Ungeschriebene Oden

21. Mai 2015

Vor zehn Tagen, nach dem Sieg gegen Mainz, stand ich vor dem Palast der Republik und wurde von Freunden gefragt, woher denn meine Euphorie rühre und ob ich etwa noch länger im Stadion geblieben sei, um die Mannschaft zu feiern? “Kurz”, sagte ich, und obschon mir klar war, dass eben diese Mannschaft nichts mehr getan hatte, als ihre Pflicht zu erfüllen, was die geneigte Leserin bitte nicht als moralische Bewertung verstehen möge, sondern als Einschätzung sportlicher Notwendigkeiten im Lichte der im Lauf der Saison (nicht) erzielten Ergebnisse und der sich daraus ergebenden Tabellensituation, war ich ein glücklicher Mensch.

Dabei hatte man grade mal die Mainzer geschlagen, für die es um nichts mehr ging, und so das Notwendige getan, um weiter auf den Klassenerhalt hoffen zu dürfen. Hinreichend war es nicht; es langte nicht einmal dazu, den letzten Platz zu verlassen. Und doch schwamm ich auf meiner ganz eigenen Euphoriewelle, war geneigt, das Fest zu feiern, wie es gefallen war, und fühlte mich genau richtig platziert, exakt dort, wo wir knapp acht Jahre zuvor glückselig gestanden hatten. Völlig absurd.

Nun, eine Woche später, stand das nächste Spiel an, diesmal gegen den HSV, einen direkten Konkurrenten, und vermeintlich ungleich herausfordernder – was angesichts des Umstands, dass der Sieg gegen Mainz lange Zeit keineswegs als ausgemachte Sache hatte gelten dürfen, eine durchaus belastende Aussicht darstellte. Dennoch war die Perspektive klar:

Ging dann ja auch recht gut los. Ballbesitz, Offensive, Einstellung, … der VfB machte vieles richtig, traf aber das Tor nicht. Das tat dafür der HSV, aus einer Standardsituation heraus, die als Blaupause für viele verheerende Stuttgarter Abwehrleistungen der ganzen Saison taugte, hätte man Zeit gehabt, sich lange damit aufzuhalten. Tatsächlich (eines meiner am häufigsten verwendeten Worte, wie ich jüngst mit Schrecken feststellte, als ich mir ein Weilchen zuhörte, aber das nur am Rande) war indes in der Folge der ganze Fan gefordert und hatte zwar angesichts einer kurzen Findungsphase der Mannschaft und entsprechend wenigen relevanten Geschehnissen auf dem Platz ein bisschen Zeit, um zu hadern.

Gleichzeitig jedoch ließ er, also der Fan, also auch ich, in seiner Unterstützung keinen Deut nach, im Gegenteil, und kam so in die angenehme Verlegenheit, die Anfeuerungs- schlagartig in Jubelrufe übergehen lassen zu müssen. Noch dazu doppelt, und wenn ich geglaubt hatte, die Intensität des erlösenden Jubels gegen Mainz sei nur schwer zu überbieten, so, nun ja, hatte ich wohl recht gehabt. Wesentlich intensiver wurde es auch gegen den HSV nicht, vermutlich gar nicht, aber man bewegte sich auf demselben Niveau. Bemerkenswert, wozu das “gewohnt kritische Stuttgarter Publikum”(TM) so in der Lage ist.

2:1 zur Pause, es folgten viele Chancen, von denen zwar keine in die erhoffte Befreiung mündete; es gelang jedoch, das Spiel weitestgehend in der Nähe des Hamburger Tores zu halten, wenn man von Djourous Torschuss aus 40 Metern und vereinzelten Hamburger Annäherungen an Ulreichs Tor absieht, von denen jedoch keinerlei wirkliche Gefahr ausging. Muss ja auch nicht, so ein Gegentor, beispielsweise aus einer Standardsituation, kann ja auch gerne mal aus dem Nichts kommen, wie das 0:1 gezeigt hatte. Also zitterte man, irgendwo, tief drinnen, und war gleichzeitig euphorisch ob des Tempos, der Dynamik, des Selbstvertrauens der Stuttgarter Spieler. Mal im Ernst: Wann hat Martin Harnik jemals einen schwierigen Ball so herunter- und mitgenommen wie in jener Szene, in der kurz darauf sein Querpass auf Daniel Ginczek einen Tick zu lommelig geriet und gerade noch von Johan Djourou abgefangen werden konnte? Genau: noch nie. Zumindest nicht in meinem Beisein.

Überhaupt, Harnik: man müsste eine Ode schreiben. Ich setzte schon einmal zu einer an, einige Ältere mögen sich erinnern, ließ mich dann aber vom Anblick schlanker Waden ablenken, und vermutlich würde ich auch heute wieder scheitern. Weniger an Waden als vielmehr am Gefühl, so viele Oden schreiben zu sollen. Ja, natürlich hätte Harnik eine verdient, wie so oft in den letzten Wochen, aber noch nie so uneingeschränkt, aber was wäre dann mit Kostic, auf den sich die Hamburger, wie zuvor schon die Mainzer, eigentlich ganz gut eingestellt zu haben glaubten: Ivo Ilicevic ging zu Beginn des Spiels im Vollsprint mit nach hinten, sobald der Ball auch nur in Kostics Nähe kam, doch auf Dauer, die eher kurz war, konnte oder wollte er das nicht durchziehen und überließ den Stuttgarter Linksaußen meist Heiko Westermann, der keinen ganz leichten Stand hatte und lange von Glück sagen konnte, dass Kostics Hereingaben zunächst verheerend waren. Man fühlte sich ein bisschen an Arjen Robben erinnert. Nicht weil Kostic ihm so ähnlich wäre, sondern weil der Gegner ein ums andere Mal nicht in der Lage war, die grundsätzlich vorhersehbaren Aktionen des Stürmers zu unterbinden.

Daniel Didavi nicht zu vergessen, natürlich, der dann auch zum rechten Zeitpunkt von Alexandru Maxim abgelöst wurde, um nicht Gefahr zu laufen, das Ergebnis nur mehr zu verwalten, oder Timo Baumgartl, den ich in der Vorwoche noch in der einen oder anderen Aktion als hektisch und nervös wahrgenommen hatte und der nun als Souverän neben dem Souverän Rüdiger wirkte: auch ihnen gebührte eine Ode, wäre ich nicht gedanklich schon wieder weiter, bei Christian Gentner, der den hintersten Hamburger Abwehrspieler ebenso regelmäßig unter Druck setzte wie deren vordersten Angreifer. Für die zweite Halbzeit besänge ich selbst Daniel Schwaab, gar Sven Ulreich, der das Spiel nie langsam machte. Und natürlich Serey Dié, diese Symbolfigur für das Selbstvertrauen, die Selbstverständlichkeit, die komplette Abwesenheit jeglichen Zweifels daran, dass das, was man grade tut, richtig ist und gelingen wird. Drüben im Vertikalpass weiß man das schon lange: Do or Dié hieß es dort bereits Anfang März, und dass man mehr Spieler von seinem Schlag benötige.

