Das andere UnReal Life

16. April 2009

Um gleich mal mit der Tür ins Haus zu fallen: ich habe oft Lindenstraße geschaut, recht regelmäßig Marienhof, manchmal Unter Uns und gelegentlich auch GZSZ. Und noch einiges mehr.

Phasenweise bin ich recht tief eingestiegen, habe mich für den Fortgang der Geschichte interessiert, und wenn es ganz schlimm kam, musste ich kurz nachdenken, ob ich eine Geschichte aus dem echten Leben kannte oder nur aus einer Serie: „Ja, mir hat neulich auch jemand von einem gekauften Doktortitel erzählt – ach nee, das war ja Carsten Flöter.“

Genug der Übertreibungen. Heute kann es zwar noch immer vorkommen, dass ich mich kurzzeitig (zu) tief in eine Serie versenke; viel mehr als das Übernehmen gewisser Zitate resultiert daraus aber nicht. Copy that?

Ich stehe also mit beiden Füßen auf der Erde, im Real Life sozusagen. Oder auch nicht: an die Stelle von Fernsehserien ist ein anderes UnReal Life getreten. Das aus Blogs, Twitter und dem anderen Kram: als ich neulich von den gesundheitlichen Problemen eines Bekannten erfuhr, war mir sogleich klar, dass ich kurz zuvor etwas Ähnliches gehört und Anteil genommen hatte, und zwar bei, äh, dogfood.

Mir ist schon klar, dass seine Erkrankung sehr real war und in ihrem Konsequenzen noch immer ist, dennoch: zu meinem Real Life zählt dogfood im engeren Sinne (d.h. wenn man seinen Einfluss auf meine Seh- und Lesegewohnheiten außer acht lässt) nicht. Gleichwohl ist mein Interesse deutlich größer und die Informationen weitaus umfangreicher als zum Teil bei Menschen, die ich gelegentlich persönlich treffe.

Muss mich das beunruhigen? Ich denke nicht – insbesondere nicht in einem solchen Fall, in dem es um Anteilnahme und, ein großes Wort, Mitgefühl geht. Aber es gibt ja auch noch die anderen Fälle, die belanglosen, wenn man fast unterbewusst feststellt, dass sich da wohl etwas aus dem Netz ins Real Life hinübergeschummelt hat:

tweet_finger_auge_trainer

Falls jemand nicht weiß, wovon damals die Rede war:

trainer_header

Überhaupt, Bilder. Beziehungsweise Avatare:

Wenn ein Mitmensch die Unterarme zum Schattenspiel kreuzt (was in der Form eher selten geschieht), denke ich an @oliverg, die Legomännchen meines Sohnes erinnern mich an @probek, und so weiter und so weiter. Und wenn jemand seinen eigenen Avatar nicht zu kennen scheint, muss er bzw. sie halt daran erinnert werden:

tweet_rudelbildungWomit wir bei Twitter wären, das – allein schon der Frequenz wegen – in punkto UnReal Life deutlich penetranter wirkt als Blogs und diese irgendwie überlagert. Um beim obigen Beispiel zu bleiben: fallen beispielsweise die Begriffe „Union“ und „Steffi“, lautet mein erster Gedanke „@rudelbildung“. Dabei betreibt die selbe Person doch ein großartiges Blog mit dem noch großartigeren Namen „Textilvergehen„, der bei mir aus den genannten Gründen etwas in den Hintergrund gerückt ist.

So ist es halt, dieses Twitter. Es ist schneller, kommunikativer, kurzlebiger, es frisst Zeit, und es bereichert mein Real Life. Genau wie das andere Social Zeug. Anders als Marienhof. Weil’s einfach realer ist, denke ich.

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12 Antworten to “Das andere UnReal Life”

  1. probek Says:

    Da mache ich mir jetzt mal die Mühe und antworte länger, auch wenn der Geschmackspolizist in mir schon durch den ersten Absatz abgeschreckt werden sollte (wie kann man als Erwachsener ernsthaft Marienhof, GZSZ oder ähnliches Zeug gucken?? Zur Zerstreuung, vermutlich. Zur mutwilligen Zerstreuung Zerstörung von Gehirnzellen. Aber das nur nebenbei).

    Die Unterscheidung zwischen „Real Life“ (= alles, was abseits des Computers statt findet) und „Unreal Life“ (= alles diesseits) ist inzwischen doch einigermaßen überholt (und bei „Unreal“ denke ich persönlich auch wieder an ganz was anderes). Schließlich liefert der Computer über das Internet ein Kommunikationmedium bzw. Kommunikationskanäle, und bidirektionale Kommunikation findet in der Regel zwischen Lebenden statt, egal ob im Straßencafé oder über Bildschirm und Tastatur.

