Normalität

20. Mai 2016

Gestern fand das Hinspiel der diesjährigen Relegation um den letzten verbleibenden Bundesligaplatz für die kommende Saison statt. Es wurde überschattet von den Geschehnissen um den offenbar schwer erkrankten Marco Russ, und vor allem anderen wünsche ich ihm von Herzen eine baldige und vollständige Genesung.

Nicht ganz unerwartet verschob sich das öffentliche Interesse im Vorfeld des Spiels zusehends weg vom rein Sportlichen hin zum Schicksal des Spielers; die als bewusste Geste interpretierte Entscheidung, ihn und nicht den etatmäßigen, aber lange verletzten Spielführer Alex Meier die Kapitänsbinde tragen zu lassen, verstärkte diese Tendenz weiter. Die Geschichte des Spiels ist bekannt: Russ brachte seine Mannschaft durch ein Eigentor in Rückstand, das bundesweite Aufstöhnen war zu erahnen, das Bedauern schmerzte körperlich. Der Wille, seinen Lapsus auszumerzen, war ihm fortan deutlich anzumerken – es war schließlich ein Relegationsspiel – und später sah er nach einem Foul eine gelbe Karte, die eine Sperre für das Rückspiel zur Folge hat.

Dass die sportliche Betrachtung angesichts der Vorgeschichte ein wenig in den Hintergrund rückte, war wohl unvermeidlich und ist im Grunde zu begrüßen: natürlich steht die Gesundheit über allem, und es ist beruhigend, dass die individuellen Kompasse hier in der Regel verlässlich funktionieren. Gleichzeitig boten die Begleitumstände – der Dopingverdacht, der Zeitpunkt der Veröffentlichung, die Kapitänsbinde – auf der einen Seite zu viel Gesprächsstoff. Auf der anderen Seite zeigten sie auch echten Diskussionsbedarf auf: zum Vorgehen der Staatsanwaltschaft angesichts des Dopingverdachts, vielleicht auch zu den dahinter liegenden Regularien, zum kolportierten Veröffentlichungsdruck, der – wieder einmal – von mindestens einem Medium ausgeübt worden sei, oder zum fernsehjournalistischen Umgang mit der Thematik vor, während und nach dem Spiel. Zu all diesen Facetten liegt bestimmt eine Vielzahl von Einschätzungen und Analysen vor; mein Thema sollen sie im Einzelnen nicht sein.

Dies gilt analog für die Äußerungen der Herren Weiler und Schäfer nach dem Spiel. Auch dazu ist man, gewünscht oder nicht, vielfältigen Meinungen und Einlassungen begegnet. Eine angemessen differenzierte Betrachtung fand ich beispielsweise beim geschätzten Herrn @Surfin_Bird:

Ich weiß, Herr Schäfer hat sich in recht deutlichen Worten von seinem dummen Interview distanziert, immerhin, und wer wäre ich, ihm zu widersprechen?

So etwas darf mir nicht passieren, das ist absolut nicht in Ordnung.

Stimmt. Das hätte ihm auch vorher bewusst sein müssen. Vielleicht hat er etwas daraus gelernt und denkt künftig einen Schritt weiter. Auch René Weiler wurde mit vernünftigen Worten zitiert, mehr Zeit möchte ich darauf nicht verwenden.

Was mich indes seit gestern Abend immer wieder beschäftigt, ist die Frage, die @Dagobert 95 gestellt hat, bzw. die Antwort von @ColliniSue:

Ist das so? Ist es so außergewöhnlich, dass Marco Russ spielen wollte? Also ganz abgesehen davon, dass eine solche Erkrankung per se im Profifußball eher außergewöhnlich ist? Seit gestern versuche ich mir vorzustellen, wie sehr er aus der Bahn geworfen war und ist. Er hatte das verstörende Ergebnis einer Dopingkontrolle erhalten, das entweder seine berufliche Existenz oder, viel schlimmer, seine Gesundheit massiv bedrohte. Ärztliche Untersuchungen, juristische Erwägungen, Gespräche mit der Familie natürlich, Überlegungen zu einer Veröffentlichung, und über alledem: Ängste. So stelle ich mir das vor, und die Realität dürfte eher drastischer sein als meine Gedanken.

Liegt es da nicht nahe, sich ein wenig Normalität zu wünschen? Ist es vielleicht beruhigend, all jene Rituale ablaufen zu lassen, die man in vielen Jahren als Profi für die 24 Stunden vor einem Fußballspiel verinnerlicht hat, voll fokussiert, zumal vor einem besonderen Spiel? 24 Stunden, in denen es gelingen könnte, diese beschissene Diagnose, deren Auswirkungen man nicht so ganz greifen kann, die vielleicht auch die Ärzte nur unzureichend einschätzen und beschreiben können, phasenweise ein wenig in den Hintergrund zu rücken?

