Mach’s gut, Shakira!

27. Mai 2010

Im Sommer 2006 verließ Christian Tiffert nach 6 Jahren, 136 Spielen und 9 Toren den VfB Stuttgart, und irgendwie wirkte das Ganze, wie soll ich sagen, unvollendet. Tiffert war außerordentlich begabt, was er gelegentlich auch eindrucksvoll unter Beweis stellte. Er war 2004 Kapitän der U21 und wurde recht hoch gehandelt, als es darum ging, wer von den Junioren noch auf den „echten“ EM-Zug aufspringen würde. Beim VfB war er indes weit davon entfernt, zum Führungsspieler aufzusteigen, Verantwortung zu übernehmen – zu klar schien das Bild des etwas schlampigen und nicht immer zu 100 Prozent engagierten, naja, Genies, das viel zu wenig aus seinen Möglichkeiten machte. Der Wechsel zu Red Bull Salzburg passte dann auch ins Bild desjenigen, der den Weg des geringsten Widerstands wählt.

Sein Nachfolger im rechten Mittelfeld des VfB hieß Roberto Hilbert, und wenn ich ehrlich bin, denke ich manchmal, dass einigen Zuschauern in den letzten vier Jahren entgangen ist, dass derjenige, der die rechte Außenbahn beackert, gar nicht mehr Tiffert heißt. Die Schmähungen wurden der Einfachheit halber kurzerhand beibehalten und fortgesetzt. Man meckerte über ungenaue Zuspiele, erfolglose Dribblings und schlechte Flanken, ohne gleichzeitig die tolle Arbeit im Dienst der Mannschaft zu würdigen. Mittlerweile nimmt die Position im rechten Mittelfeld übrigens Timo Gebhart ein. Hochbegabt, schlampig. Vielleicht passen die immer gleichen Verunglimpfungen jetzt wieder besser.

Hilbert war anders als Gebhart und Tiffert. Er ist wohl nicht ganz so hoch veranlagt wie sie, aber bei ihm trifft zumindest das Verb „beackern“ uneingeschränkt zu: sein Einsatz ist stets vorbildlich, er geht voran, gibt nicht auf und setzt auch in scheinbar ausweglosen Situationen nach. Den Grund für seine selbstlose Spielweise fanden die Medien übrigens auch recht rasch heraus: Hilbert hatte auch im echten Leben Verwantwortung übernommen. Mit 22 war er Vater einer 13-jährigen Stieftochter (und einer 2-jährigen Sohnes). Was natürlich alles erklärte. Auch den Kosenamen, den ihm einige Fans angedeihen ließen, entlehnt von seiner Stieftochter: Shakira.

Voller Verantwortungsgefühl kam Hilbert also im Sommer 2006, obwohl von einigen Bundesligisten umworben, als relativ unbeschriebenes Blatt aus Fürth nach Stuttgart und setzte sich sofort durch. In seiner ersten Bundesligasaison bestritt er als einziger VfB-Spieler alle 34 Partien, 20 davon über die volle Distanz, und war mit 7 Treffern der drittbeste Torschütze – 4 seiner 6 Rückrundentreffer bedeuteten jeweils das 1:0. Am Ende stand die deutsche Meisterschaft und Hilbert war Nationalspieler.

Neben seiner – zumindest auf dem Platz, außerhalb kann ich es nicht beurteilen – vorbildlichen Berufseinstellung war es sein Umgang mit den Fans, der ihn mir besonders sympathisch machte. Er war immer als erster in der Kurve, stimmte in die Fangesänge ein an, und auch wenn das furchtbar übertrieben war, erwischte ich mich einige Male bei dem Gedanken, dass er eigentlich mehr Fan als Spieler sei. Nicht ganz von ungefähr dürfte es auch kommen, dass er sehr hoch gehandelt wurde, als es darum ging, die Frage zu beantworten, die BILD nach der Meisterschaft stellte:

VfB-Wappen als Intim-Rasur
Welcher Meister trägt das drunter?

Nach der Meistersaison ging es nicht nur für den VfB erst einmal bergab, sondern auch für Hilbert. Zwar bestritt er auch in der Saison 2007/08 32 (2008/09: 31, 2009/10: 23) Spiele; seine Defizite, die in der Euphorie der Meistersaison ein wenig untergegangen waren, traten indes immer wieder deutlich zutage: immer seltener konnte er sich im Dribbling durchsetzen (als Stuttgarter, der den schnellen Aufstieg und die anschließenden Rückschritte von Andreas Hinkel im Stadion verfolgt hatte, erlebte man ein Déjà-vu), wenn er doch einmal zum Flanken kam, fühlte man sich an Christian Ziege zu seinen schlechteren Zeiten erinnert, und seine Fehlerquote beim Passspiel war teilweise furchtbar hoch – wenn man ehrlich ist, handelt es sich dabei um Fertigkeiten, die für einen offensiven Mittelfeldspieler nicht ganz irrelevant sind.