Nun bin ich zwar ganz froh, dass auch noch Spieler mit anderen Qualitäten auf dem Platz stehen, und Diskussionen über aggressive leader und Führungsspieler sind mir in aller Regel eher unangenehm; Serey Dié hat aber dafür gesorgt, dass ich nunmehr endlich in der Lage bin, das Jugendwort des Jahres 2013, das mich damals so unvorbereitet getroffen hatte, eindeutig zuzuordnen und mit Leben zu füllen: Dié ist das, was ich mir unter einem Babo vorstelle. (Was bestimmt schon mal jemand vor mir sagte.) Bleibt zu hoffen, dass er auch in Paderborn von seiner anfänglichen Unsitte, gerne mal ganz in der Nähe zu sein, wenn ein Gegentor entsteht, Abstand nimmt. Bildlich gesprochen.

Und dann wäre da noch eine Ode, die mir mindestens genauso sehr am Herzen liegt. Der eine oder die andere Hamburgerin wird das anders sehen, wie das halt so ist, wenn man den Kürzeren gezogen hat, aber ich wünschte mir eine Ode an Manuel Gräfe. Ich fand es ganz wunderbar, wie er von Anfang an vermittelte, dass er gewillt war, den Abstiegskampf auch als solchen zuzulassen. Spätestens nach zehn Minuten sollte jedem seine Zweikampfbewertung transparent gewesen sein, die eine gewisse fußballspezifische Körperlichkeit zuließ, ohne dabei Zweifel aufkommen zu lassen, dass es keine gute Idee wäre, den großzügigen Spielraum über die Maßen ausdehnen zu wollen.

Gewiss, über die eine oder andere Karte mehr hätte man sich beiderseits nicht beschweren können, und dass die Linie des Schiedsrichters den vielleicht nur dreiviertelherzig um den Sieg kämpfenden Hamburgern etwas weniger entgegenkam, will ich nicht von der Hand weisen. Dennoch bestätigte sich der Gedanke, den ich – weniger detailliert – bereits bei Bekanntwerden der Ansetzung gehabt hatte: ein mit manchem Wasser gewaschener Unparteiischer, der ein intensives Spiel zulässt, sofern es nicht unanständig wird, und der sich auch von Sperenzchen wie dem Freistoß heischenden Ballgrabschen nicht beeinflussen oder gar beeindrucken lässt – im Gegenteil:

“Sie glauben, Sie dürften den Ball in die Hand nehmen, weil Sie meinen, gefoult worden zu sein? Sie irren: Handspiel.”

Und das gleich doppelt. Aber das ist natürlich nur ein Nebenaspekt. Hauptthema ist die großzügige und berechenbare Zweikampfbewertung. Genug der Stichworte – wenn bitte jemand die Ode verfassen würde?

In Freiburg ist man bereits einen Schritt weiter. In der Tabelle, gewissermaßen, ganz konkret aber auch im Odenbusiness: der geschätzte Herr @zugzwang74 verfasste bereits in der vergangenen Woche “Eine Ode an den FC Bayern” und, was soll ich sagen? Sie hat gewirkt. “Sein” SC Freiburg schlug den Meister, dessen Saison bekanntlich vor einigen Wochen beendet war, der sich aber mit voller Kapelle redlich mühte, mit 2:1.

Das böse Wort von der Wettbewerbsverzerrung war schnell bei der Hand, was niemanden verwundern dürfte, der die Aussagen des Trainers und die letzten Ergebnisse noch im Ohr hat. Allein: Das Spiel gegen Freiburg, sein Verlauf, die Statistiken, … all das gibt diese Schlussfolgerung schlichtweg nicht her. Zumindest nicht dann, wenn man von einer bewussten Handlung ausgeht. Dass dennoch mancherorts ein Gschmäckle bleibt, hat der Primus inter Impares zum einen dem genannten Abgesang des Trainers auf die Liga zu verdanken, zum anderen seiner früheren Konsequenz in den letzten Saisonspielen, nicht zuletzt unter Jupp Heynckes.

Inwiefern? Nun, vor einigen Jahren hatte ich mich mit der Frage befasst, wie sich feststehende Meister denn so schlagen, wenn es für sie de facto um nichts mehr geht. Damals, 2011, stand Dortmund bereits als Titelträger fest, hatte aber unter anderem noch ein Spiel gegen Eintracht Frankfurt vor Augen, der mit dem VfB gegen den Abstieg kämpfte. Und so schrieb ich Folgendes:

[…] Weshalb ich mir mal angesehen habe, wie sich Längst-Meister in der Regel so schlagen. Demnach könnte der VfB von Glück reden, dass es sich bei besagtem Längst-Meister nicht um die Bremer handelt, die von ihren insgesamt sechs Spielen, die sie als feststehender Titelträger bestritten, sage und schreibe vier verloren: zwei im Jahr 1988, zwei weitere 2004. Nur der HSV ist, rein prozentual, noch schlechter, hat er doch seine einzige Partie als bereits sicherer Deutscher Meister im Jahr 1979 gegen die Bayern verloren. Besagte Bayern haben mit weitem Abstand die meisten dieser eher lästigen Spiele bestritten, nämlich 29. 20 Siege, 5 Unentschieden und 4 Niederlagen sind eine sehr respektable Bilanz. Eine hundertprozentige Siegquote haben Gladbach (3/3), Nürnberg (1/1) und, tada!, Dortmund: der Meister 2011 durfte am 34. Spieltag der Saison 1995/96 zum Schaulaufen antreten und schlug Freiburg 3:2. Folglich ziehe ich meine Bedenken zurück, auf Dortmund ist Verlass.

Das war, wie ich rückblickend feststelle, gar nicht mal so wissenschaftlich formuliert, aber die Aussage liegt auf der Hand: der FC Bayern, ein Ausbund an sportlicher Ernsthaftigkeit, auch im Erfolgstaumel. Diesen Eindruck bestätigte man nach zweijähriger Titelabstinenz in der Triple-Saison 2012/13, als der Titel so früh wie nie zuvor vergeben wurde und die Bayern sage und schreibe sechs Trainingsspielchen in der Bundesliga zu bestreiten hatten, von denen unter Jupp Heynckes fünf gewonnen wurden und eines unentschieden endete. Zusammengefasst: von 1969 bis 2013 bestritt der FC Bayern München 35 solcher Spiele, gewann 25, teilte sechs Mal die Punkte und verlor im positivsten Sinne bemerkenswerte vier Partien.

Bereits 2014 folgte auf die frühzeitigste Meisterschaft eine noch frühzeitigere, auch 2015 war man noch verdammt früh dran, und so standen weitere elf lästige Pflichtspiele an. Zehn davon sind bereits bestritten: 4 Siege, ein Unentschieden, fünf Niederlagen.

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Den Grund für die zuletzt schwächeren Werte kenne ich nicht. Möglicherweise handelt es sich, laienhaft gesprochen, um eine statistische Delle, meinetwegen zufallsbedingt, oder um das Ergebnis übermäßiger Belastungen und ebensolchen Verletzungspechs, eventuell hat die Geisteshaltung des Trainers damit zu tun, vielleicht trainieren sie nicht genug, und möglicherweise sind die euphorisierten Meister auch schlichtweg zum falschen Zeitpunkt auf richtig starke Gegner getroffen. Wahrscheinlich werde ich, und nicht nur ich, die Frage nach den Gründen nie beantworten können, aber sie zu stellen halte ich für legitim.

