Reminiszenz. Ein Kommentar.

2. Juli 2015

Die rührenden Fußballkulturattachés des “Spielbeobachter” haben mal wieder einen rausgehauen. Ich sag’s, wie’s ist: da krieg ich Plaque. Einen verklärend verklärten Friedefreudeeierkuchentext über damals™ bieten sie uns, so’n Interview mit nem Mitläufer, der irgendwo mitgespielt hat. Der Name wird gar nicht so recht genannt, könnte sein, dass das der Mars ist, ich weiß es nicht so genau. Weiß das vielleicht einer von Euch, ist das der Mars, ja? Na ja, wie auch immer, dieser Typ schwelgt halt so’n bisschen in Erinnerungen von irgendeinem Tunier (ja, so schreibt er das, scheint irgendwie so’n Running Gag zu sein, den wahrscheinlich mal wieder nur die eingeweihte Generation versteht und sich dabei wahnsinnig elitär vorkommt), das er mal gewonnen hat. Kann ich hier eigentlich irgendwo Formatierungen vornehmen? Ziemlich beweihräuchernd (Wunderelf!), das Ganze, mit passender Bildungsbürgerüberschrift, aber das nur am Rande, und dann hängt der Typ auch noch voll die Bescheidenheit raus, er sei nur ein Mitläufer gewesen und so, total Eckel-Style, aber das erste Tor, das habe er schon geschossen, dabei weiß sogar ich, dass das wirklich historische erste Tor der Gunnar geschossen hat, aber na ja, er hat ja sonst nichts. Freut sich halt, wenn alle fünf Jahre wieder irgendein Fußballkulturmagazinredakteur vorbeikommt und nach seinen fünf Sekunden Ruhm fragt. Die anderen, dieser Reese, von dem er da immer spricht, und der Collina – geile Story übrigens, der hat dann ‘n bisschen Fitness trainiert und wurde ein total bekannter Schiedsrichter, und der Reese war sein Manager, oder so –, die haben da keinen Bock drauf, sind nicht so subtil mediengeil, glaube ich. Dabei waren die die, die das Ganze ins Rollen gebracht haben. Waren wohl auch für die Outifts zuständig, ja, so annikekrahnmäßig, ja, Annike mit langem i, genau, war total oversized, das Ganze. Ob ich mich informiert habe, oder woher ich das alles weiß? Ja, ich habe mich informiert, wurde ja alles geperiscoped, damals, so neugierig hat er mich dann doch gemacht, dieser Typ, von dem ich glaube, dass er der Mars ist (ist er doch, oder?), und ey: das war so’n totales Spaßtunier (siehste, jetzt schreib ich auch schon tunier), kurz ‘n bisschen gehyped, aber eigentlich doch eher Low Key, bolzplatzmäßig, und dann kamen die an mit ihren schnieken Trikots, aber passte vielleicht ganz gut zu ihrem Namen: Reesenball Felge, oder Felgen, die sind sich da nicht so ganz einig, glaube ich. Die Reminiszenz (ja, das Wort hab auch ich schon mal gehört) an die damaligen Brausekicker in Verbindung mit nem Kultvereinskickerkosenamen hatte was, das geb ich ja zu. Für einheitliche Hosen hat’s dann schon nicht mehr gereicht, der Mann, der vielleicht der Mars ist, spielte gar in geliehener Ausrüstung, was das klickjagende Magazin in seiner Tränendrüsenstory unerklärlicherweise außen vor ließ. Wobei die ja ohnehin einiges weggelassen haben. Wo kann ich denn wenigstens Absätze einfügen? Wer sich die Aufnahmen genau ansieht, insbesondere die zugegebenermaßen ziemlich lässigen, über dunkle Kanäle aufgetriebenen Fotos der damals außerhalb der Szene noch nicht so bekannten Frau @rudelbildung, erkennt schnell, dass da ja doch einiges im Argen lag. Die ganze geile Pyroscheiße, die der Typ (Ist das echt der Mars?) so nebenbei als nette Spielerei abtut, der Hass auf den Rängen, die Pöbeleien – gewiss, man muss diesen Ralle nicht unbedingt mögen, auch wenn vieles dafür  spricht, vom selbstgefälligen Kamke gar nicht zu reden, aber was da auf die Spieler einprasselte, ist mit “menschenverachtend” nur unzureichend beschrieben. Früher war gar nicht alles gut. Na ja, immerhin hat die Felge den Gegendenmodernenfußballtypen, aus Hamburg, glaube ich, mit seiner Jubelpose dann wenigstens mal kurzzeitig zum Schweigen gebracht. Aber lässig waren sie schon, die Pyromanenden, und überhaupt: Riesenpublikum! Seine Mitspieler brachte der Felgenmann übrigens auch zum Verstummen, als er, Verklärung my ass, eine wahrhaft ansehnliche Kerze schlug, um sie dann sogleich mit dem Hinterkopf ans eigene Lattenkreuz zu nageln. Was sie zudem unter den Tisch kehrten, unsere puristischen Fußballjournalismusästheten, war das  Bohei, das um das Tunier herum aufgezogen wurde. Hier eine Lesung, da eine Cocktailverkostung, dort ein Vortrag,  dazwischen Networking, Food & Beverages, und das kann mir keiner erzählen, dass das alles nur dieser eine Typ, dieser Dominik, den ich auf der Veranstaltungswebsite mit Stefanraabhumornamen fand, auf die Beine gestellt hat, und ja, ich bin neidisch, weil das alles wohl wirklich ziemlich geil war, aber lasst mich. Da will ich dann doch lieber noch kurz was zu Jay-Jay sagen, dem Benjamin der Reesenball Felgen. Der hat sich auch irgendwo im Netz zum Tunier geäußert, wohltuend, geradezu. Da sind keine Schnörkel drin, da schaut keiner “in die Ferne den Erinnerungen hinterher” (Alter!), da steckt auch keine falsche Bescheidenheit drin. Er war der Kapitän, er war es gewohnt zu gewinnen, und seine Mannschaft hat geliefert. Der Reese, der Collina, der Ralle, der Abstauber, der Nember – der teamintern, wie man hört, gerne mal völlig zu Unrecht als Facility Manager verunglimpft wurde – dann Teqqy de Beer im Tor, schließlich Istdasdermars und besagter Kamke. Bemerkenswert natürlich auch der Kontrast zwischen dem getragenen, fast melancholischen Interview mit dem (gepeppten?) Mars auf der einen und den ausgelassenen zeitgenössischen Aufnahmen auf der anderen Seite. Collina im harten, genussvollen Clinch mit dem Torwart der Gegenseite, Reinsch oder so ähnlich heißt er, einige andere auf bedrückenden Bildern, die deren Probleme offenbaren, sich überhaupt auf den Beinen zu halten, dazu Collina und Kamke beim achtstündigen erfolglosen Lattenschießen – hätten sie besser mal Arne mit dazu genommen –, dann Jay-Jay, klar, beim nachgerade historischen (Mist, jetzt haben sie mich) Abklatschen, dazu natürlich Schwalbenmars und Reeses Unbeherrschtheiten. Im Umgang mit Schiedsrichtern sei er halt nicht so geübt gewesen, hieß es. Ach ja, die Schiris. In mindestens zwei Spielen trugen sie Trikots in Mannschaftsfarben, auch so eine Sache, die der Spielbeobachter in seinem rosaroten Rückblick schlichtweg ignoriert, und gegen Flitzer ließen sie die nötige Härte vermissen. Immerhin: ihre eigentliche Aufgabe erledigten sie souverän, trotz gelegentlicher kniffliger Situationen aus den Graubereichen des Regelwerks. Ich denke an mannschaftsübergreifende Verbrüderungsszenen, fortgesetzte Beinschüsse von diesem Reinschtypen, und nicht zuletzt an Fouls mit Verletzungsfolge, die allerdings von Pfosten und Kunstrasen begangen wurden. Chapeau an die vergleichsweise unparteiische Troika! Ich hab dann noch ein bisschen recherchiert, wie das mit dem Tunier weiterging. Handelte sich schließlich um einen Wanderpokal, von dem man zwar weiß, dass Wolfgang Jay-Jay Schäfer die Nacht mit ihm verbrachte, der dann aber nie mehr in den Internetzen auftauchte. Gerüchten zufolge wurde er im Jahr darauf mal noch in Itzehoe gesichtet, doch verlässliche Aussagen liegen nicht vor. Das wäre doch mal ne Sache gewesen, die die süßen Spielbeobachter-Schreiberlinge ihren Gast hätten fragen können, anstatt ständig nur drauf rumzureiten, ob das denn wirklich der Mars sei. Wie, ob ich den Link zum Text habe? Zu diesem verklärenden, in Engelbert’scher Weichzeichneroptik gehaltenen Rührstück? Nicht Euer Ernst, oder? Aber ok, wie Ihr wollt, macht Euch halt einfach ein eigenes Bild, und zugegeben, ich meine, was man dem Spielbeobachter lassen muss, ist, dass die schon sehr geil schreiben dort. Ermittler-Style, haben die einen gesagt, ich kann das nicht so ganz nachvollziehen, habe eigentlich nur einen – sehr aktuellen und absolut großartigen – Ermittler-Text vor Augen, der in diesem Spielbeobachter-Style gehalten ist, aber ist ja auch egal. Schaut’s Euch mal an, nehmt ihm die Bescheidenheitsnummer einfach nicht ab, habt die Verklärungsmasche im Hinterkopf und den Spaß im Vordergrund. Was er noch dazu wirklich gut kann: Absätze und so. Kann man hier eigentlich auch Absätze, vielleicht mit html oder so? Vielleicht könnte der Admin ja bei Gelegenheit? Wenn Ihr aber wissen wollt, wie’s wirklich war, dann lest schlichtweg bei Kapitän Jay-Jay nach, ja? Oder das Interview mit diesem Ralle, der wohl schon ein ziemlich dufter Typ ist – haben auch die anderen Reesenballer so erzählt, hörte ich. Aber genug geredet. Plaque wegputzen, weitermachen.


