Eine Frage des Anstands

2. November 2009

Samstag früh geht die Familie in die Stadt. Die beiden Fixpunkte sind Spielwaren Kurtz und der Wochenmarkt. Während der Aufenthalt „beim Kurtz“ zwar recht lange dauert, der Sohnemann aber keinerlei Kaufwünsche äußert, wird auf dem Markt kräftig eingekauft. Man ist ja schließlich ein ökologisch geprägter, ernährungsbewusster Mitteleuropäer.

So stellt man sich mit all den anderen ökologisch geprägten, ernährungsbewussten Mitteleuropäern an seinem Lieblingsstand an, der längst kein Geheimtipp mehr ist. Wie gesagt: es ist Samstag, d.h. all die anderen jungen Eltern, aus dem Bett gefallenen Twens und gutsituierten Schwaben an der Schwelle zum Rentenalter haben noch viel vor und demzufolge ein großes Interesse an kurzen Wartezeiten. Insbesondere die älteren Mitbürger. Ich bin dann in der Regel recht großzügig. Die Leute haben es sich sicherlich über Jahrzehnte hinweg erarbeitet, Regeln und insbesondere Warteschlangen ignorieren zu dürfen. Außerdem ist ja Wochenende, da muss ich keinen Streit haben. In der Regel.

Kürzlich stand ich wieder einmal an. Äpfel wollte ich, und ein paar Birnen, vielleicht noch etwas Rosenkohl. Vor mir waren noch zwei Leute, hinter mir etwa fünf. Wobei „hinter“ insofern nicht stimmt, als man im Normalfall keine gerade Schlange bildet, sondern die Breite des Marktstands ausnutzt, sodass die Durchgänge passierbar blieben.

Eine gut gekleidete Dame gesellte sich zu den Wartenden, und es war offensichtlich, dass sie nicht gedachte, sich an Position 9 einzureihen. Nummer 1 ließ sie noch gewähren, bei Nummer 2 machte sie bereits erste Anstalten, sich zu Wort zu melden. Nummer 3 war ich, trotz ihres etwas ernsthafteren Versuches, mich zu verdrängen. Die weitere Entwicklung interessierte mich, und ich blieb noch ein wenig stehen. Als die Marktfrau die Nummer 4 bedienen wollte, meldet sich tatsächlich die besagte Dame mit einem entschlossenen „Jetzt bin aber ich dran!“ zu Wort.

Worauf die Marktfrau, eine zierliche Person mit breitem schwäbischem Einschlag, ihr sehr sachlich entgegnete:

„Nein, sie haben sich vorgedrängelt.
Solche Leute mag ich nicht.“

Wild schimpfend verließ die Dame den Stand, während ich lächelnd über den Markt schlenderte, um Frau und Kind beim Kurtz abzuholen.

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13 Antworten to “Eine Frage des Anstands”

  1. hirngabel Says:

    Großartig!

    Aufgrund solcher Verhaltensweisen boykottiere ich mittlerweile den meinem Büro nächstgelegenen Bäcker (Merzenich am Kölner Neumarkt – falls es wen interessiert), da das dortige Klientel vorwiegend aus älteren, gutgekleideten Damen besteht, die vor allem eines gemeinsam haben: Keine Zeit, um vernünftig anzustehen.

    Keine Ahnung, ob das ein Generationsproblem ist, aber so oft ja gerne über „die Jugend“ ™ geschimpft wird, was sowas angeht, ist eindeutig die alte Generation kein positives Vorbild.

    Wobei Deutsche grundsätzlich schon mal bei weitem nicht so gut anstehen können, wie andere, sonst nicht so gut strukturierte Völker. Da verwandelt sich die sonst so gerühmte deutsche Effizienz, viel zu oft in chaotische Hektik.

  2. erz Says:

    Ich bin immer noch jung genug (und pflege abseits meiner Krawattenneigung einen Kleidungsstil, der nicht notwedigerweise auf wertekonservative Neigung schließen lassen dürfte) als dass der Satz „Zu meiner Zeit waren die alten Leute noch höflicher“ immer wieder für ausreichend Verblüffen sorgt, dass sich ein weiterer Schlagabtausch erübrigt.