So ähnlich, wenn auch mit einem kleinen Fehler, den bis dato niemand angeprangert hat, sagte ich das übrigens vor ein paar Tagen auch im Rasenfunk. Rasenfunk, Sie wissen schon, dieser Fußballpodcast mit dem wunderbaren Moderator @GNetzer, der sich gerne Gäste einlädt und mit ihnen nicht nur über Fußball spricht, sondern das Ganze auch noch poetisch aufbereitet. Sollte ich so etwas zur Gewohnheit machen wollen, also dieses öffentliche Reden, sollte ich vermutlich meine Infrastruktur aufrüsten, um künftige Hörer davon abzuhalten, meine Stimme als einem Volksempfänger entstammend zu bezeichnen. Nun denn.

Wie gesagt, ich sprach dort primär über den VfB nach dem HSV-Spiel, vergaß aber die ganzen Oden, und durfte dann auch noch ein bisschen über die Bundesliga reden, beispielsweise eben über den Negativlauf des FC Bayern. Und, ganz kurz, darüber, dass ich mir das alles anders vorgestellt hatte. Dass ich zwar nicht mit einem Schalker Sieg gerechnet, den beiden bayerischen Bundesligisten aus München und Augsburg aber doch etwas mehr zugetraut hatte in den Duellen mit Stuttgarter Konkurrenten. Damals, am Samstagnachmittag, nach dem HSV-Spiel, Sie erinnern sich. Und so lagen meine zuvor formulierten Pläne wenige Stunden später in Trümmern:

Ja, ich war und bin besorgt. Was mir im Rasenfunk einen Uwe-Seeler-Vergleich einbrachte. Und dann auch noch einen mit Matthias Sammer. Da geh ich nicht mehr hin. Ist eh zu profan.

Doch ernsthaft: ich bin nervös. Mache mir tatsächlich seeleresk Sorgen. Nicht um den relegationsgestählten HSV, wohlgemerkt, sondern um den VfB, der zuletzt so beeindruckend gespielt hat und doch darauf angewiesen ist, bei den Paderbornern, die gegenwärtig wohl auch tröstende Oden fürchten, geschriebene wie noch ungeschriebene, für die sie sich gegebenenfalls nichts kaufen können, wenn es denn doch nicht reichen sollte, was ich ihnen leider wünschen muss.

Ganz nebenbei versuche ich übrigens meinen Aberglauben zu verdrängen, demzufolge sich die Ehrenrunde, die die Mannschaft am vergangenen Samstag nach dem Spiel, als außer selbigem nichts gewonnen war, absolvierte, nachgerade als böses Omen aufdrängt. Fällt mir nicht leicht. Eine Ode an die Gelassenheit, das wär’s jetzt.


Mein linker Fuß

30. April 2015

Ein gutes Jahr ist es her, dass sich Trainer Baade als Two-Trick-Pony offenbarte. Und dabei so tat – man darf getrost von hemmungslosem Humblebragging sprechen –, als sei das etwas Schlechtes. Ich meine: zwei Tricks, zwei gut funktionierende noch dazu, wo wir doch alle wissen, dass selbst Arjen Robben nur einen kann und vielen als Inbegriff des One-Trick-Ponys gilt – das ist doch was, da braucht sich der geschätzte Herr Baade gewiss nicht zu verstecken, im Gegenteil!

Seine Selbstkasteiung erfolgte in Form eines jener Texte, bei denen man als Bloggende(r) hofft (zumindest ginge es mir so), die eine oder der andere Mitlesende möge sich bemüßigt fühlen, seiner- oder ihrerseits die eigenen Stärken, Schwächen, Unzulänglichkeiten, Vorlieben oder eben Tricks offenzulegen. Was möglicherweise auch geschehen wäre, zumindest in den Kommentaren, hätte nicht der erste Kommentator auf wenig subtile Art und Weise dazu beigetragen, die dortige Diskussion in einen schnöden Austausch von Rekordergebnissen abgleiten zu lassen.

Alternativ zum Austausch in den Kommentaren gelingt es mitunter auch, andere Bloggende dazu animieren, besagte eigenen Stärken, Schwächen, Unzulänglichkeiten, Vorlieben oder eben Tricks nicht nur in den Kommentaren, sondern gar in einem ausgewachsenen Blogtext offenzulegen. So sie denn etwas beizutragen haben.

Und so stelle ich mir, stets bestrebt, auch mal wieder was in mein Blog zu schreiben, seit jenem 7. Februar 2014 eben diese Frage: Kann ich etwas beitragen? Beherrsche ich wenigstens einen Trick? Nun, die verstrichene Zeit führt die geneigte Leserin auf die richtige Spur: es bestehen Zweifel.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch – gewiss kann ich einen Ball halbwegs geradeaus spielen, verstehe ein bisschen was von Verteidigungs- und Angriffsstrategien, treffe auch gelegentlich das Tor oder stelle mich nicht ganz ungeschickt in den einen oder anderen Ball-, vielleicht auch Laufweg der Gegenseite, aber ein Trick? Beziehungsweise ein spezieller, meine Spielweise mehr oder weniger definierender, wie soll ich sagen, Move?

Ich weiß nicht recht. Oder wusste nicht recht, fast 15 Monate lang. Mittlerweile habe ich eine Ahnung, die ich gerne mit Trainer Baade teilen will, seinen Blogbeitrag wie in den guten alten Tagen aufgreifend, etwas verspätet zwar, aber wir haben ja Zeit. Und natürlich teile ich sie auch gern mit jenen treuen oder zufälligen Leserinnen und Lesern, die ebenfalls bis hierher dabeigeblieben sind.

Die Bühne betritt: mein linker Fuß.

Klingt nicht so recht nach einem Trick, nicht wahr? Wenn man mal von dem Trick absieht, Menschen, die sich für Christy Brown und sein Werk interessieren, mit Hilfe einer fragwürdigen Überschrift hierher gelockt und implizit einen noch viel fragwürdigeren Vergleich insinuiert zu haben. Was, aber das kann hinterher jeder sagen, gar nicht in meiner Absicht lag. Die Überschrift, im Sinne eines Arbeitstitels, stand schneller da, als ich Christy Brown hätte sagen können, geschweige denn Daniel Day-Lewis. Und ich mochte sie, und sie blieb. So einfach.

Und so unspektakulär. Passend zu meinem linken Fuß. Er hat nichts Trickhaftes, weckt keine Erinnerungen an Uwe Bein oder, auch eine Art, na ja, Trick, Günter Delzepich, sondern ist schlichtweg ein gewöhnlicher linker Fuß. Der linke Fuß eines Rechtsfüßers, um genau zu sein. Dieser Rechtsfüßer ist durchaus in der Lage, wurde ja jahrelang im Training geübt, den Ball unter Laborbedingungen mit dem linken Fuß zu führen, auch pendelnd, wenn’s sein muss, und kann einfache Zuspiele in aller Regel mit links verarbeiten.

