Ein Jammer

5. März 2015

Lieber Mehmet Scholl,

seien wir ehrlich: als offene Briefe verkleidete Blogtexte sind Quatsch. Sie geben vor, sich an prominente Menschen zu richten, zielen letztlich aber doch nur darauf ab, ein paar herumlungernde Stammleserinnen und -leser zu unterhalten, indem man, in der Regel, deren Erwartungen erfüllt, oder, seltener, sie auch einmal zu überraschen versucht. Der Prominente wird das Geschriebene niemals zu lesen bekommen, der Autor aber hat es ihm gezeigt.

Wobei: eigentlich will ich es Ihnen ja gar nicht zeigen. Ich mag Sie schließlich. Schon lange. Sie sind unwesentlich älter als ich, gerade mal ein Fußballjahr, zumindest nach damaliger Rechnung, als wir jung waren und Jugendmannschaften noch nicht nach Kalender-, sondern nach Schuljahren eingeteilt wurden. Damals wirkte der Relative Age Effect noch zugunsten der im zweiten Halbjahr geborenen Nachwuchshoffnungen, also für Sie und gegen mich, und wer weiß, ob nicht andernfalls Sie … ich … ach, Verzeihung, ich schweife ab. Was ich sagen wollte: ich habe Ihre Laufbahn recht genau verfolgt, seit Sie die große Bühne betraten. Und ja, auch Karlsruhe ist schon eine ziemlich große Bühne.

Damals hätte ich Sie vermutlich geduzt, und wenn ich ehrlich bin, tue ich das auch heute noch, in Ihrer Abwesenheit, in der dritten Person, wenn Sie verstehen, was ich meine. Mittlerweile sind wir erwachsen und seriös geworden, und ich finde das “Sie” ganz angemessen. In Sachen Anrede bin ich indes bei “lieber” geblieben und hoffe, das ist in Ihrem Sinne. So ein “sehr geehrter” schafft dann ja doch eine ziemliche Distanz, die ich so nie empfunden habe. Wobei: Sie wollten ja irgendwann mehr Distanz. Und haben sie erfolgreich aufgebaut.

Doch zurück zum Sport. Ich fand das immer ziemlich schick, was Sie auf dem Platz gemacht haben, in Karlsruhe wie in München, und wie Sie diesen anderen kommenden Großen des Weltfußballs, den Herrn Sternkopf, in den Schatten gestellt haben, das war schon nach meinem Geschmack. Etwas weniger erquicklich ist, verzeihen Sie, wenn ich es so offen anspreche, Ihre WM-Bilanz, und dass Herr Vogts gerade Sie im Finale 1996 ausgewechselt hat, werde ich ihm vermutlich nie verzeihen. Ich werde ihm deswegen keinen offenen Brief schreiben, was sollte ich auch sagen, der Erfolg gab ihm ja recht, aber mit the beautiful game hatte das nichts zu tun.

Zugegeben: den Spruch mit den Grünen und dem Baum fand ich noch nie sonderlich lustig, aber abgesehen davon hat mir Ihr Schalk auch abseits des Spielfelds meist recht gut gefallen. Klar, Sie gefielen sich auch in der Rolle, damals, als wir noch nicht beim seriösen Siezen angekommen waren, und wollten Erwartungen erfüllen, doch irgendwann hatte sich das dann erledigt. Ich würde nicht von Altersweisheit reden wollen, aber Ihre Außendarstellung veränderte sich schon sehr, ist ja hinlänglich erzählt, und irgendwie erinnerten Sie mich in dieser Zeit immer auch so ein bisschen an Andre Agassi, unabhängig vom Haarwuchs.

