Die Löw’sche Leverkusen-Legende

10. Februar 2010

Es gilt bekanntlich als offenes Geheimnis, dass Joachim Löw ein besonderes Faible für Spieler von Bayer Leverkusen hat. Genau genommen gilt das, wer wüsste es nicht, auch für Werder Bremen, aber die haben nicht so gut in die Überschrift gepasst.

Wie auch immer: man hört und liest also allenthalben, off- wie online, der Bundestrainer sehe sich zum einen jedes Bremer Heimspiel an (Braunkohl-Connection), zum anderen sei er ein überzeugter Anhänger der sogenannten „Leverkusener Schule“. Wann immer sich die Gelegenheit biete, einen Spieler eines anderen Vereins zu brüskieren und statt seiner einen Durchschnittskicker aus Bremenkusen zu nominieren, nehme er diese genüsslich wahr. Das Ziel, mit der Nationalmannschaft möglichst gute Ergebnisse zu erzielen, eventuell gar Titel zu erringen, rücke dabei, obwohl es durchaus in seinem eigenen Interesse liegen müsste, weit in den Hintergrund.

Zwar kann ich es nicht so recht erklären, doch irgendwie kommt mir diese Sichtweise nicht in allen Punkten stimmig vor. Man möge mich steinigen, aber ich halte Löws Leverkusen-Liebe für eine Legende. Analog bei den Bremern, übrigens. Fundiert begründen kann ich diese Meinung nicht.

Was ich indes kann: malen, für den Hausgebrauch. Also habe ich mir ein paar Grafiken zusammengezimmert, die die Leverkusenlegende entlarven und das Bremen-Bashing als haltlos darstellen sollen.

Fangen wir mit der Frage an, ob Joachim Löw in seiner Amtszeit tatsächlich außergewöhnlich viele Spieler aus Bremen oder Leverkusen eingesetzt hat.
Und stellen fest: er hat.

Kein anderer Verein hat in der Ära Löw so viele Nationalspieler gestellt wie Werder und Bayer, der VfB Stuttgart ist knapp dahinter, Bayern, Schalke und gerade noch Wolfsburg zählen zur erweiterten Spitzengruppe.

Bis hierhin spricht in der Tat wenig gegen die These, dass Bremer und Leverkuser bevorzugt werden. Wobei die bloße Zahl der eingesetzten Spieler insofern eine zweifelhafte Größe ist, als sie beispielsweise einer Merchandisingreise nach Asien und den entsprechenden Notfallnominierungen geschuldet sein könnte. Etwas aussagekräftiger dürfte die Zahl der Nationalmannschaftseinsätze pro Verein sein.
Et voilà:

Die Bayern also. Kein Wunder, kommen doch allein die Dauerbrenner Lahm, Schweinsteiger und Podolski zusammen auf über 100 Einsätze. Bremen ebenfalls weit über dem Durchschnitt, genau wie Stuttgart sowie mit etwas Abstand Leverkusen und Schalke. Der HSV erreicht mit 32 Einsätzen genau den Schnitt der aktuellen Bundesligateams. Womit Leverkusen ein bisschen, Bremen indes noch nicht rehabilitiert wäre.

Noch gar nicht betrachtet haben wir bis hierher das viel zitierte Löw’sche Leistungsprinzip. Beispielsweise könnte man die Noten der betreffenden Spieler in den einschlägigen Magazinen betrachten und eine Korrelation zur Einsatzhäufigkeit überprüfen. Dazu habe ich weder Zeit noch Lust, vor allem aber sind Relevanz und Objektivität dieser Noten nicht endgültig erwiesen. Deutlich glaubwürdiger, wenn auch weniger individuell, erscheint mir in diesem Zusammenhang der Blick auf die zählbaren Fakten. Ich glaube tatsächlich, dass man tendenziell mehr gute Spieler bei denjenigen Mannschaften findet, die mehr Punkte sammeln. Das mag im Einzelfall ein Trugschluss sein; gleichwohl bin ich, insgesamt betrachtet, von dieser Sichtweise überzeugt. Demzufolge habe ich einmal die in der Ära Löw gesammelten Punkte aus der ersten Bundesliga addiert:

Hm. Mit etwas gutem Willen könte man wohl zu dem Schluss kommen, dass die Vereine, deren Spieler häufig in der Nationalmannschaft spielen, in aller Regel auch in der Bundesliga recht viele Punkte holen. Eine Korrelation. Über Kausalitäten will ich nicht spekulieren. Leverkusen und Bremen, Jogis Lieblinge, sind in der Spitzengruppe zu finden. Bremen zählt gar gemeinsam mit Bayern, dem VfB und Schalke zu den wenigen Vereinen, die seit der WM 2006 mehr als 200 Punkte gesammelt haben. Die vielnominierten Bremer waren also auch in der Bundesliga besonders erfolgreich, die etwas weniger häufig eingesetzten Leverkusener erzielten auch etwas weniger Punkte.

Schalke passt da nicht so ganz ins Bild – ein Eindruck, der sich verfestigt, wenn man die Summe der Platzierungen aus den letzten drei Spielzeiten betrachtet (Eine noch größere Spielerei als die vorhergehenden Grafiken? Mag sein.):

Wie dem auch sei: Schalke ist hinter Bayern und dem VfB Stuttgart die bestplatzierte Mannschaft der letzten drei Jahre, hat aber nur vergleichsweise wenig Länderspieleinsätze. Da schlagen nicht zuletzt die Fälle Kuranyi und Jones durch, die sportlich aus meiner Sicht nur schwer nachzuvollziehen sind. Bremen und Leverkusen auch hier in der Spitzengruppe, was erneut nicht unbedingt für eine unbotmäßige und systematische Bevorzugung spricht.

Neben den soliden Dortmundern und natürlich Frankfurt, das völlig durch das Raster fällt, könnte man zudem meinen, dass der HSV schlecht wegkommt: die sechstmeisten Punkte, fünftbeste Platzierungsbilanz, aber viel weniger Länderspiele als die Topmannschaften. Eines sollte man allerdings nicht ganz außer acht lassen:

Beim HSV hatten deutsche bzw. für die deutsche Nationalmannschaft spielberechtigte Spieler nur 569 mal die Gelegenheit, sich bei Joachim Löw zu empfehlen – 40% der maximal möglichen Einsätze, über 300 weniger als bei Bayer Leverkusen, das den Spitzenrang einnimmt und gemeinsam mit dem anderen vermeintlichen Hätschelkind Werder Bremen sowie dem VfB Stuttgart bei einer Deutschenquote von etwa 50 % liegt – faktisch liegt sie noch ein Stück höher, da nicht in jedem Spiel das Auswechselkontingent ausgeschöpft wird. Wo viele Deutsche spielen, können wohl auch viele nominiert werden.

Interessant übrigens die Hertha, die in der gesamten Saison 2008/09 insgesamt nur 6 deutsche Spieler eingesetzt hat, darunter der frühere DFB-Jugendspieler Sofian Chahed, der mittlerweile nicht mehr für Deutschland spielberechtigt ist. Maximilian Nicu, der meines Wissens nie für den DFB spielte und bereits in jener Saison für Rumänien antrat, könnte man mit etwas Wohlwollen noch hinzunehmen.

Was bleibt?
Für mich zunächst einmal die Bestätigung, dass man Joachim Löws Liebe zu Leverkusen und Bremen (oder war es doch ein anderer Verein?), auch wenn Fußball keine Mathematik ist, in mancher Hinsicht durchaus nachvollziehen kann – vielleicht haben wir es ja doch mit einer Legende zu tun. Dann die Erkenntnis, dass Schalke einerseits überraschend, andererseits angesichts der genannten Fälle dann doch nicht ganz unerwartet, keine sehr hohe Quote aufweist. Und die Feststellung, dass es keine annähernd proportionale Berücksichtigung von Spielern aus Vereinen gibt, die sich in den letzten Jahren abseits der Europapokalplätze tummelten. Was meines Erachtens zumindest statistisch (auch wenn ich beispielsweise bei Mats Hummels eine ganz andere Position vertrete als der Bundestrainer) mit dem Leistungsprinzip durchaus vereinbar ist.

