Von Galoppern und Robben

26. Mai 2010

Als die Bayern gegen Inter spielten, dachte ich an Acatenango.

Alle, die jetzt nicht wissen, wovon ich rede, sind vermutlich nach 1980 geboren oder haben erst spät zur Sportschau gefunden. Und diejenigen, die sich an Acatenango erinnern, dürften sich völlig zurecht fragen, weshalb ich beim Finale der Champions League an ihn dachte.

Ich sah also diesem Fußballspiel zu, das leider viel zu früh entschieden war und das mich irgendwann nur noch bedingt mitreißen konnte. Und wie ich da so zusah, nistete sich recht unvorhergesehen der Gedanke bei mir ein, dass auf Seiten der Bayern nach meiner Einschätzung (korrekter: nach meiner Einschätzung der Einschätzung durch die Sportjournalisten) mindestens die beiden Erstplatzierten und drei weitere Spieler aus den Top 10 der Wahl zum Fußballer des Jahres 2010 auf dem Platz standen. Nicht dass ich daraus einen Abgesang auf den deutschen Fußball abgeleitet hätte, nach dem Motto: „Da stehen 5 der 10 vermeintlich besten Bundesligaspieler auf dem Platz, und trotzdem sind sie nicht in der Lage, Gefahr zu erzeugen“, überhaupt nicht. War einfach nur so ein Gedanke.

Während ich also noch über den Nachfolger von Grafite sinnierte, tauchte aus heiterem Himmel ein neuer Begriff auf, der zwar eine gewisse formale Ähnlichkeit mit dem des Fußballers des Jahres aufweist, den man indes inhaltlich wohl nicht einmal 1985, 1997 oder 1998 guten Gewissens mit dem Sieger der kicker-Wahl in Verbindung bringen konnte. Eigentlich. Für mich hingegen ist der Weg vom Fußballer des Jahres zum Galopper des Jahres schon immer ein kurzer gewesen: Fußball war Sportschau war (auch) Addi Furler war Galopper des Jahres. War Acatenango (und, zugegeben, ein bisschen Orofino). Womit die Ausgangsfrage beantwortet wäre.

Im Übrigen sei die Wahl des Galoppers des Jahres, die zu meiner Überraschung noch immer durchgeführt wird, wenn auch mit deutlich geringerem medialen Auftrieb als zu Zeiten von Furler, Schwarze und Zimmer, die älteste Publikumswahl im deutschen Sport. Auch besteht sie bereits drei Jahre länger als die elitäre Wahl des fußballerischen Pendants, die dieses Jahr auf ein halbes Jahrhundert zurückblicken kann.

Ich schweife ab. Die Frage der gedanklichen Verbindung zwischen dem Finale der Champions League und einem guatemaltekischen Vulkan wäre zwar geklärt; eigentlich wollte ich jedoch einen Schritt weiter gehen und auch noch ein paar Sätze zur Wahl zum Fußballer des Jahres verlieren, auch wenn vor ihrer Durchführung und vor allem Veröffentlichung noch eine Weltmeisterschaft steht. Gerade bei Weltmeisterschaften sollte man ja zwischenzeitlich vorsichtig geworden sein, nachdem die letzten beiden MVPs wohl schon vor den jeweiligen Finals gewählt wurden, dieses Ergebnis dort aber nicht uneingeschränkt bestätigen konnten.

Wie auch immer: ich habe mir also trotz möglicher weltmeisterschaftsbedingter Änderungen ein paar Gedanken zur Wahl des Fußballers des Jahres gemacht und in diesem Kontext die Ergebnisse der letzten Jahre angesehen, um festzustellen, dass seit Michael Ballack, der 2002 und 2003 (sowie 2005) gewann, niemand mehr ernsthaft Gefahr lief, den Titel zu verteidigen. Eine kurze Betrachtung der 10 Bestplatzierten der letzten 5 Jahre führt mich gar zu dem Schluss, dass ziemlich viele von Ihnen ziemlich sicher nicht erneut in den Top 10 landen werden:

2005
1. Michael Ballack (Bayern München) 516
2. Lukas Podolski (1. FC Köln) 103
3. Marcelinho (Hertha BSC Berlin) 99
4. Marek Mintal (1. FC Nürnberg) 55
5. Bastian Schweinsteiger (Bayern München) 39
6. Per Mertesacker (Hannover 96) 28
7. Roy Makaay (Bayern München) 25
8. Lincoln (Schalke 04) 21
9. Dietmar Hamann (FC Liverpool) 10
10. Sebastian Deisler (Bayern München) 8

2006
1. Miroslav Klose (Werder Bremen) 532
2. Jens Lehmann (FC Arsenal) 82
3. Philipp Lahm (Bayern München) 58
4. Oliver Kahn (Bayern München) 39
5. Michael Ballack (Bayern München) 17
6. Torsten Frings (Werder Bremen) 12
7. Per Mertesacker (Hannover 96) 11
8. Lukas Podolski (1. FC Köln) 9
9. Tim Borowski (Werder Bremen) 5
9. Bastian Schweinsteiger (Bayern München) 5
9. David Odonkor (Borussia Dortmund) 5

2007
1. Mario Gomez (VfB Stuttgart)  196
2. Diego (Werder Bremen)  175
3. Bernd Schneider (Bayer Leverkusen)  156
4. Torsten Frings (Werder Bremen)  47
4. Theofanis Gekas (VfL Bochum)  47
6. Kevin Kuranyi (Schalke 04)  20
7. Pavel Pardo (VfB Stuttgart)  18
8. Timo Hildebrand (VfB Stuttgart)  17
8. Jens Lehmann (Arsenal FC)  17
8. Rafael van der Vaart (Hamburger SV)  17

2008
1. Franck Ribery (Bayern München) 224
2. Michael Ballack (FC Chelsea) 115
3. Luca Toni (Bayern München) 108
4. Philipp Lahm (Bayern München) 69
5. Oliver Kahn (Bayern München) 60
6. Diego (Werder Bremen) 33
7. Mario Gomez (VfB Stuttgart) 32
8. René Adler (Bayer Leverkusen) 31
9. Lukas Podolski (Bayern München) 18
10. Bastian Schweinsteiger (Bayern München) 6

2009
1. Grafite (VfL Wolfsburg) 331
2. Mario Gomez (VfB Stuttgart) 171
3. Edin Dzeko (VfL Wolfsburg) 169
4. Diego (Werder Bremen) 103
5. Franck Ribery (Bayern München) 65
6. Zvjezdan Misimovic (VfL Wolfsburg) 50
7. Philipp Lahm (Bayern München) 32
8. Vedad Ibisevic (1899 Hoffenheim) 20
9. Robert Enke (Hannover 96) 16
10. Mesut Özil (Werder Bremen) 10


Und hier mein völlig verfrühter Tipp:

Fußballer des Jahres 2010:

1. Arjen Robben

2. Bastian „Herr Schweinsteiger“ Schweinsteiger

3. Edin Dzeko

4. Kevin Kuranyi

5. Sami Hyypiä

6. Ivica Olic

7. Thomas Müller

8. Toni Kroos

9. Torsten Frings

10. Claudio Pizarro

10. Cacau

10. Nuri Sahin

10. Philipp Lahm

Und Ihr so?

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8 Antworten to “Von Galoppern und Robben”


  1. Ich glaub Kießling bekommt auch noch ein paar Stimmen für die Top-10. Sonst vielen Dank an die Erinnerung an Furler und den Galopper des Jahres. Als kleiner Dotz saß ich immer vor dem TV und hab mir gewünscht, dass in der Sportschau endlich etwas spannendes kommen möge.

  2. heinzkamke Says:

    @Jens:
    Kießling war in meiner 20er 15er Liste, die ich dann noch ein wenig kürzen musste. Mit meiner anfänglichen Bemerkung über 5 Bayern hatte ich mich da ein wenig unter Zugzwang gesetzt, und da bereits zwei Leverkusener drin waren, fiel Kießling halt noch raus. Wie Barrios und einige andere, darunter alle Torhüter, kurz zuvor.

