11 Freumde und Kampke. Fragen und Antworten.

28. Juli 2016

Die 11 Freumde, ihres Zeichens Exponenten der Fußballkultur, bleiben uns gewogen. Auch in Liga zwei werden sie den VfB nicht vergessen und lassen daher erneut einen Schlurch- und Popelsblogger zu Wort kommen, der sich nach bestem Wissen und Gewissen müht, die Antworten nicht ganz so vertraut klingen zu lassen wie die Fragen. Gelingt nicht immer. Zudem wurde er von der Realität eingeholt: Anders als zum Zeitpunkt der Beantwortung steht mittlerweile fest, wie der Sportdirektor des VfB Stuttgart heißt. Diese rasche Entscheidung war nicht abzusehen.

Und hier noch ein Zitat in eigener Sache, von @MickyRust:

Die geneigte Leserin ahnt, dass auf dieser 2/3-Seite nicht allzu viel Inhalt Platz hat. Falls also jemand den Rest lesen möchte: here You go!

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Darum muss man meinen (sic!) Blog lesen:
Muss man nicht. Reimt sich noch nicht mal.

Die neue Saison könnte ganz eventuell legendär werden, weil…
… die legendärste zweite Liga aller Zeiten zum letzten Mal im frei empfangbaren Fernsehen läuft.

Wenn ich an die vergangene Saison denke, dann…
… funktionieren die Filter in meinem Kopf erstaunlich gut.
Spieltage 17-21: Europapokalträume!

Wenn ich einen durchgeknallten russischen Milliardär kennenlerne, kaufe ich meinem Klub…
… alle Spieler, die sich die aktuelle sportliche Führung wünscht. Wenn man nur wüsste, an wen man sich da wenden muss. Und wie immer: Joshua Kimmich.

Mein schlimmster Albtraum…
… wäre ein planlos herumdilettierender Verein. Honi soit.

Aus meinem Team auf dem Zettel haben muss man…
Thomas Hitzlsperger. Ohne Zettel kann man sich seine Funktionsbezeichnung gar nicht merken.

Die lustigste Fan-Aktion der vergangenen Saison war…
Wie gesagt: Es gab ein paar gute Spieltage, und der Rest war Elend. Nix mit lustig.

Auswärts brauche ich Bier, drei Punkte und…
… jemanden, der das Bier trinkt. Aber eine rote Wurst nähme ich gern.

Das müsste passieren, damit ich nie wieder ins Stadion gehe…
Solange dort Fußball gespielt wird, stellt sich die Frage nicht.

Meine Klatschpappe benutze ich beim nächsten Stadionbesuch um…
… den freundlichen jungen Menschen, die den Gästefans so hübsche Dinge wie “Schwule und Zigeuner” zurufen, ein bisschen Sauerstoff zuzufächeln. Zunächst. Vielleicht hilft’s ja.

Mein Verein muss an den DFB Strafe zahlen, weil/wir ich im Stadion…
… das verunglimpfende Banner “Hey DFB, Du bist manchmal ein bisschen gemein!” zeigen.

Exakt so läuft jeder Heimspielsamstag bei mir ab:
Möglichst zum Neckarstadion radeln, ein paar Minuten zu spät zum Treffpunkt kommen, rote Wurst und Kaltgetränk, überzogen optimistischen Tipp abgeben, “Auf geht’s Jungs aus Cannstatt!”, am Ende resigniert den Kopf schütteln, bedröppelt nach Hause radeln.

Am Montagabend ins Stadion gehen ist wie…
… an jedem anderen Tag in erster Linie ein Vergnügen. Leider ist es jedoch für zu viele ein unmögliches Unterfangen, kann also weg.

Unser aktuelles Trikot ist…
… optisch verlässlich.

Wenn David Guetta Stadion-DJ wird, dann…
… setze ich auf sein Gespür für Pausen. Lange Pausen. Alles andere ist irrelevant.