Was ich noch sagen wollte:
Meine Argumentation ist nicht wissenschaftlich fundiert, sie ist sehr leicht angreifbar, die Daten sind selektiv, manchmal willkürlich, ich bin mit einer vorgefassten Meinung herangegangen, kurz: es ist die Light-Version eines Gefälligkeitsgutachtens. Als Diskussionsbasis dürfte es allerdings auch nicht schlechter sein als apodiktische Aussagen zur Stuttgarter Leverkusener Schule oder Spätzle-Braunkohl-Connection.

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11 Antworten to “Die Löw’sche Leverkusen-Legende”

  1. Jannik Says:

    Ein Traum in rot und weiß, danke für die Arbeit!

    Was Leverkusen und Bremen angeht, muss ich sagen, dass ich es nicht unsympathisch fände, wenn Jogi Löw Sympathien für beide hegt. Bayern muss man nicht bevorzugen, seit den 60ern wird wohl nie ein Bundestrainer um FCB-Spieler herumgekommen sein.

    Wobei man im Fall Bremen und Leverkusen ja nicht die Fälle Frings, Kießling und Wiese vergessen darf. Große Liebesbekundungen hat es da bislang selten gegeben.

    Einzig und allein beim VfB will ich Jogi Löw dann doch eine gewisse Bevorzugung unterstellen (hoffe, Du kannst damit leben). Hitzlsperger gehört(e) für mich schon lange nicht mehr in die Nationalmannschaft, Träsch war ein Produkt der Asien-Reise, genauso Cacau. Und auch bei Christian Gentner habe ich immer das Hefühl gehabt, dass seine Stuttgarter Vergangenheit (und jetzt ja wieder Zukunft) nicht gerade ein Argument gegen ihn war. Einzig Sami Khedira halte ich für noch etwas unterbewertet beim Bundestrainer.

    Wobei man mittlerweile ja auch einfach festhalten muss, dass der VfB und sogar die Bayern ziemlich viele ihrer Nationalspieler selbst ausgebildet haben. Weder Fritz noch Mertesacker noch Marin noch Özil stammen aus der Werder-Jugend. Dazu ist was aus dem eigenen Fundus vielleicht noch ganz interessant.

    Aber, wie gesagt, gefallen mir sehr gut Deine Ansätze.

  2. heinzkamke Says:

    @Jannik:

    Freut mich, dass es Dir zusagt. Passt ja tatsächlich auch zu dem, was Du in Deinem verlinkten Text dargestellt hast.

    Natürlich kann ich damit leben, wenn man eine gewisse Bevorzugung für den VfB unterstellt, das soll jeder für sich bewerten. Mich stört allerdings, mit welcher Selbstverständlichkeit diese gerne zitierte Bevorzugung teilweise als Faktum dargestellt wird – dass es nicht ganz so einfach und offensichtlich ist, wäre zumindest eine mögliche Schlussfolgerung aus den im Text dargestellten Zahlen.

    Deine genannten Beispiele kann ich allesamt verstehen und stimme in Teilen zu. Gleichwohl gibt es durchaus Ansätze, die jeweiligen Entscheidungen nachzuvollziehen (was nicht heißt, dass ich sie so getroffen hätte):

    Hitzlsperger gehört derzeit, das sehe ich ähnlich, von der Leistung her nicht in die Nationalmannschaft. Manche werden sagen, er hat noch nie hinein gehört – auch damit kann ich leben. Dessen ungeachtet hat Joachim Löw immer wieder Spieler, von denen er überzeugt war, in schwachen Phasen gestärkt: Podolski, Gomez, Klose, Metzelder, oder auch, vielleicht eher in Hitzlspergers Preisklasse, Trochowski. Außer Gomez kein Stuttgarter.

    Cacau rutschte, wie Du schreibst, sicherlich durch die Asienreise rein. Ich vermute nicht, dass er noch viele Länderspiele machen wird. Zu dem Zeitpunkt, als er nominiert wurde, hatte er allerdings seit Löws Amtsantritt genau wie Stefan Kießling, der häufig als sein Konkurrent gesehen wird, 29 Bundesligatore geschossen und deren 15 vorbereitet (Kießling: 14). Ganz daneben war die Nominierung damals nicht.

