The class of ’86

13. Juni 2010

Nach 1982 und – schon länger her und inhaltlich nicht ganz passend – 1980 jetzt also 1986. Die WM, die in Sachen Fernsehzeit vermutlich meine intensivste war. Und die mir, wann immer ich daran zurückdenke, ein und dasselbe Bild als erste Assoziation liefert: Thomas Bertholds Gipsmanschette, die nach einer formvollendeten Drehbewegung der deutschen 14 von einem Mexikaner gebremst wird. Erst danach fällt mir der Burruchaga hinterher hechelnde Briegel ein, oder Bats‘ Geschenk im Halbfinale.

Ich denke an Querétaro, das von uns auch gerne mal „Geräteraum“ genannt wurde, das man im Nachhinein in allererster Linie mit den Herren Rummenigge, Schumacher und Stein in Verbindung bringt, und das doch irgendwie einen besseren Klang (wörtlich wie bildlich) hat als Schluchsee oder Ascochinga. Gegen Malente, Spiez oder Eppan kann es freilich abstinken.

Dann war da die Hitzeschlacht zwischen Brasilien und Frankreich, den beiden damals wohl spielstärksten Mannschaften, in deren Verlauf drei der weltbesten Spieler – Zico, Socrates und Platini – vom Elfmeterpunkt scheiterten, was gerade bei Socrates angesichts seines als arrogant wahrgenommenen Anlaufs nicht ohne Häme blieb.

In der Vorrunde spielte die damalige UdSSR groß auf und demontierte meinen (warum auch immer) Geheimfavoriten Ungarn, der den jungen Detari in seinen Reihen hatte, zum Auftakt mit 6:0. Wenn ich je bei einem Fußballspiel explizit das Gefühl hatte, eine Mannschaft könne gedopt gewesen sein, dann bei diesem. Zu rasend schnell kombinierten Lobanowskys Mannen, die zum größten Teil aus seine Kiewer Vereinsmannschaft stammten, zu wenig Luft ließen sie den Ungarn zum Atmen, zu sehr vermittelten sie den Eindruck, immer mindestens zwei Mann mehr auf dem Platz zu haben. Genutzt hat es (das großartige Spiel, nicht das Doping…) letztlich nichts.

Unvergessen auch der deutsche Nominierungsprozess. Beckenbauer hatte – damals zumindest ungewöhnlich, heute gang und gäbe – in der Vorbereitung einen etwas zu großen Kader und musste quasi in letzter Sekunde 3 oder 4 Spieler nach Hause schicken. Guido Buchwald war darunter, der Belgier Heinz Gründel und Wolfgang Funkel, zudem, wie ich gerade nachgelesen habe, auch noch Frankie Mill. Dafür fuhren Dieter Hoeneß, der viele Jahre zuvor einige wenige Länderspiele bestritten hatte, und Norbert Eder mit – beide vom FC Bayern, beide über 30, beide ohne nennenswerte Länderspielerfahrung. Eder bestritt in Mexiko alle Spiele, das gleiche galt für Karlheinz Förster und -mit einer Ausnahme- für Ditmar Jakobs. Gleich drei Vorstopper als Stammspieler warfen ein deutliches Licht auf die damaligen Qualitäten der DFB-Elf.

Der Turniermodus war peinlich. Man wollte nach der Vorrunde wieder auf einen KO-Modus umsteigen, was bei 24 Teilnehmern kein ganz einfaches Unterfangen war. Um auf die 16 Mannschaften für ein Achtelfinale zu kommen, qualifizierten sich neben den Erst- und Zweitplatziertzen der 6 Gruppen auch die vier besten Gruppendritten. Trikotfarbe und künstlerischer Wert waren indes kein Kriterium.