TeWe – Torwartwechsel!

22. Juni 2015

“TW. …
TeeWee!  …
TeeeWee-he! …
Torwartwechsel, verdammt noch mal!!”

So hieß es in jenen Achtzigern, von denen wir gerne mal lesen – mittlerweile vielleicht auch nicht mehr so gerne, die Sättigung, Sie wissen schon – dass sie angerufen haben und irgendwas zurückwollen, so hieß es also tagtäglich auf dem Bolzplatz, und so heißt es auch heute, will sagen: gestern vorgestern vor Tagen letzte Woche, ist schon fast nicht mehr wahr, beim VfB: Torwartwechsel! Wie schon im Jahr 2008.

Und was haben wir uns gefreut damals, als Armin Veh endlich das personifizierte Missverständnis Raphael Schäfer aus dem Tor nahm und durch “Eigengewächs” Sven Ulreich ersetzte. Ein aufstrebender Kerl war er, hochtalentiert, so hieß es, sei er, wie so viele VfB-Nachwuchstorhüter vor ihm, ein junger, na ja, Wilder fast, der an die Tradition des aus dem Nachwuchs gekommenen und als Meister nach Spanien gegangenen Timo Hildebrand – ein weiteres großes Missverständnis – anknüpfen sollte. Dem man auch nachzusehen bereit war, dass noch nicht alles so rund laufen konnte, dass er gelegentlich ein bisschen flatterte, im Umgang mit dem Ball nervös wirkte und auch mal eine Flanke fallen ließ. Auf der Linie konnte er was, war oiner von uns und hätte vor allem niemals einen Platzverweis für Cacau gefordert.

Vielleicht sahen wir das nicht alle so, vielleicht vermittle ich nur die Meinung einer weniger Leute aus meinem engeren Stadionumfeld, oder auch nur meine eigene. Die bereits einige Wochen später zumindest dahingehend etwas relativiert war, dass wir es allem Anschein nach nicht mit einem neuen Manuel Neuer, Iker Casillas oder Bodo Illgner zu tun hatten – allesamt Herren, die in sehr jungen Jahren ein Bundesligator zu hüten bekamen und vom ersten Tag an den Eindruck erweckten, dass sie es nicht mehr verlassen würden (ja, ich weiß, Casillas und Sánchez), und die sich vielmehr schon bald ihre ersten internationalen Sporen verdienten.

Armin Vehs erneuter Torwartwechsel, zurück zum Missverständnis, mag damals hart und harsch gewesen sein, er hätte gar, unter unglücklicheren Umständen, Ulreichs Bundesligakarriere beenden können, bevor sie recht begann. Argumente dafür gab es gleichwohl. Ulreich hatte nicht geglänzt, selbst Europa stand, aus heutiger Sicht nur schwer vorstellbar, auf der Kippe.

Dort spielte dann im Jahr darauf Jens Lehmann, und Ulreich durfte von ihm lernen. Zwei Jahre lang, und natürlich hofften wir, und wiederum vereinnahme ich zumindest meinen Stadionnachbarn, dass er von Lehmann all das hinzulernen würde, was ihn zu einem sehr guten Torwart werden ließe. Wir dachten an eine offensive, von großem Spielverständnis geprägte Spieleröffnung, an schnelle, präzise Abwürfe, an eine einschüchternde Selbstverständlichkeit im Angesicht des Gegners.

Nun, fair war das nicht. Auch Jens Lehmann konnte mit Anfang zwanzig einem heraneilenden Stürmer nicht durch seine bloße Präsenz vermitteln, dass es für ihn, den Spieler, gegen ihn, den Torwart, nichts zu holen gibt, und auch Jens Lehmann verfeinerte seine fußballerischen Stärken und seine Fähigkeit, das Spiel sehr schnell sehr schnell zu machen, im Herbst seiner Karriere bei Arsenal noch einmal beträchtlich. Und doch waren wir nach Lehmanns Abgang und Ulreichs Aufstieg zur Nummer eins ein bisschen enttäuscht. Natürlich war er auf der Linie nach wie vor bemerkenswert stark und in Eins-gegen-eins-Duellen sehr geschickt; aber wir hatten halt Lehmann gesehen.

Nein, fair war das nicht. Wir hatten uns eben etwas anderes erhofft, die Realitäten ein bisschen beugend. Wir wollten einen Ulreich, der in der Zwischenzeit nicht nur gelernt habe, sondern auch gereift sei, der nicht nur in der Lage sein würde, das Spiel zu eröffnen, mit Hand und Fuß, das Spiel schnell zu machen, sondern der auch in der Lage sei, seinen Vorderleuten deutlich zu machen, dass sie gefälligst in Positionen zu sprinten hätten, die er dann anspielen könnte. Das konnte er nicht.

Und so arrangierten wir uns mit ihm, manche mehr, manche weniger. Natürlich wurde er gefeiert, auch zu Recht, weil er immer wieder großartige Paraden zeigte, Tore verhinderte, Punkte rettete – und das als Schorndorfer Junge. Irgendwann kamen wir gar an den Punkt, an dem einzelne Leute aus dem Verein oder dessen Umfeld laut darüber nachdachten, dass dieser Ulreich doch einer für die Nationalelf sein könnte. Bald glaubte er es sogar selbst, oder ließ es sich zumindest von seinem Berater einflüstern. Ich wäre nur zu gern Mäuschen gewesen, als Joachim Löw erstmals von dieser Ambition hörte.

Wie auch immer: der VfB setzte auf ihn. Ließ Bernd Leno ziehen, von dem alle Welt, zumindest aber meine kleine, überzeugt war, dass er der bessere, komplettere, vielleicht schon damals reifere Torhüter sei. Es ist müßig, über die Beweggründe des Vereins zu spekulieren. Geld war einer, gewiss, und auch sonst ist uns nichts Menschliches fremd, und es kam eben so.

Das Meinungsbild unter den VfB-Fans war kein einheitliches, es bildeten sich Fraktionen und Fronten. Die einen feierten den Sohn der Region, die Identifikationsfigur, den Torwart mit in einigen Bereichen hervorragenden Fähigkeiten. Die anderen bemängelten seine weniger ausgeprägten Stärken, bzw. nicht zuletzt den Umstand, dass sich an eben diesem Profil wenig änderte: die Schwächen blieben, er wurde nicht besser. Im Gegenteil, fanden nicht wenige, und allmählich bröckelte auch der unbedingte Rückhalt im Verein.

Unter Bruno Labbadia fand er sich ein zweites Mal auf der Bank wieder, wenn auch nur kurz, weil sich sein Ersatz Marc Ziegler in dessen erstem Spiel als möglicherweise neuer Stammtorhüter so schwer verletzte, dass Ulreich nicht nur während des Spiel seinen Posten wieder einnahm, sondern sich seiner auch gleich wieder langfristig sicher sein konnte. Er nutzte die geschenkte neue Chance und hielt fürderhin sehr anständig, sodass seine Position außer von ein paar konsequenten, aber irrelevanten Nörglern, zu denen ich mich auch zählen darf, lange Zeit nicht mehr hinterfragt wurde.