Ich weiß nicht, ob dem so ist; glücklicherweise war ich noch nie in einer derart existenziellen Situation. Aber überraschen würde es mich nicht. Und wenn dann noch die Ärzte sagen, dass es keinen Unterschied ausmache, ob die Therapie drei Tage früher oder später beginnt, ob die Operation morgen oder erst in der kommenden Woche stattfindet, und wenn man sich als Betroffener gar vorstellt, dass – was eine höhere Macht verhüten möge – das bevorstehende Spiel möglicherweise das letzte auf diesem Niveau sein könnte, dann finde ich es, auf Basis all dieser Vermutungen und Hypothesen, alles andere als ungewöhnlich, dieses Spiel bestreiten zu wollen.

Eine ganz andere Frage ist die, ob die Verantwortlichen in Frankfurt, der Trainer, die Ärzte, vielleicht die Psychologen, eine Pflicht gehabt hätten, Russ von vornherein herauszunehmen, ihn zu schützen vor all dem, was da auf ihn einstürzen würde. Kann ich nicht beantworten. Ich kann mir allerdings nur schwer vorstellen, dass bzw. wie Niko Kovač, sofern keine medizinische Indikation vorliegt, Marco Russ hätte sagen wollen, dass er ihn nicht berücksichtigen werde.

Aber letztlich ist das alles irrelevant. Vielleicht ist es unangemessen, diese Überlegungen hier öffentlich zu machen, bloße Spekulationen um einen erkrankten Menschen und dessen Beweggründe, an einem Fußballspiel mitzuwirken. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich Ihre Zeit gestohlen habe.

Abschließend wünsche ich Marco Russ nochmals alles Gute für die nächsten Wochen und Monate. Ich würde mich unsagbar freuen, ihn in absehbarer Zeit vollständig genesen wieder irgendwo mit seinen beiden Kindern an der Hand zu sehen. Wenn er noch dazu Fußballschuhe trägt: schön.


Fußball schauen? Ja – Nein – Vielleicht.

14. Mai 2016

Ich weiß nicht, ob ich mir das Spiel am Samstag ansehen werde. Was schon mal deutlich anders klingt als zu Wochenbeginn. Da hatte ich mit der Saison komplett abgeschlossen. Abstieg. Ohne “Mund abputzen!”, ohne “Weitermachen!” Einfach einen Haken dran, wer interessiert sich schon für Perspektiven? Den Blick nach vorn könnt Ihr behalten. (Gebt uns ruhig die Schuld!) Quasi ein Hinnehmen der Realität bei gleichzeitiger völliger Verweigerung derselben. Sich voll inwendiger Inbrunst von der ersten Liga verabschieden, aber dem Gedanken, dass der Verein gegen den FC künftig nicht mehr in Augsburg, Köln, Ingolstadt oder München spielt, sondern in Aue, Heidenheim, Berlin und Kaiserslautern, keine Chance geben, sich zu entfalten. Das menschliche Gehirn.

Und dann dieser schleichende Prozess der Wiederannäherung an die Hoffnung. Wie schon in der Vorwoche. Da war ja auch schon alles verloren. Nach Bremen, Sie erinnern sich, die Hilflosigkeit, die Sprachlosigkeit. Die Ratlosigkeit. Das Momentum. Wir würden alle sterben! Und dann, zwei Tage später, diese Überraschung beim Blick auf die Tabelle: Äh, das sieht ja gar nicht so schlecht aus, wie ich es mir in meinem Fatalismus ausgemalt habe. Nur Mainz schlagen, dann wird das schon. Mainz, ich bitte Sie! Klar, die wollen in Europa möglichst hoch einsteigen, aber im Grunde sind sie doch längst zufrieden, und die Stuttgarter haben nun wahrlich was gutzumachen, und das werden sie auch, et hätt noch immer joot jejange.

Weil das dann auch so prima geklappt hat, haben wir diesen Ablauf in der Folgewoche einfach noch einmal durchgespielt. Erst jede Hoffnung fahren lassen, dann zynisch werden, dem Fußball abschwören, dem Leben am besten gleich mit, dem Verein sowieso, dann die ersten Menschen hören, die Zuversicht verbreiten, sich mit der Tabelle befassen. Äh, das sieht ja gar nicht so schlecht aus, wie ich es mir in meinem Fatalismus ausgemalt habe. Nur Wolfsburg schlagen, dann wird das schon, ich bitte Sie! Die können ja noch nicht mal mehr in Europa einsteigen, Ach so, ja, und die Eintracht sollte dann auch noch gewinnen, nun gut. Aber das ist ja auch nicht so abwegig.