Ähnlich wie bei Agassi war mir auch Ihr sportliches Spätwerk eine große Freude. Es fiel in eine Zeit, zu der es nicht allzu viele deutsche Spieler gab, die in der Lage waren, in einem Dribbling zu bestehen, zumindest nicht gegen gut geschulte Verteidiger, wie man sie im internationalen Fußball vorfand, und da fielen Sie auch als Teilzeitarbeiter ganz besonders auf, dem langjährigen Sympathisanten sowieso. In diese Zeit fiel wohl auch mein Kontakt mit dem Customer Relationship Management des FC Bayern München: ich hatte einem guten Freund ohne jeden Skrupel ein Scholl-Trikot zukommen lassen. Dass ich seither immer mal wieder Post von Herrn Rummenigge bekomme, würde ich nicht auf der Habenseite unserer Beziehung – also Ihrer und meiner – verbuchen.

Danach vergrößerten Sie die Distanz weiter. Gingen kegeln, ohne allzu sehr damit zu kokettieren. Mir gefiel das. Nicht das Kegeln, das ist mir egal, aber dass Sie sich erst einmal ein bisschen rar machten. Und souverän – was waren Sie souverän! Selbst als Sie dann doch zurück ins Rampenlicht traten, bei der ARD, blieben Sie ziemlich lässig. Sie nahmen sich einen eigenen Stil heraus, modisch wie sprachlich, nebenbei auch musikalisch. Der eine beinhaltete für meinen Geschmack zu zugeknöpfte Hemden, der zweite nutzte sich ein bisschen ab. Manchmal steckte arg viel Netzer und Delling drin, fast schon Boerne und Thiel, einfach zu viel gewollte Witzigkeit. Regelmäßig auch Witz, dann war’s schön, und ist es noch. Ungeachtet der Sidekicks. Den Musikstil besprechen wir ein andermal.

Vielleicht hört man heraus, dass ich Sie immer noch ziemlich klasse finde, mich aber auch manchmal geärgert habe. Über Ihre wohlfeile Zuspitzung der latenten Kritik an Mario Gomez, Sie erinnern sich, oder über die zu enge Hose, die Sie auf der Waldau beim einzigen Spiel trugen, in dem ich Sie als Trainer erlebte. Aber das ist vielleicht gar nicht so relevant. Insgesamt blieb ich schon auf Ihrer Seite. Selbst dann noch, wenn professionelle Taktikerklärer Ihre Analysen auf Stammtischniveau verorteten. Vielleicht auch deswegen.

“Souverän” nannte ich Sie vorhin, von der nötigen Distanz sprach ich. Ich schrieb Ihnen die Fähigkeit zu, Dinge einzuordnen, Prioritäten zu, hielt und halte Sie für einen denkenden Menschen.

Und so empfinde ich es als Beleidigung meiner Intelligenz und der von Millionen anderer Fernsehzuschauer, und explizit auch als Beleidigung Ihrer eigenen Intelligenz, wenn Sie sich nicht entblöden, all diesen Menschen die hundertfach durchgenudelte und dabei nicht wahrer gewordene Mär aufzutischen, dass Doping im Fußball nichts bringe. Wenn Sie uns wider besseres Wissen die Sache mit der zu hohen Komplexität erzählen wollen. 

Es entsetzt mich, dass sie zu glauben scheinen, sportinteressierte Menschen ließen sich nach Jahrzehnten der Dopingaufklärung, nach Lance Armstrong, Marion Jones und Johann Mühlegg, nach österreichischen Langläufern, italienischen Fußballmannschaften und deutschen Radfahrern noch immer für derart dumm verkaufen.

Mal ganz davon abgesehen, dass mich diese Bei-uns-ist-alles-anders-Haltung in allen möglichen Lebensbereichen ankäst, weil “wir” anders sind, toller, komplexer, individueller, unvergleichlicher: die Vorstellung, dass Substanzen, die Sportlerinnen und Sportlern verschiedenster Disziplinen helfen, schneller wieder fit zu werden, länger belastbar zu bleiben, sich rascher zu erholen, und dass Wirkstoffe, die einen schneller, ausdauernder, schmerzunempfindlicher werden lassen, einem Fußballspieler ob der Komplexität des Spiels leider nicht helfen würden, ist beinahe so bizarr wie der Gedanke, dass Sie ernsthaft glauben könnten, was Sie da gesagt haben.

