Manndecker

17. Dezember 2009

Vor einigen Tagen habe ich mich mit dem Trainer über unsere aktive Fußballvergangenheit unterhalten, was so lange vergnüglich war, bis mich eine ganz schwarze Phase wieder einholte, die ich längst im Pensieve abgelegt glaubte: drei Spiele lang war ich in den frühen 90er Jahren Manndecker.

Angesichts einiger Ausfälle von Defensivspielern hatte mein damaliger Trainer entschieden, mich als Manndecker aufzubieten (damals noch vor einem Libero), wo ich es gleich im ersten Spiel mit dem Führenden der Torschützenliste zu tun bekam, der tatsächlich einmal einnetzte, was mir in der konkreten Situation aber nicht angelastet werden konnte. Die beiden nächsten Spiele verliefen für die Mannschaft recht erfolgreich, ich selbst verbuchte bei einem Vorstoß gar ein zählbares Erfogserlebnis, und nach der Rückkehr der Verletzten durfte ich wieder ins Mittelfeld. So weit, so gut. Und doch hinterließ diese Versetzung eine gewisse Unzufriedenheit.

Aus meiner Sicht war ich damals technisch halbwegs beschlagen und auch nicht gänzlich unkreativ – Eigenschaften, die im Deutschland der frühen 90er Jahre von einem Manndecker nur bedingt gefordert wurden. Manndecker hießen im deutschen Fußball der frühen 90er Jahre beispielsweise Borowka, Schlindwein, Roth, Spanring, Kutowski, Hopp, Wörns, Reich oder Kohler – allesamt Spieler, die ich bereitwillig noch in die damals bereits ausgestorbene Kategorie des Vorstoppers gesteckt hätte. Auf der internationalen Bühne zeigten indes Spieler wie Marcel Desailly, Frank de Boer oder insbesondere (und bereits seit Mitte der 80er) Frank Rijkaard, dass man die Position des Vorstoppers Manndeckers Innenverteidigers auch anders interpretieren kann. In der Bundesliga gaben zumindest Rune Bratseth, vielleicht auch Patrik Andersson und der eine oder andere mehr, einen Vorgeschmack auf modernen Fußball in den hinteren Reihen. Der DFB, an der Spitze vertreten durch Berti Vogts und selbst Jahre später noch Erich Ribbeck, fand das allem Anschein nach nicht so spannend.

Immerhin: Den Begriff des Vorstoppers hatte die Kicker-Rangliste des deutschen Fußballs bereits im Juli 1986 ausrangiert, also just nach der Weltmeisterschaft in Mexiko, bei der passenderweise mit Norbert Eder, Ditmar Jakobs und Karlheinz Förster gleich drei Vorstopper (fast) alle Spiele der deutschen Mannschaft absolviert hatten. Möglicherweise hatte dieses Turnier, das eine auf das Zerstören des gegnerischen Spiels ausgerichtete deutsche Mannschaft zumindest auf dem Papier geradezu unverschämt erfolgreich beendete, meinen Mitspieler geprägt, der mich in der eingangs geschilderten Situation dazu beglückwünschte, nunmehr das Maximum dessen erreicht zu haben, was man sich vom Fußball erhoffen könne: Manndecker zu sein. Er meinte das durchaus ernst.

Letztlich war es wohl nicht nur arrogant, sondern geradezu unpatriotisch, dass ich mir für die Innenverteidigung zu schade war, wo man die Waldhöfer deutschen Tugenden in besonderem Maße zum Einsatz bringen konnte. Ob man hierzulande auch deshalb besonders lange am Manndecker festhielt? Zwar wähnte man sich Mitte der 90er Jahre, als die halbe Welt längst mit Viererkette agierte, kurzzeitig an der Spitze der Avantgarde, weil Matthias Sammer den Libero vor der Abwehr gab und den Manndeckern Netz und doppelten Boden entzog; Olaf Thon und Lothar Matthäus ließen eine Abkehr vom System mit Libero in den Folgejahren gleichwohl nicht zu, und bei der EM 2000 trat man neben Matthäus mit den Herren Nowotny, Linke, Babbel und Rehmer an. Christian Wörns fehlte verletzt.

