwältigend, dass man hier vor Freude in die Luft springen möchte.

    Ansonsten könnte man jetzt weiter in Richtung Heldt auskeilen (und das hatte ich auch ursprünglich in meinem Eintrag vor), aber … ach, das ist auch irgendwie müßig. Ich bin sauer über das Wie und sehr enttäuscht über das Wann (wie Du ja auch), aber es fehlt mir die Wut, um da wirklich auf den Putz zu hauen.

    Was mir in der Tat gehörig gegen den Strich geht, ist das Gebaren von Schalke 04 in dem Zusammenhang. Das kotzt mich tierisch an, aber daraus einen Beitrag zu stricken… ich weiss nicht.
    Ich hoffe, wir lassen sie diese Saison wieder deutlich hinter uns – das wäre mir dann schon ein innerer Reichsparteitag eine riesige Freude und Genugtuung.

    Schön ist auf jeden Fall, dass ich jetzt nach dem Abstieg von Hertha BSC Berlin einen neuen Favoriten auf meiner Unsympathenskala habe (auch wenn natürlich mit der Rückkehr von DieRegion wieder ein alter Anwärter mit im Spiel ist).

  5. nedfuller Says:

    @heinzkamke
    Das mit dem „beleidigt“ sein war jetzt auch nicht ausschließlich auf den VfB bezogen.
    Ich bin auch unzufrieden, daß dort mit so unsauberen Methoden gearbeitet wird.

    Ich war damals so glücklich, daß unser damaliger Sportchef Raffael vanderVaart nicht kurz vor dem Saisonbeginn freigegeben hat, obwohl er unbedingt weg wollte.

    Bei einem Vorstand, der wechseln will, wäre ich aber auch geneigt ihn ziehen zu lassen. Ich hätte immer Angst, er arbeitet nicht mit 100%.

  6. hirngabel Says:

    Naja, wenn es nach vielen Fans geht, dann hat Horst Heldt hier ohnehin nie mit 100% gearbeitet – bzw. sollte man, wenn es nach ihnen geht, für Schalke hoffen, dass es nie 100% waren und er Verbesserungspotential hat. =)

  7. Herr Wieland Says:

    Angeblich soll Heldt sich doch selbst freigekauft haben, oder habe ich da was falsches gelesen? Außerdem stand irgendwo, dass der VfB fällige Prämien gesperrt habe. Vielleicht ist damit aber auch derselbe Vorgang gemeint. Zusätzlich soll es ein „Freundschaftsspiel“ zugunsten des VfB geben.
    Etwaige Summen lassen sich eh nie überprüfen, es gibt jedenfalls eine Vergütung. Was an dem Vorgehen des FC Schalke bemerkenswert gewesen sein soll, verstehe ich nicht. Ich hielt es für das übliche Schachern.

  8. hirngabel Says:

    Etwas offizielles gab es zum Thema „Ablösesumme“ bislang noch nicht. Ein paar Tage vorher wurde aber in der Tat in ein, zwei Medien darüber spekuliert, dass Heldt sich freikaufen könnte und das dann von Schalke aber wiederum auch durch mehr Gehalt oder Bonuszahlungen oder so aufgefangen wird.
    Quasi eine Ablösesumme auf Kredit, zwischenfinanziert von Heldt – sollte dem tatsächlich so sein, dann würde das zumindest ein weiteres Mosaiksteinchen sein, das hervorragend ins Bild passt, das so in den Medien von der finanziellen Lage der Schalker gezeichnet wird…

    Was bemerkenswert am Vorgehen ist?
    a) Der Zeitpunkt ist nicht gerade sonderlich pralle gewählt – wie oben von heinzkamke geschildert
    b) Die Art und Weise wie man erst Heldt versucht zu ziehen und dann von Tönnies/Magath gesagt wird, dass das ein VfB-internes Problem ist, kann man als normales Geschachere bezeichnen. Zumindest in Sachen Manager ist das aber einigermaßen einzigartig in der Bundesliga.
    c) Hinzu kommt sicherlich noch die Vergangenheit zwischen den beiden Vereinen, einmal schon die Heldt-spezifischen Abwerbungsversuche im letzten Jahr und dann auch diverse andere Transfergeschichten, die ein paar Narben hinterlassen haben

    Aber gut, vermutlich ist das alles normal.
    Und wenn wir am Ende wie üblich vor Euch stehen, ist das letztlich auch wieder Wurscht. =)

  9. heinzkamke Says:

    @hirngabel:
    Poschner kann ich nicht einschätzen. Bzw. unterschätze ihn möglicherweise, ohne zu wissen, warum.

    @nedfuller:
    Das mit van der Vaart sehe ich genauso, wobei ich auch viel Respekt für van der Vaart habe, der danach ja eine sehr starke Saison spielte.

    @Herr Wieland:
    Über die Konditionen (und das Schalker Verhalten) kann ich seriös gar nichts sagen, weil ich das Drumherum nur rudimentär verfolgen konnte. Von einem Freundschaftsspiel habe ich auch gelesen.

  10. Herr Wieland Says:

    @hirngabel:
    „Zwischenfinanzierung“ hin oder her, jedenfalls eine Lösung die beide Seiten prima verkaufen können. Schalke behauptet, keine Ablöse bezahlt zu haben. Tönnies stellt sich als Macher dar („bin hingefahren und habe die Kuh vom Eis geholt“). Stuttgart kann sagen, Heldt wenigstens abgestraft zu haben (fällige Prämien nicht gezahlt) und VfB-Fans dürfen tun, was Fans aller Clubs gerne tun: Sich über das üble Verhalten der bösen Anderen ereifern.
    Und, nur damit kein neuer Mythos entsteht, „üblich“ würde öfter als viermal in 10 Jahren bedeuten ;-)

  11. Herr Wieland Says:

    In einem gestern veröffentlichten dpa-Text wird Herr Staudt zitiert: „Wir haben ein Gesamtpaket besprochen, das beide Seiten als faire Lösung empfinden“. Das noch als Abschluss von meiner Seite zum Thema Ablösegeschacher.


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