Und, mal im Ernst: “jede Menge Dopingkontrollen”? Seit wann ist das denn wieder ein valides Argument? Und “Medikamente für Kinder”? Mit so einem billigen kleinen Spruch wollen Sie uns abspeisen? Da hätte ja noch nicht mal Delling gelacht.

Sehr geehrter Herr Scholl, es war wirklich schön mit uns. Und vielleicht wird es das auch wieder, wenn Sie irgendwann diesem Geheimbund abgeschworen haben, wo nicht sein kann, was nicht sein darf. Für den Moment ist meine Zuneigung eine ziemlich enttäuschte.

Wenn ich es mir recht überlege, würde ich es Ihnen, den einführenden Ausführungen zum Trotz, vielleicht doch ganz gerne zeigen. Wo der Barthel den Most holt, meinetwegen. Oder zumindest, wie enttäuscht ich bin.

Ja, meine Enttäuschung ist irrelevant, für Sie, für die Fans, für die paar Leser hier, bald auch für mich. Aber ich würde schon gerne schreiben, drohen geradezu, dass der Fußball und seine Exponenten irgendwann einmal von ihrem hohen Ross herabsteigen müssen, weil sie sonst … weil sie … weil er … weil die mündigen Fans … ach, es wird ihm ja eh nichts geschehen, und Sie werden weiterhin so tun dürfen, als sei der Fußball nicht nur der zweifellos schönste Sport der Welt, sondern auch der zweifelhaft sauberste, besonderste, unvergleichlichste. Es ist ein Jammer.

 

Mit Grüßen
Heinz Kamke


Pussy, Nazis und Idioten

27. Februar 2015

Im Grunde hatte ich mir das Ganze ja recht schön ausgemalt. Ein Sieg gegen Dortmund würde uns allen guttun: den Spielern, den Fans, dem Verein, meinetwegen auch Huub Stevens und dem Sportdirektor, bei dem ich immer noch ein bisschen erschrecke (wertneutral, natürlich), wenn er sich zum VfB äußert: Ich frage mich dann meist kurz, ob es schon wieder so weit ist, dass neben dahergelaufenen Ex-Bundesligaspielern auch dahergelaufene Ex-Bundesligatrainer eine Bühne bekommen, auf der sie über den VfB reden dürfen, um dann einigermaßen zerknirscht einzuräumen, dass sich die Zeiten halt manchmal ändern und dass ich die Geschehnisse im und um den Verein eine gewisse – noch immer andauernde–  Zeit lang nicht so intensiv verfolgen konnte, wie ich das vielleicht gerne täte. Die Gründe sind vielfältiger Natur, nicht immer schön, wiewohl mit deutlich positiver Tendenz, und gehören darüber hinaus nicht hierher.

Dennoch habe ich natürlich mitbekommen, dass Robin Dutt beim VfB das sportliche Sagen hat. Ich vergesse es nur manchmal. Zudem weiß ich, dass die hiesige Medienlandschaft eins und eins zusammenzählen kann und deshalb gegenwärtig auf der Trainerposition bereits mit dem “Plan B” in Person von Alexander Zorniger liebäugelt, der ja nicht nur eine Stuttgarter Vergangenheit hat, sondern noch dazu – Achtung! – aus der Region kommt, zudem in Vereinskreisen bestimmt als junger Konzepttrainer gilt und zudem – tadaa! – gerade auf dem Markt ist. Wäre doch gelacht! (Wobei: Uwe Rapolder. Die Mutter aller Konzepttrainer hat den Markt betreten. Jetzt wird’s eng.)

Aber ich war beim Ausmalen. Und ja, ich hatte mir auch ausgemalt, diesen Sieg gegen Dortmund dann auch, um mit Francis Durbridge zu sprechen, plötzlich und unerwartet in schriftlicher Form zu kommentieren, hier auf diesem Bildschirm – wohl wissend, dass ich mich damit wieder einmal als reiner Erfolgsblogger zu erkennen geben würde (♫ Write when you’re winning ♫, Sie wissen schon), und ja, ich malte mir die entsprechenden Breitseiten aus der Twitterblase bildlich aus.

