„Die Realität sieht aber häufig anders aus.“

10. Juli 2009

Mein Begleiter, seines Zeichens Gymnasiallehrer, kommentierte diesen gehaltvollen Satz in der Auslassschlange des Stuttgarter Staatstheaters mit einem kurzen „Ach, offensichtlich ein Kollege“ und ersparte mir damit die Beschäftigung mit der Frage, was einen Menschen dazu treibt, derlei von sich zu geben.

[Stimmt nicht: natürlich weiß ich noch immer nicht, was ihn dazu treibt; zumindest aber weiß ich, dass ich nicht der einzige war, der den Kopf schütteln wollte. Das reicht mir fürs Erste]

Das Theater hat sich also erlaubt, etwas darzustellen, das in der Realität anders aussehe. Aussieht – Indikativ ist ok, die Realität ist tatsächlich anders. Dort trifft man eher selten auf 15 junge Männer mit Migrationshintergrund, die den Großteil dessen, was sie zu sagen haben, im Chor herausbrüllen, oder auf rosarote Wohnzimmereinrichtungen inklusive VW-Käfer-Hausbar. Irgendwie habe ich allerdings den Verdacht, dass das einer der Tricks des Theaters ist: die stellen Dinge manchmal einfach, äh, anders dar. Die überzeichnen, übertreiben gar, ironisieren, vereinfachen, you name it. Das tun die einfach so, und gar nicht so selten wollen die gerade damit sogar etwas erreichen. Eine Botschaft vermitteln. Oder zumindest dazu animieren, darüber nachzudenken, ob man eine Botschaft herausziehen könnte. Vielleicht täusche ich mich aber auch.

Wovon ich rede? Von „Wut“ im Theater. Jenem „Wut„, das als Fernsehfilm vor ein paar Jahren ziemlich viel Aufsehen erregte und heute, der damaligen Diskussion zum Trotz, in schöner Regelmäßigkeit im Fernsehen und vermutlich tagtäglich in tausenden Schulklassen gezeigt wird. Der Inhalt dürfte bekannt sein, die Polemik drumherum auch.

Ehrlich gesagt: ich hatte Zweifel, ob der Film, den ich für großartig halte, auf der Bühne funktionieren würde. Ich hatte noch größere Zweifel, ob der Chor der jungen Männer dem Ganzen wirklich gut tun würde, möglicherweise gar, ob man das 80 Minuten lang ertragen wolle. Aber da lag ich falsch. Die jungen Laien haben mich beeindruckt mit ihrem Spiel, mit ihrer Intensität, ihrer Freude und wohl auch mit ihrer Lautstärke. Natürlich weiß ich, dass so etwas gelegentlich gemacht wird und dass gerade Volker Lösch derlei nicht zum ersten mal eingesetzt hat, dennoch: auf mich hat es seine Wirkung nicht verfehlt. Deutlich weniger Wirkung hatten die anderen Schauspieler, was auch daran gelegen haben mag, dass ich mich bei den Eltern nicht so recht von August Zirner und Corinna Harfouch lösen konnte, die ich aus dem Film vor Augen hatte. Und Till Wonka als Felix hätte ich wohl begeistert zugesehen, wenn es mir nicht so schwer gefallen wäre, in ihm einen Teenager zu erkennen – but that’s just me, und vielleicht entlarvt mich das ja auch als jemanden, der das Theater eben auch krampfhaft mit der Realität in Einklang zu bringen sucht.

Soweit ein paar Gedanken eines Laien,  der trotz ausführlicher Einführung noch immer nicht so ganz verstanden hat, weshalb „Wut“ in Stuttgart zum Themenabo „Generation Hamlet“ zählt. Dass  Harald Schmidts „Prinz von Dänemark“ nicht unter diesem Dach angeboten wird, scheint klar: der füllt den Saal auch ohne Abo. Aber hätte „Wut“ das nicht auch getan? Oder sollte es letztlich doch mit inhaltlichen Erwägungen zu tun haben? Das Thema der neuen Spielzeit lautet übrigens  „Glaube, Liebe, Geld“ – ich bin gespannt auf das Themenabo.

Zum Abschluss noch der Hinweis auf Kritiken und Bilder.

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