Aber er käme nie in die Versuchung, sich in einem “Tempo”-Dribbling auf besagten Linken zu verlassen, ihm die Führung anzuvertrauen, mal kurz mit der linken Sohle über den Ball zu wischen oder sich mit einer von Zidane abgeschauten links initiierten Roulette einer engen Situation zu entwinden. Nicht dass er all das mit rechts drauf hätte, schon gar nicht verlässlich reproduzierbar, aber da würde er es zumindest hin und wieder versuchen. Vielleicht.

Mit rechts ist er in aller Regel auch in der Lage, den Ball eine Weile hochzuhalten. Oder auch mit beiden Füßen, abwechselnd, wenn’s sein muss. Aber nur mit links? Keine fünf Kontakte. Oder, um der Wahrheit die Ehre zu geben: es scheiterte bereits am hochnehmen. Sie kennen das: Sohle auf den Ball, kurz zurückziehen, mit dem Spann anheben, jonglieren (so nennt man das bei uns). Konservativen Schätzungen zufolge habe ich das in den letzten knapp 40 Jahren etwa fünfzigtausend Mal getan. Davon progressiv geschätzte zehnmal mit links. Ohne erinnerungswürdigen Erfolg.

Oder nehmen wir die Ballannahme aus der Luft. So richtig aus der Luft, wenn Sie wissen, was ich meine: ein hoher Ball, der nahezu senkrecht herunterfällt und den man dann sehr elegant (wir denken an dieser Stelle kurz an Funny van Dannens Eurythmieschuhe) wie einen Flummi Stein auf dem Spann abfedert. Oder wie ein Mobiltelefon:

Mit rechts, wohlgemerkt. Mit links? Unvorstellbar. Ok, mit den Telefonen könnte es noch halbwegs klappen, da geht’s ja nur darum, den schlimmsten Schaden abzuwenden. Aber ein Fußball? Könnse vergessen, das sieht dann aus wie bei Jürgen Klinsmann.

Um es abzukürzen: mein linker Fuß ist fußballspezifisch kein feinmotorisches Werkzeug. Ich würde nicht so weit gehen, meinen ehemaligen Trainer kontextbefreit zitierend, mir ein Bügeleisen im Schuh zu attestieren, aber er ist definitiv kein Trickserfuß. Keine Hacke. Spitze schon eher. Kein eins-zwei-drei.

Woraus sich nahezu zwingend ergibt, dass ich den Ball in aller Regel am rechten Fuß habe. Mit rechts annehme, mit rechts, erhobenem Kopf und großer Geste raumgreifend durchs Mittelfeld trabe, mit rechts ins Dribbling gehe. Das Dribbling ist ja nicht so meins. Also nicht im Sinne von Übersteigern, verwirrenden choreographierten Tricks (ah, Tricks, da sind sie wieder!) und ständigen Fußwechseln. Eine Körpertäuschung, vielleicht ein kurzes Innehalten, eine kurze Ballberührung, ein Beschleunigungsversuch.

Ist ja nichts Schlechtes. Keep it simple. Allerdings, und hier wird es vielleicht ein bisschen too simple, liegt der Ball, Sie erinnern sich, stets an meinem rechten Fuß, oft an dessen Innenseite, und so ziehe ich, wenn alles gutgeht, nach links am Gegenspieler vorbei, verschaffe mir ein bisschen Vorsprung und Raum, eine Schusschance eröffnet sich, Raum für eine Flanke, der Korridor für ein kurzes Zuspiel oder einen langen Pass.

Der Gegenspieler erkennt das auch, vielleicht, hat kurz ein schlechtes Gewissen gegenüber seiner Mannschaft, weil er sich so billig ausmanövrieren ließ, um dann relativ rasch zu erkennen, dass das ja alles halb so schlimm ist: Feinmotorik. Bügeleisen. Sie ahnen es, haben es vielleicht bildlich vor Augen: mein linker Fuß. And I … am not left-footedEither.

Und dann: Bämm! Torschuss mit links. Flanke mit links. Stanglpass mit links. Das geht. Ziemlich gut sogar. Der letzte Kontakt ist ein linker. Oder anders: One-Touch-Football mit links – mein Ponytrick. Nimm dies, Trainer Baade!

Ernsthaft: ich vermute, dass meine Tor- und Vorlagenquote mit links der mit rechts über die Jahre hinweg nur unwesentlich nachsteht. Wenn überhaupt. Auf überschaubarem Niveau, gewiss, aber doch bemerkenswerterweise. In den letzten Wochen, als ich, um die oben erwähnte Ahnung meines “Tricks” zu verifizieren, mit Hilfe einer sehr geringen Stichprobe, etwas genauer darauf achtete, gelangen mir zumindest mehr Tore und Vorlagen mit links als mit rechts. Ohne dass ich mich darum bemüht hätte.

(Wir sprechen von Kleinfeldfußball, mit freakigen Ergebnissen, da trifft jeder ab und zu mal. Nur um das klarzustellen.)

Und jetzt geh ich dem Trainer Baade nochmal ganz großspurig Humblebragging unterstellen.

 

 

 


Liegengebliebenes und Aufgewärmtes

23. April 2015

Die Nachspielzeit lief bereits, als Kai Dittmann berichtete, wie Sven Ulreich vor einem Stuttgarter Eckball Blickkontakt zu seinem Trainer gesucht habe, um von diesem ein Signal zu erhalten, ob er mit nach vorne eilen dürfe, solle, könne, müsse. Schließlich lag man in Augsburg zurück, nachdem man lange einen “Big Point” vor Augen gehabt und viel für dessen Zustandekommen getan hatte. Sollte das alles vergebens gewesen sein?

Es ist nicht überliefert, ob Stevens Ulreich eine Absage erteilte oder ob der Blickkontakt gar nicht erst zustande kam. Sehr wohl überliefert ist indes die Reaktion des älteren Herrn in meiner Fußballkneipe, der Dittmanns Ausführungen unzweideutig kommentierte: “Was will der denn da vorne? Da fällt er bloß über die eigenen Füße.”  Die ungeteilte Liebe der Fans ist ihm im Lauf der Jahre wohl ein bisschen abhandengekommen.

Mein gequältes Lächeln signalisierte Zustimmung. Wehmütig denke ich regelmäßig an jene Zeit zurück, als jemand, vielleicht war es Eberhard Trautner, Timo Hildebrand Regionalliganiveau als Feldspieler attestierte. Das mag einem gewissen Überschwang geschuldet gewesen sein, zumal die Regional- damals die dritte Liga war, aber es lässt erahnen, worum es geht: Fußball. Und dessen grundlegende Techniken.

Auf Timo Hildebrand folgte mit Raphael Schäfer ein fußballtechnischer Antipode, und dass Schäfer dem jungen Ulreich auf Augenhöhe begegnete, kann man gerne als hübsche Randnotiz mit inhaltlicher Relevanz heranziehen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Oder anders: Sven Ulreichs Erfolgsaussichten im gegnerischen Strafraum vermute ich eher im Bereich von Oliver Kahn als von Jens Lehmann.

