Unaufmerksam

25. April 2010

Selten einmal habe ich ein Spiel des VfB, noch dazu in einer entscheidenden Phase der Bundesligasaison, so unaufmerksam verfolgt wie die zweite Halbzeit der Freitagspartie in Bochum. Nicht dass es mich nicht interessiert hätte, ganz im Gegenteil. Es war einfach zu offensichtlich, dass man nichts mehr zu erwarten hatte. Kein ernst zu nehmendes Aufbäumen des Gegners, kein Feuerwerk des VfB, ja leider nicht einmal – auch das hatte sich sehr rasch abgezeichnet – konsequent vorgetragene Konter, um das Torverhältnis ein wenig aufzubessern.

Zu klar war die Rollenverteilung, zu eindeutig die Kräfteverhältnisse, und letztlich auch zu nüchtern der VfB, um noch auf ein Spektakel zu hoffen. Da konnte man dann schon mal verstärkt in die Diskussion über das Restprogramm und den Kader der nächsten Saison einsteigen und dem Spiel nur noch anderthalb Augen bzw. gar lediglich ein halbes Ohr widmen, ohne Gefahr zu laufen, am nächsten Tag mit verpassten verpassten Torchancen konfrontiert zu werden.

Was wie eine leise Beschwerde klingen mag, ist jedoch alles andere als das. Es tat gut, nach recht turbulenten Wochen mit gedrehten Spielen und späten Toren einfach mal entspannt zuzuschauen, auch wenn die Freude danach naturgemäß nicht so unbändig sein konnte wie beispielsweise in der Vorwoche gegen Leverkusen („Europapokal!„). Dabei hatte ich im Lauf der Woche noch die Überzeugung mit mir herumgetragen, dass das Spiel in Bochum der bedrohlichste Stolperstein auf dem Weg nach Europa sei. Was es vielleicht auch hätte werden können, wenn man den Gegner nicht derart kalt erwischt und ihm nach zwanzig Minuten jede Zuversicht genommen hätte. Danach genügte eine humorlose Defensivleistung mit einem in positivem Sinne glanzlosen Sami Khedira, der nach den wichtigen „kleinen“ Aktionen vor beiden Treffern zunehmend defensiver agierte, zahllose Bälle gewann und eine reife Leistung zeigte.

Weniger reif war der Umgang des VfB mit zahlreichen Kontermöglichkeiten, bei denen sich Cacau, Hilbert und Gebhart in dem Bemühen überboten, möglichst oft die falsche Entscheidung zu treffen. Der Sieger ist aus meiner Sicht nicht eindeutig zu benennen, vielleicht müsste man diese Frage Zdravko Kuzmanovic stellen, der das Ganze meist aus nächster Nähe beobachten musste.

Letztlich blieb ein souveräner Sieg mit geringem Glamourfaktor, der wohl auch deshalb nur bedingt euphorisierte, weil der Spielplan für dieses Wochenende kaum Ausrutscher der Tabellennachbarn versprach – eine Einschätzung, die sich am Samstag rasch bestätigte, als sich die Konkurrenz aus Dortmund, Bremen und Leverkusen durch die Bank schadlos hielt. Am Sonntag gab es zwar für Wolfsburg und den HSV Niederlagen, die entweder gänzlich oder zumindest in dieser Form nicht unbedingt zu erwarten gewesen waren; aber seien wir ehrlich: die beiden hatte man bereits nach dem letzten Spieltag nur noch pro forma auf der Rechnung.

So bin ich also guter Dinge, dass der VfB bereits am vorletzten Spieltag die Qualifikation für den Uefa-Cup in trockene Tücher bringt (leider werde ich nicht im Stadion sein können) und der HSV sich dann endgültig darauf konzentrieren kann, sich als Titelverteidiger zu qualifizieren – ja, ich glaube, dass sie im Craven Cottage bestehen werden [dieser Satz entstand übrigens vor dem Hoffenheim-Spiel; ich bleibe dennoch dabei], aber das nur am Rande. Damit der VfB noch von der Champions League träumen dürfte, hätte es wohl eines Ausrutschers zumindest eines oder zweier der vor ihm stehenden Teams bedurft (sowas Ähnliches hab ich übrigens vor ein paar Wochen in Sachen Uefa-Cup gesagt); aber irgendwie käme mir das ein wenig maßlos vor…