Dabei wollten wir doch nur einen Konkurrenzkampf auf Augenhöhe. Ergebnisoffen, wie man heute so gerne sagt, und wie er Bernd Leno nie gewährt wurde. Der VfB holte über die Jahre eine ganze Reihe junger Torhüter, die man – so wurde es zwischenzeitlich kaum verklausuliert nach außen getragen – besser machen und mit Gewinn verkaufen wollte.

Die Stuttgarter Torwartschule powered by Andreas Menger, sozusagen, und ich weiß nicht so recht, was dabei an Zählbarem herausgekommen ist. Der Gedanke an die Gerry-Ehrmann-Schule liegt nicht ganz fern, wenn auch nicht vom Spielstil her. Sie wird gerne mal belächelt, aus nachvollziehbaren Gründen, aber sie hat auch zwei spätere Nationaltorhüter hervorgebracht. Aus der Menger-Akademie fällt mir auf Anhieb keiner ein.

Ja, das hinkt. Zweifellos. Und doch: die Lobeshymnen, die dereinst auf Menger, vermeintlich einen der innovativsten Torwarttrainer im deutschen Fußball gesungen wurden, hört man, höre zumindest ich heute nur noch recht selten, und wenn, dann doch eher leise. Womit wir, die jungen Hüter der dritten Reihe einmal außer Acht lassend, wieder bei der Frage wären, ob Sven Ulreich in den letzten Jahren besser geworden ist. Oder wie es diesbezüglich um Thorsten Kirschbaum bestellt ist, der in den letzten Jahren Ulreichs Herausforderer sein durfte und im vergangenen Herbst von Armin Veh – wir erinnern uns an 2008 – unter Wettkampfbedingungen gewogen und allenthalben für zu leicht befunden wurde.

Man mag es, um doch bei Ulreich zu bleiben, für nebensächlich erachten, dass der Spielaufbau seit Jahren in unterschiedlich starker Ausprägung zu einem nicht unwesentlichen Teil aus Abstößen auf Martin Harniks Kopf besteht. Bei etwas mehr Erfolg könnte man den Umstand, dass dieser, wenn man so will, Spielzug unter VfB-Anhängern längst den Status eines Running Gags erreicht hat, sogar entspannt weglächeln.

Tatsächlich bleibt vielen Fans das Lachen aber eher im Halse stecken, spätestens dann, wenn die gegnerische Mannschaft beim Stuttgarter Abstoß einen Gutteil ihrer Spieler in einem kleinen Radius um Harnik herum konzentriert. Zugegeben: ich hatte immer gehofft, dass Ulreich den Ball irgendwann einmal völlig überraschend in die andere Richtung schlagen, den Gegner düpieren und ein Tor einleiten würde. Tja, schade. Nicht in diesem Leben.

Natürlich ist das nicht das zentrale Kriterium. Aber man fragt sich, wie es dazu kommen kann? Wieso lässt das jeder einzelne Trainer zu, fördert es vielleicht sogar? Weshalb übt es der Torwarttrainer seit Jahr und Tag mit ihm ein? Warum übt er nichts Anderes? Sind die Mitspieler nicht in der Lage, anders aufzubauen? Mag ja sein, zumindest nicht immer. Aber wenn dem so sein sollte: kann Ulreich wirklich nur von rechts nach rechts abstoßen? Und wenn ja, warum? Wieso lässt sich das nicht ändern? Dass man es nicht wollen könnte, übersteigt ehrlich gesagt meine Vorstellungskraft. Weshalb habe ich in den letzten fünf Jahren in Summe nur eine einstellige Anzahl an Abwürfen von ihm gesehen?

Steigere ich mich in etwas hinein? Ja, vielleicht. Noch dazu in Nebensächlichkeiten? Auch da: vielleicht. Schließlich steht außer Frage, dass Sven Ulreich ein sehr solider Torwart ist, der seine Kernaufgabe in ihrer klassischen Ausprägung ausnehmend gut erfüllt: Bälle halten. Insbesondere, wie bereits gesagt, auf der Linie und eins gegen eins. Über die Strafraumbeherrschung kann man diskutieren, bei flachen Hereingaben von außen habe ich die eine oder andere seltsame Aktion bildlich vor Augen, dennoch: ein verlässlicher Backup, wie es beim FC Bayern in der Vergangenheit schon den einen oder anderen gab, bzw. in Tom Starke noch gibt. Und vielleicht hat Manuel Neuer in Sachen Spieleröffnung ja didaktische Vorteile gegenüber Jens Lehmann.

Überrascht hat es mich dennoch. In mehrfacher Hinsicht. Dass Ulreich geht, ist bei näherer Betrachtung vielleicht am wenigsten überraschend. Es wirkt, als habe er Signale aus dem Verein erhalten, die seinen Status zumindest in Frage stellen, da kann man schon mal drüber nachdenken, ob es nicht woanders schöner ist. Wenn dann noch recht wenige Vereine zur Auswahl stehen, wo man mit fest davon ausgehen kann, als Nummer eins gesetzt zu sein (man frage nach bei Sebastian Mielitz, Fabian Giefer oder Raphael Wolf), hat so ein Arrangement als Nummer zwei mit dem einen oder anderen Pflichtspieleinsatz und ein paar Euro mehr durchaus das eine oder andere Argument auf seiner Seite.

Gleichzeitig lässt der VfB zwar einen langjährigen Stammspieler und eine Identifikationsfigur für viele Fans – die sich dann auch nicht entblöden, ihm ihre Liebe effektreich zu entziehen – vom Hof gehen; der Verein windet sich aber auch vergleichsweise elegant aus einer Meinungsverschiedenheit mit Teilen der an das Gute aus der Region glaubenden Fans heraus und kann die Handlungsoptionen des neuen Trainers ausweiten.

Ob sich der FC Bayern einen Gefallen tut, ist da schon eher diskutabel. Oder anders: ob solide reicht, weiß ich nicht, und ob Ulreichs fußballerische Fertigkeiten deren Trainer (Sie erinnern meinen Mäuschenwunsch? Ich adaptiere.) glücklich machen, erscheint mir dann doch zweifelhaft. Aber wie gesagt: vielleicht kann man’s ja einfach üben. Letztlich sollen sich diesen Kopf andere zerbrechen, was man in München ja auch tut – und zufrieden wirkt. Wohlan!

Herr Ulreich, machen Sie’s gut. Ja, Du auch, Ulle, meinetwegen. Ich hab mich oft über Dich geärgert, manchmal zu Unrecht, oft über Kleinigkeiten, häufig aus einer Übersensibilität heraus. Aber ich weiß, dass Sie nicht mehr als viele andere, und deutlich weniger als einige andere andere, dafür können, dass der VfB heute da steht, wo er eben steht. Und ich hab Sie auch gar nicht so selten gefeiert. Sie haben tolle Spiele abgeliefert, großartige Paraden gezeigt, und seien wir ehrlich: das Ding von Kachunga kurz vor Schluss, da haben Sie “uns” dringehalten. Danke dafür, und ganz gewiss auch dafür, dass Sie immer mit Herzblut dabei waren.

Und jetzt: Torwartwechsel!


Urlaubsgeblubber

27. Mai 2015

Es ist Sonntag, der 24. Mai, ich sitze in einem Zug der Bayerischen Oberlandbahn und habe gerade ein paar Zeitungen und Onlineportale durchstöbert. Die Stippvisite in der Hauptstadt des Freistaats war lang genug, um den einen oder anderen freudetrunkenen jungen Mann in rotem Trikot und mit gut geölter Stimme am Hauptbahnhof deutlich zu vernehmen, aber auch kurz genug, um die Stadt rechtzeitig vor den angekündigten Feierlichkeiten, über deren vermutete Intensität viel zu viel zu lesen ist, wieder zu verlassen.

Die Twitter-Timeline verlinkt Videos mit Christian Streich, deren Wortlaut ich weitestgehend bereits aus den Zeitungen kenne, und spricht von “Pipi in den Augen”. Es ist eine glückliche Fügung, dass die Netzabdeckung grade ziemlich bescheiden ist und ich nicht in die Verlegenheit kommen kann, im Zug mitzuheulen. Ganz davon abgesehen, dass meine bauliche Nähe zum Wasser nicht zwingend an bestimmte Personen gebunden ist und wohl auch bei mir weniger sympathischen Akteuren zum Ausbruch kommen könnte, geht mir Streichs Traurigkeit sehr nahe.

