Eine Frage der Erziehung?

28. April 2009

Seit einigen Jahren bin ich (irgendwann hatte ich es wohl schon mal angedeutet) im „engeren Vorstand“ eines Mehrsparten-Sportvereins aktiv. Die Schwierigkeiten, denen man sich in so einer Funktion gegenüber sieht, sind jedem, der sich dafür interessiert, hinlänglich bekannt und sollen hier auch nicht weiter zum Thema gemacht werden.

Wenn man sich also mit einer gewissen Portion Herzblut engagiert, kann man „seinem“ Verein nicht so leicht etwas abschlagen und lässt sich dann, wie in meinem Fall, halt auch mal breitschlagen, im fortgeschrittenen Alter den aktiven Fußballern auszuhelfen, die sich im Abstiegskampf befinden. So fand ich mich also vor ein paar Tagen auf einem Fußballplatz wieder, um nach einer knappen halben Stunde so ausgehebelt zu werden, dass ich bereits im Fallen wusste: es würde nicht gut enden.

So ein Sturz auf Rücken und Hinterkopf ist kein reines Vergnügen, sodass ich meiner Mischung aus Schmerz und Angst deutlich Luft machte. Dass der beteiligte Gegenspieler zunächst dachte, mein Schreien erfolge mit dem Zweck, einen Elfmeter zu erhalten (tatsächlich wäre ich nie auf die Idee gekommen, es könne einer sein, wohingegen einige meiner Mitspieler es wohl tatsächlich so sahen), ist durchaus nachvollziehbar; daher verstehe ich auch seine anfängliche „Was will der denn, der soll nicht so rumbrüllen“-Haltung.

Ich kann auch akzeptieren, dass er, als ich wie ein alter Mann vom Platz schlich, noch skeptisch war. Als ich dann nach mehrminütiger Behandlungspause wieder auf den Platz kam und es gleich wieder mit ihm zu tun hatte, hätte ich mir eine Entschuldigung eine Nachfrage zumindest vorstellen können. Als ich zwei Minuten später wegen der Schmerzen den Platz endgültig verlassen musste und dabei erneut an ihm vorbei ging, wäre auch ein guter Zeitpunkt gewesen. Selbiges gilt für unsere kurzen Begegnungen in der Pause und unmittelbar nach Spielschluss.

Aber vielleicht setze ich einfach zu viel Anstand voraus.

Da hätte ich wohl aus der Erfahrung lernen müssen, als ich vor ein paar Jahren von einem Gegenspieler unglücklich im Gesicht getroffen worden war, ziemlich übel aussah und mit dem Krankenwagen abgeholt werden musste. Auf eine Kontaktaufnahme seitens des ungewollten Übeltäters wartete ich auch damals vergeblich. Ich weiß nicht, ob er Sorge hatte, in Versicherungsfragen hineingezogen zu werden, ob er sich aufgrund eines schlechten Gewissens nicht traute, Kontakt mit mir aufzunehmen, oder ob es ihm schlicht egal war.

Übrigens: im Rücken ist wohl nichts kaputt, der Schmerz ist betäubt, morgen geht’s wieder zur Arbeit.

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10 Antworten to “Eine Frage der Erziehung?”

  1. sebastian Says:

    habe mal früher in der Katholischen Bistumsliga in Berlin gekickt. Und war entsetzt ob des „Einsatzes“ der Spieler. Seitdem bin ich sehr zurückhaltend, was den positiven Einfluss von Fußball auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen hat. Mich nervt bisher die ungute Mischung aus schlecht bis gar nicht ausgebildeten und überehrgeizigen Jugendtrainern und der unterschätzten Gruppendynamik.
    Werde meinen Rüpel zwar doch bei einem Verein anmelden. Habe aber darauf geachtet, dass die Trainer dort ausgebildete Sportpädagogen sind. Ob es etwas hilft? Keine Ahnung.
    Vielleicht ist es in Deinem Fall aber auch die Diskrepanz zwischen gezeigtem Verhalten von Fußballern im Fernsehen und dem dann reellen Spiel im Amateurbereich.

  2. sebastian Says:

    ach ja, gute Besserung!


  3. ich spiele in der freizeit inlinehockey. vor zwei wochen hat mich eine entschuldigung wohl auch vor einer eigenen verletzung verschont. nach einer unglücklichen aktion, die zu meinem nachteil ausgelegt wurde (2 strafminuten), hatte sich mein gegner wohl weh getan und sich schon racheaktionen auf der bank überlegt. ich entschuldigte mich in der drittelpause, fragte ob alles ok ist und die sache war gegessen…

    leider gibt es immer wieder spieler, die sowas nicht für normal halten, speziell beim hockey, habe ich das gefühl.

    dir weiterhin gute besserung!