Aber daran lag es am Samstag nicht. Ulreich hat keine Hohle geschlagen, nicht im Dribbling den Ball verloren oder ihn sich selbst hinter die Linie geworfen. Und vermutlich entspränge es nicht nur einer sehr freien, sondern vielmehr einer boshaften Interpretation, Huub Stevens zu unterstellen, er habe den Blickkontakt mit Ulreich vermieden, weil er ihm nichts ins Gesicht sehen, weil er ihn nicht mehr sehen wollte nach zwei Gegentoren, die ihn zumindest nicht zum strahlenden Helden werden ließen. “Tapsig” wäre eine Beschreibung, die mir beim 1:0 in den Sinn käme, “unentschlossen” beim 2:1.

So läuft’s halt manchmal, und ja, es passt – daraus habe ich hier nie ein Hehl gemacht –  in mein Bild des jungen Mannes, das Bild eines durchschnittlichen Bundesligatorwarts mit großen Stärken, aber auch unübersehbaren und bis dato offenbar nicht auszumerzenden Schwächen. Und gewiss, es ist wohlfeil, jetzt darauf zurückzukommen. Schließlich hätte Ginczek ja auch einfach vor der Pause das 1:2 erzielen können. Hätte der eine oder andere die Chance gehabt, nach der Pause nachzulegen. Hätten vor dem 2:1 nicht alle stehen zu bleiben brauchen, während die Augsburger nachsetzten. Hätte sich Niedermeier einfach mal auf das sportliche Duell mit Bobadilla konzentrieren dürfen. Stimmt alles. Und hilft nichts.

Chance verpasst, hieß es allenthalben. Weil alle für den VfB gespielt hatten, es im Fall des HSV sogar danach noch taten. Aber eben auch: es ist nichts kaputtgegangen. Anders als von Giovane Elber vermutet, hat der VfB es nach wie vor komplett selbst in der Hand, die Klasse zu halten. Wenn er die verbleibenden fünf oder sieben Spiele gewinnt, können sich die anderen auf den Kopf stellen oder meinetwegen auch jeden einzelnen Schiedsrichter kaufen – es reicht nicht. Nun ist mir klar, dass weder der VfB sämtliche Spiele gewinnen noch irgendjemand einen Schiedsrichter schmieren wird, aber mein Gedanke dürfte klar sein: man hat es selbst in der Hand. Das ist weitaus mehr, als ich vor vier oder fünf Wochen erwartete.

Grade mal zwei Wochen ist es her, dass mich ein befreundeter Fan von Hannover 96 frug, ob ich “denn noch Hoffnung auf den Klassenverbleib des VfB” hätte. “Überraschenderweise ist meine Hoffnung deutlich größer als vor ein psar (sic!) Wochen”, antwortete ich. Daran hat sich nichts geändert, und ich weiß bis heute nicht, woran es gelegen hatte. Wir waren uns einig, dass nicht nur ein erneutes Schneckenrennen am Horizont dräue, sondern dass auch die B-Noten der einzelnen Schnecken durch die Bank verheerend seien, und doch war meine Zuversicht zurückgekehrt. “Trotz oder wegen Huub?” wollte er wissen, und ich konnte oder wollte es nicht beantworten: “Mit Huub.”

Meine Zuversicht ist ungebrochen, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass beim VfB zwischenzeitlich Bewegung in die B-Note kam. Blöd nur, dass man sich davon nichts kaufen kann. Also zumindest nicht in Augsburg. In den Heimspielen sah das zuletzt, allen vorangegangenen Eindrücken zum Trotz, anders aus. Man spielte nicht nur anständig, sondern zog die A-Note gleich mit hoch, traf das Tor und punktete. Da konnten nicht mal die Wechselfehler was dagegen ausrichten.

Wechselfehler? Ok, ich sag’s, wie’s ist. Die Wechselfehler sind eigentlich durch. Hab ich schon vor Wochen drüber geschrieben. Zumindest angefangen. Und nie veröffentlicht. Jetzt liegt’s halt noch hier so rum und ist mir im Weg, also raus damit:

Vor zwei fünf Tagen Wochen gegen Frankfurt wollte Huub Stevens zur Pause wechseln. Ich kann das nicht mit Gewissheit sagen, aber alles andere würde mich sehr wundern. Oriol Romeu wärmte sich ernsthaft auf, ohne Eckle, ohne Jonglageübungen mit dem Ball auf der Schulter, sondern so richtig, mit ohne lange Hose und erhöhtem Tempo. Der Grund lag auf der Hand: Geoffroy Serey Dié, von dem die Wikipedien aller Länder, und nicht nur die, behaupten, er schreibe sich ohne Aigu, was ich aber bis zum endgültig erbrachten Beweis nicht mit meinem Sprachgefühl vereinbaren kann, hatte sich vor der Pause mit langem Atem um eine Verwarnung beworben und war in der 42. Minute endlich erfolgreich gewesen, würde also mit einer mehr als verdienten gelben Karte und einem deutlichen Eintrag im Notizblock des Schiedsrichters in die zweite Hälfte gehen, käme Romeu nicht zur Pause.

Ich unterhielt mich mit ein paar Umstehenden über die bevorstehende Auswechslung und war ehrlich gesagt etwas überrascht, dass sie diese eher nicht befürworteten. Zu wichtig schien Diés Aggressivität für das VfB-Spiel, um freiwillig auf ihn zu verzichten. Auch seine ärgerliche Angewohnheit, seine Mitspieler auch in engen Räumen und ohne Not gerne mal auf Knie-, Hüft- oder Schulterhöhe anzuspielen, tat da keinen Abbruch. Hoffnungsträger!

So ähnlich sah das dann wohl auch der Trainer. Er überlegte es sich in der Kabine noch einmal, dürfte seinem Königstransfer ins Gewissen geredet und ihn vor einer weiteren auch nur annähernd gelbwürdigen Aktion gewarnt haben, und ließ ihn auf dem Feld. Fünf Minuten später stellte er sich im Zweikampf ungeschickt an, verzichtete dann auf bissige Rückeroberungsbemühungen und war zum wiederholten Male an einem Gegentor beteiligt.

Stevens reagierte, nahm Dié nun doch vom Feld – und wurde ausgepfiffen. Um mich herum beklagten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, dass er doch nicht seinen auffälligsten, aggressivsten, besten, was auch immer, Mann vom Platz nehmen könne, Sie wissen schon, und ich frug mich, frage mich in der einen oder anderen stillen Minute noch immer, ob ich bis dahin vielleicht einfach ein anderes Spiel gesehen hatte.

In diesem meinem Spiel also schien der Trainer schlichtweg vercoacht zu haben, und wieder einmal sollte sich zeigen, dass ich keine Ahnung habe. Die Mannschaft hatte den Rückstand gebraucht, entwickelte plötzlich Torgefahr, Romeu spielte stark und Daniel Ginczek hob völlig unerwartet doch noch in der laufenden Saison den Fuß von der Bremse. Gewiss, Kopfballduell wird er auch auf absehbare Zeit keines gewinnen, aber er ist ja jung und kann noch wachsen.