Abseits des aktuellen Bundesligageschehens hat der SWR am Samstag „Titel, Tore und Triumphe – Die Meisterschaften des VfB“ Revue passieren lassen und dabei eine Menge schöner Erinnerungen geweckt. Home Stories aus den 50ern, die Erkenntnis, dass Anfang der 90er noch auffallend viele Schnauzbärte unterwegs waren, Eike Immels Krawatte, Mario Gomez ungläubiger Blick, als er erfuhr, dass der Autokorso noch eine Schleife drehen würde, Gerhard Mayer-Vorfelders Warten auf den lichten Moment – es gab genügend Gründe, sich die Sendung anzusehen. Buffy Ettmayer unterhielt das Publikum vor Ort so glänzend, dass sich Fragen nach dem Alter seiner Pointen verbieten, Hartmut Engler hatte nicht viel Redezeit, Gilbert Gress traf es sicherlich völlig unerwartet, dass sein öffentlicher Friseurbesuch mal wieder zum Thema gemacht wurde, gerade so, als handle es sich auch dabei um bisher unveröffentlichtes Material, Guido Buchwald brachte sich dankenswerterweise nicht als neuer VfB-Trainer ins Gespräch, Sami Khedira hörte den alten Herren respektvoll zu, es war also alles gut.

Nur Erich Retter tat mir leid. Nein, eigentlich tat ich mir selbst ein wenig leid, weil ich nicht zu hören bekam, was Retter noch gerne aus den 50er Jahren erzählt hätte. Er hatte nämlich einiges zu erzählen. Doch leider waren auch Themen dabei, die nicht auf Michael Antwerpes‘ Kärtchen (oder was auch immer) standen. Dieser hatte folglich gar keine andere Wahl, als ihn abzuwürgen und mit einer geschickten Überleitung wieder auf den rechten Pfad zurück zu holen. Er hatte schließlich einen Plan, den es umzusetzen galt. Wäre ja noch schöner, wenn man einen Gast einfach so plaudern ließe. Einen der letzten Spieler, die bei den Triumphen der 50er Jahre dabei gewesen waren. Einen, der allem Anschein nach gerne ein paar Anekdoten zum Besten gegeben hätte. Der dem Publikum Freude machte. Der… ach komm, vergiss es.

Ach ja: Krassimir Balakov wurde zum besten VfB-Spieler aller Zeiten gewählt. Zum Ergebnis der online-Abstimmung über die Top 11 des VfB könnte man sicherlich viele Worte verlieren. Aber das muss nicht sein. Es hätte schlimmer kommen können.

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11 Antworten to “Unaufmerksam”

  1. hirngabel Says:

    Da ich mich an Balakov wenigstens erinnern kann, finde ich das mal eine gute Wahl. Auch wenn Torsten Legat nur knapp dahinter kommen müsste…
    Aber gut, darüber wollen wir ja hier nicht reden.

    Was das Spiel angeht, so kann ich Dir insgesamt beipflichten. Auch wenn ich etwas aufmerksamer beim Spielgeschehen blieb in der zweiten Halbzeit.
    Ebenfalls habe ich die Emotionen ähnlich erlebt. Es war wirklich so ein Spiel, wo der Stiefel runtergespielt wurde, Punkte eingepackt und ab dafür. Dann kam halt noch hinzu, dass wir vorgelegt haben und die Konkurrenz zur Abwechslung mal nicht für uns gespielt hat.

    Also nicht so richtig, denn auch wenn ich den HSV, wie auch Wolfsburg mittlerweile nicht mehr als wirkliche Konkurrenz eingeschätzt hatte, so finde ich es doch ERHEBLICH angenehmer mit 5 Punkten Vorsprung in die letzten beiden Spiele zu gehen.

    Dass es für weiter nach vorne noch nicht gereicht hat bzw. für den ganz großen Coup CL-Quali auch nicht mehr reichen wird, war zu erwarten, da es einfach zu viel ist, gleich drei Mannschaften überholen zu müssen. Nichtsdestotrotz kann ich ein ganz kleines bisschen „Enttäuschung“ (auch wenn das Wort härter klingt als gemeint) nicht so richtig verhehlen.
    Aber wie Du sagst: Wir wollen nicht maßlos sein.

