Abschalten!

6. Dezember 2009

Als VfB-Anhänger hat man es in dieser Saison nicht leicht. Das gilt für mich genauso wie für viele andere, vermutlich gilt es sogar für den viel geschmähten „Erfolgsfan“, auch wenn er oder sie sich nun samstags anderen, aus individueller Sicht gegenwärtig schöneren Dingen widmen kann. Ich ziehe meinen Hut vor den Leuten, die gerade in dieser Spielzeit zu (fast) jedem Auswärtsspiel fahren und sich dort ein ums andere mal fragen lassen müssen, ob der Aufwand angesichts der gezeigten Leistungen gerechtfertigt sei. Ganz bitter war sicherlich die Erfahrung in Leverkusen am vergangenen Wochenende, als man sich auf dem Weg aus der Krise wähnte und brutal eines Besseren belehrt wurde.

Vor diesem Hintergrund gibt es beachtenswerte Gründe, die Unterstützung für Mannschaft und Verein zu hinterfragen, von denen man sich ent- und vielleicht auch getäuscht fühlt. Die Cannstatter Kurve hat sich in der vergangenen Woche dafür entschieden, die Mannschaft im gestrigen Spiel gegen den VfL Bochum nicht zu unterstützen. Die Wortführer vom Commando Cannstatt schrieben dazu in ihrem „Cannstatter Blättle“:

„…Der Einfluss von uns Fans ist begrenzt, aber wir müssen jetzt ein klares Zeichen setzen. Deshalb haben wir uns entschieden, beim nächsten Heimspiel gegen Bochum auf jegliche Art der organisierten Stimmung zu verzichten. […] Die Sorge um das Wohl unseres Vereins lässt uns aber momentan keine andere Wahl als zu diesem Mittel zu greifen. Keiner hat Lust noch einmal einen Abstiegskrimi wie 2001 zu erleben. Die Erfahrung aus dieser Zeit lehrt uns auch, dass es wichtig ist, Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen und auf Veränderungen hinzuwirken. […]“

Die Beweggründe, die zu dieser Entscheidung führten, kann ich nachvollziehen, auch wenn ich sie letztlich für falsch halte. Wenn man -wie es die organisierten Fans gewiss nicht zu unrecht tun- davon ausgeht, dass die Unterstützung durch die Kurve einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Erfolg der Mannschaft hat, ist es gewagt, dieses Pfund vor dem Spiel gegen einen unmittelbaren Konkurrenten aus der Hand zu geben, quasi nach dem Motto: „Diese 3 Punkte setzen wir aufs Spiel, wenn wir dafür eine neue sportliche Leitung bekommen.“ Freundlicherweise wurden den zuwider Handelnden übrigens keine Sanktionen angedroht, was zu Beginn des Spiels durch eine Ansage bekräftigt wurde, der zufolge man anfeuern dürfe, wenn man denn wolle – die Geisteshaltung, die hinter dieser gnädigen Geste steckt, lässt mich schaudern. Hätte ich ohne dieses Zugeständnis Prügel erwarten müssen, weil ich mit gar nicht so wenigen Mohikanern Unterstützungsgesänge für die eigene Mannschaft anstimmte?

Wie gesagt: die Überlegungen, die zum Verzicht auf „Support“ führten, kann ich nachvollziehen, und vielleicht wird es ja heute bereits personelle Veränderungen geben. Ungeachtet dessen hat Markus Babbel natürlich recht, dass die Stimmung der Mannschaft nicht geholfen hat, und wenn jemals das Bild von der greifbaren Verunsicherung zutraf, dann in der ersten Halbzeit des gestrigen Spiels (aus vielerlei Gründen, wohlgemerkt). Gleichwohl hätte ich es begrüßt, wenn er seine Erklärungssuche nicht bei den Fans begonnen hätte. Es gab genügend andere Baustellen im bzw. rund um das Spiel des VfB. Die unangenehmste heißt für mich in zunehmendem Maße Aliaksandr Hleb, dessen Verpflichtung sich zu einem gravierenden Fehlschlag entwickelt (den man Horst Heldt aber kaum zum Vorwurf machen kann, nachdem er vor Monaten von allen Seiten dafür gefeiert wurde). Bisher dachte ich immer, er habe persönliche Gründe, den auf der linken Seite mutterseelenallein stehenden Cacau nie anzuspielen. Nachdem er gestern Magnin in der gleichen Weise aus dem Spiel nahm, in der Hoffnung, irgendwann einmal mit einem Dribbling nach innen zum Tor durchzukommen, frage ich mich ernsthaft, ob er von Arsène Wenger wirklich so viel gelernt hat, wie man gemeinhin vermutet. Er wirkt wie ein egoistischer Fremdkörper, bei dem es ins Bild passt, dass er beleidigt und mit einer wegwerfenden Handbewegung von dannen zieht, wenn der Trainer aus gutem Grund entscheidet, dass Elson und nicht Hleb einen Freistoß aus dem Halbfeld treten soll (unabhängig von der Frage, ob Trainer während des Spiels solche Entscheidungen treffen müssen).