Im Lauf des Spiels ging ich dann sogar so weit, mir schon sehr genau auszumalen, wie der Titel des Textes lauten würde: “Pussy, Nazis und Idioten”. Allerdings, so lautete zunächst die Einschränkung, an die ich mich rückblickend dann doch nicht halten würde, müsste dazu zunächst das Spiel die gewünschte Wendung nehmen – zumindest in Sachen Pussy. Die Pussy, das ist nämlich Moritz Leitner. Der trägt nämlich manchmal Handschuhe und wirkt auf dem Platz gerne mal wie jemand, der sich für einen Feingeist hält. Da liegt die Pussy dann natürlich auf der Hand. Lustig, nicht wahr?

♫ Hey Pussy Leitner, tollahi tollahej tolla hoppsassa ♫, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob der zweite Teil tatsächlich so lautet – die Künstler sind in der Regel doch ziemlich pussyfixiert, da geht der Rest des Gesangs schon mal ein bisschen unter.

Wie auch immer: jener Moritz Leitner wurde am Freitag eingewechselt, beim Stand von 1:2, als durchaus noch ein bisschen was drin gewesen wäre, hätte man die Dortmunder Abwehr mit der einen oder anderen Herausforderung konfrontiert. Also mit Maxims Spielwitz, zum Beispiel, oder den Dribblings von Filip Kostic. Der Trainer entschied sich aber für den jungen Herrn Leitner, was mich in jener Situation eher überraschte und eher nicht überzeugte.

Vermutlich ging es den Pussyfreunden ähnlich, und so stimmten sie ihr lustiges Liedlein an, und nicht wenige im Stadion gaben lauthals pfeifend den Backgroundchor. Kann man mal machen, nicht wahr? Im Abstiegskampf, im direkten Duell mit einem Mitbewerber (um den Klassenerhalt, Sie verstehen schon) in der 60. Minute erst einmal dem eben eingewechselten Spieler, der vermutlich den Auftrag hat, das Offensivspiel aus einer strategisch wichtigen Position heraus zu beleben, zeigen, was man von ihm hält, nämlich offensichtlich nichts.

Dass er diese Einschätzung letztlich alles andere als widerlegt hat, dürfte unbestritten sein. Und es wäre mir zu billig, eine Kausalität zwischen den Pfiffen und der anschließenden Leistung in Erwägung zu ziehen. Aber ja, ich frage mich schon, was man sich von solch einer Missfallenskundgebung verspricht. Dass der Trainer ihn gleich wieder auswechselt? Gute Idee. Dass der Trainer für die Zukunft weiß, was er gefälligst zu unterlassen hat? Auch schön. Dass der Sportdirektor einen Hinweis erhält, wie groß das publikumsseitige Interesse an einer Ausweitung oder gar Umwandlung des Leihgeschäfts ist? Hat Priorität. Dass der Spieler sich an der Ehre gepackt fühlt und es allen zeigt? Brillant! Vielleicht nicht total wahrscheinlich, aber zweifellos brillant.

Wie gesagt: wahrscheinlich war es nicht, aber ich hoffte doch sehr darauf. Zum einen, weil mir der Erfolg der Mannschaft am Herzen liegt, zum anderen, weil ich sehr gerne noch einmal mitgesungen hätte. So ein beherzt hinausgejubeltes “Hey, Pussy Leitner, holladiirgendwas”, nachdem die Pussy den Ausgleich geschossen hat, wäre mir eine innere Sexismusdebatte gewesen, und manches mehr. Tja, so hatte ich mir das ausgemalt, aus niedersten Beweggründen.

