Ganz einfach.

30. April 2009

Der gemeine Leser und die ebenso gemeine Zuhörerin entwickeln nach meiner Beobachtung von Zeit zu Zeit gewisse – unterschiedlich lange vorhaltende – Sensibilitäten für einzelne Begriffe oder Audrucksweisen. Dies bezieht sich häufig, aber keineswegs ausschließlich, auf importierte Ausdrücke aus Fach-, Szene- oder Fremdsprachen wie beispielsweise „sexy“, „fett“, „nicht wirklich“ oder „One Touch Football“, die man von Anfang an bzw. nach einer mehr oder weniger ausgeprägten Hochphase schlichtweg nicht mehr hören kann will.

Die Gründe dafür sind vielfältig: den einen stört die grammatische Fragwürdigkeit, der nächsten missfällt eine Konnotation, andere sind Sprachpuristen aus Überzeugung, wieder andere werden der häufig gehörten Ausdrücke bloß überdrüssig, etc…

Beispielsweise ist die Sensibilität für das grammatische Geschlecht von Blogs in vielen Fällen nicht nur Gegenstand einer gewissen Sensibilität; häufig erscheint es eher gerechtfertigt, von „Obsession“ zu sprechen. Ein anderes Beispiel ist das eines Freundes, der erst vor einigen Jahren lernte, dass „der einzige“ als Superlativ ausreicht, und dem es seither schlicht unmöglich ist, „der einzigste“ großzügig zu überhören.

Mein persönliches Unwort lautet derzeit „einfach“. Ich kann es nicht ertragen, wenn man mir ganz grob folgendes erklärt:

„Das ist ein Kinderspiel. Verbinde einfach das Soundso-Kabel mit einem xyz-Adapter, den Du dann einfach in die Z-Buchse steckst. Vorher musst Du diese Buchse nur mit Hilfe des ABC-Tricks manipulieren, und dann fügst Du’s einfach zusammen.“

Meine Wahrnehmung schließt in solchen Fällen unweigerlich eine Einleitung ein, die ungefähr folgendermaßen lautet:

So, mein kleines Dummerchen, jetzt hör mir mal gut zu. Papa erklärt’s Dir ganz idiotensicher. Das haben schon ganz andere Schwachköpfe hinbekommen.

Mir ist völlig klar, dass diese Interpretation den hilfsbereiten Mitmenschen in den seltensten Fällen gerecht wird. Vermutlich verwenden sie das Wörtchen „einfach“, gerne auch mal „nur“, lediglich, um mir die Scheu zu nehmen, um mein Selbstbewusstsein zu stärken, und um zu betonen, dass es wirklich nicht allzu schwierig sei. Wenn es aber so einfach ist, wieso hab ich’s dann nicht selbst hinbekommen?

Gestern hat übrigens mein Vater angerufen, weil er wieder mal mit seinem Computer nicht zurecht kam. Meine Antwort begann mit „Versuch‘ einfach mal, …“

#FAIL

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4 Antworten to “Ganz einfach.”

  1. Ute Says:

    Gerade so modische Formulierungen, die ich oft höre, bleiben mir zuweilen auch deutlich hängen.

    Ich kann es nicht leiden, wenn jemand „Sinn machen“ sagt, für mich ist es eine schlechte Übersetzung und kein korrektes Deutsch. Inzwischen wird es jedoch so häufig benutzt, dass es auch mir schon rausgerutscht ist, ich merke es sofort und korrigiere es dann.

    Wer mich besser kennt, grinst dann, ich auch, aber schon erstaunlich, dass es gar nicht soooo _einfach_ ;-) ist, selbst zu vermeiden, was man nicht mag.


  2. […] heinzkamke schreibt, dass er es nicht mag, wenn ihm erklärt wird: “ganz einfach …&#… und erzählt am Ende, wie er sich ertappte, als er selbst zu einer Erklärung ansetzte: “ganz einfach…” […]

  3. hirngabel Says:

    Naja, „einfach“ ist halt einfach so ein Füllwort, was halt einfach sehr häufig ohne große Absicht verwendet wird. Ist übrigens ganz ähnlich bei den Wörtern „naja“ oder „halt“.
    Aber naja, ist halt einfach so.

  4. heinzkamke Says:

    @Ute:
    ja, es ist nicht immer leicht, konsequent zu sein ;-)

    @Hirngabel:

    Zweifellos ist „einfach“ ein Füllwort, das mitunter ohne viel Nachdenken verwendet wird. Gleichwohl unterscheidet es sich bspw. von „na ja“ schon dadurch, dass es eine echte inhaltliche Bedeutung hat, die meines Erachtens in der genannten Situation durchaus mitschwingt. So bin ich mir recht sicher, dass meine Erklärung nicht mit „einfach“ begonnen hätte, wenn mein Vater nach etwas sehr Kompliziertem gefragt hätte.

    Gleichzeitig räume ich gerne ein, wie oben bereits angedeutet, dass ich für dieses Wort sensibilisiert bin. Vermutlich würde ich es auch nicht überhören, wenn es in einem Gespräch in meiner Nähe fiele, dem ich eigentlich gar nicht folge. Ich gehe davon aus, dass sich diese Sensibilität irgendwann wieder legen wird.


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