  2. Schwob Says:

    Vor allem bei der Enttäuschung gebe ich hirngabel recht. Mir spukt immer noch das Auswärtsspiel in Mainz im Kopf herum, wo wir locker zwei Punkte durch eine Unbeherrschtheit liegen ließen (auch wenn uns derselbe Sündenbock in dem Fall vor vielen weiteren Punktverlusten bewahrt hat, was allerdings auch wiederum sein Job ist). Oder das Spiel in Hannover, wo ich wie selten einmal den Eindruck hatte, dass das Spielergebnis den Verlauf nicht widerspiegelt. Aber egal, das hilft jetzt nicht mehr weiter…

  3. heinzkamke Says:

    Ihr undankbaren Gesellen! ;-)
    ________

    Mit Balakov an der Spitze kann ich durchaus leben, auch wenn ich lieber Allgöwer oder (zugegeben, da verlasse ich mich nur auf Informationen aus dritter Hand) Schlienz vorne gesehen hätte, aus rein sportlicher Sicht vielleicht sogar Buchwald.

    Ohlicher hat mir gefehlt, Sigurvinsson, über Hildebrand wunderte ich mich ein wenig, Khedira hat mich überrascht, und natürlich kann man auch über einige derer reden, die relativ kurz hier waren und vermutlich nicht zuletzt deshalb keine Chance hatten (oder wegen eines falschen Vereinswechsels), wie Sammer, Dunga oder auch Elber.

    Aber so ist das halt bei so einer Wahl. Über das Ergebnis kann man prächtig diskutieren, oder man kann es lassen.

    Nachtrag:

    Die Top-11 der SWR-Wahl „Bester VfB-Spieler aller Zeiten“:

    1. Krassimir Balakov,1401 Stimmen
    2. Karl Allgöwer, 964
    3. Mario Gomez, 902
    4. Robert Schlienz, 780
    5. Guido Buchwald, 755
    6. Sami Khedira, 603
    7. Jürgen Klinsmann, 535
    8. Karlheinz Förster, 505
    9. Timo Hildebrand, 452
    10. Fritz Walter, 445
    11. Hansi Müller, 406

  4. hirngabel Says:

    In der Tat, Hildebrand ist schon eine kleine Überraschung. Bei Sami Khedira ist es natürlich eine relativ schwierige Frage, ob man jemanden, der noch so jung ist, mit den anderen „Größen“ einfach so in einen Topf schmeissen kann.
    Aber wie Du das schon sagtest: Man kann diskutieren oder man kann es lassen.

    Da sich das mit meinem Blogeintrag zum Spiel noch alles etwas verzögert: Wurde bei sky oder irgendwo in den Medien eigentlich der „Flaschen-Zwischenfall“ mit Beteiligung von Lehmann, Boulahrouz und Hleb in irgendeiner Form thematisiert? Konnte dazu bislang nichts zu finden.

  5. heinzkamke Says:

    Flaschen-Zwischenfall?
    Ich habe keine Ahnung, wovon Du sprichst. Falsch: Eine Ahnung vielleicht, aber nur aufgrund Deiner Frage. Sonst hab ich nichts gehört.

  6. hirngabel Says:

    Es gab eine Situation, in der sich -weit abseits des Spielgeschehens- Lehmann mit Boulahrouz und Hleb scheinbar angelegt hat, die sich da in der zweiten Halbzeit neben seinem Tor warmgemacht (bzw. eher „warmgestanden“) haben.
    Ich *glaube* es ging darum, dass einer beiden eine Trinkflasche an die Seitenlinie auf der Gegengeraden bringen sollten, damit einer der Feldspieler (ich glaube, Träsch) etwas trinken konnte. Nur haben Boula und Hleb sich wohl geweigert oder so, so dass Lehmann dann die Trinkflasche in Richtung der beiden geschmissen hat und es dann anschließend noch ein paar hitzigere Worte gab zwischen den Dreien (und es gab dann wohl speziell mit Hleb auch noch einige Wortwechsel von den untenstehenden Fans aus).
    Die besagte Flasche wurde dann von Boulahrouz anschließend relativ unmotiviert nach vorne an die Bande in Höhe Strafraumkante geschleudert, wo sie sich Träsch dann später schnappte und im Anschluss wieder Lehmann zurückbrachte, der zudem auch Nachschub von der Bank aus bekommen hatte.

