Der Trainer hat immer recht

1. Februar 2010

Christian Gross, so sagt man, legt Wert auf starke Außenpositionen im Mittelfeld, und dabei insbesondere auf Schnelligkeit und Dynamik -womit er genau meinen Geschmack trifft. Als der Trainer beim gestrigen Spiel des VfB gegen Borussia Dortmund Mitte der zweiten Halbzeit die linke Position mit einem zwar dynamischen Spieler besetzte, der allerdings aus dem Spiel heraus nicht einmal mit seinem stärkeren rechten Fuß als Flankengeber zu brillieren weiß, und rechts einen großartigen zentralen Mittelfeldspieler brachte, bei dessen Stärken selbst dem wohlwollenden Zuschauer nicht sofort Stichworte wie Schnelligkeit und Dynamik einfallen (ganz abgesehen von der Frage, wie groß seine Begeisterung für diese Position ist), begann ich tatsächlich kurz am Trainer, seinem taktischen Konzept und seinen Wechseln zu zweifeln. Ich Unwürdiger!

Der linke Hilbert hatte zwar seine üblichen Stockfehler; er bereitete aber auch ein Tor wunderbar vor, war wie immer ein Vorbild an Laufbereitschaft und tanzte seinen Gegenspieler einmal im Strafraum aus, dass es eine Freude war. Sein letztes vergleichbares Dribbling auf Rechtsaußen liegt sehr lange zurück. Dort indes zeigte Kuzmanovic, dass man mit einer guten Technik, strategischem Geschick und einem Auge für die Mitspieler auch ohne augenfällige Sprinterqualitäten auf der Außenposition glänzen kann. Wenn man dann noch in der Lage ist, einen Freistoß durch die von drei Mitspielern gerissene Lücke durch die Mauer zu schießen, dann kann man Stadionsprecher Christian Pitschmann schon mal das Wort Weltklasse in den Mund nehmen. Kurz bevor er der schreibenden Zunft die Schlagzeile „Kloppo verkloppt“ ans Herz legte, übrigens.

Gut gemacht, Herr Gross. Als sehr positiv empfand ich auch des Trainers Zurückhaltung bei der Bewertung des Spiels:

„Nicht gefallen hat mir, dass wir zu viele Ballverluste hatten, den Elfmeter nicht verwandelt haben und die Abstimmung auf den Außenpositionen nicht passte.[…] Der Sieg ist verdient, aber zu hoch ausgefallen.“

Die vielen Ballverluste und Fehlpässe waren in der Tat frappierend. Das mag zum Teil an der aggressiven Balloberung auf beiden Seiten gelegen haben; teilweise fehlte aber auch schlichtweg die Ruhe, in der einen oder anderen Situation wohl auch das technische Vermögen, den Ball in den eigenen Reihen zu behalten. Seitens des VfB widersetzte sich vornehmlich der um Struktur bemühte Sami Khedira jenem Aktionismus, der in viel zu vielen überhasteten, zum Teil auch von vornherein aussichtslosen Bällen in die Spitze resultierte. Insbesondere Stefano Celozzi, der defensiv sehr stark agierte, spielte den Dortmundern zahlreiche Bälle in die Füße und Köpfe.

Interessanterweise sind die Reaktionen auf das Spiel ansonsten sehr positiv ausgefallen, wie der geschätzte Kollege vom Brustring bei seinem Blick durch die Nachberichterstattung auf verschiedenen Kanälen festgestellt hat. Keine Frage: Engagement und Laufbereitschaft haben auf beiden Seiten gestimmt, auch das eine oder andere fußballerische Glanzlicht war zu sehen. Zudem hat der VfB einen großen Siegeswillen gezeigt und zum Spielende hin endlich einmal die sich bietenden Chancen konsequent genutzt. Dennoch würde ich es, man lese und staune, dieses Mal eher mit dem Kicker halten:

„Spielnote 3,5, extrem zerfahren mit vielen Fehlern, lebte von der Dramaturgie.“

Noch einen Tick kritischer sahen das Ganze einige meiner Stadionnachbarn. Sätze wie „Die sollen endlich mal nach vorne spielen und nicht um Gegentreffer betteln!“, „Das ist ja fußballerisch noch schlechter als unter Babbel.“ oder „So langsam bewegt sich das Spiel auf Regionalliganiveau zu.“ waren, wenn auch nicht nicht in ihrer Schärfe, so doch in der Grundaussage repräsentativ.