Auf diese Schlagzeile warte ich schon seit Jahren…
“Osterei gelegt: VfB kann für die neue Bundesligasaison planen!”
Ich werde wohl noch ein Weilchen warten.

In fünf Jahren ist mein Klub…
… immer dann in aller Munde, wenn schwächelnde “Traditionsvereine” gefragt werden, an wem sie sich bei ihrer sportlichen Konsolidierung orientieren wollen. (Hüstel.)

Die Liga nach unten verlässt…
Wer spielt denn überhaupt in dieser zweiten Liga? (Man muss seine überhebliche Absteigerhaltung schließlich offensiv transportieren.)  Wie auch immer: Wichtig wäre mir, dass es nicht den VfB trifft.

Leipzig ist weg, jetzt steigen wir auf, weil…
… soundsovieltausend Dauerkarten verkauft sind. Aufbruchstimmung olé! Übers Sportliche reden wir später. Mit wem auch immer.

Außerdem geht noch hoch…
Heidenheim. Einfach wegen Frank Schmidt. Ob der Kader das hergibt? Keine Ahnung.

Wäre mein Klub ein Mittagessen, dann definitiv…
Verlorene Eier.

Für 10 Millionen in die zweite englische Liga verlässt uns im Winter…
Robin Dutt. Verzichtet auf ausstehende Restzahlungen, weil er seinem Herzen folgen und wieder Trainer werden will,

Wenn ich einem Außerirdischen Fußball erklären müsste, würde ich sagen:
“Hier, Euer Ball. Macht einfach, das wird schon.”

Eine Blutgrätsche verdient hätte…
Leider Thomas Hitzlsperger. Gerne von Joshua Kimmich.

Wenn mein Klub vorm VfB landet, dann…
… ist irgendwas mit der Matrix nicht in Ordnung.

Die US-Variante meines Klubs hieße…
Wannabe Wild Horses.

Den Namen unseres Stadions finde ich…
… perfekt. “Neckarstadion” klingt doch super.

Fußball gucke ich am liebsten…
Ja, stimmt weiterhin.

Von dieser EM-Truppe könnte sich unsere Mannschaft eine Scheibe abschneiden…
Immer wieder Italien. Es muss großartig sein, wenn man weiß, dass hinten nichts passiert.

Diese Saison als erstes gefeuert wird…
… der eine oder andere Nachzügler aus der Ära Dutt.

Und falls es doch nicht  der Coach von 1860 ist?
Der Eventmanager, der für die EM-Berichterstattung in der ARD verantwortlich zeichnet.

Packing war gestern: In dieser neuen Statistik wäre mein Klub ganz vorne…
Wissen wir ja alle: Eigentore pro, nun ja, vielleicht Spieltag?

2. Liga ist viel schöner als Bundesliga, weil…
Nein. Einfach nein.


Zidane schweigt, Rebiger nicht

9. Juni 2016

Sie kennen das, nicht wahr? Man möchte noch schnell was schreiben, und eigentlich auch noch was zweites, ganz anderes, und ständig kommt was dazwischen, aber es ist einem ja wirklich ein Anliegen, beides, vielleicht könnte man das ja in einen Topf, Sie wissen schon, und eine hübsche Überschrift hat man ja auch schon, geklaut natürlich, aber schön, doch sie deckt den zweiten Teil nicht ab, und überhaupt passen die Inhalte ja eh nicht recht zusammen, aber, puh, gleich zwei Sachen veröffentlichen, muss ja auch nicht sein, ne, und, dann, tja, ach egal.

