Zeitspiel

26. Oktober 2009

Zeitspiel ärgert mich nicht mehr. Mit Zeitspiel habe ich mich abgefunden. Wenn gegnerische Mannschaften (die beispielsweise gerne mal Köln heißen) im Neckarstadion eine knappe Führung verteidigen wollen, bin ich zumeist der einzige im Block, der seine Unmutsäußerungen für sich behält noch halbwegs im Griff hat. Auch weil ich weiß, dass der VfB es auf der anderen Seite genau gleich machen würde. Es gehört dazu, und so sehr ich mir das Gegenteil auch wünschen würde, bin ich doch überzeugt, dass ich seine Ausrottung nicht mehr erleben werde. Dabei zeigen beispielsweise die Handballer (soweit ich das als Laie beurteilen kann), dass Spieler sich über konsequent ausgesprochene persönliche Strafen durchaus disziplinieren lassen. Im Fußball läuft das nicht.

Dessen ungeachtet gebe ich an dieser Stelle zu, dass ich Verständnis für Jens Lehmann hatte, als er sich über den jungen Mann hinter der Bande echauffierte. Wenn außen Stehende wie beispielsweise Sportdirektoren, Mannschaftsärzte oder, ganz konkret, Balljungen sich an diesem unwürdigen Spiel beteiligen, ist das für mich eine andere Sache. Zwar gilt mein Gedanke, dass ich von Sportdirektoren und Mannschaftsärzten mehr Abstand erwarten können muss, für jugendliche Ballholer wohl kaum; die Sanktionsmöglichkeiten sind für den Verein jedoch unmittelbar gegeben – bleibt die Frage, ob er in Fällen wie denen des jugendlichen Helden von Hannover, wenn überhaupt, eher positiv oder negativ sanktioniert.

Natürlich kann man über Videos schmunzeln, in denen Balljungen durch rasches Handeln ein Tor einleiten oder den heraneilenden Spieler alt aussehen lassen. Für den Zuschauer ist das Zeitschinden vermittels Balljungen in der Regel amüsanter als die rustikale Variante (Ball auf oder gar über die Tribüne), sodass sich die Regeländerung zur Spielbeschleunigung(?) aus der Saison 1996/97 wohl auch für das Publikum gelohnt hat und nicht nur den Ballproduzenten zupass kam. Mich ärgert sowas.

Minderheitenmeinung, mag sein. Irrelevant sowieso. Genau wie die endlosen Diskussionen um die Trainerfrage, in der sich mittlwerweile auch Medien zu Wort melden, von denen ich bis vor einigen Tagen nicht wusste, dass sie eine Sportredaktion haben. Oder liegt es daran, dass die Zukunft von Markus Babbel ein gesamtgesellschaftliches Thema ist? Wie auch immer: wie sollte ich Schlurchblogger die vielfältigen Äußerungen zu Babbels Situation deuten können, wenn sich selbst Qualitätsmedien wie Sportbild und Sportal in der Interpretation nicht völlig einig sind?

Babbel_Twitter_20091026

Und was soll man zum Spiel sagen, wenn selbst der Brustring ratlos ist?

Nichts, am besten. Da weise ich lieber darauf hin, dass mein Verständnis für Jens Lehmann nicht so weit geht, seine gesamtgesellschaftliche Interpretation eines ihm gespielten Streiches zu teilen (auch wenn ich es natürlich begrüße, dass er seine Kinder zu korrekten Menschen erziehen will).

Doch noch eine Frage zum Spiel: dass Boulahrouz auf der Bank saß, ist darauf zurückzuführen, dass man der Hannoveraner Offensive nicht sehr viel Durchschlagskraft zugetraut und die eigenen Innenverteidiger eher für den Spielaufbau eingeplant hatte, oder?

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19 Antworten to “Zeitspiel”

  1. el pibe Says:

    Doch noch eine Frage zum Spiel: dass Boulahrouz auf der Bank saß, ist darauf zurückzuführen, dass man der Hannoveraner Offensive nicht sehr viel Durchschlagskraft zugetraut und die eigenen Innenverteidiger eher für den Spielaufbau eingeplant hatte, oder?

