Dialog? Nein danke!

9. März 2010

Sicher, es war arschkalt. Der Wind war eisig, der Schneefall kontinuierlich, der Nebel dicht. Und dennoch hatte ich am Samstag den wohl besten Skitag meines Lebens. Ganz sicher zumindest den besten Schnee, der mich – auf der Piste, wohlgemerkt – gelegentlich bis über die Knie einsinken und mehr oder weniger elegant auch wieder herausfahren ließ. Andere Menschen waren eher nicht da. Außer meinem Mitfahrer natürlich, der allerdings darauf bestand, irgendwann in ferner Vergangenheit schon einmal einen vergleichbaren Tag erlebt zu haben.

Die anschließende automobile Talfahrt tat unserer Laune zunächst keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: nach etwas Gefummel am zunächst unkooperativen Radio war die Bundesligaschlusskonferenz gefunden, der VfB führte souverän mit 2:0, das 3:0 liege in der Luft, ich leistete el pibe und hirngabel gedanklich mit dem größten Vergnügen Abbitte, das Leben meinte es gut mit mir.

Zu früh gefreut. Die weitere Fahrt zur Pension war ein Desaster, trotz Schneeketten. Erst Almeida, den ich selbst zu Wochenbeginn stark geredet hatte, und dann auch noch der Exnationalspieler – bittere Minuten. Und alle gute Laune war verflogen. Die Sportschau wollte ich nicht sehen, bekam dann aber doch noch mit, dass die Stuttgarter Pausenführung „schmeichelhaft“ gewesen sei, was sich nicht unbedingt mit den Informationen aus dem Rundfunk deckte, aber vielleicht war ich auch schon ein wenig unausgeglichen.

Da letztlich irgendjemand die Schuld tragen muss, nahmen wir sie auf uns, die wir das Spiel in unserer Maßlosigkeit dem Tiefschnee geopfert hatten, und entschieden uns für die maximale Selbstkasteiung: ein Abendessen am Tisch neben dem Alleinunterhalter. Mit freiem Blick auf die Tanzfläche, die bei gelungenen Medleys von Boney M. über Howard Carpendale und Roland Kaiser bis hin zu Elvis Presley, Adriano Celentano und karnevaleskem Liedgut stets gut gefüllt war und dabei nicht nur geübte Tänzer anlockte. Das Personal war bestenfalls mittelfreundlich und nur bedingt qualifiziert, die Einrichtung hatte ihre beste Zeit hinter sich und den Tischdecken war es nicht gelungen, allen Motten auszuweichen. Aber es war das einzige Gasthaus mit einem halbwegs vom Schnee befreiten Parkplatz, den man wohl auch nach der Mahlzeit ohne Abschleppseil würde verlassen können. Vor lauter Kopfschütteln verdrängten wir erfolgreich das Fuaßballergebnis.

Für das Sportstudio waren wir zu müde, während Bundesliga pur standen wir einige hundert Meter hinter dem Idioten, der ohne Schneeketten bergwärts gefahren war, Sport im Dritten verbrachten wir auf der Autobahn, und am Montag war glücklicherweise so viel zu tun, dass ich mich nicht in irgendwelchen Videoportalen aufhielt und auch sonst die Nachberichterstattung nur widerwillig überflog. Abgesehen vom Brustring, natürlich.

Da ich auch sonst fast nichts über den Bundesligaspieltag wusste, griff ich schließlich doch noch zu einer ungewöhnlichen Maßnahme und erwarb den kicker, wo ich mich zunächst mit Louis van Gaals teilweise bedenkenswerten Reformideen konfrontiert sah, die beim kicker leider nicht online zu finden sind; andere Qualitätsmedien sind diesbezüglich offener. Dann wunderte ich mich, dass man in Nürnberg bereits vorab Ronnie Rengs drüben bei catenaccio geäußerten Wunsch nach einem Oka Nikolov-Special nachgekommen war, wenn auch mit leicht unterschiedlichem Zungenschlag:

Reng:
„Ein Wahnsinn, wie so ein unterdurchschnittlicher Bundesligatorwart immer wieder einen neuen Vertrag bekommen und die Eintracht jedes Jahr wieder sechs bis acht Punkte kostet, ohne dass irgendjemand aufschreit…“

Karl-Heinz Körbel im kicker:
„…ich bin mir sicher, dass er nach der Karriere einer der wenigen sein wird, die vom Umfeld und den Fans immer bewundert werden.“

Sicher, die beiden Positionen schließen sich nicht zwingend aus. Es ist allerdings interessant, diese leichte Nikolov-Lobhudelei zu lesen, wenn man in den letzten Wochen ein wenig dem Kid zugehört hat, der sich sowohl in sportlicher Hinsicht als auch mit Bezug auf die im kicker gepriesenen Werte über Nikolov äußerte.