Ja, ich schätze und bewundere ihn. Manchmal rege ich mich auch über ihn auf, seine Verschwörungstheorien sind so volkstümlich wie ermüdend, seine Schiedsrichterkritik zu offensichtlich von hinten durch die Brust ins Auge, um noch in das gerne vermittelte Bild des sympathischen Underdogs zu passen. Des Vereins, wohlgemerkt, nichts Streichs selbst. Mag sein, dass auch er gelegentlich der Versuchung erliegt, Erwartungen erfüllen zu sollen, noch einmal einen Tick kauziger wirken zu müssen. Oder zu wollen. Von einem vermittelten, vielleicht gar inszenierten Bild zu reden, käme mir bei ihm indes nicht in den Sinn.

Im Gegenteil: ich hege keinerlei Zweifel daran, dass er bei all dem, was er tut, in Interviews, in Presekonferenzen, am Spielfeldrand sowieso, meinetwegen auch in den letzten Spielminuten auf der Tribüne, sehr nah bei sich selbst ist. Er glaubt wirklich, dass sich die bösen Mächte des Fußballs, zu denen eben manchmal auch, zumindest für ein paar Minuten, die Schiedsrichter zählen, hin und wieder gegen seine Buben verschworen haben, und dass es seine ureigene Aufgabe ist, ihnen entgegenzutreten.

Er ist aufrichtig fassungslos, wenn alle nur über den vermeintlich den Wettbewerb verzerrenden Gegner reden, statt über die Leistung seiner Mannschaft. Und ich wage zu vermuten, was ein wenig dem Pathos des Augenblicks geschuldet sein mag, dass ihn die Zweifel an der Integrität seines Gegenüber stärker treffen als die implizite Geringschätzung seiner Arbeit.

Ja, der Freiburger Abstieg hat mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich finde, dass der Sportclub, nicht nur in der Person von Herrn Streich, der Liga gut zu Gesicht steht, und bin einigermaßen perplex, dass sie ihre gute Ausgangslage am letzten Spieltag mit einer allem Anschein nach mittelprächtigen Leistung aus der Hand gegeben haben, zu deren tiefstem Tiefpunkt sich ein geradezu groteskes Eigentor, Verzeihung, aufschwang.

Mir ist schon klar, dass, wer nach 34 Spieltagen auf einem Abstiegsplatz steht, dort auch hingehört, schließlich trage ich diese Überzeugung fast mantraartig vor mir her; doch ich hielt es schlichtweg nicht mehr für denkbar, dass Freiburg dort hingehören könnte. Tja. Es wären bis zuletzt Konstellationen vorstellbar gewesen, die ich weniger bedauert hätte.

Recht hübsch finde ich in diesem Zusammenhang Christoph Kramers Bonmot, wonach sich Glück und Pech im Fußball ausgleichen, nur in Freiburg nicht. Nicht dass ich seine Aussage unterschreiben würde, aber ich finde sie sympathisch. Und es spricht für Herrn Kramer, wie in meinen Augen überhaupt nach wie vor vieles für Herrn Kramer spricht, auch wenn die öffentliche Meinung da heute eine etwas andere sein mag als noch vor einem Jahr, dass er sich als quasi Unbeteiligter so äußert.

Überhaupt finde ich, dass sich der eine oder andere Protagonist am gestrigen Tag in angenehmer Art und Weise geäußert hat. Sei es beispielsweise Michael Frontzeck, nicht unbedingt einer meiner Lieblinge, der behut- und einfühlsam über den Abstieg des Gegners aus Freiburg sprach, oder sei es auch Christian Gentner, der sich in Paderborn angesichts der Konstellation vor Ort in angemessener, reflektierter Zurückhaltung übte. Gewiss: in Paderborn können sie sich weder von dieser Zurückhaltung etwas kaufen noch davon, dass man landauf, landab Sympathien für sie hegt und ihnen – jetzt, da die eigene Mannschaft gerettet ist und nichts mehr geschehen kann – den Klassenerhalt schon irgendwie gegönnt hätte, beispielsweise anstelle des gemeinsamen Tabellennachbarn.

So aber scheint denkbar, dass der SC Paderborn langfristig nur eine nette, sehr lesenswerte Fußnote in der Bundesligachronik bleiben wird, eine hübsche kleine Geschichte eines hübschen kleinen Vereins, der das Pech hat, seine sehr anständigen 31 Punkte in einem Jahr gesammelt zu haben, in dem sie nicht einmal zu Platz 17 reichten, geschweige denn – wie im Jahr zuvor – zum direkten Klassenerhalt.

In jenem Jahr qualifizierte man sich mit 27 Punkten für die Relegation. Heuer sammelte der Hamburger SV sage und schreibe acht Punkte mehr – und darf sie dennoch erneut bestreiten. Und ja, “dürfen” erscheint mir als das passende Hilfsverb, denn trotz einer letztlich beachtlichen Punktzahl unter dem möglichen Retter Bruno Labbadia sprach vor dem letzten Spieltag außer der bedenklichen Figur, die ihr Gegner zuletzt abgegeben hatte, nicht sonderlich viel für den HSV. Zu viele Akteure mussten andernorts mitspielen, zu präsent war mein Eindruck, dass auch der HSV zuletzt eine bedenkliche Figur abgegeben hatte. Wir werden sehen, wie sie sich nun gegen einen Zweitligisten schlagen, der den aus der letztjährigen Relegation nach meinem Dafürhalten deutlich in den Schatten stellt. Aber nach meinem Dafürhalten konnte Freiburg ja auch nicht mehr absteigen.

Die aufmerksame Leserin wird festgestellt haben, dass zwischenzeitlich ein paar Stunden ins Land gezogen sind. Die Zweitligasaison ist abgeschlossen, Auf- und Absteiger stehen ebenso fest wie die Relegationsteilnehmer. Schön, dass die zweite Liga auch in den nächsten zwölf Monaten in meinem Aufmerksamkeitsspektrum eher am Rande platziert sein wird, möglichst auch ganz am Ende dieser Zeitspanne, wenn sich erste und zweite Liga wieder auf den Austausch von Körperflüssigkeiten zwei oder drei Mannschaften vorbereiten. So gern ich Huub Stevens mag, und so dankbar ich ihm auch bin: ich müsste ihn, dessen neuerlicher Abgang eben kommuniziert wurde, so schnell nicht mehr beim VfB sehen.

Möglicherweise habe ich jetzt irgendwas übersprungen. Genau: Klassenerhalt! 2:1 in Paderborn. Mein üblicher Stadionbegleiter mag die Dinge ein bisschen zugespitzt haben, als er die These vertrat, dass, wer in Paderborn nicht gewinnen könne, in der Bundesliga auch nichts verloren habe. Für den VfB war die Lage indes auf eben diese Formel zu bringen gewesen, cum grano salis. Das verbleibende Salzkorn in Form eines Unentschiedens in Verbindung mit günstigen Entwicklungen auf anderen Plätzen wurde im Verlauf des Spieltags dann tatsächlich weggewischt: nur ein Sieg konnte helfen.

Doch vor den Sieg hatte der Herr oder sonst jemand manche Herausforderung gestellt, in meinem Fall nicht zuletzt die Notwendigkeit, am Pfingstsamstag rechtzeitig vor Spielbeginn die bayerische Provinz zu erreichen und dort eine Möglichkeit ausfindig zu machen, das Spiel zu sehen. Nicht die Konferenz, schon gar nicht das Spiel des Platzhirschen, sondern Paderborn gegen den VfB. In Bayern. In einer Gegend, wo, glaubt man der Weisheit des weltweiten Netzes, in den letzten Jahren zahlreiche Gastronomiebetriebe ihre Sky-Abos aus Kostengründen gekündigt haben. Ob sie de facto weiterbetrieben werden, nur eben ohne Gastrolizenz, vermag ich nicht zu beurteilen. Steht ja nicht im Netz, sowas. Oder nur in Ecken, in denen ich mich nicht auskenne.

Blieb die Frage, ob und wie ich das Spiel sehen würde. Nichts leichter als das, sagte Frederick, komm mit! Und ich folgte ihm. Er führte mich zu seinem Sky-Receiver, sagte “Sky go” und gab mir seine Zugangsdaten. “Damit Du keine tausend Tode sterben musst, Piggeldy”, erläuterte Frederick, um dann verschwörerisch zu ergänzen: “Sag’s einfach nicht weiter!” Ich dankte herzlich, ging nicht mit ihm nach Hause, lernte im Schnellverfahren, was Silverlight ist und wie man nicht für das eigene Tablet freigegebene Apps dennoch installiert, fluchte gelegentlich über die Internetverbindung, ohne so recht zu wissen, ob es denn tatsächlich an der Bandbreite liege oder doch eher an Sky go, was ich aber angesichts des geschenkten Gauls so nicht sagen wollte, und war in allererster Linie selig, den Großteil des Spiels sehen zu können, Aussetzer hin, Zeitverzug her, vom frühen Rückstand gar nicht zu reden.