Beim nächsten Heimspiel, gegen Bremen, wollte Huub Stevens wiederum wechseln. Ich kann das mit Gewissheit sagen, die medialen Regenbogengeschichten waren voll davon. Martin Harnik sollte nach zwei sehr unglücklichen Situationen vom Feld, vermutlich auch nach gewohnt engagiertem Spiel, aber das kann ich wiederum nicht mit Gewissheit sagen, weil ich das Spiel aus familiären Gründen verpasste. Immerhin war es diesmal eine unserer leichtesten Übungen gewesen, meine Karte an den Mann zu bekommen, schließlich hatte ich oft genug vom verpassten 4:4 gegen Bremen mi drei Bordon-Treffern erzählt. Mein Vertreter dürfte auch bei der diesjährigen Auflage mit dem Gebotenen nicht ganz unzufrieden gewesen sein.

Geboten wurde eben auch, um den Faden wieder aufzunehmen, der neuerliche Verzicht auf eine Auswechslung. Timo Werner stand bereit, dann bereitete Harnik den Führungstreffer vor, Stevens überlegte es sich anders und ließ Harnik auf dem Feld. Bis ihn der Schiedsrichter runterschickte. Und Bremen in Überzahl ausglich. Vercoacht, schon wieder.

Und wieder hatte ich keine Ahnung. Die Mannschaft hatte den Ausgleich gebraucht, entwickelte plötzlich Torgefahr, Daniel Ginczek ließ den Fuß von der Bremse und traf nochmals. Gewiss, Kopfballduell wird er auch auf absehbare Zeit keines gewinnen, aber er ist ja jung und kann noch wachsen.

Gegen Augsburg beging der Trainer leider keinen derartigen Wechselfehler. Aber am Wochenende steht ja wieder ein Heimspiel an. Und ich bin erneut familiär verhindert. Beste Voraussetzungen also.

 

 

Ach so, Wechselfehler ist ja noch so ein Stichwort. Domenico Tedesco geht nach Hoffenheim. Vermutlich ist der Wechsel für ihn kein Fehler. Man scheint ihm dort seine Wertschätzung etwas konkreter zum Ausdruck gebracht zu haben, als sich der VfB dazu in der Lage sah. Von welchen Kategorien wir auch immer reden mögen.

Andreas Hinkel, Tedescos Co-Trainer in der U17, scheint man auch nicht uneingeschränkt wertzuschätzen. Zur neuen Saison sind sie also beide weg, der eine in Hoffenheim, der andere sonst wo, und Rainer Adrion entblödet sich nicht, in einem beispielgebenden Blabla-Interview darauf hinzuweisen, dass die Türen für Hinkel weiterhin offen seien.

Kommunizieren wie Karl-Heinz Rummenigge. Es ist zum Heulen.


Gewöhnliche Gentlemen

31. März 2015

Er hieß Jochen, kam aus dem Nachbardorf, und dieser Text befasst sich nicht mit meinem ersten Mal. Überhaupt war er mir zu alt.

De facto war er sogar uralt, schätzungsweise fast so alt wie ich heute, und er spielte an diesem Tag Fußball. Nein, ich will der Wahrheit die Ehre geben: er motzte Fußball. Mit Schiri, Mit- und Gegenspielern. Zudem meckerte er. Stänkerte. Jammerte. Schimpfte. Klar, war ja auch ein Nachbarschaftsderby. Eines der letzten seiner Art – bald darauf fusionierten die beiden Vereine und schrieben eine schöne Kreis- Bezirks- Landesliga-Erfolgsgeschichte, aber das nur am Rande.

Meine Mutter, eine regelmäßige Fußballgängerin, schüttelte den Kopf und murmelte irgendwas von »Freundschaftsspiel« und »Alte Herren«, was die Umstehenden ihrerseits mit Kopfschütteln und dem Hinweis quittierten, dass man das ja wohl wisse, dass die die schlimmsten seien.

Ich wollte das damals nicht recht glauben, will es eigentlich auch heute noch nicht, trotz offensichtlicher und offensichtlich zunehmender eigener Schwächen in Sachen Schnelligkeit, Behändigkeit, Ausdauer, Schussgenauigkeit, … und was einem sonst noch so auffällt. Und trotz des daraus erwachsenden Frustpotenzials.

Natürlich bin ich ehrgeizig. Selbstverständlich will ich heute, längst älter als Jochen damals, jeden Mittwoch gewinnen. Immerhin: ich motze selten mit Mit- und Gegenspielern, eigentlich so gut wie nie, es sei denn vor mich hin murmelnd, und Schiri haben wir keinen. Aber ich ärgere mich über halbherziges Gekicke, über Fehlentscheidungen meiner Mitspieler, meine eigenen sowieso, und ich werde zur Furie, wenn taktische Fouls oder Handspiele begangen werden. Ok, in dem Fall motze ich doch.

Wie gesagt: gewinnen ist wichtig. Und manchmal frage ich mich, ob es zu wichtig ist. Frugen sie sich beim DFB ja auch, glaube ich, während und nach der Ära Sammer, aber zur Klärung dieser Frage brauchen die mich nicht. Beim Württembergischen Fußballverband, und nicht nur hier, wird die Frage übrigens auch gestellt, ebenso bei den Trainern von Bambini- und F-Jugend-Mannschaften, und die Antworten sind vielfältig. Schwierige Frage, der ich mich sogleich entziehe.

Meine Frau lächelt milde, wenn ich ihre Frage, wie’s beim Fußball gewesen sei, mit “gut” oder “schlecht” beantworte und sie damit weiß, ob wir gewonnen oder verloren haben. Mittlerweile versuche ich, mich etwas differenzierter auszudrücken, aber es gelingt selten, die Kernaussage zu verschleiern.

Sie selbst geht regelmäßig zum Volleyball, mit einer gemischten Gruppe, Jungs und Mädels, wie wir ewig Jungbleibenden gerne sagen, aber de facto sind’s Frauen und Männer, und kehrt beinahe ebenso regelmäßig kopfschüttelnd zurück. Weil zum Beispiel der eine oder der andere Mitspieler keine Bedenken hat, zwölf Angaben am Stück und mit zunehmendem Vergnügen auf jene eine an diesem Abend etwas indisponierte Spielerin der Gegenseite zu spielen. Was für eine Serie! Vermutlich ist es doch ein Geschlechterding.

Bei meinem Mittwochskick sind wir nur Männer. Alle wollen gewinnen, mit Nuancierungen in der Intensität. Schlage ich dabei über die Stränge? Bestimmt. Indem ich, zurückliegend, einen Zweikampf so führe, als spielte ich noch irgendwo im aktiven Ligabetrieb, regelkonform, aber abseits des Wettkampfsports (um nicht Trainer Baades Lieblingsvokabel vom Freizeitfußball zu gebrauchen) diskutabel, oder indem ich aus zehn Metern den Vollspann auspacke und damit unterbewusst ein Signal aussenden will, von seltenen Grätschen, auch sie: regelkonform, wenn man es könnte, gar nicht zu reden. Schlagen meine Mitspieler über die Stränge? Auch das, gewiss.