Tatsächlich fügte sich Leitner indes naht- und folgerichtig mutlos in das Spiel des VfB ein – lediglich Florian Klein hatte sich bis dahin mutig tollkühn an und in ein paar hoffnungslose Dribblings gewagt –, und ja, es war deprimierend. Glücklicherweise liegt das Spiel mittlerweile schon wieder so lange zurück, dass ich mich kaum noch an Details erinnern kann. Weder an die Dortmunder Gnade oder Unfähigkeit im Konterspiel (Wie konnte es überhaupt zu Dortmunder Kontern kommen?) noch an die Stuttgarter Angriffsaktion bis zur 85. Minute. Ja, ich bin mit den gängigen Ausprägungen des Numerus vertraut.

Nebenbei sei kurz erwähnt, dass ich zwar, wie oben beschrieben, bis dato nur sehr wenig von der Rückrunde sehen konnte, weder vom VfB noch von der Bundesliga insgesamt, und auch das Hannover-Spiel wird sich wohl wieder ohne mein Zutun abspielen müssen; ich will aber nicht ganz verschweigen, dass ich auch schon das Heimspiel gegen den, ähem, traditionellen Südrivalen aus München gesehen hatte, Sie wissen schon, jenes Spiel, auf das ganz München immer monatelang hinfiebert. Ja, manches spricht dafür, dass ich einer dieser Eventfans bin, die sich nur die Spiele gegen die ganz großen Gegner ansehen.

Im Laufe jenes Spiels ergab es sich – ich brauchte einen Moment, um es zu kapieren – dass irgendwo in unserer Nähe geistreiche Grüße an den Gast gesandt wurden, nach der Melodie von “We’re not gonna take it”: ♫ Schwule und Zigeuner ♫, hieß es da in Richtung des Münchner Fanblocks der sich wieder einmal recht weit in Haupt- und Gegentribüne hinein erstreckte, gerne auch mit schwäbischem Idiom, aber des Menschen Wille, Sie wissen schon.

Doch zurück zum wichtigen Thema: Nachdem ich meine anfängliche Unglaubens- und die Sprachlosigkeitsphase überwunden hatte, arbeitete es in meinem Kopf, doch nicht sehr erfolgreich. Ich überlegte mir, was ich beim nächsten Anlauf sagen würde. Der eine oder die andere mag sich erinnern, dass ich in einer ähnlichen Situation schon einmal eher hilflos mit Worten gerungen hatte.

Und mal ehrlich: “Hey, Ihr seid echt klasse, Homo- und Xenophobie in einem einzigen Gesang!” hätte vermutlich eher zur mitleidigen Erheiterung der Umstehenden geführt, wenn mir spätestens beim ersten Fremdwort der Satz abhandengekommen wäre, von der Aufmerksamkeitsspanne gar nicht zu reden, und Ironie funktioniert in so einer Situation ja ohnehin blendend, als dass es irgendwen beeindruckt oder beschämt hätte.

Gedanklich experimentierte ich auch mit Schwulenfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und was sonst noch so passte. Mit der Zeit verlor sich das Ganze ein bisschen, das Spiel ging seinen Gang, der Gesang kam nicht mehr. Ich regte mich hinterher noch eine Weile auf, doch nach ein paar Tagen hatte ich die Sache, die im Stadion nach meiner Wahrnehmung eine ziemlich lokale gewesen war, wieder vergessen.

Auch beim darauffolgenden Heimspiel – gegen Borussia Dortmund, Sie ahnten es – erinnerte zunächst nichts an jene Episode von vor zwei Wochen. Ich verfolgte das Spiel, war konzentriert, man steckt ja im Abstiegskampf, fiebert, schreit, unterstützt, leidet, und irgendwann nahm ich weit entfernt, nicht räumlich, da eher nah, die Melodie von “We’re not gonna take it” wahr, und langsam dämmerte es. Da war doch was gewesen, beim letzten Mal, und ja, in der Tat, da war es wieder:

“Schwule und Zigeuner!”

Ich erinnerte mich meiner damaligen Sprachlosigkeit, hatte noch immer keine schnell wirkende Antwort parat, ärgerte mich über mich selbst, und hörte zu meiner Überraschung, wie dann auch noch mein unmittelbarer, nicht zufälliger Nachbar mit in die Melodei einstieg (WTF!?).