Vor ein paar Tagen hatte ich das Vergnügen, ein elektronisches Buch zu lesen. Der geschätzte Frédéric Valin („Wäre ihr Spielstil eine Sprache, es gäbe keine Relativsätze, Adjektive nur an Sonntagen.“ Über wen er das gesagt hat, in seiner EM-Vorschau? Schlagen Sie nach!) hat mir dieses Buch an die Hand gegeben, elektronisch, wie gesagt, aus der Elektrobibliothek, und ich wusste zwar ungefähr, worum es gehen und dass es mich interessieren, nicht aber, dass er mich bereits mit dem Titel komplett für das Büchlein einnehmen würde. Dieser Titel lautet eben, Sie mögen es geahnt haben, „Zidane schweigt“, auch wenn er, Zidane, wie auch im Text zur Sprache kommt, sich in mindestens einem Fall dann doch nicht daran halten konnte und reden musste, und vielleicht sollte ich hinzufügen, dass der Diminutiv „Büchlein“ einzig und allein darauf hinweisen soll, dass es sich, wäre das Buch ein physisches, um einen eher dünnen, rasch zu lesenden Band handelt, keineswegs aber um leichte, gar seichte Kost.

Gut zu lesen sind seine Texte ohnehin, wenn man seinen Stil mag, und ich gebe zu, dass mir kaum Gründe einfielen, ihn nicht zu mögen. Inhaltlich sieht das schon ein bisschen anders aus, also zumindest dann, wenn man wie ich große Stücke auf Mario Gomez hält, aber das soll an dieser Stelle nichts zur Sache tun, denn in besagtem Buch geht es zwar auch um Fußball, ganz intensiv um Fußball, aber zum einen nur bedingt um deutschen Fußball und zum anderen auch weit darüber hinaus um eine politische und vor allem gesellschaftliche Komponente, die dem Autor ganz offensichtlich am Herzen liegt.

Frédéric Valin, der Name lässt es erahnen, ist nach eigenen Angaben „sehr französisch sozialisiert“, und so befasst er sich in „Zidane schweigt“ mit dem französischen Fußball der letzten Jahrzehnte und in besonderem Maße seit 1998, seit jenem Sieg, den der Klappentext als „Beweis für ein Gelingen des Multikulturalismus in Frankreich“ anführt und der auch den Ausgangspunkt des Textes darstellt. Frédéric begleitet diese französische Nationalmannschaft durch die folgenden Jahre bis hin zum Kulminationspunkt in Knysna, einem Ort, der im französischen Fußball einen Klang hat wie hierzulande Gijón oder Córdoba, tatsächlich aber weit über den sportlichen Aspekt hinausreicht – anders als die beiden genannten Tiefpunkte deutscher Fußballhistorie bezieht sich Knysna nicht auf ein konkretes Fußballspiel, sondern auf die verheerenden, großteils fußballfremden Geschehnisse im französischen Quartier während der WM 2010. Und nein, den Schlucksee akzeptiere ich nicht als Vergleich.

Knysna, so der Autor, war für die extreme Rechte, und damit sind wir also deutlich im politischen Bereich „ein Geschenk des Himmels“. Sie konnte die dortigen Vorgänge in ihrem Sinne deuten und auch rasch die öffentliche Wahrnehmung dominieren, in Frédérics Worten zeigten „die Medien ein Zerrbild einer Gesellschaft, die – so die Moral von Knysna – nicht funktionieren kann: eine voller Einwanderer, unterentwickelten Schulabbrechern, Leuten, die in den Straßenschluchten der Banlieues abhängen.“

Dieser Weg, von 1998 bis 2010, von ganz oben in einer keineswegs linearen Bewegung nach ziemlich weit unten, steht im Zentrum des Buches, mit viel Fußball, aber auch mit vielen gesellschaftlichen und politischen Betrachtungen, die deutlich weiter zurückreichen, zu Mitterrand, zu Tapie, und natürlich zum Aufstieg Jean-Marie Le Pens und seines Front National, und von dort dann wieder chronologisch nach vorne zur Ankunft von dessen Tochter in der Mitte der Gesellschaft.