    ———-

    laut babbel wurde der eifelturm ob seiner kopfballstärke, v.a. bei standards, eingesetzt. diese argumentation ist leider überhaupt nicht nachzuvollziehen. den hannover ist zwar relativ gefährlich nach standards (4 tore diese saison,was aber v.a. an bruggink liegt, dem ausführenden spieler). „kopfballungeheuer“ haben sie aber keine im kader, lediglich haggui ist da leicht über durchschnitt, hat seine stärken aber im defensivkopfball. die beiden stürmer jedoch, stajner(179cm) und ya konan(174cm) sind nicht viel mehr als sitzriesen, ohne despektierlich sein zu wollen. daher ist die versetzung des in den letzten spielen starken niederländers(trotz verlorenem kopfballduell gegen squillaci), der zudem einer der wenigen im kader ist, die führungspotenzial haben, absolut unverständlich.

  2. heinzkamke Says:

    @ el pibe:
    Beruhigt mich irgendwie, dass ich da mit meiner Meinung nicht alleine bin.

    [Hatte einen Tippfehler just in dem von Dir zitierten Abschnitt – habe ihn sowohl im Ursprungstext als auch in Deinem Zitat verbessert.]

  3. Herr Wieland Says:

    Das Balljungen nicht funktionieren wie sie sollten ärgert mich immer wieder. Auf Schalke müssen sie sitzen. Das habe ich nirgends gelesen, aber sie sitzen immer(!) alle(!), das kann kein Zufall sein. Und so dauert es entsprechend länger, bis die Knaben aufstehen (wie Rentner) und die frischen Knicker servieren. Bekloppt.

    Das Ding mit Lehmann hat seine überhöhte Aufmerksamkeit erst durch Lehmanns Umgang damit bekommen, über dem für jeden normaldenkenden Fußballfan ein „Ausgerechnet Lehmann“ als Überschrift steht. Der legitime Nachfolger des Kahns, der sich in jedem zweiten Spiel zu einer Unsportlichkeit hinreißen lässt und doch immer nur durch die Pfiffe der Fans getadelt wird. Wenn so einer beginnt über Moral zu philosophieren muss man sich schon fragen, ob er noch ganz richtig im Kopf ist, oder?!

  4. Schwob Says:

    „Auch weil ich weiß, dass der VfB es auf der anderen Seite genau gleich machen würde.“

    Genau das hält mich eigentlich auch immer davon ab, diese elende Zeitschinderei auf dem Fußballplatz zu bemeckern. Dennoch haben es meiner Ansicht nach die Hannoveraner Spieler doch ein wenig arg übertrieben, dass sogar ich mich darüber aufregen mußte.

    Ach ja, und mit dem Vergleich zum Handball hast du Recht. Da darf im Übrigen auch gar nicht mit dem Schiedsrichter diskutiert werden, sondern die Entscheidung ist zu akzeptieren, sonst fliegt man raus. Leider (?) gibt es solche Disziplinierungsmaßnahmen nicht im Fußball.

  5. heinzkamke Says:

    @ Herr Wieland:
    Macht aber optisch bestimmt was her, wenn die jungen Herren sitzen…

    Wenn so einer beginnt über Moral zu philosophieren muss man sich schon fragen, ob er noch ganz richtig im Kopf ist, oder?!

    Absolut. Irgendwie eine Variation von „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht,…“

    @ Schwob:
    Sehr interessant finde ich Dein Fragzeichen hinter dem „Leider“. Ich bin mir nämlich auch nicht sicher, was ich von einer derart strikten Handhabung wie beim Handball hielte. Die eine oder andere Diskussion mit dem Schiedsrichter hat ja durchaus was…


  6. Abgesehen von der Tatsache, dass diese Diskussionen von meiner Lebenszeit abgehen, wenn ich zuschaue, weil ich Fußball, aber keine Diskussionen sehen will, haben wir es so gut wie noch nie erlebt, dass ein Schiedsrichter seine Entscheidung rückgängig macht. Die Diskussionen (auf dem Platz) sind somit überflüssig. Ich würde viel dafür geben, wenn Zeitspiel und Schiri-Angehen ausgemerzt würden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich etwas vermissen würde.