Recht lautstark, übrigens:

“Nazis und Idioten!”

Einmal reichte.

Es mag natürlich Zufall gewesen sein, dass die Herrschaften so rasch wieder aufhörten, aber ich kann nicht recht daran glauben. Und ich will nicht. Nun liegt es mir fern, die Behauptung aufzustellen, mein Stadionnachbar neige dazu, komplexe Sachverhalte allzu sehr zu vereinfachen, gewiss nicht, er ist ein sehr reflektierter und diskussionsfreudiger Mensch; aber weniger umständlich ist er hin und wieder schon, und manchmal bringt er die Dinge einfach verdammt gut auf den Punkt. Ich verneige mich.

 


Die Hände! Zum Himmel!

15. Januar 2015

Nun ist dieses Jahr also auch schon wieder zwei Wochen alt, und im Blog ist immer noch Heiligabend. In meinem Kopf übrigens noch nicht mal das, fußballseitig, da ist eher 0:0 gegen Paderborn. Dass der VfB einen neuen Sportdirektor bekommen hat, war nicht zu überlesen; ansonsten war meine Weihnachtszeit angenehm fußballfrei, gedanklich, und ja, natürlich handelte es sich um Selbstschutz. Wer war nochmal dieser VfB?

Ganz allmählich stieg ich dann im neuen Jahr wieder ein und gebe auch gerne zu, den vielgeschmähten DFB-FIFA-Film gesehen zu haben, glücklicherweise weitgehend twitterfrei, und ja, er hat mir ein bisschen Freude bereitet. Erinnerungen getriggert, Sie wissen schon.

Erinnerungen rief bei manchen BeobachterInnen auch der bestürzende Tod von Junior Malanda hervor, des jungen Mannes also, “der das leere Tor nicht getroffen hat”, wie ich bei einem beruflichen Termin aufschnappte. Ich verstehe so etwas nicht, wirklich so gar nicht, aber ich habe zugegebenermaßen auch keine Lust, den Leuten dann einfach in die Fresse zu hauen. Doch, Lust schon, aber zum einen könnte ich es eh nicht, zum anderen wäre es wahrlich kein angemessenes Verhalten im Angesicht eines ums Leben gekommenen jungen Mannes, der die Welt erst noch erobern wollte.

Ich weiß nicht, wie ich nun wieder zum Fußball zurückkehren soll, ohne mir schäbig vorzukommen. Ok, mein Problem. Einige längere Autofahrten, die zu Jahresbeginn als Nebeneffekt unschöner Krankenbesuche nötig waren, gaben mir die Gelegenheit, mich fußballmäßig wieder ein bisschen einzuhören, in den Fußball aus England und Spanien, wo nicht nur geredet, sondern auch gespielt wurde, aber auch, meiner frühen Weihnachtsruhe geschuldet, noch einmal in den letzten Hinrundenspieltag.

Der Rasenfunk hatte sich bereits in die Winterpause verabschiedet, aber die Erben ließen sich nicht keine verfrühte Urlaubsstimmung nachsagen. Der hier außerordentlich geschätzte Schiiiedsrichterpodcast blickte kurz vor Weihnachten noch einmal auf die jüngsten Entscheidungen, auf die Lex Feuerherdt, auf Zicke Neuendorf und manches mehr. Darunter auch einige Äußerungen von Markus Gisdol im Rahmen einer Pressekonferenz, in der er, dem Zusammenschnitt zufolge, die Schiedsrichter und explizit deren Assistenten zunächst über den grünen Klee lobte, ehe er im weiteren Verlauf ähnlich deutliche kritische Worte für das Gebaren mancher vierter Offizieller fand, was in einem lauten Kopfschütteln ob der Aufforderung gipfelte, er möge die Hände unten lassen.