    Peter Sunde Kolmisoppi hat das neulich wunderbar erklärt:

    „We do not use the expression IRL,“ said Peter, „we use AFK.“
    „IRL?“ questioned the judge.
    „In Real Life,“ the Prosecutor explained to the judge.
    „We do not use that expression,“ Peter noted. „Everything is in real life [Herv. von mir, probek]. We use AFK — Away From Keyboard.“

    Interessant, wenn man feststellt, dass man auch mit elektronischen Bekanntschaften Anteil nehmen kann. Warum auch nicht, schließlich erfährt man über Blogs, Twitter usw. eine Menge über die Betreffenden. Und, um mal von meiner Person zu sprechen: selbst wenn ich einen bestimmten Blogger neulich nicht persönlich getroffen hätte, hätte ich mir Sorgen um ihn gemacht. Dazu habe ich ihn halt schon viel zu lange und zu gerne gelesen, als dass mir sein Schicksal gleichgültig wäre. Was soll daran verkehrt sein?

    Natürlich frisst das alles Zeit. Aber hat dir irgendein Marienhof-Mädel schon mal was in den Blog geschrieben?

    (wehe, wenn du jetzt „Ja“ sagst …)

  2. heinzkamke Says:

    @probek:
    ich stimme Dir in allen Punkten zu. Mit der kleinen Einschränkung, dass die Unterscheidung zwischen den beiden Welten zwar, wie Du sagst, im Grunde überholt ist; thematisiert wird sie gleichwohl immer wieder, wenn auch mitunter augenzwinkernd.

    Ganz ehrlich: ich war, wie in oben zitiertem Tweet angedeutet, ob der unmittelbaren Assoziation zu des Trainers Finger nicht nur belustigt, sondern auch etwas irritiert (etwa so, wie man sich manchmal wundert, wenn man unnützes Wissen über Jahrzehnte abspeichert). Und es erinnerte mich an vergleichbare Fälle mit Fernsehserien, sodass ich obigen Eintrag eine Weile mit mir herumtrug, ohne mir dessen so recht bewusst zu sein.

    Der Gedankengang „Ich kenne doch jemanden mit einer ähnlichen Krankheitsgeschichte. Ach nein, ich kenne ihn ja gar nicht, sondern lese ihn ’nur'“ war dann der Auslöser, diese häufige gedankliche Vermischung von RL und eines „unreal“ life hier mal zum Thema zu machen (getreu dem Motto „Dinge, die mich beschäftigen“).

    Dabei steht übrigens außer Frage, dass Anteilnahme bei einer Erkrankung nicht verkehrt sein kann – ich hoffe, keinen anderen Eindruck erweckt zu haben.

    Danke für das AFK-Zitat, sehr schön.
    ______
    wg. Marienhof:
    zwar haben sich irgendwann einige wenige anonyme KommentiererInnen hierher verirrt; ich bezweifle aber, dass sie aus dem Marienhof stammten. Dort hatte ich mich im Wesentlichen zu Studenten-WG-Zeiten aufgehalten, als dieses Serienzeug eine gewisse Eigendynamik entwickelte…

  3. steffi Says:

    weisste was? abgesehen davon, dass ich noch ein bißchen … äh … na, ich kann halt schlecht mit komplimenten umgehen (trotzdem danke!) … jedenfalls, ich hab den tweet von dir mit dem „was ins auge gekriegt“ damals direkt, sofort + augenblicklich gefavt: weil ich ohne nachdenken wusste, was gemeint war, und, einmal darauf hingewiesen, mir das ebenfalls kurz seltsam erschien. ist es aber eigentlich gar nicht. blogtexte und twitterkram sind oft sehr mit ihren autoren verwoben, weniger abstrakt, und die persönliche note ist vordergründiger als bei allen anderen textarten (mit ausnahme des tagebuchs). das unterscheidet sie von komplett ausgedachten geschichten in serien. die sind ja doppelt verfremdet, erst entstellt sie der autor des drehbuchs, danach entstellt sie der darsteller. nach doppelter abstraktion erkennt man ja untern umständen die eigenen eltern nicht mehr …

  4. heinzkamke Says:

    @Steffi:
    Bitte, gerne.

    „blogtexte und twitterkram sind oft sehr mit ihren autoren verwoben“

    Stimmt. Aber was hat das mit meinem Finger (oder dem des Trainers) zu tun? Würde Dein Argument nicht viel eher greifen, wenn es tatsächlich um Texte geht? Wenn ich beispielsweise die Kombination von „Schweinsteiger“ und „Länderspiele“ sofort mit des Trainers Zahl assoziierte, bei Cristiano Ronaldo unmittelbar an dessen innere Stimme und beim Stichwort „Kulturlandschaften“ an Dein Textilvergehen dächte? [Äh, was sollte das jetzt mit den Konjunktiven?]