    Über Träschs Nominierung habe ich nur den Kopf geschüttelt. Vielleicht wusste allerdings der Bundestrainer, der mehr vom Fußball versteht als ich, damals schon, was für eine starke Saison 2009/10 Träsch spielen würde. In der Form der letzten Monate (abgesehen vom vergangenen Sonntag) steht er meines Erachtens zurecht im erweiterten Kader.

    Von Gentner habe auch ich bisher nicht viel gesehen, was ihn zu mehr als einem guten Bundesligaspieler machen würde. Ob die Nominierung mit seiner VfB-Vergangenheit zu tun hat? Ich weiß es nicht. Aber ganz sicher passt es ganz gut in die verbreitete Spätzle-Connection-Argumentationslinie.

    Wieso wird hier eigentlich über Stuttgart diskutiert, der Text handelt doch von Leverkusen und Bremen? ;-)

  3. Gusteau Says:

    Summe der Platzierungen: VfB zweiterfolgreichste Mannschaft. Wow, hat zwar nix mit dem Thema zu tun; hat mich aber gefreut und erstaunt

  4. erz Says:

    OK, das bedeutet Infografikkrieg. Ihr habt es nicht anders gewollt!


  5. […] Die Löw'sche Leverkusen-Legende « angedacht […]

  6. heinzkamke Says:

    @Gusteau:
    So ist das mir unserem Verein – selbst die eigenen Fans vergessen manchmal, wie gut er ist… im Ernst: einmal Meister, einmal CL, einmal Platz 6 – da können nicht viele besser sein.

    @erz:
    Ich bezweifle, dass ich in diesen Krieg eintreten sollte. Du bist doch so ein Macmensch, die machen eher keine billigen Excelgrafiken minderer Qualität…


  7. […] Ausdruck bringt. Seit der WM 2006 ( ich weiß es zufällig, weil ich kürzlich in anderem Kontext ein paar Zahlen ausgegraben habe hat man hinter Bayern und Schalke die drittmeisten Punkte aller Vereine geholt und die Plätze 1, 6 […]

  8. Kid Says:

    Ah, jetzt verstehe ich – der Löw kann die Eintracht nicht leiden. ;-)

    Die DFB-Auswahlmannschaften sind das, was ihr Name über sie bereits aussagt: eine Auswahl. Der eine Trainer mag diese Spieler(typen) bevorzugen, der nächste Coach andere. Am Ende entscheidet sich jeder Trainer für eine Auswahl der ihm jeweils zur Verfügung stehenden Spieler, die in seinen Augen die beste Mannschaft ergeben. Das müssen nicht immer die besten Einzelspieler auf der jeweiligen Position sein. Und diese Auswahl wird immer ihre Kritiker finden, überall.

    Die Auswahl Löws kritisiere ich übrigens nicht. Der Grund: Die von ihm betreute Truppe interessiert mich im besten Fall am Rande. Beispielsweise dann, wenn ein lesenswerter Blogeintrag sich mit ihr beschäftigt. :-)

    Gruß vom Kid

  9. hirngabel Says:

    Sehr weise Worte in Deinem Mittelteil, Kid!

    Ich denke, das wird einfach viel zu häufig vergessen, wenn über die Nationalelf diskutiert wird. Relevant ist doch, mit wem der Trainer am besten zusammenarbeiten kann und wer aus seiner Sicht am besten zusammenpasst – und das sind eben nicht notwendigerweise in jedem Fall auf jeder Position die „objektiv“ besten Leute.

    Wie auch immer man dann dieses „objektiv“ wiederum definieren mag, aber das ist halt noch mal eine ganz andere Kiste.


  10. […] Monaten habe ich mir, ein wenig augenzwinkernd, ein paar Statistiken zu den Nationalspielern der Ära Löw angesehen – eine systematische Bevorzugung konnte ich beim besten Willen nicht erkennen. Gerne […]


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