Dopingfreigabe bei Catenaccio

2. September 2009

Dass Catenaccio ein großartiges Blog ist, habe ich schon das eine oder andere Mal geschrieben. Da man es nicht oft genug sagen kann, weise ich gern ein weiteres Mal darauf hin.

Ganz besonders haben es mir die Interviews angetan, die Jens dort in schöner, zunehmender Regelmäßigkeit mit (zumeist Sport-)Journalisten führt. Vor wenigen Tagen hat er, ungewöhnlich genug, gleich zwei solcher Gespräche veröffentlicht. Sowohl Martin Krauß als auch Matthias Heitmann äußerten sich dabei nicht nur ausführlich zum Thema Doping, das bei Catenaccio immer wieder auftaucht, sondern sprachen sich letztlich beide für die Freigabe von Dopingmitteln aus.

Den unmittelbaren, vielleicht auch unreflektierten Widerspruchsreflex habe ich angesichts der Interviews, in denen rasch deutlich wurde, dass die beiden Herren ihre Position erwartungsgemäß differenzierter darlegen als Robert Harting, erfolgreich unterdrückt. Dennoch komme ich Jens‘ Bitte um „viele Meinungen zum Thema Doping(freigabe)“ gerne nach (unabhängig von den beiden Interviews, und angesichts der Länge ausnahmsweise hier im eigenen Blog).

Ohne jeden Zweifel gibt es vieles, was man an den gegenwärtigen Dopingregularien kritisieren kann. Die Liste der verbotenen Stoffe unterliegt einer gewissen Willkür, die Umkehr der Beweislast ist juristisch schwer zu vermitteln, und die Auflagen für die Sportlerinnen und Sportler sind in Teilen mehr als nur grenzwertig. Die Liste ließe sich wohl deutlich verlängern, aber die oben genannten Punkte tauchen in der Diskussion besonders häufig auf, und das keineswegs zu Unrecht.

Diesen Kritikpunkten stehen Erwägungen entgegen, die man als moralisch, vielleicht auch in Moralin getränkt, althergebracht oder heuchlerisch bezeichnen kann. Schließlich ist die Grenze zwischen erlaubten und verbotenen Präparaten nicht nur für mich als Laie, sondern dem Vernehmen nach auch für Fachleute eine nur bedingt nachvollziehbare. Schließlich wissen wir alle, dass die Vorstellung eines dopingfreien Sports vollkommen weltfremd ist. Schließlich ist uns bewusst, dass die viel zitierte Vorbildfunktion öffentlicher Personen auch in anderen Lebensbereichen nur noch rudimentär vorhanden ist.

Und dennoch käme es für mich einem Dammbruch gleich, wenn man Dopingmittel grundsätzlich freigäbe. Die Folgen wären – vermutlich nicht selten im negativsten Sinne – fatal: Sportler, Trainer, Funktionäre, Wissenschaftler, Mediziner und viele weitere Berufene würden ihre Grenzen ausloten, wobei das Verantwortungsgefühl bei den einen stärker, bei den anderen weniger stark ausgeprägt sein dürfte. Dabei erscheint es nicht ganz abwegig, dass die Skrupelloseren zwar ein höheres Risiko tragen, aber auch leistungsfähiger sind. Erfolgreicher. Angesehener. Besser bezahlt.

Wenn dieser Zusammenhang zutreffen sollte (den man möglicherweise mit einer Milchmädchenrechnung vergleichen kann), würde es mich nicht überraschen, wenn die Skrupel der weniger erfolgreichen Sportlerinnen von überschaubarer Dauer wären. Die entstehende Abwärtsspirale brauche ich nicht weiter auszuführen, und auf die neuen Tom Simpsons, Birgit Dressels, etc. will ich nicht weiter eingehen. Natürlich könnte man einen Lernprozess unterstellen, der es den Sportlern ermöglicht, den schmalen Grat zu finden, der ihre körperlichen Schädigungen gerade noch im tolerierbaren Rahmen hält, so wie sie jetzt den Grat suchen, der Blut- und andere Werte gerade noch im sportjuristisch tolerierbaren Rahmen hält, aber insbesondere der Weg dorthin und dessen Inkaufnahme erscheint mir zynisch.

Die Auswirkungen auf den Nachwuchs- und Breitensport möchte ich mir gar nicht vorstellen. Mir reichen schon heute die Geschichten von Tennisvätern und Eiskunstlaufmüttern, auch ohne ausgeprägte medikamentöse Komponente, und wenn ich mich am schon jetzt in den Niederungen des Amateurfußballs verbreiteten Schmerzmittelkonsum orientiere, wird mir für den Fall der Freigabe angst und bange. Zumindest für den Fußball -vermutlich ist es in anderen Sportarten ganz ähnlich- weiß ich aus langjähriger Erfahrung, wie rasch und unmittelbar alle Neuerungen aus dem Profilager nach unten durchgereicht werden – man denke nicht nur an Nasenpflaster, Radlerhosen und bunte Kickschuhe, sondern auch an Voltaren, „Fitspritzen“ oder Klümpers Kälberblut.

Was erlaubt ist, wird ausprobiert. Kann per Internet offen recherchiert und online bestellt werden, von jedermann. Eine fürchterliche Vorstellung, bei der ich es nun doch bewenden lassen will.

Selbstverständlich freue ich mich über Kommentare; grundsätzlich fände ich es jedoch sinnvoll, die inhaltliche Diskussion drüben bei Catenaccio zu führen.

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2 Antworten to “Dopingfreigabe bei Catenaccio”


  1. aloha heinz. erst einmal danke für dein lob, aber auch danke für den artikel und die damit verbundene auseinandersetzung mit dem thema. leider ist das ein bisschen untergegangen im baade-jako-fokus.

    ich muss zugeben, und das habe ich auch schon drüben geschrieben, dass ich mich sehr schwer getan habe mit den interviews, da ich punkte beider seiten gut verstehen kann und das thema nebenbei ungeheuer komplex ist.


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