Immerhin: die Sache mit dem frühen Rückstand hatte man im Rahmen des Stevens’schen Masterplans bereits in der Vorwoche geübt, spielte entspannt weiter, mehr oder weniger, und auch Daniel Didavi erfüllte erneut die ihm zugedachte ausgleichende Rolle. Gewiss, von den Herren Harnik und Ginczek hätte man sich einen früheren Führungstreffer vorstellen können, auch vom Kapitän, aber insgesamt war das schon ziemlich in Ordnung. Überzeugt, meines Erachtens, von der eigenen Stärke, und nicht zuletzt deshalb auch so überzeugend wie in den vergangenen Wochen, in denen die Sichtweise, dass sich der VfB im letzten Viertel der Saison zum stärksten, auch spielstärksten, Abstiegskandidaten entwickelt habe, zunehmend Anhänger fand und zuletzt fast als konsensual durchging. Was natürlich alles nichts nützt, wenn der Siegtreffer nicht fällt. Oder man sich, das Ziel vor Augen, mit unvermittelt wackligen Knien doch noch auf die Fresse legt.

Aber da hatte der Herr Ginczek zum Glück was dagegen. Und Herr Maxim, mit einer der effektivsten Stippvisiten, die wir in jüngerer Zeit von einem Ein- und Auswechselspieler gesehen haben: rein, Siegtor aufgelegt, raus. Bisschen abgekotzt, beim Abpfiff aber schon wieder vorne dabei. Guter Mann. Zu gut, vermutlich, um nur Didavis Backup bzw. de facto Ergänzungsspieler zu sein. Was für eine Offensivabteilung, in der Alexandru Maxim und Timo Werner pro Spiel in Summe auf zwanzig Minuten Spielzeit kommen, ohne dass das als Fehlleistung des Trainers anzusehen wäre!

Ja, der VfB und sein Offensivfeuerwerk. Unter Huub Stevens. Schöne Geschichte, nicht wahr? Und mit zwei Jungspunden in der Innenverteidigung, die den alten Schorsch, als es dann drauf ankam, zum Zuschauer machten. Unter Huub Stevens. Schöne Geschichte, nicht wahr? Mit den Herren Ginczek und Kostic in Heldenrollen, zwei Bobic-Verpflichtungen. Schöne Geschichte.

So viele Geschichten, so ein großer Spaß – es ist lange her, dass mir der VfB fußballerisch so viel Freude bereitet hat wie in diesen letzten Wochen, am Ende einer verheerenden Saison, in deren Verlauf es vermutlich eine ganz glückliche Fügung war, dass sich meine Dauerkarte, betriebswirtschaftlich betrachtet, nicht so recht gelohnt hat und ich vieles verpasste. Hätte ich von den ersten 15 Heimspielen 13 gesehen, wer weiß, ob ich mir diese letzten beiden noch angetan hätte, die so viel Spaß machten?

Auf den Spaßtrainer Stevens folgt nun also – ja, der Text reift schon ein Weilchen, die Familie verlangt im Urlaub zu Recht und meiner großen Freude viel Zeit und Aufmerksamkeit, mittlerweile schreiben wir Dienstag, nein, Mittwoch – zu jedermanns Überraschung Alexander Zorniger. Den ich, zugegeben, nicht sonderlich sympathisch finde, aber ich will gerne einräumen, und dies auch Robin Dutt zugestehen, dass meine auf wenigen Interviews beruhenden Eindrücke in dieser Frage nur von untergeordneter Relevanz sind. Zumal ich nicht ausschließen möchte, dass mit jedem gewonnenen Punkt ein gewisser Sympathiegewinn einhergehen könnte. Wir werden sehen.

Und natürlich werden wir auch sehen, ob Robin Dutt, im Verein mit Bernd Wahler, einer nahezu schonungslos vorgetragenen Analyse auch die entsprechenden Taten (vulgo: Ergebnisse) folgen lassen kann. Die großen örtlichen Medien stellen in diesen Tagen bereits ihre Weitsicht unter Beweis und gleichzeitig sicher, dass die potenzielle duttsche Fallhöhe in allen Köpfen ankommt. Pflichtbewusst.

Robin Dutt sprach in der Pressekonferenz aus, was viele von uns seit Jahren beklagen, sehr pointiert, sehr direkt, sehr treffend und durchaus eloquent. Vermutlich eloquenter, treffender, direkter und pointierter, als die meisten von uns dazu in der Lage gewesen wären. Ganz nebenbei hat seine Sicht der Dinge, anders als die unsrige, unmittelbare Relevanz, Nachrichtenwert und Konsequenzen. Ob sie in dieser Form für die Öffentlichkeit bestimmt sein musste, lässt sich zweifellos kontrovers diskutieren. Mir hat’s gefallen, aber natürlich kann man Stilfragen stellen, wenn Leuten, die nicht mehr in der Verantwortung stehen, in dieser Deutlichkeit an den Karren gefahren wird.

Aber ehrlich gesagt interessiert mich der Blick nach vorne nun weitaus mehr. Allein die Menge der unmittelbar nach dem letzten und mit reichlich Unsicherheit behafteten Spieltag verkündeten Personalien ist, wiewohl hübsch choreographiert, bemerkenswert und erst einmal ein beachtlicher Arbeitsnachweis. Ob es die richtigen Personalien sind, wird die Zeit zeigen. Nicht nur beim Cheftrainer, wo in den meisten Fällen nur bedingt vorhergesehen werden kann, ob es passen wird.

Ich habe keine Ahnung, ob Philipp Laux ein guter Psychologe ist, und kenne die Arbeit der neuen Nachwuchstrainer noch ein bisschen weniger gut als die des neuen Linksverteidigers. Mein Verhältnis zu Guido Buchwald ist ein schwieriges – immerhin dürfte ein Scout kein Aufsichtsrat werden können -, aber als Asienspezialist wird er nicht so verkehrt sein. Über Achim Cast, also noch einen Blauen, höre ich Gutes, wenn auch von Leuten, die ihn privat kennen, während ich Günther Schäfer eher nicht in einer Rolle gesehen hätte, deren Funktionsbezeichnung den Begriff Manager enthält. (Ja, mir fielen auch lustige ein, die aber leider mein Humorzentrum nicht ganz erreichen.)

Abwarten. Ach, und: doch, ich weiß, wie er heißt. Philip Heise.

Oh, gerade stolpere ich noch über eine kleine Notiz, die ich hier wohl am Sonntag anlegte. Sie wissen schon, als der VfB die Klasse gehalten hatte und dieser Text begann. “Abwarten”, stand da, gefolgt von “Morgen Ginczek, Rüdiger, Maxim weg? Kostic?” Immerhin: drei Tage sind schon um, und keines dieser unangenehmen Einzelszenarien ist bis dato eingetreten, auch wenn die Causa Rüdiger verloren scheint, vom kumulierten Gesamtszenario gar nicht zu reden. Ach was, nicht einmal zu denken.

Doch in der Tat: es bleibt abzuwarten, was die Transferperiode noch so bringt. Die frühlingshafte Frische der Stuttgarter Offensive blieb kaum jemandem verborgen, und es hätte mich nicht gewundert, wenn bereits am Tag nach dem letzten Spieltag im einen oder anderen Fall Vollzug gemeldet worden wäre. But just because you’re paranoid doesn’t mean they’re not out to get you, wie wir alle wissen, und wer kann schon beurteilen, ob der eine oder andere Klub nicht einfach nur noch das Pokalfinale abwarten will, ganz zu schweigen von den verbleibenden gut drei Transfermonaten. Schrecklicher Gedanke.


Ungeschriebene Oden

21. Mai 2015

Vor zehn Tagen, nach dem Sieg gegen Mainz, stand ich vor dem Palast der Republik und wurde von Freunden gefragt, woher denn meine Euphorie rühre und ob ich etwa noch länger im Stadion geblieben sei, um die Mannschaft zu feiern? “Kurz”, sagte ich, und obschon mir klar war, dass eben diese Mannschaft nichts mehr getan hatte, als ihre Pflicht zu erfüllen, was die geneigte Leserin bitte nicht als moralische Bewertung verstehen möge, sondern als Einschätzung sportlicher Notwendigkeiten im Lichte der im Lauf der Saison (nicht) erzielten Ergebnisse und der sich daraus ergebenden Tabellensituation, war ich ein glücklicher Mensch.