Ich glaube, mich im französischen Fußball der letzten zwanzig Jahre ganz gut auszukennen, und auch gesellschaftspolitische Entwicklungen bei unseren Nachbarn verfolge ich stets interessiert. Dass dennoch mit der Zeit manches verloren geht, liegt auf der Hand, und auch vor diesem Hintergrund war es sehr aufschlussreich, sowohl sportliche als auch gesellschaftliche als auch politische Ereignisse nochmals vor Augen geführt, erläutert und eingeordnet zu bekommen. Dabei laufen die einzelnen Ebenen mitunter nebeneinander her, mit gelegentlich recht abrupten Themen- und Schauplatzwechseln, die einem Thriller zur Ehre gereichen würden; zum Teil werden aber auch von Anfang an die Querverbindungen zwischen Fußball bzw. ganz konkret der französischen Nationalmannschaft und der französischen Gesellschaft hergestellt. Besonders deutlich werden sie meines Erachtens etwa ab der Hälfte des Buches, wenn es verstärkt auf Knysna zusteuert und wenn der Autor, und damit der Leser, vielleicht auch schlichtweg von den Grundlagen profitiert, die im ersten Teil gelegt wurden.

Das Buch „Zidane schweigt“ von Frédéric Valin ist im Verbrecher Verlag erschienen, und das, wie bereits erwähnt, ausschließlich elektronisch im Rahmen der neuen „Edition Elektrobibliothek“ des Verlags. In dieser Reihe sollen künftig Romane, Erzählungen und Essais lebender Autorinnen und Autoren in ausschließlich elektronischer Form veröffentlicht werden. Ich habe keine Beziehung zu dem Verlag, bin aber Frédéric Valin bereits begegnet und schätze sein Werk sehr.

Eine andere Person, deren Werk ich sehr schätze, ist Herr Rebiger. Oder @rebiger, bei Twitter. Dieser Herr Rebiger hat sich zu meiner großen Freude und analog zur Weltmeisterschaft 2014 bereit erklärt, wiederum gemeinsam mit mir und interessierten Gästen das Turnier in Fünfzeilern zu begleiten: in der Doppelfünf.

Wir sind mit einer kurzen Historie der Europameisterschaften eingestiegen, haben dies und jenes kommentiert und zuletzt eine kurze Prognose zu den einzelnen Gruppen vorgelegt. Nun wird es Zeit, dass es losgeht, und wenn alles nach Plan läuft, sollte in den nächsten Wochen, Ausnahmen bestätigen die Regel, jedes Spiel der EM von mindestens zwei Leuten in je fünf Zeilen kommentiert werden. Vielleicht möchte ja jemand mal reinschauen und am liebsten auch noch mitreimen. Bei Twitter gibt’s uns unter @doppelfuenf2016.

Hier ein kleiner Vorgeschmack, ein Outtake sozusagen, der in der historischen Betrachtung einen Tick zu spät kam und unveröffentlicht blieb (die Sprachwahl ist hier dem Veranstaltungsort geschuldet, stellt aber eher die Ausnahme dar):

1996
Thanks to Shearer, they seemed on their way,
but Germany’s Kuntz countered: Nay.
Darren Anderton missed
So football (the twist!)
had come home, but the cup didn’t stay.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Normalität

20. Mai 2016

Gestern fand das Hinspiel der diesjährigen Relegation um den letzten verbleibenden Bundesligaplatz für die kommende Saison statt. Es wurde überschattet von den Geschehnissen um den offenbar schwer erkrankten Marco Russ, und vor allem anderen wünsche ich ihm von Herzen eine baldige und vollständige Genesung.

Nicht ganz unerwartet verschob sich das öffentliche Interesse im Vorfeld des Spiels zusehends weg vom rein Sportlichen hin zum Schicksal des Spielers; die als bewusste Geste interpretierte Entscheidung, ihn und nicht den etatmäßigen, aber lange verletzten Spielführer Alex Meier die Kapitänsbinde tragen zu lassen, verstärkte diese Tendenz weiter. Die Geschichte des Spiels ist bekannt: Russ brachte seine Mannschaft durch ein Eigentor in Rückstand, das bundesweite Aufstöhnen war zu erahnen, das Bedauern schmerzte körperlich. Der Wille, seinen Lapsus auszumerzen, war ihm fortan deutlich anzumerken – es war schließlich ein Relegationsspiel – und später sah er nach einem Foul eine gelbe Karte, die eine Sperre für das Rückspiel zur Folge hat.