2002 läutete Christoph Metzelder die Wende bei den deutschen Innenverteidigern ein, Per Mertesacker kam 2004 hinzu, und in den letzten Jahren machte sich die verbesserte Nachwuchsarbeit des DFB auch auf dieser Position bezahlt. In den Nachwuchsmannschaften, so meine bescheidene Meinung, verschwimmen die Grenzen zwischen Innenverteidigern und defensiven Mittelspielern mitunter – Mats Hummels darf als hervorragendes Beispiel gelten.

Was man dennoch nicht vergessen sollte: 2006 stand Jens Nowotny im WM-Kader der deutschen Nationalmannschaft. Arne Friedrich hat 69 Länderspiele – and counting. Robert Huth hat 2009 zwei Länderspiele bestritten. Und die Herren Westermann, Friedrich, Tasci, Boateng, Hummels sowie einige mehr sollten sich vermutlich fragen, wieso sich Christoph Metzelder nicht ganz ohne Berechtigung Hoffnungen auf die WM 2010 macht.

Falls jemand meint, dies sei ein oberflächlicher und alles andere als vollständiger Abriss über die jüngere Geschichte des deutschen Innenverteidigerwesens, so hat er recht. Eigentlich wollte ich nur kurz über meine eigene Vergangenheit als Manndecker berichten und bin ein wenig vom Weg abgekommen. Heute würde ich es vermutlich nicht mehr als herabwürdigend empfinden, als Innenverteidiger aufgestellt zu werden – schließlich ist er der erste Spielmacher. Obwohl…

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4 Antworten to “Manndecker”


  1. Auch wenn das jetzt wenig zum Thema beiträgt, hat mich diese kurzzeitige Positionsumstellung doch zu einem anderen äh… Thema inspiriert, in welchem ich mich dann ähnlich verlinkend zeigen werde.

    Ich kann leider zum Thema jetzt nicht so viel sagen, hab es aber gerne gelesen. Und würde mich auch freuen, sag ich mal so dahin, wenn Du die Texte irgendwie lesbarer als im derzeitigen Format machen würdest, was die Darstellung angeht: in punkto – justified oder nicht oder wenn nicht, dann rechts einen optischen Abschluss.

    Jedenfalls ist das so eine Angelegenheit mit der angestammten Position, wie man hier ja auch sehr schön sieht. Bzw. liest.

    Einwände noch bei „geradezu unverschämt“.

  2. heinzkamke Says:

    Ja, die Lesbarkeit…
    Du hast ja recht. Ich zögere nur immer, mich an den vielen Kleinigkeiten abzuarbeiten, weil doch _eigentlich_ der Umstieg auf ein selbst gehostetes Blog ansteht. Eigentlich.

    „Geradezu unverschämt“ – nur sprachliche Einwände oder auch inhaltliche…?

    Und danke für die Komplimente.


  3. Äh, nur inhaltliche eigentlich. Auch wenn man Deinen Tenor für ’86, den ich da höre, häufiger liest bzw. hört, um im Bild zu bleiben.

    So unverschämt war das nicht. Aber für eine umfassendere Diskussion dieses Randaspekts bin ich zur Zeit nicht gewappnet.

  4. heinzkamke Says:

    @Trainer:
    Unverschämt ist sicher nicht ganz passend. Zumal ich grundsätzlich der Meinung bin, dass es keine Zufallsweltmeister o.ä. gibt.

    Ich habe 1986 allerdings in fußball-spielerischer Hinsicht in sehr unangenehmer Erinnerung – anders als 2002 beispielsweise, als mir das Gejammere anderer Nationen über die vermeintlich glückliche Auslosung der Deutschen sauer aufstieß.


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