Dabei hatte man grade mal die Mainzer geschlagen, für die es um nichts mehr ging, und so das Notwendige getan, um weiter auf den Klassenerhalt hoffen zu dürfen. Hinreichend war es nicht; es langte nicht einmal dazu, den letzten Platz zu verlassen. Und doch schwamm ich auf meiner ganz eigenen Euphoriewelle, war geneigt, das Fest zu feiern, wie es gefallen war, und fühlte mich genau richtig platziert, exakt dort, wo wir knapp acht Jahre zuvor glückselig gestanden hatten. Völlig absurd.

Nun, eine Woche später, stand das nächste Spiel an, diesmal gegen den HSV, einen direkten Konkurrenten, und vermeintlich ungleich herausfordernder – was angesichts des Umstands, dass der Sieg gegen Mainz lange Zeit keineswegs als ausgemachte Sache hatte gelten dürfen, eine durchaus belastende Aussicht darstellte. Dennoch war die Perspektive klar:

Ging dann ja auch recht gut los. Ballbesitz, Offensive, Einstellung, … der VfB machte vieles richtig, traf aber das Tor nicht. Das tat dafür der HSV, aus einer Standardsituation heraus, die als Blaupause für viele verheerende Stuttgarter Abwehrleistungen der ganzen Saison taugte, hätte man Zeit gehabt, sich lange damit aufzuhalten. Tatsächlich (eines meiner am häufigsten verwendeten Worte, wie ich jüngst mit Schrecken feststellte, als ich mir ein Weilchen zuhörte, aber das nur am Rande) war indes in der Folge der ganze Fan gefordert und hatte zwar angesichts einer kurzen Findungsphase der Mannschaft und entsprechend wenigen relevanten Geschehnissen auf dem Platz ein bisschen Zeit, um zu hadern.

Gleichzeitig jedoch ließ er, also der Fan, also auch ich, in seiner Unterstützung keinen Deut nach, im Gegenteil, und kam so in die angenehme Verlegenheit, die Anfeuerungs- schlagartig in Jubelrufe übergehen lassen zu müssen. Noch dazu doppelt, und wenn ich geglaubt hatte, die Intensität des erlösenden Jubels gegen Mainz sei nur schwer zu überbieten, so, nun ja, hatte ich wohl recht gehabt. Wesentlich intensiver wurde es auch gegen den HSV nicht, vermutlich gar nicht, aber man bewegte sich auf demselben Niveau. Bemerkenswert, wozu das “gewohnt kritische Stuttgarter Publikum”(TM) so in der Lage ist.

2:1 zur Pause, es folgten viele Chancen, von denen zwar keine in die erhoffte Befreiung mündete; es gelang jedoch, das Spiel weitestgehend in der Nähe des Hamburger Tores zu halten, wenn man von Djourous Torschuss aus 40 Metern und vereinzelten Hamburger Annäherungen an Ulreichs Tor absieht, von denen jedoch keinerlei wirkliche Gefahr ausging. Muss ja auch nicht, so ein Gegentor, beispielsweise aus einer Standardsituation, kann ja auch gerne mal aus dem Nichts kommen, wie das 0:1 gezeigt hatte. Also zitterte man, irgendwo, tief drinnen, und war gleichzeitig euphorisch ob des Tempos, der Dynamik, des Selbstvertrauens der Stuttgarter Spieler. Mal im Ernst: Wann hat Martin Harnik jemals einen schwierigen Ball so herunter- und mitgenommen wie in jener Szene, in der kurz darauf sein Querpass auf Daniel Ginczek einen Tick zu lommelig geriet und gerade noch von Johan Djourou abgefangen werden konnte? Genau: noch nie. Zumindest nicht in meinem Beisein.

Überhaupt, Harnik: man müsste eine Ode schreiben. Ich setzte schon einmal zu einer an, einige Ältere mögen sich erinnern, ließ mich dann aber vom Anblick schlanker Waden ablenken, und vermutlich würde ich auch heute wieder scheitern. Weniger an Waden als vielmehr am Gefühl, so viele Oden schreiben zu sollen. Ja, natürlich hätte Harnik eine verdient, wie so oft in den letzten Wochen, aber noch nie so uneingeschränkt, aber was wäre dann mit Kostic, auf den sich die Hamburger, wie zuvor schon die Mainzer, eigentlich ganz gut eingestellt zu haben glaubten: Ivo Ilicevic ging zu Beginn des Spiels im Vollsprint mit nach hinten, sobald der Ball auch nur in Kostics Nähe kam, doch auf Dauer, die eher kurz war, konnte oder wollte er das nicht durchziehen und überließ den Stuttgarter Linksaußen meist Heiko Westermann, der keinen ganz leichten Stand hatte und lange von Glück sagen konnte, dass Kostics Hereingaben zunächst verheerend waren. Man fühlte sich ein bisschen an Arjen Robben erinnert. Nicht weil Kostic ihm so ähnlich wäre, sondern weil der Gegner ein ums andere Mal nicht in der Lage war, die grundsätzlich vorhersehbaren Aktionen des Stürmers zu unterbinden.

Daniel Didavi nicht zu vergessen, natürlich, der dann auch zum rechten Zeitpunkt von Alexandru Maxim abgelöst wurde, um nicht Gefahr zu laufen, das Ergebnis nur mehr zu verwalten, oder Timo Baumgartl, den ich in der Vorwoche noch in der einen oder anderen Aktion als hektisch und nervös wahrgenommen hatte und der nun als Souverän neben dem Souverän Rüdiger wirkte: auch ihnen gebührte eine Ode, wäre ich nicht gedanklich schon wieder weiter, bei Christian Gentner, der den hintersten Hamburger Abwehrspieler ebenso regelmäßig unter Druck setzte wie deren vordersten Angreifer. Für die zweite Halbzeit besänge ich selbst Daniel Schwaab, gar Sven Ulreich, der das Spiel nie langsam machte. Und natürlich Serey Dié, diese Symbolfigur für das Selbstvertrauen, die Selbstverständlichkeit, die komplette Abwesenheit jeglichen Zweifels daran, dass das, was man grade tut, richtig ist und gelingen wird. Drüben im Vertikalpass weiß man das schon lange: Do or Dié hieß es dort bereits Anfang März, und dass man mehr Spieler von seinem Schlag benötige.

Nun bin ich zwar ganz froh, dass auch noch Spieler mit anderen Qualitäten auf dem Platz stehen, und Diskussionen über aggressive leader und Führungsspieler sind mir in aller Regel eher unangenehm; Serey Dié hat aber dafür gesorgt, dass ich nunmehr endlich in der Lage bin, das Jugendwort des Jahres 2013, das mich damals so unvorbereitet getroffen hatte, eindeutig zuzuordnen und mit Leben zu füllen: Dié ist das, was ich mir unter einem Babo vorstelle. (Was bestimmt schon mal jemand vor mir sagte.) Bleibt zu hoffen, dass er auch in Paderborn von seiner anfänglichen Unsitte, gerne mal ganz in der Nähe zu sein, wenn ein Gegentor entsteht, Abstand nimmt. Bildlich gesprochen.

Und dann wäre da noch eine Ode, die mir mindestens genauso sehr am Herzen liegt. Der eine oder die andere Hamburgerin wird das anders sehen, wie das halt so ist, wenn man den Kürzeren gezogen hat, aber ich wünschte mir eine Ode an Manuel Gräfe. Ich fand es ganz wunderbar, wie er von Anfang an vermittelte, dass er gewillt war, den Abstiegskampf auch als solchen zuzulassen. Spätestens nach zehn Minuten sollte jedem seine Zweikampfbewertung transparent gewesen sein, die eine gewisse fußballspezifische Körperlichkeit zuließ, ohne dabei Zweifel aufkommen zu lassen, dass es keine gute Idee wäre, den großzügigen Spielraum über die Maßen ausdehnen zu wollen.

Gewiss, über die eine oder andere Karte mehr hätte man sich beiderseits nicht beschweren können, und dass die Linie des Schiedsrichters den vielleicht nur dreiviertelherzig um den Sieg kämpfenden Hamburgern etwas weniger entgegenkam, will ich nicht von der Hand weisen. Dennoch bestätigte sich der Gedanke, den ich – weniger detailliert – bereits bei Bekanntwerden der Ansetzung gehabt hatte: ein mit manchem Wasser gewaschener Unparteiischer, der ein intensives Spiel zulässt, sofern es nicht unanständig wird, und der sich auch von Sperenzchen wie dem Freistoß heischenden Ballgrabschen nicht beeinflussen oder gar beeindrucken lässt – im Gegenteil:

“Sie glauben, Sie dürften den Ball in die Hand nehmen, weil Sie meinen, gefoult worden zu sein? Sie irren: Handspiel.”