Dass die sportliche Betrachtung angesichts der Vorgeschichte ein wenig in den Hintergrund rückte, war wohl unvermeidlich und ist im Grunde zu begrüßen: natürlich steht die Gesundheit über allem, und es ist beruhigend, dass die individuellen Kompasse hier in der Regel verlässlich funktionieren. Gleichzeitig boten die Begleitumstände – der Dopingverdacht, der Zeitpunkt der Veröffentlichung, die Kapitänsbinde – auf der einen Seite zu viel Gesprächsstoff. Auf der anderen Seite zeigten sie auch echten Diskussionsbedarf auf: zum Vorgehen der Staatsanwaltschaft angesichts des Dopingverdachts, vielleicht auch zu den dahinter liegenden Regularien, zum kolportierten Veröffentlichungsdruck, der – wieder einmal – von mindestens einem Medium ausgeübt worden sei, oder zum fernsehjournalistischen Umgang mit der Thematik vor, während und nach dem Spiel. Zu all diesen Facetten liegt bestimmt eine Vielzahl von Einschätzungen und Analysen vor; mein Thema sollen sie im Einzelnen nicht sein.

Dies gilt analog für die Äußerungen der Herren Weiler und Schäfer nach dem Spiel. Auch dazu ist man, gewünscht oder nicht, vielfältigen Meinungen und Einlassungen begegnet. Eine angemessen differenzierte Betrachtung fand ich beispielsweise beim geschätzten Herrn @Surfin_Bird:

Ich weiß, Herr Schäfer hat sich in recht deutlichen Worten von seinem dummen Interview distanziert, immerhin, und wer wäre ich, ihm zu widersprechen?

So etwas darf mir nicht passieren, das ist absolut nicht in Ordnung.

Stimmt. Das hätte ihm auch vorher bewusst sein müssen. Vielleicht hat er etwas daraus gelernt und denkt künftig einen Schritt weiter. Auch René Weiler wurde mit vernünftigen Worten zitiert, mehr Zeit möchte ich darauf nicht verwenden.

Was mich indes seit gestern Abend immer wieder beschäftigt, ist die Frage, die @Dagobert 95 gestellt hat, bzw. die Antwort von @ColliniSue:

Ist das so? Ist es so außergewöhnlich, dass Marco Russ spielen wollte? Also ganz abgesehen davon, dass eine solche Erkrankung per se im Profifußball eher außergewöhnlich ist? Seit gestern versuche ich mir vorzustellen, wie sehr er aus der Bahn geworfen war und ist. Er hatte das verstörende Ergebnis einer Dopingkontrolle erhalten, das entweder seine berufliche Existenz oder, viel schlimmer, seine Gesundheit massiv bedrohte. Ärztliche Untersuchungen, juristische Erwägungen, Gespräche mit der Familie natürlich, Überlegungen zu einer Veröffentlichung, und über alledem: Ängste. So stelle ich mir das vor, und die Realität dürfte eher drastischer sein als meine Gedanken.

Liegt es da nicht nahe, sich ein wenig Normalität zu wünschen? Ist es vielleicht beruhigend, all jene Rituale ablaufen zu lassen, die man in vielen Jahren als Profi für die 24 Stunden vor einem Fußballspiel verinnerlicht hat, voll fokussiert, zumal vor einem besonderen Spiel? 24 Stunden, in denen es gelingen könnte, diese beschissene Diagnose, deren Auswirkungen man nicht so ganz greifen kann, die vielleicht auch die Ärzte nur unzureichend einschätzen und beschreiben können, phasenweise ein wenig in den Hintergrund zu rücken?