Um es kurz zu machen: wenn das Spiel montags im DSF gelaufen wäre, hätte ich als neutraler Zuschauer spätestens nach einem Viertel der Spielzeit Peter Lustigs Rat befolgt: „Abschalten!“ Dann hätte ich allerdings auch die Szene verpasst, die mir wieder einmal überdeutlich meine eigene Inkonsequenz als Fußballfan vor Augen führte – aber auch die Distanz, die der VfB noch zum Thema „Abstiegskampf“ hat: taktische Fouls machen mich normalerweise rasend. Beim Gegner sowieso, aber auch als neutraler Zuschauer. Dass Elson jedoch in der 89. Minute nicht nur davon absieht, Christian Fuchs 40 Meter vor dem Tor zu foulen, sondern nach meinem Eindruck im Stadion fast noch das Bein zurückzieht, verstehe ich nicht. Ja, ich gebe zu, hier habe ich ein taktisches Foul gefordert. Eines dieser Fouls, bei denen man Spielern wie Mark van Bommel oder Christian Poulsen und selbst einem Sympathieträger wie Philipp Lahm anmerkt, dass sie das Spiel verstehen, Gefahren erkennen und sich für den Mannschaftserfolg auch mal zum Buhmann machen lassen. Das mag keine ehrenvolle Qualität sein – für die Tabelle ist sie viel wert. Und mit Blick auf gestern bezweifle ich, dass Fuchs auch aus 40 Metern getroffen hätte.

Detailliertere Aussagen zum Spiel selbst gibt’s einmal mehr im Brustring.

PS: Ja, ich habe gelesen, dass bei den Fanprotesten vor und/oder nach dem Spiel Ordner verletzt worden seien. Ich verurteile es. Aber ich habe keine Lust, mich hier intensiver mit Dummköpfen zu beschäftigen, die dem Vernehmen bzw. der hiesigen Sonntagszeitung nach Dinge wie „Wenn Ihr absteigt, schlagen wir Euch tot“ skandiert haben sollen.

Und mit Udo Latteks bzw. Thomas Herrmanns Analyse der Fanszene im DSF-Doppelpass will ich mich auch nicht befassen.

[Nachtrag 6.12., 13:05: nach Medienberichten wurde Markus Babbel entlassen.]

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6 Antworten to “Abschalten!”

  1. hirngabel Says:

    Leider mal wieder alles sehr gut analysiert.

    Danke auch für die Erwähnung der Hintergründe zum Thema „Stimmung machen oder eben nicht“. Habe das Spiel nur mit Stadionton geschaut und es war, wie geschrieben, wirklich eine seltsame Atmosphäre, die da rüberkam und man merkte manchmal zaghafte Anfeuerungsversuche, die sich aber nur ganz selten durchsetzen konnten. Ich bin auf jeden Fall bei Dir was die Bewertung einer solchen Aktion in einem solchen Spiel angeht: Nachvollziehbar ja, aber das willentliche Inkaufnehmen einer Verunsicherung des Teams ist in einem Duell gegen Bochum einfach dumm bis gefährlich.

    Aber man sah das ja auch schon gestern in diversen Foren und Kommentarbereichen nach dem Spiel, wo nicht wenige die Meinung vertraten, dass das Ergebnis des Spiels auf jeden Fall eine positive Seite hat, da die Vereinsführung jetzt handeln müsse.

    Gleichwohl gebe ich Dir absolut Recht, dass Babbel nicht so extrem in seinen Interviews und der Pressekonferenz darauf hätte eingehen sollen, dass die Fans so stark zur Verunsicherung beigetragen hätte.

    Nuja, ich werde mich jetzt gleich mal ablenken und mich in den Kölner Fanblock stellen, um deren (hoffentlich) Niederlage gegen Bremen zu sehen. Bin mal gespannt, wie die Stimmung dort so sein wird.

  2. hirngabel Says:

    Und da ist er weg, der Babbel…

    Wie es das DSF sagt: Wenn es bei bild.de steht, dann stimmt es auch.

  3. heinzkamke Says:

    „Wenn es bei bild.de steht, dann stimmt es auch.“

    Sehr unangenehme Aussage.
    ______

    Aber ja, es ist wohl soweit.
    Mal sehen, was der Tag noch so bringt.

  4. hirngabel Says:

    Ja, furchtbare Aussage.

    Aber Twitter ist ja auch nicht gerade besser „Nach Niederlage gegen Bochum: Babbel gefeuert“. Ähja, gefühlt vielleicht.

    Übrigens, ein Gedankengang bei mir gerade: Man hätte Heldt direkt mit entlassen sollen, um wirklich Tabula Rasa zu machen, denn der ist ja bei den Fans eigentlich noch untragbarer geworden als Babbel.

  5. jon dahl Says:

    Wenn es wirklich Gross sein sollte, hat unter Umständen nicht Heldt den Trainer ausgewählt, sondern kann sich auf einen Aufgabenbereich vorbereiten, in dem die Kaderplanung eine etwas kleinere Rolle spielt als bisher. Was die Rücktrittsgerüchte gestern in ein anderes Licht rücken würde.
    Genug wild spekuliert, sonst muss ich noch „bild.de“ als Quelle drunterschreiben.


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