Ich hatte ja in den letzten Jahren immer mal wieder gehofft, dass sich ein Trainer finden würde, der Hilbert dabei hülfe, sich die taktischen Mittel zu erarbeiten, die es braucht, um ein guter Außenverteidiger zu werden. Zum einen hätte ich mir einen Mann mit seinem Biss und seinem Tempo dort sehr gut vorstellen können, zum anderen herrschte auf dieser Position in den letzten Jahren (und herrscht bis heute) beim VfB kein Überangebot an guten Spielern. Vergebens.

Unter Christian Gross, auch das wird häufig verkannt, kam Shakira in der Rückrunde der abgelaufenen Saison in 16 von 17 Spielen zum Einsatz, davon immerhin acht mal in der Startelf. Häufig wurde er zudem auf der linken Außenbahn eingewechselt, wo er sich überraschend gut schlug. Gegen Wolfsburg erzielte er den Führungs-, in Nürnberg kurz vor Schluss den für den weiteren Saisonverlauf enorm wichtigen Siegtreffer. Auf der ungewohnten Seite gelangen ihm plötzlich wieder Dribblings, gelegentlich flankte er mit dem schwachen Fuß sehr anständig, und phasenweise war er gar erste Wahl für Ecken und Freistoßflanken (zugegeben: Hleb hatte die Latte sehr niedrig gelegt).

Letztlich reichte es dennoch nicht, den Verein von einer Vertragsverlängerung zu überzeugen, zumindest nicht zu Hilberts bzw. für ihn akzeptablen Konditionen. Und ein wenig schwingt da bei mir der Verdacht mit, dass man ihn möglicherweise gehalten hätte, wenn nicht bei Cacau eine ordentliche Dreingabe nötig geworden wäre.

Schade.

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8 Antworten to “Mach’s gut, Shakira!”

  1. hirngabel Says:

    Darf ich den Artikel kopieren, bei mir posten und ihn als meinen eigenen ausgeben?

  2. Stefan Says:

    Ich hab halt nie verstanden, dass ein Spieler, der (fast) immer 100% gibt, unbeliebt bei den Fans ist.

    Sollte er trotz seiner 100% nicht genug sein, liegt es am Trainer, weil er ihn spielen lässt.

  3. Kees Jaratz Says:

    Es ist doch immer wieder schön, wie es dir gelingt ein eindrückliches Bild von mir eigentlich fern stehenden Menschen und ihrem Dasein in diesen so südlichen Gefilden zu geben.
    Wie du natürlich weißt, habe ich einen von den dreien oben in den letzten drei Jahren etwas öfter zu sehen bekommen. Mit deiner Einschätzung des jungen Christian Tiffert verstehe ich seine drei Jahre beim MSV Duisburg nun ein wenig besser. Es war ja doch erstaunlich, dass er unter Rudi Bommer in seinem ersten Jahr, dem Bundesligajahr vom MSV, als der Abstieg näher rückte, nicht mal mehr im Kader einen Platz fand. Ab in die Verdammnis, so hieß es. Das war mit schlechter Leistung alleine aus meiner Sicht nicht zu erklären. Zu dem Zeitpunkt war die Konkurrenz zwar groß, doch auf der Bank hätte er immer seinen Platz gehabt. Vielleicht hat sich da bei Bommer der junge Tiffert noch ein letztes Mal ausgetobt? Diese vom Trainer vielleicht angesprochene Diskrepanz zwischen Möglichkeit und Realität könnte nach einem Ventil gesucht haben, das Ventil von schlechter Laune und Trotz? Spekulation.
    Aber es ist auffällig: Nachdem Peter Neururer als Trainer beim MSV begann, hat er Tiffert sofort zu einem der wichtigen Spieler seiner Mannschaft ausgerufen. Wertschätzung ohne Vorleistung! Diese pädagogische Volte funktionierte. Tifferts Leistung folgte, und in der zweiten Zweitligasaison wurde er neben Torwart Starke zum meiner Meinung nach wichtigsten Spieler der Mannschaft. Er befand sich in einer starken Position und gab auch von seiner Einstellung her zurück, was er an Vorschusslorbeeren erhalten hatte.
    In dieser Form ist er für jeden Verein im unteren Drittel der Bundesliga ein Gewinn. Allerdings droht dort immer die Gefahr, dass er seine Vorstellung vom Fußball nicht verwirklichen kann. Auf der Mannschaftsebene wiederholt sich dann seine Erfahrung als junger Mensch. Die Spielentwicklung scheitert.
    Unter Milan Sasic deutete sich schon an, dass er mit dieser neuen Erfahrung erst umgehen lernen muss. Immer wieder drohte der Ärger über diese Situation, sich nicht in produktive Energie zu verwandeln.