  7. heinzkamke Says:

    @ Trainer Baade:
    Sehen will ich die Diskussionen auch nicht. Nur gelegentlich führen, wenn ich mich im fortgeschrittenen Alter noch auf einem Fußballplatz betätige… Und ich meine damit keine Lehmann-Diskussion, sondern das gelegentliche „Ach Schiri, nie und nimmer!“, das ja im Extremfall auch schon sanktionswürdig wäre (wie strikt das im Handball gehandhabt wird, weiß ich nicht).

  8. probek Says:

    Leider (?) (!!!) gibt es solche Disziplinierungsmaßnahmen nicht im Fußball.

    • Schwob Says:

      @ heinzkamke: Es wird unterschiedlich ausgelegt, vor allem die älteren Schiedsrichter sind in der Regel sehr strikt, was irgendwelche Unmutsäußerungen angeht. Ich habe schon Szenen erlebt, wo Spieler für ein Kopfschütteln oder eine wegwerfende Handbewegung eine Zeitstrafe bekamen. Junge Schiedsrichter scheinen sich mittlerweile ein wenig am Fußball zu orientieren und lassen mal eine Reaktion zu, vor allem, wenn sie ruhig und sachlich vorgetragen ist.

      Persönlich nerven mich die Diskussionen mit den Schiedrichtern im Fußball auch ziemlich, aber ich bin auch vom Handballsport her in einer Weise geprägt, dass man am besten NIE etwas gegen den Schiedsrichter sagt, um sich und der Mannschaft nicht zu schaden.

  9. heinzkamke Says:

    @Schwob:
    Danke. So (d.h. wie bei den älteren Schiris) hatte ich das beim Handball auch wahrgenommen, und das wäre mir für den Fußball, zumindest als Spieler, etwas zu eng.

    Wohlgemerkt, ich spreche von Reaktionen auf Schiedsrichterentscheidungen, nicht von Zeitspiel.

  10. probek Says:

    Geschenkt. Es geht beim Fußball-Schiedsrichten doch nicht um die Kopfschüttler, Handbeweger oder „nie und nimmer“-Sager. Diese Art von kurzen Unmutsäußerungen sei den Betroffenen gestattet, sie dürfen den Schiedsrichter auch gerne fragen, warum der sie bestraft hat, falls der das durch Handzeichen nicht eh eindeutig erkennen lies.

    Darum geht es nicht. Es geht um das Herbeieilen fast aller Spieler an den Tatort, insbesondere auch um das Herbeieilen nie und nimmer Beteiligter. Es geht um das rituelle gemeinschaftliche Zutexten des Schiedsrichters, um das (und das finde ich fast am schlimmsten) körperliche Bedrängen oder gar Berühren des Schiedsrichters, um die Rudelbildung, sobald einer Mannschaft eine Entscheidung nicht passt, um Diskussionen, die nicht nach fünf Sekunden des Aufbegehrens vorbei sind.

    Wie der Trainer schon richtig sagt: das bringt einfach nichts. Eine Entscheidung ist eine Entscheidung ist eine Entscheidung*. Ginge es nach mir, würde konsequent jeder weitere Diskussionsversuch, jedes Angehen, jede Verzögerung des Spiels durch das Rumgeheule der Spieler nach einer Schiedsrichter-Entscheidung sanktioniert.

    Da lobe ich mir andere Ligen bzw. Sportarten, in der sich sich diskussions- und widerspruchsfreudige Sportler, Trainer oder Funktionäre aber mal ganz schnell zum Duschen oder auf die Tribüne verabschieden können. Das wünsche ich mir auch für den Fußball.