Ich weiß nicht, ob dem so ist; glücklicherweise war ich noch nie in einer derart existenziellen Situation. Aber überraschen würde es mich nicht. Und wenn dann noch die Ärzte sagen, dass es keinen Unterschied ausmache, ob die Therapie drei Tage früher oder später beginnt, ob die Operation morgen oder erst in der kommenden Woche stattfindet, und wenn man sich als Betroffener gar vorstellt, dass – was eine höhere Macht verhüten möge – das bevorstehende Spiel möglicherweise das letzte auf diesem Niveau sein könnte, dann finde ich es, auf Basis all dieser Vermutungen und Hypothesen, alles andere als ungewöhnlich, dieses Spiel bestreiten zu wollen.

Eine ganz andere Frage ist die, ob die Verantwortlichen in Frankfurt, der Trainer, die Ärzte, vielleicht die Psychologen, eine Pflicht gehabt hätten, Russ von vornherein herauszunehmen, ihn zu schützen vor all dem, was da auf ihn einstürzen würde. Kann ich nicht beantworten. Ich kann mir allerdings nur schwer vorstellen, dass bzw. wie Niko Kovač, sofern keine medizinische Indikation vorliegt, Marco Russ hätte sagen wollen, dass er ihn nicht berücksichtigen werde.

Aber letztlich ist das alles irrelevant. Vielleicht ist es unangemessen, diese Überlegungen hier öffentlich zu machen, bloße Spekulationen um einen erkrankten Menschen und dessen Beweggründe, an einem Fußballspiel mitzuwirken. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich Ihre Zeit gestohlen habe.

Abschließend wünsche ich Marco Russ nochmals alles Gute für die nächsten Wochen und Monate. Ich würde mich unsagbar freuen, ihn in absehbarer Zeit vollständig genesen wieder irgendwo mit seinen beiden Kindern an der Hand zu sehen. Wenn er noch dazu Fußballschuhe trägt: schön.


Fußball schauen? Ja – Nein – Vielleicht.

14. Mai 2016

Ich weiß nicht, ob ich mir das Spiel am Samstag ansehen werde. Was schon mal deutlich anders klingt als zu Wochenbeginn. Da hatte ich mit der Saison komplett abgeschlossen. Abstieg. Ohne “Mund abputzen!”, ohne “Weitermachen!” Einfach einen Haken dran, wer interessiert sich schon für Perspektiven? Den Blick nach vorn könnt Ihr behalten. (Gebt uns ruhig die Schuld!) Quasi ein Hinnehmen der Realität bei gleichzeitiger völliger Verweigerung derselben. Sich voll inwendiger Inbrunst von der ersten Liga verabschieden, aber dem Gedanken, dass der Verein gegen den FC künftig nicht mehr in Augsburg, Köln, Ingolstadt oder München spielt, sondern in Aue, Heidenheim, Berlin und Kaiserslautern, keine Chance geben, sich zu entfalten. Das menschliche Gehirn.

Und dann dieser schleichende Prozess der Wiederannäherung an die Hoffnung. Wie schon in der Vorwoche. Da war ja auch schon alles verloren. Nach Bremen, Sie erinnern sich, die Hilflosigkeit, die Sprachlosigkeit. Die Ratlosigkeit. Das Momentum. Wir würden alle sterben! Und dann, zwei Tage später, diese Überraschung beim Blick auf die Tabelle: Äh, das sieht ja gar nicht so schlecht aus, wie ich es mir in meinem Fatalismus ausgemalt habe. Nur Mainz schlagen, dann wird das schon. Mainz, ich bitte Sie! Klar, die wollen in Europa möglichst hoch einsteigen, aber im Grunde sind sie doch längst zufrieden, und die Stuttgarter haben nun wahrlich was gutzumachen, und das werden sie auch, et hätt noch immer joot jejange.