  3. Dierk Says:

    das schoene hier in Spanien ist, dass neu zu den Wartenden hinzu stossende Personen fast grundsaetzlich die anderen Mitwartenden fragen, wer denn der letzte in der Schlange sei. So kommt es meist gar nicht dazu, dass sich irgendjemand vordraengelt. Wenn ich mir auch sonst ein wenig Deutsche Effizienz hier in Spanien wuensche, so ist dieser Brauch doch etwas, was ich bei einer vermeintlichen Rueckkehr nach Germanien sicher vermissen wuerde.

  4. Tobi Kiefer Says:

    Jaja, so sind sie eben, unsere Senioren. Die Erfahrung hat wahrscheinlich schon jeder gemacht. Dein Wochenmarkterlebnis hätte dir genauso in Bielefeld (meinem Studienort) passieren können.

    Eine sehr angenehme Ausnahme stellen die Bäckereien in meinem Heimatort im nördl. Schwarzwald dar. Hier wird sich ordentlich in einer Reihe angestellt. Drängeln unmöglich. Wer es trotzdem versucht, wird vom Mob geteert und gefedert.

  5. heinzkamke Says:

    @hirngabel:
    ja, mich interessiert’s – kannst Du mir bitte mal die genaue Adresse des Bäckers schicken ;-)

    @erz:
    Klasse, aber sas trau ich mich nicht – zu viel Angst vor Hell’s Grannies.

    @Dierk:
    Mein Bauchgefühl sagt mir, dass obige Dame bei der Frage nach dem Ende der Reihe im Brustton der Überzeugung geschwiegen hätte. Bestenfalls.

    @Tobi:
    Hast Du die Heimat deshalb verlassen? Bist Du gar nicht nur geteert und gefedert, sondern auch vertrieben worden?

    Im Ernst: ich glaube auch nicht, dass das ein reines Stuttgarter Phänomen ist. Dann doch eher ein deutsches, auch wenn ich nicht in Frau Dr. Schweitzers Kerbe schlagen möchte.

  6. Tobi Kiefer Says:

    Nein nein. Ich gehöre zum Mob. ;)

    Ein wenig Verständnis habe ich für unsere Senioren ja auch. Je älter man wird, desto weniger Zeit (z.B. in lästigen Warteschlangen) darf verschwendet werden.:)))

  7. Ute Says:

    Demnach – was ich hier am Bodensee bezüglich Drängeln feststelle – sprechen sich vor drängelnde Menschen, selten einen süddeutschen Dialekt und das Seniorenalter finge bereits mit Mitte dreißig an. ;)

    Bei tatsächlich deutlich älteren Menschen schaue ich mir diese mal genauer an. Ich kann verstehen, dass jemand der/die nur sehr schlecht stehen kann, nicht gut länger in einer Schlange stehen kann.

    Doch meist sind diese Personen in der Lage wenigstens zu fragen, ob ich sie nicht vorlassen könnte.

  8. heinzkamke Says:

    @Ute:
    Da sind wir uns vermutlich alle einig (abgesehen vom mobbenden Tobi vielleicht), dass gebrechliche ältere Damen und Herren vorgelassen werden dürfen und sollen.

    Und natürlich gibt’s auch junge Leute, die da negativ auffallen. Meine persönliche und nicht repräsentative Erhebung ergab in den letzten Jahren jedoch eine deutliche Häufung bei den oben genannten „gutsituierten Schwaben an der Schwelle zum Rentenalter“ – wobei „an der Schwelle“ auch mal 10-15 Jahre vor selbiger bedeuten kann, zugegeben.

  9. Tobi Kiefer Says:

    Mooooooment. Wenn jemand, egal welchen Alters, höflich fragt (vielleicht sogar mit Verweis auf vorhandene Gebrechen)dann ist das kein Ding. Ist mir allerdings noch nie passiert, zumindest in den beiden hier genannten Fällen (Wochenmarkt u. Bäckerei).

  10. Ute Says:

    @heinzkamke Mir fielen dabei jedoch überwiegend Menschen auf, die zumindest ihrer Sprache nach, nicht aus dem süddeutschen Raum kommen.

    Das kann allerdings auch daran liegen, dass Konstanz von der Mentalität her eher ein Dorf ist, während ich Drängeln eher Bewohner aus größeren Städten zuordnen würde.

  11. heinzkamke Says:

    @Tobi:
    dann will ich Dir das mal glauben ;-)

    @Ute:
    ja ja, die Studenten…

  12. hirngabel Says:

    Bäckerei Merzenich am Kölner Neumarkt. =)


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