Gleichwohl gehe ich auch weiterhin von der Annahme aus, dass “ein Gentleman niemals absichtlich ein Foul” begehen würde (daher der obige Hinweis auf meine Verwandlung in eine Furie im Fall taktischer Vergehen), und dass wir alle Gentlemen sind. Selbstverständlich zeigen Gentlemen auch an, wenn sie versehentlich ein Foul begangen haben. Aber: es ist kompliziert.

Wie ist das mit den harten Zweikämpfen, die Howard Webb nicht abpfeifen würde, ein junger Zweitligaschiedsrichter aber schon und der in der Kreisliga erst recht? Was ist mit den Grätschen, mit denen man den Ball nach einem ärgerlichen Verlust zurückerobert, auch weil der Gegenspieler vorsichtshalber zurückzieht? Hat der Futsal da nicht die besseren Regeln?

Und überhaupt, die Regeln: es ist schwer genug bis unmöglich, unter Menschen, die sich hauptberuflich im Fußball tummeln – Spieler, Trainer, Schiedsrichter, Powerzuseher – ein einheitliches Regelverständnis herzustellen. Wie soll es dann unter Leuten mit deutlich unterschiedlichem Fußballhintergrund funktionieren? Der eine hat dreißig Jahre lang im Verein gespielt, davon zehn in Ligen, wo der Fußball bereits nach Fußball aussieht, der andere machte nach der C-Jugend erst einmal zwanzig Jahre Pause, und wieder ein anderer greift in Regelfragen auf seinen langjährigen Erfahrungsschatz als Hand- oder Basketballer zurück.

Da kann man schon mal ins Grübeln kommen, ob man die Vorgabe, wonach ausschließlich der Foulende Fouls anzeigt, nicht doch aufweichen sollte. Gerade in diesem Zusammenhang ist die Frage, ob eine positive Korrelation von Alter und dem Streben nach Siegen auf dem Fußballplatz empirisch belegt ist, von besonderer Relevanz. Wird unser Gentleman-Gen verschütt gehen, wenn Alter und Ehrgeiz weiter steigen, oder können wir das entkoppeln? Das Gen vom Ehrgeiz, den Ehrgeiz vom Alter, das Alter vom Gen, und so weiter?

Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich nicht davon abrücken möchte. Ich will, dass wir die Hand heben und “Foul!” rufen, wenn wir eines begangen haben. Ich will, dass wir nicht die Hand heben und “Foul!” rufen, wenn wir glauben, gefoult worden zu sein. Aber, zugegeben, mit einem kurzen “Ey!” kann ich umgehen. Wir müssen ja auch im richtigen Leben gelegentlich daran erinnert werden, dass wir Gentlemen sind. Und wenn wir uns dann nicht angesprochen fühlen oder der Meinung sind, die Ansprache sei grundlos erfolgt, dann ist das auch gut so.

Vielleicht riefen wir die Geister auch selbst. Damals, als wir anfingen, Spielberichte zu schreiben. Woche für Woche, und es ist ein Riesenspaß, sie nachzulesen. Oder als wir begannen, die Aufstellungen auszuwerten. Ob die mit den Leibchen häufiger gewannen oder die ohne, wie groß der Überzahlvorteil ist, wer die meisten Einsätze im Kalenderjahr zu verzeichnen hat und mit welchen Mitspielern jeder einzelne von uns die meisten Siege erringt. Irgendwo zwischen der ran Datenbank und Moneyball, und unser aller Ehrgeiz mittendrin. Wie gesagt: es ist kompliziert.

 

Offenlegung: Ich habe keinen regelmäßigen Termin, der so unverrückbar ist wie der Mittwochskick. Gelegentlich hadere ich mit der Spielerzahl, mit der Pünktlichkeit, auch meiner, mit der Absagedisziplin, mit taktischen Fouls, sportlichen Fehlleistungen – nicht nur, aber vor allem meinen eigenen –, mit Aufstellungen, Stockfehlern, vergebenen Torchancen oder taktischen Lapsus, mit mangelndem Ernst, zu großem Ernst, fehlenden Leibchen, einem schlecht aufgepumpten Ball oder eben Defiziten bei der Gentlemanship.
Aber ich würde ihn nicht hergeben wollen. Auf keinen Fall.

 

Manchmal spielen wir auch gegen andere. Das letzte Aufeinandertreffen mit den Alten Herren von daheim, Sie wissen schon, aus dem Retortenclub mit dem Nachbardorf, war eine deutliche Angelegenheit für uns. Was beide Mannschaften nicht davon abhielt, in der einen oder anderen Situation ihren Unmut zu bekunden. Mit den Mitspielern, den Gegenspielern, dem Schiri. Der hieß Jochen, ist immer noch viel, viel älter als wir und sagte, dass es doch nur ein Freundschaftsspiel sei.

 

 


Ein Jammer

5. März 2015

Lieber Mehmet Scholl,

seien wir ehrlich: als offene Briefe verkleidete Blogtexte sind Quatsch. Sie geben vor, sich an prominente Menschen zu richten, zielen letztlich aber doch nur darauf ab, ein paar herumlungernde Stammleserinnen und -leser zu unterhalten, indem man, in der Regel, deren Erwartungen erfüllt, oder, seltener, sie auch einmal zu überraschen versucht. Der Prominente wird das Geschriebene niemals zu lesen bekommen, der Autor aber hat es ihm gezeigt.

Wobei: eigentlich will ich es Ihnen ja gar nicht zeigen. Ich mag Sie schließlich. Schon lange. Sie sind unwesentlich älter als ich, gerade mal ein Fußballjahr, zumindest nach damaliger Rechnung, als wir jung waren und Jugendmannschaften noch nicht nach Kalender-, sondern nach Schuljahren eingeteilt wurden. Damals wirkte der Relative Age Effect noch zugunsten der im zweiten Halbjahr geborenen Nachwuchshoffnungen, also für Sie und gegen mich, und wer weiß, ob nicht andernfalls Sie … ich … ach, Verzeihung, ich schweife ab. Was ich sagen wollte: ich habe Ihre Laufbahn recht genau verfolgt, seit Sie die große Bühne betraten. Und ja, auch Karlsruhe ist schon eine ziemlich große Bühne.

Damals hätte ich Sie vermutlich geduzt, und wenn ich ehrlich bin, tue ich das auch heute noch, in Ihrer Abwesenheit, in der dritten Person, wenn Sie verstehen, was ich meine. Mittlerweile sind wir erwachsen und seriös geworden, und ich finde das “Sie” ganz angemessen. In Sachen Anrede bin ich indes bei “lieber” geblieben und hoffe, das ist in Ihrem Sinne. So ein “sehr geehrter” schafft dann ja doch eine ziemliche Distanz, die ich so nie empfunden habe. Wobei: Sie wollten ja irgendwann mehr Distanz. Und haben sie erfolgreich aufgebaut.