Weil das dann auch so prima geklappt hat, haben wir diesen Ablauf in der Folgewoche einfach noch einmal durchgespielt. Erst jede Hoffnung fahren lassen, dann zynisch werden, dem Fußball abschwören, dem Leben am besten gleich mit, dem Verein sowieso, dann die ersten Menschen hören, die Zuversicht verbreiten, sich mit der Tabelle befassen. Äh, das sieht ja gar nicht so schlecht aus, wie ich es mir in meinem Fatalismus ausgemalt habe. Nur Wolfsburg schlagen, dann wird das schon, ich bitte Sie! Die können ja noch nicht mal mehr in Europa einsteigen, Ach so, ja, und die Eintracht sollte dann auch noch gewinnen, nun gut. Aber das ist ja auch nicht so abwegig.

Redet man sich ein. Und sobald man dann wieder rational an die Sache herangeht, und hier wird der Unterschied zur Vorwoche dann deutlich, gesteht man sich ein, wie unwahrscheinlich es doch ist, dass allein der VfB seinen Teil dazu beiträgt, an den Relegationsspielen teilnehmen zu dürfen.

Neulich hat mich jemand gefragt, wie sehr mich ein Abstieg schmerzen würde, auf einer Skala von 1 bis 10. Ich wusste keine Antwort. Es übersteigt noch immer, trotz jahrelanger Vorbereitung, meine Vorstellungskraft. Den Gedanken, dass der VfB aller Voraussicht nach mindestens ein Jahr lang nicht mehr bei den Großen mitspielen darf, habe ich noch nicht durchdrungen. Das wird kommen, wenn die Saisonvorbereitung (Manchester City oder anderes Fallobst, kennt man ja) ein paar Wochen früher beginnt, wenn die ersten Spiele anstehen, wenn die Dauerkarte unverhofft nur noch halb so teuer ist, ähem, wenn man sich bei Twitter mit ganz anderen Leuten als je zuvor über die noch immer nicht terminierten Spieltage echauffiert. So glaube ich zumindest. Aber wer weiß, vielleicht verweigert man die Einsicht ja auch komplett?

Nehmen wir die CDU. Die hat ihren Abstieg gedanklich noch immer nicht durchdrungen. Sieht sich heute, fünf Jahre nach dem Erdbeben von 2011, noch immer als qua Weltordnung stärkste Partei im Land. Hat jahrelang von Erneuerung geredet und darüber die Erneuerung vergessen. Hat der Regierung ins Stammbuch geschrieben, sie müsse endlich das Regieren lernen, ohne selbst in ihre Oppositionsrolle hineinzufinden. Klar, wieso sollte man auch, war ja klar, dass man sich das nur für eine Periode lang würde antun müssen. Und was soll ich sagen? So ist es gekommen. Also so ungefähr.

Aber ich schweife ab. Könnte jetzt von der Erneuerung des VfB reden. Aber lassen wir das. Heute nicht. Oder über all das, was ich im letzten halben Jahr so schreiben wollte und nicht schrieb. Sie müssen jetzt stark sein: der Kelch ging nicht vorüber, ein Teil davon kommt noch. Irgendwann. Ach so, aber ein Satz doch noch zur Erneuerung, vielleicht auch zwei oder zehn: Neu beim VfB ist zumindest, das er sich auf Blogs einlässt. Sie wissen schon, diese Internettagebücher, in denen Menschen gelegentlich Dinge angedacht haben und meinen, sie mit der Welt teilen zu müssen. Eines dieser Tagebücher fanden die beim VfB kürzlich mal nicht so toll, es liegt by the way in diesem Netz gleich nebenan.

Ich kann nachvollziehen, dass der Verein das Blog nicht so mag. Da steckt dann halt doch ne Menge Kritik drin. Kritik, deren Berechtigung ich in vielen Fällen weder veri- noch falsifizieren kann, in einer sehr selbstbewussten, stilistisch bemerkenswerten Art und Weise vorgetragen. Kann man als Leserin mögen, kann man auch nicht mögen, keine Frage. Mir persönlich gefällt der Stil sehr gut, gefällt der Tonfall nicht immer, gibt der Inhalt häufig zu denken, ist die Mission mitunter arg präsent, aber: Geschmackssache.