Und das gleich doppelt. Aber das ist natürlich nur ein Nebenaspekt. Hauptthema ist die großzügige und berechenbare Zweikampfbewertung. Genug der Stichworte – wenn bitte jemand die Ode verfassen würde?

In Freiburg ist man bereits einen Schritt weiter. In der Tabelle, gewissermaßen, ganz konkret aber auch im Odenbusiness: der geschätzte Herr @zugzwang74 verfasste bereits in der vergangenen Woche “Eine Ode an den FC Bayern” und, was soll ich sagen? Sie hat gewirkt. “Sein” SC Freiburg schlug den Meister, dessen Saison bekanntlich vor einigen Wochen beendet war, der sich aber mit voller Kapelle redlich mühte, mit 2:1.

Das böse Wort von der Wettbewerbsverzerrung war schnell bei der Hand, was niemanden verwundern dürfte, der die Aussagen des Trainers und die letzten Ergebnisse noch im Ohr hat. Allein: Das Spiel gegen Freiburg, sein Verlauf, die Statistiken, … all das gibt diese Schlussfolgerung schlichtweg nicht her. Zumindest nicht dann, wenn man von einer bewussten Handlung ausgeht. Dass dennoch mancherorts ein Gschmäckle bleibt, hat der Primus inter Impares zum einen dem genannten Abgesang des Trainers auf die Liga zu verdanken, zum anderen seiner früheren Konsequenz in den letzten Saisonspielen, nicht zuletzt unter Jupp Heynckes.

Inwiefern? Nun, vor einigen Jahren hatte ich mich mit der Frage befasst, wie sich feststehende Meister denn so schlagen, wenn es für sie de facto um nichts mehr geht. Damals, 2011, stand Dortmund bereits als Titelträger fest, hatte aber unter anderem noch ein Spiel gegen Eintracht Frankfurt vor Augen, der mit dem VfB gegen den Abstieg kämpfte. Und so schrieb ich Folgendes:

[…] Weshalb ich mir mal angesehen habe, wie sich Längst-Meister in der Regel so schlagen. Demnach könnte der VfB von Glück reden, dass es sich bei besagtem Längst-Meister nicht um die Bremer handelt, die von ihren insgesamt sechs Spielen, die sie als feststehender Titelträger bestritten, sage und schreibe vier verloren: zwei im Jahr 1988, zwei weitere 2004. Nur der HSV ist, rein prozentual, noch schlechter, hat er doch seine einzige Partie als bereits sicherer Deutscher Meister im Jahr 1979 gegen die Bayern verloren. Besagte Bayern haben mit weitem Abstand die meisten dieser eher lästigen Spiele bestritten, nämlich 29. 20 Siege, 5 Unentschieden und 4 Niederlagen sind eine sehr respektable Bilanz. Eine hundertprozentige Siegquote haben Gladbach (3/3), Nürnberg (1/1) und, tada!, Dortmund: der Meister 2011 durfte am 34. Spieltag der Saison 1995/96 zum Schaulaufen antreten und schlug Freiburg 3:2. Folglich ziehe ich meine Bedenken zurück, auf Dortmund ist Verlass.

Das war, wie ich rückblickend feststelle, gar nicht mal so wissenschaftlich formuliert, aber die Aussage liegt auf der Hand: der FC Bayern, ein Ausbund an sportlicher Ernsthaftigkeit, auch im Erfolgstaumel. Diesen Eindruck bestätigte man nach zweijähriger Titelabstinenz in der Triple-Saison 2012/13, als der Titel so früh wie nie zuvor vergeben wurde und die Bayern sage und schreibe sechs Trainingsspielchen in der Bundesliga zu bestreiten hatten, von denen unter Jupp Heynckes fünf gewonnen wurden und eines unentschieden endete. Zusammengefasst: von 1969 bis 2013 bestritt der FC Bayern München 35 solcher Spiele, gewann 25, teilte sechs Mal die Punkte und verlor im positivsten Sinne bemerkenswerte vier Partien.

Bereits 2014 folgte auf die frühzeitigste Meisterschaft eine noch frühzeitigere, auch 2015 war man noch verdammt früh dran, und so standen weitere elf lästige Pflichtspiele an. Zehn davon sind bereits bestritten: 4 Siege, ein Unentschieden, fünf Niederlagen.

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Den Grund für die zuletzt schwächeren Werte kenne ich nicht. Möglicherweise handelt es sich, laienhaft gesprochen, um eine statistische Delle, meinetwegen zufallsbedingt, oder um das Ergebnis übermäßiger Belastungen und ebensolchen Verletzungspechs, eventuell hat die Geisteshaltung des Trainers damit zu tun, vielleicht trainieren sie nicht genug, und möglicherweise sind die euphorisierten Meister auch schlichtweg zum falschen Zeitpunkt auf richtig starke Gegner getroffen. Wahrscheinlich werde ich, und nicht nur ich, die Frage nach den Gründen nie beantworten können, aber sie zu stellen halte ich für legitim.

So ähnlich, wenn auch mit einem kleinen Fehler, den bis dato niemand angeprangert hat, sagte ich das übrigens vor ein paar Tagen auch im Rasenfunk. Rasenfunk, Sie wissen schon, dieser Fußballpodcast mit dem wunderbaren Moderator @GNetzer, der sich gerne Gäste einlädt und mit ihnen nicht nur über Fußball spricht, sondern das Ganze auch noch poetisch aufbereitet. Sollte ich so etwas zur Gewohnheit machen wollen, also dieses öffentliche Reden, sollte ich vermutlich meine Infrastruktur aufrüsten, um künftige Hörer davon abzuhalten, meine Stimme als einem Volksempfänger entstammend zu bezeichnen. Nun denn.

Wie gesagt, ich sprach dort primär über den VfB nach dem HSV-Spiel, vergaß aber die ganzen Oden, und durfte dann auch noch ein bisschen über die Bundesliga reden, beispielsweise eben über den Negativlauf des FC Bayern. Und, ganz kurz, darüber, dass ich mir das alles anders vorgestellt hatte. Dass ich zwar nicht mit einem Schalker Sieg gerechnet, den beiden bayerischen Bundesligisten aus München und Augsburg aber doch etwas mehr zugetraut hatte in den Duellen mit Stuttgarter Konkurrenten. Damals, am Samstagnachmittag, nach dem HSV-Spiel, Sie erinnern sich. Und so lagen meine zuvor formulierten Pläne wenige Stunden später in Trümmern:

Ja, ich war und bin besorgt. Was mir im Rasenfunk einen Uwe-Seeler-Vergleich einbrachte. Und dann auch noch einen mit Matthias Sammer. Da geh ich nicht mehr hin. Ist eh zu profan.

Doch ernsthaft: ich bin nervös. Mache mir tatsächlich seeleresk Sorgen. Nicht um den relegationsgestählten HSV, wohlgemerkt, sondern um den VfB, der zuletzt so beeindruckend gespielt hat und doch darauf angewiesen ist, bei den Paderbornern, die gegenwärtig wohl auch tröstende Oden fürchten, geschriebene wie noch ungeschriebene, für die sie sich gegebenenfalls nichts kaufen können, wenn es denn doch nicht reichen sollte, was ich ihnen leider wünschen muss.

Ganz nebenbei versuche ich übrigens meinen Aberglauben zu verdrängen, demzufolge sich die Ehrenrunde, die die Mannschaft am vergangenen Samstag nach dem Spiel, als außer selbigem nichts gewonnen war, absolvierte, nachgerade als böses Omen aufdrängt. Fällt mir nicht leicht. Eine Ode an die Gelassenheit, das wär’s jetzt.


Mein linker Fuß

30. April 2015

Ein gutes Jahr ist es her, dass sich Trainer Baade als Two-Trick-Pony offenbarte. Und dabei so tat – man darf getrost von hemmungslosem Humblebragging sprechen –, als sei das etwas Schlechtes. Ich meine: zwei Tricks, zwei gut funktionierende noch dazu, wo wir doch alle wissen, dass selbst Arjen Robben nur einen kann und vielen als Inbegriff des One-Trick-Ponys gilt – das ist doch was, da braucht sich der geschätzte Herr Baade gewiss nicht zu verstecken, im Gegenteil!