Redet man sich ein. Und sobald man dann wieder rational an die Sache herangeht, und hier wird der Unterschied zur Vorwoche dann deutlich, gesteht man sich ein, wie unwahrscheinlich es doch ist, dass allein der VfB seinen Teil dazu beiträgt, an den Relegationsspielen teilnehmen zu dürfen.

Neulich hat mich jemand gefragt, wie sehr mich ein Abstieg schmerzen würde, auf einer Skala von 1 bis 10. Ich wusste keine Antwort. Es übersteigt noch immer, trotz jahrelanger Vorbereitung, meine Vorstellungskraft. Den Gedanken, dass der VfB aller Voraussicht nach mindestens ein Jahr lang nicht mehr bei den Großen mitspielen darf, habe ich noch nicht durchdrungen. Das wird kommen, wenn die Saisonvorbereitung (Manchester City oder anderes Fallobst, kennt man ja) ein paar Wochen früher beginnt, wenn die ersten Spiele anstehen, wenn die Dauerkarte unverhofft nur noch halb so teuer ist, ähem, wenn man sich bei Twitter mit ganz anderen Leuten als je zuvor über die noch immer nicht terminierten Spieltage echauffiert. So glaube ich zumindest. Aber wer weiß, vielleicht verweigert man die Einsicht ja auch komplett?

Nehmen wir die CDU. Die hat ihren Abstieg gedanklich noch immer nicht durchdrungen. Sieht sich heute, fünf Jahre nach dem Erdbeben von 2011, noch immer als qua Weltordnung stärkste Partei im Land. Hat jahrelang von Erneuerung geredet und darüber die Erneuerung vergessen. Hat der Regierung ins Stammbuch geschrieben, sie müsse endlich das Regieren lernen, ohne selbst in ihre Oppositionsrolle hineinzufinden. Klar, wieso sollte man auch, war ja klar, dass man sich das nur für eine Periode lang würde antun müssen. Und was soll ich sagen? So ist es gekommen. Also so ungefähr.

Aber ich schweife ab. Könnte jetzt von der Erneuerung des VfB reden. Aber lassen wir das. Heute nicht. Oder über all das, was ich im letzten halben Jahr so schreiben wollte und nicht schrieb. Sie müssen jetzt stark sein: der Kelch ging nicht vorüber, ein Teil davon kommt noch. Irgendwann. Ach so, aber ein Satz doch noch zur Erneuerung, vielleicht auch zwei oder zehn: Neu beim VfB ist zumindest, das er sich auf Blogs einlässt. Sie wissen schon, diese Internettagebücher, in denen Menschen gelegentlich Dinge angedacht haben und meinen, sie mit der Welt teilen zu müssen. Eines dieser Tagebücher fanden die beim VfB kürzlich mal nicht so toll, es liegt by the way in diesem Netz gleich nebenan.

Ich kann nachvollziehen, dass der Verein das Blog nicht so mag. Da steckt dann halt doch ne Menge Kritik drin. Kritik, deren Berechtigung ich in vielen Fällen weder veri- noch falsifizieren kann, in einer sehr selbstbewussten, stilistisch bemerkenswerten Art und Weise vorgetragen. Kann man als Leserin mögen, kann man auch nicht mögen, keine Frage. Mir persönlich gefällt der Stil sehr gut, gefällt der Tonfall nicht immer, gibt der Inhalt häufig zu denken, ist die Mission mitunter arg präsent, aber: Geschmackssache.

Vermutlich ist es auch Geschmackssache, ob sich der Verein derlei Kritik bieten lassen soll oder nicht, und vor allem: wie er gegebenenfalls darauf reagiert. Meinem persönlichen Geschmack entsprechen kostenbewehrte Abmahnungen zu Lasten von Bloggern und Fans nur sehr bedingt, oder, in einer in diesem Internet etwas verbreiteteren Darstellungsform (Sie kennen das, gerade bei Twitter, “und jetzt weiß ich auch nicht” oder andere sprachliche Manierismen), was ich also sagen will: Natürlich kannst Du als größeres Unternehmen einen unliebsamen Blogger zur Kasse bitten, aber dann bist Du halt scheiße.

Und nein, ich weiß nicht im Detail, welche Art der Kommunikation zwischen den Streitparteien abgelaufen ist, und ja, ich kann mir gut vorstellen, dass der Beklagte (nicht im juristischen Sinne, da kenne ich mich nicht aus) wenig Anstalten machte, beim ersten leichten Gegenwind zu Kreuze zu kriechen oder mit weit ausgebreiteten Armen auf den Kläger zuzugehen. Jenen Kläger, der, von all jenen zahlreichen Vorwürfen, die der Beklagte im Lauf der letzten Monate vorbrachte, einen eher so mittelspektakulären zum Anlass für eine Abmahnung nimmt. Honi soit qui mal y pense.