Vermutlich ist es auch Geschmackssache, ob sich der Verein derlei Kritik bieten lassen soll oder nicht, und vor allem: wie er gegebenenfalls darauf reagiert. Meinem persönlichen Geschmack entsprechen kostenbewehrte Abmahnungen zu Lasten von Bloggern und Fans nur sehr bedingt, oder, in einer in diesem Internet etwas verbreiteteren Darstellungsform (Sie kennen das, gerade bei Twitter, “und jetzt weiß ich auch nicht” oder andere sprachliche Manierismen), was ich also sagen will: Natürlich kannst Du als größeres Unternehmen einen unliebsamen Blogger zur Kasse bitten, aber dann bist Du halt scheiße.

Und nein, ich weiß nicht im Detail, welche Art der Kommunikation zwischen den Streitparteien abgelaufen ist, und ja, ich kann mir gut vorstellen, dass der Beklagte (nicht im juristischen Sinne, da kenne ich mich nicht aus) wenig Anstalten machte, beim ersten leichten Gegenwind zu Kreuze zu kriechen oder mit weit ausgebreiteten Armen auf den Kläger zuzugehen. Jenen Kläger, der, von all jenen zahlreichen Vorwürfen, die der Beklagte im Lauf der letzten Monate vorbrachte, einen eher so mittelspektakulären zum Anlass für eine Abmahnung nimmt. Honi soit qui mal y pense.

Ach, genug. Am Samstag spielt der VfB. Ich sollte mich so langsam mal vorbereiten. Für den Fall, dass ich es sehen möchte.


vierundzwanzig/zwanzigfünfzehn

24. Dezember 2015

Die vierundzwanzig kommt, ich spür die Last
und wär gern die Verantwortung geflohn.
Wen soll ich bloß verstecken? Uwe Hohn?
Mike Kluge, Wülbeck, Redgrave? Nahm ich fast!

Dann Klimke, Shouaa, Erdmann – hätt’ gepasst.
Hab mich mit Boxen, Schwimmen (hier: synchron),
Li Ning und “Skicross-Oma” Gutensohn,
klammheimlich gar mit Skrimshander befasst.

Doch letztlich kann ich nicht aus meiner Haut
und werde – mancher hatte schon geunkt –
zum Abschluss in die Achtziger geleiten.

Ihr Zahlencode ist jedem Fan vertraut:
eins dreiundfünfzig achtundzwanzig. Punkt.
Fünf Ziffern bloß. Das Mahnmal jener Zeiten.

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Bevor es untergeht, und wer weiß, wann ich es schaffe, mich hier abschließend zu äußern und das Ganze vielleicht auch noch einmal, Sie wissen schon, Paroli laufen zu lassen, ist es mir ein wichtiges Anliegen, all jenen, die in den letzten 24 Tagen mitgelesen, mitgeraten, kommentiert und mit ihrem Wissen brilliert oder sich vielleicht auch mal nach eigener Wahrnehmung ein kleines bisschen zum Affen gemacht haben, wie auch jenen, die den Kalender per Twitter, in Blogschauen oder Kommentaren verbreitet haben, sehr herzlich zu danken, und gleichzeitig, und der eine oder die andere mag bereits gemerkt haben, dass ich es zunehmend bewusst darauf anlege, diesen Absatz nicht durch einen schnöden Punkt in mehrere Abschnitte, vulgo: Sätze zu teilen, gleichzeitig ist es mir also ein Bedürfnis, all jenen, die mir bis hierher gefolgt sind, und gerne auch allen anderen, die sich irgendwann im Lauf des Jahres 2015 hierher verirrt haben, ein gesegnetes Weihnachtsfest im Kreise ihrer Lieben, ein bisschen Erholung und dann einen fulminanten Start in das Jahr 2016 zu wünschen!

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Hintergründe zum Kalender.
Kommentare zu Sportart und Identität wären schön.
Bleiben aber zunächst verborgen. Spannung und so.