    „…hab mir gewünscht, dass in der Sportschau endlich etwas spannendes kommen möge“
    Dem kann ich nur beipflichten.

    Bei der jüngsten Wahl zum Galopper des Jahres hatte man mit SportBild übrigens einen recht großen Medienpartner (wobei ich nichts über die Partnerschaft weiß).


  3. btw. danke für deine stuttgart-einschätzung. ich meld mich dazu später nochmal ;)


  4. Toni Kroos ist zumindest »Profi« des Jahres. Als solch junger Spieler ohne zu Murren hinzunehmen, wie ein Leibeigener hin- und zurückgeschubst zu werden, das ist schon Berufs-Fatalismus pur. So erwachsen werde ich in diesem Leben nicht mehr …

    (Klassepferde, da fliegen mir direkt Rennbahnbilder durch den Kopf, und zerrissene Zettel um die Ohren.)

  5. jon dahl Says:

    1 Robben
    2 Schweinsteiger
    3 Olic
    4 Lahm
    5 Müller
    6 Khedira
    7 Kroos
    8 Pizarro
    9 Dzeko
    10 Kuranyi

    Herr Gomez war dreimal in den Top Ten, das sollte bis zum Karriereende reichen.

  6. heinzkamke Says:

    @Harald Müller:
    Anfänglich hatte ich durchaus den Eindruck, dass er murren wollte bzw. auch ein wenig murrte. Vermutlich hat man ihm dann zum einen seine vertragliche Situation dargelegt, zum anderen goldene Perspektiven aufgezeigt…

    Rennbahnbilder habe ich aus eigener Erfahrung kaum vor Augen, aber Henry Gondorff und Doyle Linneman Lonnegan haben mir einen guten Eindruck vermittelt…

    @jon dahl:
    Was Herrn Gomez anbelangt, bin ich -wie Du weißt- grundlegend anderer Ansicht.

  7. jon dahl Says:

    „Grundlegend anderer Ansicht“ — bist du vielleicht gar nicht.
    Ein Jahr vor der WM den Verein zu verlassen, für den er und der für ihn so wichtig war, und zum Erzrivalen zu wechseln war falsch, falsch, falsch und endete bei ersterem kurzzeitig im unteren Tabellendrittel, bei letzterem auf der Bank. Macht man nicht, gehört sich nicht. Dafür sollte es über ein Schmerzensgeld-Gehalt hinaus keine Belohnung und keine vorderen Ranglistenplatzierungen geben. Wenn Gomez den Sprung nach Spanien oder England noch schafft, der aus meiner Sicht nach der WM und ohne Zwischenstation in München sinnvoll und logisch gewesen wäre: Viel Erfolg beim Erklimmen der Top Ten dort.

    (Mal sehen, wie meine Nummer 6 seine Karriereplanung angeht.)

    • heinzkamke Says:

      Doch, ich bin grundlegend anderer Ansicht (zumindest im Vergleich zu Deinem ersten Kommentar): meines Erachtens wird er in diesen Top 10 noch oft auftauchen, unabhängig davon, wo er dann spielt.

      Was den Wechsel nach München anbelangt: den hielt ich für nachvollziehbar und aus Sicht des Spielers für vernünftig. Da lag ich wohl genauso falsch wie er.

      Aber mit „Macht man nicht, gehört sich nicht“ kann ich nach wie vor nichts anfangen. Auch nicht mit dem Verweis auf einen „Erzrivalen“, der meines Erachtens höchstens ein Feindbild sein kann: Erzrivalität setzt in meinen Augen eine Wechselseitigkeit voraus, die ich so nicht sehe. Aber da können sowohl meine Definition eines Erzrivalen als auch meine Wahrnehmung der Münchner Haltung zum VfB falsch sein.

      Wortklauberei? Kann man vielleicht so sehen.


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