Ach, genug. Am Samstag spielt der VfB. Ich sollte mich so langsam mal vorbereiten. Für den Fall, dass ich es sehen möchte.


vierundzwanzig/zwanzigfünfzehn

24. Dezember 2015

Die vierundzwanzig kommt, ich spür die Last
und wär gern die Verantwortung geflohn.
Wen soll ich bloß verstecken? Uwe Hohn?
Mike Kluge, Wülbeck, Redgrave? Nahm ich fast!

Dann Klimke, Shouaa, Erdmann – hätt’ gepasst.
Hab mich mit Boxen, Schwimmen (hier: synchron),
Li Ning und “Skicross-Oma” Gutensohn,
klammheimlich gar mit Skrimshander befasst.

Doch letztlich kann ich nicht aus meiner Haut
und werde – mancher hatte schon geunkt –
zum Abschluss in die Achtziger geleiten.

Ihr Zahlencode ist jedem Fan vertraut:
eins dreiundfünfzig achtundzwanzig. Punkt.
Fünf Ziffern bloß. Das Mahnmal jener Zeiten.

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Bevor es untergeht, und wer weiß, wann ich es schaffe, mich hier abschließend zu äußern und das Ganze vielleicht auch noch einmal, Sie wissen schon, Paroli laufen zu lassen, ist es mir ein wichtiges Anliegen, all jenen, die in den letzten 24 Tagen mitgelesen, mitgeraten, kommentiert und mit ihrem Wissen brilliert oder sich vielleicht auch mal nach eigener Wahrnehmung ein kleines bisschen zum Affen gemacht haben, wie auch jenen, die den Kalender per Twitter, in Blogschauen oder Kommentaren verbreitet haben, sehr herzlich zu danken, und gleichzeitig, und der eine oder die andere mag bereits gemerkt haben, dass ich es zunehmend bewusst darauf anlege, diesen Absatz nicht durch einen schnöden Punkt in mehrere Abschnitte, vulgo: Sätze zu teilen, gleichzeitig ist es mir also ein Bedürfnis, all jenen, die mir bis hierher gefolgt sind, und gerne auch allen anderen, die sich irgendwann im Lauf des Jahres 2015 hierher verirrt haben, ein gesegnetes Weihnachtsfest im Kreise ihrer Lieben, ein bisschen Erholung und dann einen fulminanten Start in das Jahr 2016 zu wünschen!

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Hintergründe zum Kalender.
Kommentare zu Sportart und Identität wären schön.
Bleiben aber zunächst verborgen. Spannung und so.


dreiundzwanzig/zwanzigfünfzehn

23. Dezember 2015

Der Glaube macht’s den Sportlern nicht so leicht.
Man denke nur an religiöses Fasten.
Und an den Typen in Mallorcas Kasten,
der ob der Kund’ vom Untergang erbleicht.

Ein andrer hat die Haltung aufgeweicht:
Er war bereit, den Sonntag anzutasten.
Die Gegner ahnten Unbill: Was dn? WAS DN?
Er legte los, ist heut noch unerreicht.

Der Sinneswandel kam nicht hopplahop,
doch step by step begann er zu verstehn
und jumpte schließlich freudig hin und her.

Er hatte festgestellt, ich kürz’ salopp:
Der Herrgott will ihn als Athleten sehn.
(Paar Jahre später glaubte er nicht mehr.)

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Hintergründe zum Kalender.
Kommentare zu Sportart und Identität wären schön.
Bleiben aber zunächst verborgen. Spannung und so.


zweiundzwanzig/zwanzigfünfzehn

22. Dezember 2015

Die Leser hier, Verzeihung, sind auf Drähtchen
und wissen gleich, woran wir heute sind:
Sie ist der Deutschen allerliebstes Kind –
die Sportart eh, und ebenso das Mädchen.

Die Ultras drehn vorm Fernsehn gern am Rädchen.
Die Sportler auch – das liegt dann meist am Wind.
Der lässt sie kalt, weil sie halt anders gwinnt.
Danach geht’s heim ins Dorf (noch nicht mal Städtchen).

Der Trachtenholzschnitt wirkt bei ihr ganz echt
und eignet sich für Strick- und Harfenwitze –
meist sind sie fad und oftmals richtig schlecht.

Doch weil sie, wie es heißt, Humor besitze,
kommt ihr das Landhausstilklischee grad recht –
die Reaktion, die sie drauf zeigt, ist: Spitze.

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Hintergründe zum Kalender.
Kommentare zu Sportart und Identität wären schön.
Bleiben aber zunächst verborgen. Spannung und so.