Sei es, wie es sei. Auf jeden Fall geht der VfB weiter gestärkt aus diesem Spiel hervor, auch weil man ein kritisches Spiel, das zu kippen drohte, doch noch gewonnen und dabei erstmals seit dem zweiten Spieltag vier Treffer erzielt hat. Die eingespielte Formation bewährt sich, von der Bank kommt Qualität nach, die Stürmer treffen weiter, über Träsch und Khedira will ich gar nicht reden, und das nötige Selbstvertrauen, um demnächst auch spielerisch noch zwingender aufzutreten, wächst weiter. Nun gilt es, auf dem Boden zu bleiben, wobei ich auch in dieser Hinsicht, wie oben bereits angedeutet, viel Vertrauen in Christian Gross setze.

Übrigens will ich mir, trotz des erneuten Sieges, immer noch nicht Gagelmann wünschen. Meines Erachtens hat er einfach nicht die nötige Klasse. Das dürften mit Blick auf das gestrige Spiel beide Seiten so sehen.

Abschließend noch ein paar Worte zu den Stuttgarter Transferaktivitäten. Vier Mittelfeldspieler (Simak, Bastürk, Hitzlsperger, Elson) in einer Transferperiode abzugeben, noch dazu im Winter, und keinerlei Ersatz zu verpflichten, ist in der Tat ungewöhnlich. Während sich bei Simak und Bastürk alle mir bekannten Beobachter in ihrer Bewertung einig sind, vernimmt man bei Elson, dessen Gehaltszahlungen die Vereinsfinanzen nicht allzu sehr belasten dürften und der immer wieder für großartige Momente gut war, und bei Hitzlsperger, den mancher gerne als Back-Backup behalten würde, unterschiedliche Meinungen.

Ich selbst hatte beide Transfers für richtig. Beide Spieler haben nach aktuellem Stand unter Christian Gross keine Chance, und in beiden Fällen stimme ich mit ihm überein. Die klassische Spielmacherposition, die sich für Elson anbietet, dürfte beim VfB auf absehbare Zeit nicht vergeben werden, und für die Außenpositionen ist er zu langsam. Gute Freistöße und Eckbälle reichen nicht aus. Bei Hitzlsperger ist die Situation insofern vergleichbar, als auch er nach meiner Wahrnehmung über außen nicht den Anforderungen des Trainers entspricht. Seine Lieblingsposition, die „Sechs“, ist – anders als bei Elson – zwar vorgesehen, sogar doppelt; er hat dort aber drei der derzeit besten Stuttgarter vor sich und nur wenig Aussichten, in die Mannschaft zu rutschen.

Dass er vor diesem Hintergrund an sein persönliches Fortkommen (sprich: die Nominierung für die WM) denkt und der Verein ihm in dieser Situation keine Steine in den Weg legt, halte ich für richtig, von beiden Seiten. Den in Sport im Dritten vorgebrachten Egoismusvorwurf kann ich nicht in Ansätzen teilen. Die ebenfalls dort geäußerte Einschätzung, er werde sich auch im italienischen Abstiegskampf schwer tun, sich bei Joachim Löw zu empfehlen, indes schon. Nur: wo waren die Alternativen?