  4. heinzkamke Says:

    @Stefan:
    Das war tatsächlich eine interessante Parallele bei Tiffert und Hilbert: beide waren in der Rangliste der meistgeschmähten Spieler recht weit oben, und doch setzten sie sich unter verschiedenen Trainern (gerade bei Tiffert waren es ja einige) immer wieder durch.

    @Kees:
    Ganz aus der Ferne hatte ich speziell in der vergangenen Saison (die Vorgeschichte inklusive Neururerscher Volte war mir nicht präsent, vielen Dank) auch den Eindruck, dass da in Duisburg ein deutlich gereifter Tiffert agierte und allem Anschein nach auch Verantwortung übernahm. Worüber ich mich sehr gefreut habe.

    Als dann sein bevorstehender Wechsel bekannt wurde, sah ich mich in dieser Einschätzung bestätigt. Wäre schön, wenn er auch in Kaiserslautern zum Leistungsträger würde.

    Irgendwie erinnert mich das – nicht nur der beteiligten Vereine wegen – ein wenig an Alexander Bugera. Ein großes Talent, das sich zu meiner Überraschung, vielleicht auch zu meinem Bedauern, irgendwann gar in der Regionalliga wiederfand und bei dem ich dachte, dass es das dann wohl gewesen sei, ehe er noch einmal ganz gut Fuß fasste und nun wieder in der Bundesliga auftaucht. Wobei Tiffert sogar noch ein paar Jahre hat, um im Idealfall noch einmal richtig durchzustarten.

    (Bugera habe ich noch weniger intensiv beobachtet als Tiffert, ich kann ziemlich daneben liegen mit diesem Vergleich)

  5. Kees Jaratz Says:

    Ich habe gar keine klare Erinnerung an Bugeras erste Spielzeit beim MSV, außer jener, dass die Bayern-Schule als Ausbildungsreputation bei der Verpflichtung einigen Eindruck machte. Gewechselt ist er 2000 ja wohl, weil er bei Unterhaching statt 2. Liga Bundesliga spielen konnte. Die Regionalliga war vielleicht die Konsequenz aus dem Versuch, sich noch einmal bei Bayern durchzusetzen? Ich weiß es nicht. Für mich sieht das also ein wenig anders aus als der Werdegang Christian Tifferts.
    Als Bugera 2003 wieder zurück zum MSV kam, wurde er zu einer Stütze jeder Mannschaft der folgenden vier Jahre. Er war – so weit ich mich erinnere – selten überragend, aber konstant verlässlich. Er wechselte ja im Aufstiegsjahr des MSV in die zweite Liga zu Kaiserslautern. Was ich bedauerte. Nach meinem Eindruck also eine leicht andere Entwicklung als bei Tiffert.
    Die größte Ähnlichkeit im Verlauf der beiden Laufbahnen steht vielleicht jetzt bevor. Als ich nach dem Sasic-Wechsel zum MSV in den FCK-Foren ein wenig rumgesurft bin, war ein Leitmotiv der Meinungen: Bugera spielt seit Sasics Weggang auf einem in Kaiserslautern nicht gesehenen Niveau. Nun hatte man manchmal auch bei Christian Tiffert das Gefühl, seit Milan Sasic sein Trainer war, spielte er ein wenig schlechter als vorher. Und das war noch gut genug! Steht da eine Leistungsexplosion Christian Tifferts beim 1. FC Kaiserslautern an? Das wäre eine beeindruckende Parallele, die mir wiederum sehr zu denken geben würde.

  6. heinzkamke Says:

    Stand wohl zu befürchten, dass das Leben der Vergleich zweier Fußballerkarrieren doch nicht so einfach ist, wie sich das der Passant so vorstellt.

    Wobei beim Verweis auf die Regionalliga auch ein wenig die Gäule mit mir durchgegangen sind. Tatsächlich zog ich die Parallele schon eher wegen des Wechsels von Duisburg nach Kaiserslautern, zu einem Zeitpunkt, da ich in beiden Fällen dachte, dass sich der Spieler in Duisburg eingenistet und dort bis zum Karriereende bleiben (oder noch irgendwo zu einem ambitionierten Drittligisten wechseln) würde.

    Aber es soll jetzt nicht darum gehen, meinen Vergleich zu verteidigen oder gar zu retten. Vielmehr danke ich Dir für Deine Einschätzung und bin gespannt, ob der Sasic-Faktor, bzw. dessen Gegenteil, auch bei Tiffert wirkt.


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