Dänemark begeisterte mit dem bekennenden Kettenraucher Preben Elkjaer Larsen – Deutschland als Gruppengegner war weniger begeistert -, um dann von den Spanien und dem vierfachen Butragueño abgeschossen zu werden, die wiederum an Belgien scheiterten, bei denen mit Scifo einer meiner damaligen Helden seine erste WM spielte. Die Deutschen als Gruppenzweiter trafen indes auf Marokko. Ein furchtbares Spiel, und als alle bereits eingeschlafen waren auf die Verlängerung warteten, erzielte Matthäus das 1:0, das Didi Hamann 14 Jahre später zum Abschied von Wembley kopieren sollte.

Drei der vier Viertelfinalspiele wurden im Elfmeterschießen entschieden – ich bezweifle, dass es das noch oft gab. Manuel Negrete erzielte nicht nur in der Vorrunde das Tor des Monats, sondern war auch der einzige, der Schumacher im Elfmeterschießen bezwingen konnte. Denk ich an Schumacher, denk ich an José Luis Brown.

Meine 11 des Turniers
(einziges Kriterium: wer mir besonders in Erinnerung blieb, ohne Rücksicht auf Leistung oder gar Positionen)

José Luis Brown
Der Name. Ich konnte einfach nicht recht nachvollziehen, wie „Brown“ zu so klangvollen Namen wie Burruchaga, Maradona, Pumpido oder – unvergessen – Olarticoechea passen sollte. Aber köpfen konnte er.

Thomas Berthold
Keine Ahnung, wie er es schaffte, nach seiner roten Karte nur für ein Spiel gesperrt zu werden. Chapeau.

Hugo Sánchez
Als Stürmer noch turnen konnten. Wozu er bei der WM allerdings lange nicht soviel Gelegenheit hatte wie bei Real.

Gordon Strachan
Traf gegen Deutschland. Der Fußballspieler mit den gefühlt rötesten Haaren.

Vasili Rats
Klar, der Name.

Pat Jennings
Das Alter. Vier Jahre zuvor schon als alter Mann verschrieen, war er nun mit über 40 noch immer dabei.

Manuel Negrete
Ein Seitfallzieher als Tor des Monats. Trug die Nummer 22, glaube ich. (Manche Sachen überprüft man einfach nicht)

Chris Waddle
Großartiger Kicker. Und über viele Jahre hinweg der Engländer mit der besten Frisur. Wurde eigentlich erst von Beckham abgelöst.

Carlos Manuel
Ende 1985 verlor Deutschland in der WM-Qualifikation mit 0:1 gegen Portugal, das sich dadurch qualifizierte. Torschütze: Carlos Manuel. Wenn ich mich nicht täusche, war dies das allererste WM-Qualifikationsspiel, das Deutschland verlor.

Silas
Ich konnte mir schon beim Durchblättern der Mannschaftskader Patrick Bach einfach nicht als Fußballspieler vorstellen. Allzu viele Einsätze hatte er dann auch nicht.

Maradona
War auch dabei.

Trainer:

Bora Milutinovic
Seine erste WM. Sorgte bei den 12 folgenden Austragungen dafür, dass man ihn nicht vergessen würde.

Cayetano Ré
Ok, Paraguay kam weiter. Aber eigentlich gibt es keinen Grund dafür, dass ich diesen Namen bis heute nicht vergessen habe.


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8 Antworten to “The class of ’86”


  1. Burruchaga und Briegel. Muss das jetzt sein? Einem so die Stimmung zu verderben, wenn die WM gerade erst ins Rollen kommt?

  2. heinzkamke Says:

    Waren doch großartige Fußballspieler. Burruchaga sowieso, und Briegel hat mit Elkjaer Larsen Verona verzaubert. Wenn da keine Stimmung aufkommt…


  3. Das mag alles sein, aber ich höre nur: „Toni, halt den Ball! … Nein.“

    Dieses „Nein“. Fürchterlich. Niederschmetternd. Erweichend.