Und dann war da noch Christoph Schickhardt. Der „gefragteste Jurist im deutschen Fußballgeschäft„, die Allzweckwaffe eines Großteils der Bundesligisten, zahlreicher Spieler und Trainer, hat sich im Rahmen der gegenwärtig vor allem pyrotechnisch motivierten Diskussion um Gewalt in den Stadion für härtere Sanktionen ausgesprochen. Damit trifft er den aktuellen Tenor, der auch in einem offenen Brief der Bundesliga-Fanbeauftragten Niederschlag findet, und ich stimme insofern zu, als ich überführte Gewalttäter hart bestraft sehen möchte.

Etwas konsterniert lässt mich allerdings Herrn Schickhardts Hinweis auf Fehler der Vereine zurück:

„Leider hat man schon teilweise Fanvertreter in die Gremien aufgenommen und beschäftigt sich einfach zu viel mit ihnen.“

Ist also das Konzept Dialog gescheitert? Mitbestimmung ein Anachronismus? Der aktive Fan ein schlechter Kunde?

Mir ist gerade ein bisschen schlecht.

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3 Antworten to “Dialog? Nein danke!”

  1. Kid Says:

    Danke für die beiden Links zu meinem Blog, aber noch größeren Dank fürs Lesen und Behalten. Körbel ist jedoch mit seiner Einschätzung der „Kurve“ sicher näher als ich mit meiner ganz eigenen Sicht der Dinge.

    Christoph Schickhardt hat sich für die Eintracht ewige Verdienste erworben. Er ist in seinem Bereich ein überaus fähiger Jurist. Und er irrt wie viele andere außerhalb seines Berufes. Härtere Strafen haben keine abschreckende Wirkung – so wie die „Sicherheitskontrollen“ beim Einlass keine Sicherheit bieten. Das eine wird immer wieder bewiesen, das andere auch. Und es gibt keine Alternative zum Dialog. Auch wenn es anstrengend ist und machmal alle Gespräche sinnlos erscheinen mögen. Aber ich will es nicht verhehlen – ich spüre auch eine gewisse Müdigkeit bei mir.

    Gruß vom Kid

    PS: Abgesehen von den Strafen, die ein Gericht für die im Raum stehenden Straftaten verhängen kann und wird: Gibt es eine härtere Strafe für einen Fan als ein mehrjähriges Stadionverbot?

  2. jon dahl Says:

    „Außer meinem Mitfahrer natürlich, der allerdings darauf bestand, irgendwann in ferner Vergangenheit schon einmal einen vergleichbaren Tag erlebt zu haben“ — Wird wohl schon etwas älter sein, dein Mitfahrer; von älteren Menschen kenne ich derartige Äußerungen zuhauf, nicht zuletzt von meinem Vater.
    Zum Spieltag möchte ich eigentlich nichts sagen; außer, dass es das dann wohl mit dem internationalen Wettbewerb im nächsten Jahr gewesen wäre, wäre da nicht diese andere Option.

  3. heinzkamke Says:

    @Kid:
    Bestimmt ist Schickhardt ein sehr fähiger Mann, hat er oft genug und im Sinne vieler Vereine bewiesen. Ich bezweifle allerdings, dass es auch im Interesse dieser Vereine wäre (deren Lied er möglicherweise zu singen glaubt), von einem engen Zusammenspiel mit den Fans abzurücken. Es könnte sein, dass Herr Schickhardt die Interessen der von ihm betreuten Wirtschaftsunternehmen ohne Berücksichtigung von deren alter Ego („Fußballverein“) betrachtet.

    Zu Deinem PS: ich weiß es nicht recht, tendiere aber leicht zu der Ansicht, dass eine rechtskräftige Verurteilung auf lange Sicht in punkto Härte mit einem Stadionverbot mindestens mithalten kann. Natürlich geht für einen jungen Fan die Welt unter, wenn er ausgesperrt wird. Aber eine Verurteilung wegen Körperverletzung (oder so, ich kenn mich da nicht aus) ist auch nicht zu unterschätzen, oder?

    @jon dahl:
    Dein Vater hat auch schon so einen Skitag gehabt?

    Du meinst die Option Fair Play Wertung, ja? ;-)


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