    *bis auf die Fälle, wo der Schiri mal beim Assi oder gar bei den Spielern nachfragt. Aber selbst da: der Schiri entscheidet, von wem er was zum Vorgang hören will, nicht der Spieler.

  11. blavont Says:

    das Problem im Fußball ist doch, dass man kaum eine Sanktion aussprechen kann, die in dem Moment eine echte Wirkung für die gegnerische Mannschaft hat. Rote Karten werden von vielen für zu hart befunden. Zeitstrafen bringen kaum etwas (während sie im Handball oder auch im Eishockey fast immer zu Toren führen).

  12. probek Says:

    das Problem im Fußball ist doch, dass man kaum eine Sanktion aussprechen kann, die in dem Moment eine echte Wirkung für die gegnerische Mannschaft hat.

    Gelb. Und wenn das in dem Moment keine echte (?) Wirkung hat, gleich noch mal Gelb, also Gelb/Rot. Spätestens ab dem zweiten Spieltag, an dem das so gepfiffen würde, gäbe es niemanden mehr, der sich beschwerte und damit das Spiel verzögert. Weil alle am ersten gelernt hätten, dass die Beschwerer ganz fix mit weniger Spielern weiterspielen müssten.

  13. heinzkamke Says:

    @blavont:
    Zustimmung zu probek. Mich wundert zum Beispiel immer wieder, wie häufig Spieler, die nach einem Abseitspfiff den Ball ins Tor schießen (und damit häufig sowohl das Spiel verzögern als auch den Schiedsrichter kritisieren), ohne Verwarnung davonkommen.

    Wenn da konsequent geahndet würde, träfe es zwar möglicherweise den einen oder anderen, der den Pfiff wirklich nicht gehört hat und zurecht mit dem Finger zum Ohr deutet; ich bin jedoch überzeugt, dass sehr rasch die durchschnittliche Leistungsfähigkeit der Stürmerohren zulegen würde.

    @probek:
    Einverstanden. (bezogen auf den oberen, langen Kommentar.

    • blavont Says:

      ha, da bin ich unbedingt dabei. Ich bin nicht gegen harte Strafen. Dann aber auch bei den „sogenannten“ taktischen Fouls usw. Thema ist dasselbe: unsportliches Verhalten


  14. Ich begrüße übrigens jegliche Übertragungen aus dem Hockeysport, die die Diskussion mit dem Schiedsrichter nur dem Kapitän erlauben.

    Kennt eigentlich jemand einen Sport, in dem so viel lamentiert wird, wie im Fußball?

  15. nedfuller Says:

    @Jens
    Basketball? Jeder Spieler diskutiert mit dem Schiri ob Foul nicht Foul? Die haben aber die Möglichkeit des technischen Fouls.

  16. probek Says:

    @nedfuller

    Und sie nutzen sie auch …

    Beim Basketball mag viel debattiert werden, aber dennoch ist dort (nach meinem Eindruck) der Respekt gegenüber den Offiziellen größer als beim Fußball. Auch, weil Widerspruch härter bestraft wird.

    (dafür ist das verlinkte Beispielvideo natürlich ein schlechtes, das dokumentiert einen Exzess)

  17. heinzkamke Says:

    @blavont:
    Unbedingt. Taktische Fouls machen mich rasend. (Auch wenn ich sie bisweilen als Indikator „schätze“, dass ein Spieler das Spiel verstanden hat – vor allem wenn das taktische Foul frühzeitig erfolgt, d.h. wenn die meisten Mitspieler die Lücke noch gar nicht erkannt haben)

    @Jens:
    Nein.
    (Basketball kann ich nicht beurteilen, und probeks Video scheint ja nicht als repräsentativ zu gelten)

    Beim Tennis artet’s manchmal auch aus, aber da sind halt deutlich weniger Leute beteiligt. Und die Strafen haben unmittelbare Wirkung, wie Frau Williams weiß.


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