Doch zurück zum Sport. Ich fand das immer ziemlich schick, was Sie auf dem Platz gemacht haben, in Karlsruhe wie in München, und wie Sie diesen anderen kommenden Großen des Weltfußballs, den Herrn Sternkopf, in den Schatten gestellt haben, das war schon nach meinem Geschmack. Etwas weniger erquicklich ist, verzeihen Sie, wenn ich es so offen anspreche, Ihre WM-Bilanz, und dass Herr Vogts gerade Sie im EM-Finale 1996 ausgewechselt hat, werde ich ihm vermutlich nie verzeihen. Ich werde ihm deswegen keinen offenen Brief schreiben, was sollte ich auch sagen, der Erfolg gab ihm ja recht, aber mit the beautiful game hatte das nichts zu tun.

Zugegeben: den Spruch mit den Grünen und dem Baum fand ich noch nie sonderlich lustig, aber abgesehen davon hat mir Ihr Schalk auch abseits des Spielfelds meist recht gut gefallen. Klar, Sie gefielen sich auch in der Rolle, damals, als wir noch nicht beim seriösen Siezen angekommen waren, und wollten Erwartungen erfüllen, doch irgendwann hatte sich das dann erledigt. Ich würde nicht von Altersweisheit reden wollen, aber Ihre Außendarstellung veränderte sich schon sehr, ist ja hinlänglich erzählt, und irgendwie erinnerten Sie mich in dieser Zeit immer auch so ein bisschen an Andre Agassi, unabhängig vom Haarwuchs.

Ähnlich wie bei Agassi war mir auch Ihr sportliches Spätwerk eine große Freude. Es fiel in eine Zeit, zu der es nicht allzu viele deutsche Spieler gab, die in der Lage waren, in einem Dribbling zu bestehen, zumindest nicht gegen gut geschulte Verteidiger, wie man sie im internationalen Fußball vorfand, und da fielen Sie auch als Teilzeitarbeiter ganz besonders auf, dem langjährigen Sympathisanten sowieso. In diese Zeit fiel wohl auch mein Kontakt mit dem Customer Relationship Management des FC Bayern München: ich hatte einem guten Freund ohne jeden Skrupel ein Scholl-Trikot zukommen lassen. Dass ich seither immer mal wieder Post von Herrn Rummenigge bekomme, würde ich nicht auf der Habenseite unserer Beziehung – also Ihrer und meiner – verbuchen.

Danach vergrößerten Sie die Distanz weiter. Gingen kegeln, ohne allzu sehr damit zu kokettieren. Mir gefiel das. Nicht das Kegeln, das ist mir egal, aber dass Sie sich erst einmal ein bisschen rar machten. Und souverän – was waren Sie souverän! Selbst als Sie dann doch zurück ins Rampenlicht traten, bei der ARD, blieben Sie ziemlich lässig. Sie nahmen sich einen eigenen Stil heraus, modisch wie sprachlich, nebenbei auch musikalisch. Der eine beinhaltete für meinen Geschmack zu zugeknöpfte Hemden, der zweite nutzte sich ein bisschen ab. Manchmal steckte arg viel Netzer und Delling drin, fast schon Boerne und Thiel, einfach zu viel gewollte Witzigkeit. Regelmäßig auch Witz, dann war’s schön, und ist es noch. Ungeachtet der Sidekicks. Den Musikstil besprechen wir ein andermal.

Vielleicht hört man heraus, dass ich Sie immer noch ziemlich klasse finde, mich aber auch manchmal geärgert habe. Über Ihre wohlfeile Zuspitzung der latenten Kritik an Mario Gomez, Sie erinnern sich, oder über die zu enge Hose, die Sie auf der Waldau beim einzigen Spiel trugen, in dem ich Sie als Trainer erlebte. Aber das ist vielleicht gar nicht so relevant. Insgesamt blieb ich schon auf Ihrer Seite. Selbst dann noch, wenn professionelle Taktikerklärer Ihre Analysen auf Stammtischniveau verorteten. Vielleicht auch deswegen.

“Souverän” nannte ich Sie vorhin, von der nötigen Distanz sprach ich. Ich schrieb Ihnen die Fähigkeit zu, Dinge einzuordnen, Prioritäten zu setzen, hielt und halte Sie für einen denkenden Menschen.

Und so empfinde ich es als Beleidigung meiner Intelligenz und der von Millionen anderer Fernsehzuschauer, und explizit auch als Beleidigung Ihrer eigenen Intelligenz, wenn Sie sich nicht entblöden, all diesen Menschen die hundertfach durchgenudelte und dabei nicht wahrer gewordene Mär aufzutischen, dass Doping im Fußball nichts bringe. Wenn Sie uns wider besseres Wissen die Sache mit der zu hohen Komplexität erzählen wollen. 

Es entsetzt mich, dass sie zu glauben scheinen, sportinteressierte Menschen ließen sich nach Jahrzehnten der Dopingaufklärung, nach Lance Armstrong, Marion Jones und Johann Mühlegg, nach österreichischen Langläufern, italienischen Fußballmannschaften und deutschen Radfahrern noch immer für derart dumm verkaufen.

Mal ganz davon abgesehen, dass mich diese Bei-uns-ist-alles-anders-Haltung in allen möglichen Lebensbereichen ankäst, weil “wir” anders sind, toller, komplexer, individueller, unvergleichlicher: die Vorstellung, dass Substanzen, die Sportlerinnen und Sportlern verschiedenster Disziplinen helfen, schneller wieder fit zu werden, länger belastbar zu bleiben, sich rascher zu erholen, und dass Wirkstoffe, die einen schneller, ausdauernder, schmerzunempfindlicher werden lassen, einem Fußballspieler ob der Komplexität des Spiels leider nicht helfen würden, ist beinahe so bizarr wie der Gedanke, dass Sie ernsthaft glauben könnten, was Sie da gesagt haben.

Und, mal im Ernst: “jede Menge Dopingkontrollen”? Seit wann ist das denn wieder ein valides Argument? Und “Medikamente für Kinder”? Mit so einem billigen kleinen Spruch wollen Sie uns abspeisen? Da hätte ja noch nicht mal Delling gelacht.

Sehr geehrter Herr Scholl, es war wirklich schön mit uns. Und vielleicht wird es das auch wieder, wenn Sie irgendwann diesem Geheimbund abgeschworen haben, wo nicht sein kann, was nicht sein darf. Für den Moment ist meine Zuneigung eine ziemlich enttäuschte.

Wenn ich es mir recht überlege, würde ich es Ihnen, den einführenden Ausführungen zum Trotz, vielleicht doch ganz gerne zeigen. Wo der Barthel den Most holt, meinetwegen. Oder zumindest, wie enttäuscht ich bin.

Ja, meine Enttäuschung ist irrelevant, für Sie, für die Fans, für die paar Leser hier, bald auch für mich. Aber ich würde schon gerne schreiben, drohen geradezu, dass der Fußball und seine Exponenten irgendwann einmal von ihrem hohen Ross herabsteigen müssen, weil sie sonst … weil sie … weil er … weil die mündigen Fans … ach, es wird ihm ja eh nichts geschehen, und Sie werden weiterhin so tun dürfen, als sei der Fußball nicht nur der zweifellos schönste Sport der Welt, sondern auch der zweifelhaft sauberste, besonderste, unvergleichlichste. Es ist ein Jammer.

 

Mit Grüßen
Heinz Kamke