Abseits der rein sportlichen Komponente bedaure ich den Abgang von Thomas Hitzlsperger sehr. Er hat sich in seiner nicht ganz einfachen Anfangsphase stets loyal und unheimlich professionell gezeigt, und den VfB seit 2005 immer hervorragend repräsentiert. Überhaupt steht er dem Typus Fußballspieler sehr gut zu Gesicht, nicht nur wegen seine Engagements als Störungsmelder – inwieweit Letzteres mit den tifosi Laziali harmoniert, wird man sehen. Ich wünsche ihm in jeder Hinsicht viel Glück und Erfolg.

Und natürlich muss ganz zum Schluss dann doch noch einmal das sportliche Ausrufezeichen herhalten, das Thomas Hitzlsperger in seiner Zeit beim VfB gesetzt hat:

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13 Antworten to “Der Trainer hat immer recht”

  1. hirngabel Says:

    Was ist denn das bitte für ein Monster-Satz? :-D

    Als der Trainer beim gestrigen Spiel des VfB gegen Borussia Dortmund Mitte der zweiten Halbzeit die linke Position mit einem zwar dynamischen Spieler besetzte, der allerdings aus dem Spiel heraus nicht einmal mit seinem stärkeren rechten Fuß als Flankengeber zu brillieren weiß, und rechts einen großartigen zentralen Mittelfeldspieler brachte, bei dessen Stärken selbst dem wohlwollenden Zuschauer nicht sofort Stichworte wie Schnelligkeit und Dynamik einfallen (ganz abgesehen von der Frage, wie groß seine Begeisterung für diese Position ist), begann ich tatsächlich kurz am Trainer, seinem taktischen Konzept und seinen Wechseln zu zweifeln.

    • heinzkamke Says:

      Fiel mir ehrlich gesagt schon beim Schreiben auf, dass er sich in diese Richtung entwickeln würde und ich ihn vielleicht teilen sollte. Mein Trotz setzte sich durch. ;-)

      • Kees Jaratz Says:

        Ich kann verstehe das gut. :-)

      • heinzkamke Says:

        Bis ich Kees‘ Kommentar las, war ich der Ansicht gewesen, mein Satz sei zwar ein Ungetüm, aber zumindest korrekt – wenn man davon absieht, dass man über ein zusätzliches Komma diskutieren könnte.

        Liege ich da falsch?

  2. Gusteau Says:

    Kuzmanovic auf rechts bleibt aber hoffentlich einmalig; ich habe ihn nämlich kaum auf rechts gesehen sondern fast immer in der Mitte. So hat rechts offensiv eine Anspielstation gefehlt und defensiv wurde Celozzi von 2 Dortmundern überrollt. Ok meckern auf hohem Niveau, wenn man mit der Taktik 3 Tore macht

  3. Kees Jaratz Says:

    Heinz, du siehst, im Gegensatz zu dir, der du auf eine lange Strecke einen Satz hinbekommst, dessen schlenderndes Tempo man aufnimmt, um deinem Gedankengang allmählich zu folgen, schaffe ich es selbst mit vier Wörtern, ein kryptisches Gebilde hinzukriegen, das Missverständnisse produziert. Nicht schlecht, oder?
    Was ich eigentlich zum Ausdruck bringen wollte, das war mein Erkennen vom Vollfertigen der Gedanken beim Schreiben. ;-)

  4. heinzkamke Says:

    @Gusteau:
    Nach meiner Wahrnehmung hat Kuzmanovic die ersten 10 Minuten (von etwa 25, glaube ich) recht diszipliniert die Außenposition gehalten, danach ist er zunehmend häufiger nach innen gerückt, am Schluss komplett. Ob es Teil einer Absprache oder gar einer Vorgabe des Trainers war, dass Träsch dann öfter außen zu finden war (wie vor dem 4:1), weiß ich nicht so recht.

    In jedem Fall sehe ich Kuzmanovic auch lieber innen, verstehe aber Gross‘ Dilemma mit den drei Kandidaten.