  4. heinzkamke Says:

    @sebastian:
    Jugendfußball ist ein ganz heißes Thema. Wir alle wissen, dass man dort die besten Trainer bräuchte, das man in der Realität aber in vielen Vereinen über jeden froh ist, der sich bereit erklärt, ein Amt zu übernehmen, selbst wenn er/sie nur bedingt geeignet ist. Und nicht jeder ist in der Position, sich einen geeigneten Verein mit ausgebildeten Sportpädagogen aussuchen zu können, allein schon aus logistischen Gründen.

    Mangelnde Eignung gepaart mit Übermotivation ist sicherlich der GAU, wobei gerade letztere vielfach auch bei den Eltern sehr ausgeprägt ist – und für einen zwanzigjährigen Jugendtrainer ist es nicht so richtig einfach, deutlich ältere Eltern dann in ihre Schranken zu verweisen.
    [Kurzversion. Hierüber könnte man zweifellos deutlich ausführlicher und differenzierter diskutieren.]

    Ob das Verhalten der Spieler im fernsehen von besseren Manieren geprägt ist, weiß ich nicht so recht. (Oder habe ich Dich da falsch verstanden?)

    @jens:
    Du bist halt gut erzogen, Kompliment an Deine Eltern ;-)
    Im Ernst: genau darum geht es doch. Wir sprechen von Amateursport, wo die Emotionen völlig zurecht auch mal hochkochen, wo man aber die Prioritäten nach einer angemessenen Zeitspanne wieder vernünftig ordnen können sollte.

    ______
    und danke Euch beiden für die guten Wünsche.

    • sebastian Says:

      @heinzkamke Da hast Du mich falsch verstanden. Ich meine, dass das Verhalten aus dem Profifußball quasi vor dem Fernseher gelernt und dann auf dem Amateurbereich übertragen wird. Das Vortäuschen von Fouls ebenso wie die Annahme, der Gegner würde simulieren.
      Nun ja, vielleicht eine gewagte These.


  5. Na, erst mal gute Besserung. Die Sportblogger-Gemeinschaft wird ja immer mehr zum Lazarett. Ein Glück habe ich mich gegen die Schweinsteigergrippe impfen lassen…

    Nun, back2topic: Es ist sicher eine Frage der Erziehung, des allgemeinen, guten Benehmens, des Respekts für die Mitmenschen, wenn man von der Möglichkeit absieht, dass du in deinem Schmerz vielleicht beängstigend aussahst und dein Gegenspieler einfach nur eingeschüchtert war. Sieht man also von dieser Möglichkeit ab, dann stelle ich für mich immer wieder fest, dass ich Dinge als „normal“ oder „selbstverständlich“ ansehe, von denen scheinbar die meisten noch nicht einmal etwas gehört haben. Dazu gehören eben Respekt, gute Kinderstube, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit usw. usf. Es bringt nichts, vorauszusetzen, dass andere auch so wären. Das macht nur unglücklich. Aber man sollte selbst an seinen Idealen festhalten. Andernfalls würde man wohl noch unglücklicher werden…

  6. heinzkamke Says:

    @sebastian:
    Ok, so passt das irgendwie auch besser zum Zungenschlag Deines Kommentars.

    Für so gewagt halte ich Deine These übrigens nicht. Genau wie plötzlich in der Kreisliga darüber diskutiert wird, ob man mit einer flachen Vier oder doch lieber in Rautenformation auflaufen soll, wie Amateure in den 90er Jahren Nasenpflaster trugen oder wie auch in den sogenannten Niederungen seit einigen Jahren Overknee-Stutzen zum Verkaufsschlager wurden, werden auch andere, „negative“ (womit ich nicht sagen will, dass Nasenpflaster und Stutzen ünber den Knien positiv seien…) Trends und Verhaltensweisen der Profis im Amateurbereich übernommen.

    Die Kausalität mag bei Schwalben etc. nicht so eindeutig sein, weil natürlich die Amateure auch aus sich heraus auf alle möglichen Ideen kommen, um sich einen Vorteil zu verschaffen; solange jedoch die Simulanten im Profifußball nicht glaubwürdig geächtet werden, wird sich die Haltung in den unteren Ligen auch kaum ändern.

  7. Ute Says:

    Ich finde es geht gar nicht, sich nicht zu entschuldigen. Wie du beschreibst, ich würde auch verstehen, dass der Gegner es im ersten Moment nicht ernst nimmt, könnte ja sein, du markierst nur, aber irgendwann war es eindeutig.
    Selbst, wenn ich mir vorstelle, dass es eventuell um eine Schuldfrage geht, ist das kein Grund sich nicht so zu verhalten, wie es Jens beschreibt.

    Nach dem Spiel St. Pauli : SC Freiburg , das St. Pauli verlor haben die Fans die Spieler vom SC Freiburg mit Gesängen „Nie wieder zweite Liga“ verabschiedet. Das ist für mich Fussball, wie ich ihn mag. Fair und nach dem Spiel ist der Gegner kein Gegner mehr, sondern jemand, den man beglückwünschen kann.


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