    Wie gesagt: Das ist meine Interpretation der Geschehnisse, da ich zwar alles perfekt beobachten konnte, aber den Beginn der Situation verpasst hatte und zudem in der obersten Reihe saß (was im kleinen Bochumer Stadion zwar völlig okay ist, aber eben doch noch etwas zuweit weg um was zu verstehen).

    Und es würde zumindest zu meinen Vorurteilen passen, dass sich die ohnehin sehr lustlos wirkenden Edelreservisten in diesem Fall einer „Anweisung“ des streitbaren Herrn Lehmann widersetzt haben.
    Zumal der feine Herr Hleb (im Gegensatz zu Boulahrouz übrigens) es scheinbar nicht für nötig befand nach der Partie mit den anderen zu feiern, geschweige denn zur Kurve zu gehen.

  7. heinzkamke Says:

    Bei Hleb wäre ich nicht im Geringsten überrascht. Boulahrouz indes hat sich zwar das eine oder andere mal beschwert; in punkto Professionalität habe ich aber immer wieder Gutes gehört, sodass mich das ein wenig überraschen würde. Allerdings nicht so sehr, dass ich Deine Interpretation begründet bezweifeln könnte.

  8. hirngabel Says:

    Wie gesagt, das ist alles mehr oder weniger Vermutung.
    Und wie ebenfalls gesagt: Boulahrouz war dann nach Abpfiff auch beim Tanzkreis sowie hat mit den anderen Spielern die Fans in der Gästekurve verabschiedet.
    Zudem war Boulahrouz auch beim Warmmachen schon deutlich aktiver als Hleb, der sowohl vor dem Spiel als auch in der zweiten Halbzeit neben Lehmanns Tor auf mich persönlich einen relativ lustlosen Eindruck machte. Boula sah jetzt beim Warmlaufen während des Spiels auch nicht unbedingt hochgradig gut gelaunt aus, aber eben nicht ganz so angepisst wie Hleb.

    Es würde mich auf jeden Fall nicht komplett überraschen, wenn der Aleks die beiden letzten Saisonspiele nicht mehr so richtig viel ran darf. Sofern zumindest die Spiele halbwegs gut anlaufen.

    Und auch wenn ich ihn sportlich missen würde bzw. werde, bin ich menschlich mittlerweile doch durch mit ihm.

    • el pibe Says:

      > Mir spukt immer noch das Auswärtsspiel in Mainz im Kopf herum, wo wir locker zwei Punkte durch eine Unbeherrschtheit liegen ließen

      ich kann es nicht mehr hören. komischerweise regt sich kein mensch über die völlig unnötigerweise liegen gelassenen punkte gegen hamburg, prähmen und schalke auf. das waren übrigens derer acht. aber da müsste man ja auch die ganze mannschaft für kritisieren. oder den coach,der in diesen partien durch mehrere taktische fehler, sowie 2 wechselfehler auffiel. aber wozu die mühe machen, wenn man doch schon einen duften sündenbock hat. arm.

      • Schwob Says:

        Ich habe leider nicht die Möglichkeit, jedes Spiel so zu verfolgen wie die beiden von mir genannten, daher kamen mir natürlich auch die beiden Partien vorrangig in den Sinn. Anführen darf ich das Mainz-Spiel meiner Meinung nach trotzdem, auch wenn du diese Meinung als arm bezeichnest.

      • heinzkamke Says:

        Ganz sicher gibt es sehr viele Spiele, bei denen man sich über verlorene Punkte grämen könnte, und meistens könnte man einen oder mehrere Verantwortliche benennen, die etwas falsch gemacht und somit Gegentore ermöglicht haben. Ist halt so.

        Dabei bin ich der Ansicht, dass die meisten dieser Fehlleistungen eben genau das waren: Fehlleistungen, falsche Entscheidungen, die einen integralen Bestandteil des sportlichen Wettbewerbs ausmachen und die Grundlage für die meisten Tore darstellen, die beim Fußball erzielt werden.

        Die Mainzer Aktion fällt für mich nicht in diese Kategorie. Ich sehe sie als ärgerliches Ergebnis eines dummen Egotrips, und so etwas bleibt bei mir weitaus länger und deutlicher im Gedächtnis haften. Ich hadere nicht wegen der fehlenden Punkte, ich weiß, dass jeder Punkt gleich viel oder gleich wenig zählt, aber wenn ich mich über verschenkte Punkte ärgern sollte, würde ich dennoch sehr rasch an die aus Mainz denken.


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