Seine Selbstkasteiung erfolgte in Form eines jener Texte, bei denen man als Bloggende(r) hofft (zumindest ginge es mir so), die eine oder der andere Mitlesende möge sich bemüßigt fühlen, seiner- oder ihrerseits die eigenen Stärken, Schwächen, Unzulänglichkeiten, Vorlieben oder eben Tricks offenzulegen. Was möglicherweise auch geschehen wäre, zumindest in den Kommentaren, hätte nicht der erste Kommentator auf wenig subtile Art und Weise dazu beigetragen, die dortige Diskussion in einen schnöden Austausch von Rekordergebnissen abgleiten zu lassen.

Alternativ zum Austausch in den Kommentaren gelingt es mitunter auch, andere Bloggende dazu animieren, besagte eigenen Stärken, Schwächen, Unzulänglichkeiten, Vorlieben oder eben Tricks nicht nur in den Kommentaren, sondern gar in einem ausgewachsenen Blogtext offenzulegen. So sie denn etwas beizutragen haben.

Und so stelle ich mir, stets bestrebt, auch mal wieder was in mein Blog zu schreiben, seit jenem 7. Februar 2014 eben diese Frage: Kann ich etwas beitragen? Beherrsche ich wenigstens einen Trick? Nun, die verstrichene Zeit führt die geneigte Leserin auf die richtige Spur: es bestehen Zweifel.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch – gewiss kann ich einen Ball halbwegs geradeaus spielen, verstehe ein bisschen was von Verteidigungs- und Angriffsstrategien, treffe auch gelegentlich das Tor oder stelle mich nicht ganz ungeschickt in den einen oder anderen Ball-, vielleicht auch Laufweg der Gegenseite, aber ein Trick? Beziehungsweise ein spezieller, meine Spielweise mehr oder weniger definierender, wie soll ich sagen, Move?

Ich weiß nicht recht. Oder wusste nicht recht, fast 15 Monate lang. Mittlerweile habe ich eine Ahnung, die ich gerne mit Trainer Baade teilen will, seinen Blogbeitrag wie in den guten alten Tagen aufgreifend, etwas verspätet zwar, aber wir haben ja Zeit. Und natürlich teile ich sie auch gern mit jenen treuen oder zufälligen Leserinnen und Lesern, die ebenfalls bis hierher dabeigeblieben sind.

Die Bühne betritt: mein linker Fuß.

Klingt nicht so recht nach einem Trick, nicht wahr? Wenn man mal von dem Trick absieht, Menschen, die sich für Christy Brown und sein Werk interessieren, mit Hilfe einer fragwürdigen Überschrift hierher gelockt und implizit einen noch viel fragwürdigeren Vergleich insinuiert zu haben. Was, aber das kann hinterher jeder sagen, gar nicht in meiner Absicht lag. Die Überschrift, im Sinne eines Arbeitstitels, stand schneller da, als ich Christy Brown hätte sagen können, geschweige denn Daniel Day-Lewis. Und ich mochte sie, und sie blieb. So einfach.

Und so unspektakulär. Passend zu meinem linken Fuß. Er hat nichts Trickhaftes, weckt keine Erinnerungen an Uwe Bein oder, auch eine Art, na ja, Trick, Günter Delzepich, sondern ist schlichtweg ein gewöhnlicher linker Fuß. Der linke Fuß eines Rechtsfüßers, um genau zu sein. Dieser Rechtsfüßer ist durchaus in der Lage, wurde ja jahrelang im Training geübt, den Ball unter Laborbedingungen mit dem linken Fuß zu führen, auch pendelnd, wenn’s sein muss, und kann einfache Zuspiele in aller Regel mit links verarbeiten.

Aber er käme nie in die Versuchung, sich in einem “Tempo”-Dribbling auf besagten Linken zu verlassen, ihm die Führung anzuvertrauen, mal kurz mit der linken Sohle über den Ball zu wischen oder sich mit einer von Zidane abgeschauten links initiierten Roulette einer engen Situation zu entwinden. Nicht dass er all das mit rechts drauf hätte, schon gar nicht verlässlich reproduzierbar, aber da würde er es zumindest hin und wieder versuchen. Vielleicht.

Mit rechts ist er in aller Regel auch in der Lage, den Ball eine Weile hochzuhalten. Oder auch mit beiden Füßen, abwechselnd, wenn’s sein muss. Aber nur mit links? Keine fünf Kontakte. Oder, um der Wahrheit die Ehre zu geben: es scheiterte bereits am hochnehmen. Sie kennen das: Sohle auf den Ball, kurz zurückziehen, mit dem Spann anheben, jonglieren (so nennt man das bei uns). Konservativen Schätzungen zufolge habe ich das in den letzten knapp 40 Jahren etwa fünfzigtausend Mal getan. Davon progressiv geschätzte zehnmal mit links. Ohne erinnerungswürdigen Erfolg.

Oder nehmen wir die Ballannahme aus der Luft. So richtig aus der Luft, wenn Sie wissen, was ich meine: ein hoher Ball, der nahezu senkrecht herunterfällt und den man dann sehr elegant (wir denken an dieser Stelle kurz an Funny van Dannens Eurythmieschuhe) wie einen Flummi Stein auf dem Spann abfedert. Oder wie ein Mobiltelefon:

Mit rechts, wohlgemerkt. Mit links? Unvorstellbar. Ok, mit den Telefonen könnte es noch halbwegs klappen, da geht’s ja nur darum, den schlimmsten Schaden abzuwenden. Aber ein Fußball? Könnse vergessen, das sieht dann aus wie bei Jürgen Klinsmann.

Um es abzukürzen: mein linker Fuß ist fußballspezifisch kein feinmotorisches Werkzeug. Ich würde nicht so weit gehen, meinen ehemaligen Trainer kontextbefreit zitierend, mir ein Bügeleisen im Schuh zu attestieren, aber er ist definitiv kein Trickserfuß. Keine Hacke. Spitze schon eher. Kein eins-zwei-drei.

Woraus sich nahezu zwingend ergibt, dass ich den Ball in aller Regel am rechten Fuß habe. Mit rechts annehme, mit rechts, erhobenem Kopf und großer Geste raumgreifend durchs Mittelfeld trabe, mit rechts ins Dribbling gehe. Das Dribbling ist ja nicht so meins. Also nicht im Sinne von Übersteigern, verwirrenden choreographierten Tricks (ah, Tricks, da sind sie wieder!) und ständigen Fußwechseln. Eine Körpertäuschung, vielleicht ein kurzes Innehalten, eine kurze Ballberührung, ein Beschleunigungsversuch.

Ist ja nichts Schlechtes. Keep it simple. Allerdings, und hier wird es vielleicht ein bisschen too simple, liegt der Ball, Sie erinnern sich, stets an meinem rechten Fuß, oft an dessen Innenseite, und so ziehe ich, wenn alles gutgeht, nach links am Gegenspieler vorbei, verschaffe mir ein bisschen Vorsprung und Raum, eine Schusschance eröffnet sich, Raum für eine Flanke, der Korridor für ein kurzes Zuspiel oder einen langen Pass.

Der Gegenspieler erkennt das auch, vielleicht, hat kurz ein schlechtes Gewissen gegenüber seiner Mannschaft, weil er sich so billig ausmanövrieren ließ, um dann relativ rasch zu erkennen, dass das ja alles halb so schlimm ist: Feinmotorik. Bügeleisen. Sie ahnen es, haben es vielleicht bildlich vor Augen: mein linker Fuß. And I … am not left-footedEither.

Und dann: Bämm! Torschuss mit links. Flanke mit links. Stanglpass mit links. Das geht. Ziemlich gut sogar. Der letzte Kontakt ist ein linker. Oder anders: One-Touch-Football mit links – mein Ponytrick. Nimm dies, Trainer Baade!

Ernsthaft: ich vermute, dass meine Tor- und Vorlagenquote mit links der mit rechts über die Jahre hinweg nur unwesentlich nachsteht. Wenn überhaupt. Auf überschaubarem Niveau, gewiss, aber doch bemerkenswerterweise. In den letzten Wochen, als ich, um die oben erwähnte Ahnung meines “Tricks” zu verifizieren, mit Hilfe einer sehr geringen Stichprobe, etwas genauer darauf achtete, gelangen mir zumindest mehr Tore und Vorlagen mit links als mit rechts. Ohne dass ich mich darum bemüht hätte.

(Wir sprechen von Kleinfeldfußball, mit freakigen Ergebnissen, da trifft jeder ab und zu mal. Nur um das klarzustellen.)

Und jetzt geh ich dem Trainer Baade nochmal ganz großspurig Humblebragging unterstellen.