Die Erben begrüßten, nicht ganz überraschend, Gisdols Lob für die Zunft uneingeschränkt, und, ebenfalls nicht ganz überraschend, die Kritik nur so halb. Sie sprachen über Kommunikationsdefizite zwischen Trainern und Schiedsrichtern, die hier bitte als partes pro toto für die vier Teammitglieder verstanden werden mögen, vielleicht auch zwischen Schiedsrichtern und Trainern. Sie griffen auch Gisdols Verzicht auf eine Pauschalkritik der vierten Offiziellen auf und wollten die Aussage zum Handhebeverbot so nicht stehen lassen, sondern auf aufwieglerische Handgesten beschränkt wissen.

Und hier komme ich ins Spiel. Ich habe mich nämlich auch schon aufwieglerischer Hand- und Armgesten schuldig gemacht, weiß also, worum es geht. Ist ein paar Tage her, aber aufwiegeln konnte ich auch schon in jungen Jahren. Mitte der Neunziger, um etwas genauer zu sein, als Twen, wie man damals vielleicht noch sagte.

Als Twen fuhr ich in einem Renault 5 nach Irland. Ich mag schon einmal davon geschrieben haben, dass mein Auto zuvor irgendeinem Drogenbaron gehört haben musste, so oft wie ich auf dieser Fahrt angehalten und kontrolliert wurde. Von besagtem Irlandaufenthalt habe ich auf jeden Fall schon geschrieben – und mag die Geschichte von Tom Hanks, der Schwester und mir heute noch, aber das nur am Rande.

Der Weg dorthin führte mich durch Frankreich, in Le Havre sollte es auf die Fähre gehen, und wie das in Frankreich eben so ist, wurde die Fahrt gelegentlich durch erzwungene Pausen an den Mautstationen unterbrochen. Die Pausen waren in der Regel kurz, es war nicht allzu viel los, mein Zeitbudget bis zum Fährhafen reichlich bemessen. Rückblickend kann ich sagen, dass ich die damaligen Münzfangnetze – vermutlich gibt es sie auch heute noch, für all die Sonderlinge, die nicht zu Maut-Kartenzahlern geworden sind – eigentlich recht gern mochte. Sie erinnerten mich immer an den Weltspartag. Aber sie funktionierten nicht immer.

Und so ergab es sich auch auf jener Fahrt, dass der eine oder andere Péage-Aufenthalt einen Moment länger dauerte. So auch noch einmal kurz vor dem Ziel: das Gerät zickte ein wenig, die Schranke öffnete sich zunächst nicht, auch etwas länger nicht. Mein Zeitbudget war nach wie vor reichlich, meine Nervosität gering. Ich war guter Dinge, auch ohne die Hilfe jenes offiziell aussehenden Herrn, der sich von der Seite näherte, über kurz oder lang weiterfahren zu können – und in der Tat, just als er das Auto erreichte, öffnete sich die Schranke. Ich dankte ihm freundlich, aber es habe sich ja nun erledigt.

Er sah das anders. Ich solle doch bitte gleich rechts ranfahren – was ich zunächst nicht recht verstand, und was vor allem gar nicht so einfach ist, wenn man sich ziemlich weit links eingeordnet hat und senkrecht zur Fahrtrichtung etwa zehn Fahrspuren auf einmal wechseln soll, während hinter jeder Schranke aufbruchwillige Autobahnnutzer mit dem Gaspedal spielen. Ok, erwischt, ich übertreibe. Das mit dem Gaspedal stimmt nicht. Und vielleicht querte ich auch nicht ganz orthogonal.

Doch zurück zur eigentlichen, bisher noch gar nicht formulierten Frage: Polizei- oder meinetwegen auch Zoll- oder sonstige Kontrollen an der Mautstation? Einfach so? Hatte ich noch nie gesehen, geschweige denn selbst erlebt. Ob es doch am Drogenauto lag? Ich weiß es nicht, und werde es auch nicht mehr erfahren.

Was ich aber weiß: plötzlich stand ein halbes Dutzend uniformierter Männer um mein Auto herum. Aussteigen solle ich, und meine Papiere zeigen. Den Kofferraum öffnen. Und mich durchsuchen lassen. Mein Gewissen war rein, und so ließ ich es zwar zähneknirschend, aber doch noch relativ gelassen– zumal es bekanntlich nicht die erste Kontrolle auf dieser Fahrt war, meine Unbescholtenheit also hinreichend gesichert schien – über mich ergehen.