    @Kees:
    Gerne will ich mich der Illusion hingeben, diesen von Dir so wunderbar beschriebenen schlendernden Rhythmus wissentlich und willentlich geschaffen zu haben. Und beneide Dich um die Fähigkeit, Deine Leser mit nur vier Wörtern zum intensiven Nachdenken zu bewegen.

  5. hirngabel Says:

    RE: Satzbau
    Keine Frage, der Satz dürfte grammatikalisch absolut in Ordnung sein. Habe mich beim ersten Leseversuch dennoch etwas verschluckt. =) Aber egal: Der Autor hat immer recht.

    RE: Kuzmanovic
    Ich glaube, wir sind uns alle einig, dass wir Kuzmanovic grundsätzlich natürlich am liebsten auf der zentralen MF-Position sehen würden. Ist ja schließlich seine Sahneposition (wobei er zumindest nach Bekanntwerden des Transfer als Spieler angekündigt wurde, der auch auf Rechts spielen könne).

    Aber habe das ja bei mir schon mal angedeutet: Eigentlich wäre es doch etwas fahrlässig ein insgesamt relativ gut funktionierendes Team gleich auf 2 Positionen zu verändern, nur um einen Spieler zu integrieren.
    Auf der anderen Seite natürlich könnte man gegen Nürnberg so oder so schon mal ein bisschen experimentieren: Entweder mit Kuzi auf rechts, oder eben mit ihm im Zentralen Mittelfeld und Träsch auf der Position des RV.

    Deine Meinungen bezüglich der Transfers vom Wochenende kann ich übrigens nur teilen. Ist Elson eigentlich mittlerweile der am meisten ausgeliehene Spieler der Vereinsgeschichte? =)

    Die Grundaussage des SiD-Beitrags bezüglich Hitzlsperger hat mir auch überhaupt nicht gefallen. Er hat noch ein halbes Jahr Vertrag. Der VfB hat mehr oder weniger deutlich gemacht, dass er mit ihm wohl nicht mehr verlängern wird. Und im nächsten halben Jahr werden die Tickets für die WM gelöst.
    Da liegt es doch bitteschön auf der Hand, jetzt nochmal das Glück bei einem anderen Verein zu suchen, wo man nicht 3 jüngere Leute vor sich hat, die besser in Form sind!
    Hitzlsperger da Feigheit vorzuwerfen ist wirklich mehr als absurd.

  6. nedfuller Says:

    Also auch in Stuttgart kein 10er mehr.
    Aber nur über die Flügel spielen geht ja nun auch nicht immer. Bei uns fängt das auch schon an, mit Jansen und Elia bzw. Trochowski. Ist das der sogenannte moderne Fußball?

  7. heinzkamke Says:

    @nedfuller:
    Wenn, wie beispielsweise in Stuttgart grundsätzlich möglich, in der Mitte zwei Spieler wie Kuzmanovic und Khedira da sind, die ständig zwischen 6 und einer Art 10 wechseln können (oder in München mit van Bommel und Schweinsteiger, evtl. auch in Hamburg mit Ze Roberto und Jarolim), halte ich das Spiel mit schnellen Außen für sehr modern und weniger berechenbar als ein System mit einer fixen „1o“ – wenn die allerdings beispielsweise Diego heißt, kann das natürlich auch funktionieren, zumidenst in der Bundesliga.

    Trochowski allerdings stößt meines Erachtens in diesem System an seine Grenzen, weil er außen nicht dynamisch genug und auf der 6 defensiv nicht stark genug ist. Aber das ist nur eine Betrachtung aus der Ferne.


  8. Wenn selbst die Stadionsprecher jetzt die Medien zu derartig Kreativem auffordern, dann bitte keine Presseschelte mehr. Wir tun ja nur, was uns geheißen. Und jetzt bitte weiter kloppen … ;-)


  9. […] Kommentare Nick bei Sorgenfreihirngabel bei SorgenfreiDer Trainer hat immer recht « angedacht bei Sorgenfreibayer04blog bei Sorgenfreihirngabel bei […]


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