    Das händische Entfernen eines Fremdkörpers aus dem Auge sofort mit dem Bild eines Blogschreibers zu verbinden, erscheint mir irgendwie anders. Es geht da um eine Geste, die ich selbst ausführe, die ich also in diesem Moment noch nicht einmal vor Augen habe, und die mich dennoch an ein Bild aus einem Blog, an einen Avatar erinnert.

    Ich will das gar nicht überbewerten, von Zusammenhängen zwischen visueller Wahrnehmung und eigener Erfahrung habe ich nicht die geringste Ahnung, und ich hab schon viel zu viele Worte über das Ganze verloren, und…und…und…, aber: es hat mich halt irritiert.

    Ist das völliger Quatsch?

  5. probek Says:

    Um mal die letzte Frage zu beantworten: Nö.

    (falls ich das „das“ richtig zugeordnet habe)

  6. heinzkamke Says:

    Zwar täte ich mich wohl selbst schwer, mein „das“ ganz exakt und sauber zuzuordnen; im Endeffekt heißt es wohl sowas wie „Ist es völliger Quatsch, zum einen irritiert zu sein und sich zum anderen ausführliche Gedanken darüber zu machen?“

    [Was vielleicht eine mir selbst gegenüber etwas wohlwollende Frage zur von Dir vorgegebenen Antwort ist.]

  7. probek Says:

    Dann bleibt’s bei: Nö, ist es nicht.

  8. rudelbildung Says:

    das war unvollständig gedacht von mir, bzw unvollständig vorgetragen. die verbindung bild/autor macht, dass man das bild anders ansieht. so ähnlich, wie man sich adressen besser merken kann, wenn man nicht nur die straße, sondern zusätzlich die kreuzung weiß. die chance, das im gedächtnis wiederzufinden, ist größer, weil mehrere informationen miteinander verlinkt sind. das ist aber gar nicht so internetspezifisch, an mein lieblingskinderbuch erinnere ich mich ja auch wegen der illustrationen und der menschen, die es mir vogelesen haben.

    ich finds übrigens keinen unsinn, sich über sowas gedanken zu machen.

  9. heinzkamke Says:

    @rudelbildung:
    Zwar bin ich noch immer nicht zu 100 Prozent überzeugt von der Analogie; allerdings würde das, wenn ich es in Worte zu fassen versuchte, dann doch stark an Herrn Beckmesser erinnern…

  10. Uwe Says:

    Eine schön geschriebene Eigeninterpretation und sicherlich ein Stück weit auch gefühlte Rechtfertigung der real existierenden Nutzung des Web 2.0, oder? Ich glaube, eine jeder Nutzer trägt sich ab und an mit dem Gedanken, ob er sich so der Außenwelt verschließt. Ich denke da an gelegentliche Kommentare meiner Frau: „Du sitzt nur noch vor Deinem Notebook“. Das mag zutreffen, aber dabei kommuniziere ich trotzdem, sitze ich doch neben ihr ;-). Und, wenn Real Life heutzutage „DSDS“. „GNTM“ und anderes Gedöns bedeutet, dann bin ich auch gerne, wie war das jetzt….unreal, aber dabei doch viel „lifehaftiger“. Widme ich mich doch den Dingen und den Menschen, die meine Hobbys teilen und mein Leben auf diese Art bereichern. Nichtsdestotrotz stellt das Internet einen schmalen Grad dar und ist für mich Fluch und Segen zugleich. In diversen social Networks zu Hause zu sein, ohne jemals einen Tür vor selbige gesetzt zu haben, nach Schule oder Arbeit direkt den Rest des Tages den Ego Shooter geben, usw. das stellt für mich unreal life dar. Nichts ersetzt das persönliche Gespräch, das abendliche Treffen an einem lauen Sommerabend im Biergarten, das Telefonat, die Umarmung, usw. Aber nach einem nach einem erelebten Spiel, Konzert, einem tollem Foto etc. das Erlebte zu bloggen, derüber zu twittern etc. ist gleichwohl real weil persönlich erlebt. Ich stelle mir vielmehr die Frage, warum blogge und twitter ich überhaupt, was will ich damit bezwecken oder ist es einfach nur die Bündelung vieler Hobbys ? Keine Ahnung. Sicherlich ein Stück verbaler Selbstbefriedigung, aber eben real erlebt.

    • heinzkamke Says:

      Zustimmung.
      [Einerseits fühle ich mich jetzt schlecht, nachdem ich zuvor stets ausführlich geantwortet hatte und jetzt so kurz. Andererseits ist „Zustimmung“ ja eine ziemlich weit reichende Aussage.]


  11. […] echt genauso, wie sie schreiben. Meine bisherigen Treffen mit diesen anonymen Internetmenschen im echten Leben bestätigten das ausnahmslos. Deswegen rücken wir mal alle etwas zusammen und machen ein […]


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