    Aber wohl das letzte Finale, das echten Fußball bot, immerhin. Okay, 98 war auch noch Fußball. Ansonsten aber nicht. Würde auch gerne mal die Vor-Weltkriegsfinals sehen. Weiß aber nicht, wo.


  4. Oh, okay, sorry. 2002 war ja auch ein Fußballspiel.


  5. Wollte auch gar nicht diesen lesenswerten Beitrag kapern. Noch mal sorry. Also zurück zu 1986 und dem wahrscheinlich langweiligsten Spiel aller Zeiten. Deutschland-Marokko.

    Wie der Autor ja auch sagt.

  6. heinzkamke Says:

    Trainer, jeder einzelne Deiner Kommentare hier ist sehr gern gesehen. Und doch wünschte ich mir, Dein Blog wäre bald wieder online. Um mal wieder was Längeres von Dir zu lesen.

    Ansonsten:
    Ja, dieses Nein ist noch heute niederschmetternd.
    Ja, die späteren Finals rissen selten mit.
    Ja, es war das langweiligste Spiel aller Zeiten. Man muss Lothar Matthäus ewig dankbar sein, dass er eine Verlängerung verhinderte. Äh?

  7. jomo Says:

    Zum peinlichen Turniermodus möchte ich folgendes anmerken:

    1990 u. 1994 war der Modus der gleiche.
    Er sollte die vorherige Regelung mit Zwischengruppenphase alla 82 aufpolieren. Insofern stellt 1986 eine gewisse Zäsur da, und zwar hinsichtlich eines moderneren Spielmodus. Der Modus wurde auch damals von der Presse (im In- und Ausland) fast einstimmig gelobt. Die Fifa wollte nicht mit unnötig vielen schwächeren Mannschaften ein 32er Teilnehmerfeld aufmachen, deshalb 6×4 mit vier Dritttplatzierten als Nachrücker. Ich empfand den 86-Modus auch als wesentlich besser als ich den 78er und 82er in Eerinnerung habe. Aber so uinterschiedlich sind die Ansichten. Das Mexiko-Turnier machte mir Spaß, was wohl auch an meinem Alter lag. Die meisten Spiele scheinen mir im Nachhinein aber nicht gerade qualitativ hochwertig. Das Gefühl der geschichtlichen Verklärung von Spielen, Mannschaften, Turnieren beschleicht mich allerdings des Öfteren.

  8. heinzkamke Says:

    @jomo:

    Vorab: über die Wortwahl „peinlich“ kann man sicher streiten.

    Ansonsten stimme ich bis auf besagten einen Punkt weitgehend zu: die 2. Finalrunde 78 (damals noch mit 16 TN) und die 3er-Zwischenrunde 82 konnten nicht der Weisheit letzter Schluss sein, und es war ein großer Gewinn, endlich wieder einen K.O.-Modus zu haben.

    Die Sorge um die Qualität eines 32er-Feldes konnte man damals sicherlich haben. Meines Erachtens war es allerdings falsch, diese Sorge höher zu bewerten als ein unverzerrtes System, in dem eben nicht Äpfel mit Birnen verglichen werden, d.h. ohne Quervergleiche über unterschiedliche Gruppen hinweg, um die besten Dritten als Achtelfinalteilnehmer Nr. 13-16 zu bestimmen. Ich empfinde ein solches System als äußerst ungerecht und finde nicht, dass es dem Anspruch einer Weltmeisterschaft in Sachen Chancengleichheit gerecht wird.

    Ungeachtet dessen hatte auch ich viel Spaß. Ob die Spiele qualitativ hochwertig waren? Ich weiß es auch nicht recht. Es gab zweifellos ein paar spektakuläre Partien, wie beispielsweise das 5:1 der Spanier gegen Dänemark oder den Sieg der Belgier gegen die UdSSR. Aber es gab auch viel Leerlauf, angefangen bei den Gruppenspielen der Deutschen Mannschaft.


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