Ich war bestrebt, das Procedere möglichst rasch hinter mich zu bringen, und so erleichterte ich den Beamten ihre Arbeit, so gut es eben ging. Sie durchsuchten mich gründlich, und um ihnen den Zugang zu den Taschen meiner Jeans zu vereinfachen, hob ich meine Arme in die Höhe – was zwar nicht in aufwieglerischer Absicht geschah, wohl aber das Missfallen meiner Freunde und Helfer hervorrief. Ich solle doch bitte meine Hände wieder herunternehmen und kein Aufsehen erregen.

Sechs Beamte stehen also unmittelbar hinter einer mindestens zehnspurigen Mautstation am Fahrbahnrand um ein ausländisches Auto bzw. dessen Fahrer herum und durchsuchen beides, um dann besagten Fahrer dazu anzuhalten, doch bitte kein Aufsehen zu erregen. Das Leben ist immer wieder für eine Überraschung gut.

Vermutlich war es rückblickend eine recht kluge Entscheidung, meine eben ausgeführte Bewertung der Situation in etwas diplomatischeren Worten zum Ausdruck zu bringen.

Die Herren fanden nichts, ich durfte weiterfahren, kam rechtzeitig zum Hafen, wurde in der Fährschlange als einziger Reisender weit und breit erneut intensiv kontrolliert, inklusive Kofferraum und so weiter, ehe man mich Stunden später bei der Ankunft in Rosslare erneut herauszog. Tja. Ich konnte glaubhaft versichern, dass von mir keine Gefahr ausgehe, wie zahlreiche vorhergehende Kontrollen ergeben hätten, und durfte weiterfahren.

Mit Markus Gisdol hat das vermutlich nichts zu tun.


vierundzwanzig/zwanzigvierzehn

24. Dezember 2014

Selbst(trug)bild

Das Endspiel beginnt, und im Nu
landet Wilmersdorfs Sturm einen Coup.
Der Gegner pariert,
dreht auf, bis er führt.
(Warum nur lässt Drechsel das zu?)

Charlottenburg glaubt sich am Ziel,
bei Wilmersdorf geht nicht mehr viel.
Doch sie kommen zurück
mit Glück und Geschick,
gleichen aus – und wir haben ein Spiel!

Kopeken-Karl macht nun gleich Schluss
doch keines der Teams parkt den Bus.
Der Ball fliegt links vor,
einer schlägt ihn zum Tor:
per Spitzkick, halb Flanke, halb Schuss.

“Och, Plötz, was’n das für ne Flanke?”
Man wähnt sie in Torhüters Pranke.
Doch ein Stürmer fliegt quer,
und Hummel greift leer –
per Kopfballtorpedo trifft: Kamke.

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Hintergründe zum Kalender.


dreiundzwanzig/zwanzigvierzehn

23. Dezember 2014

Knittel

Der Trainer schwört die Mannschaft ein
auf den Gegner, den größten und besten Verein:
“Heut zählt’s, meine Herrn, es kommt die Elite.
Die lernt nun Demut, ich setz auf Grafite!”
Gedemütigt wurde sie in der Tat,
hatte nicht die leiseste Antwort parat,
als Wolfsburg zeigte, smart und plietsch:
die Elite hört heut auf den Namen Grafietsch.
Er führte den Gegner gnadenlos vor,
das Münchner Heulen klingt noch im Ohr.
Gewiss, sein Tor war ein bisschen bitchy,
doch es machte was her, Chapeau, Grafitschi!
Wie er von links nach innen biegt
und einem nach dem andern die Hos’ ausziegt,
dann mit der Hacke die Ernte einfährt,
das ist so manches Graffiti wert!
Und Meister Magath, der sportliche Stenz,
schenkt sich ein Minütchen mit Torwart Lenz.

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Hintergründe zum Kalender.