Liegengebliebenes und Aufgewärmtes

23. April 2015

Die Nachspielzeit lief bereits, als Kai Dittmann berichtete, wie Sven Ulreich vor einem Stuttgarter Eckball Blickkontakt zu seinem Trainer gesucht habe, um von diesem ein Signal zu erhalten, ob er mit nach vorne eilen dürfe, solle, könne, müsse. Schließlich lag man in Augsburg zurück, nachdem man lange einen “Big Point” vor Augen gehabt und viel für dessen Zustandekommen getan hatte. Sollte das alles vergebens gewesen sein?

Es ist nicht überliefert, ob Stevens Ulreich eine Absage erteilte oder ob der Blickkontakt gar nicht erst zustande kam. Sehr wohl überliefert ist indes die Reaktion des älteren Herrn in meiner Fußballkneipe, der Dittmanns Ausführungen unzweideutig kommentierte: “Was will der denn da vorne? Da fällt er bloß über die eigenen Füße.”  Die ungeteilte Liebe der Fans ist ihm im Lauf der Jahre wohl ein bisschen abhandengekommen.

Mein gequältes Lächeln signalisierte Zustimmung. Wehmütig denke ich regelmäßig an jene Zeit zurück, als jemand, vielleicht war es Eberhard Trautner, Timo Hildebrand Regionalliganiveau als Feldspieler attestierte. Das mag einem gewissen Überschwang geschuldet gewesen sein, zumal die Regional- damals die dritte Liga war, aber es lässt erahnen, worum es geht: Fußball. Und dessen grundlegende Techniken.

Auf Timo Hildebrand folgte mit Raphael Schäfer ein fußballtechnischer Antipode, und dass Schäfer dem jungen Ulreich auf Augenhöhe begegnete, kann man gerne als hübsche Randnotiz mit inhaltlicher Relevanz heranziehen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Oder anders: Sven Ulreichs Erfolgsaussichten im gegnerischen Strafraum vermute ich eher im Bereich von Oliver Kahn als von Jens Lehmann.

Aber daran lag es am Samstag nicht. Ulreich hat keine Hohle geschlagen, nicht im Dribbling den Ball verloren oder ihn sich selbst hinter die Linie geworfen. Und vermutlich entspränge es nicht nur einer sehr freien, sondern vielmehr einer boshaften Interpretation, Huub Stevens zu unterstellen, er habe den Blickkontakt mit Ulreich vermieden, weil er ihm nichts ins Gesicht sehen, weil er ihn nicht mehr sehen wollte nach zwei Gegentoren, die ihn zumindest nicht zum strahlenden Helden werden ließen. “Tapsig” wäre eine Beschreibung, die mir beim 1:0 in den Sinn käme, “unentschlossen” beim 2:1.

So läuft’s halt manchmal, und ja, es passt – daraus habe ich hier nie ein Hehl gemacht –  in mein Bild des jungen Mannes, das Bild eines durchschnittlichen Bundesligatorwarts mit großen Stärken, aber auch unübersehbaren und bis dato offenbar nicht auszumerzenden Schwächen. Und gewiss, es ist wohlfeil, jetzt darauf zurückzukommen. Schließlich hätte Ginczek ja auch einfach vor der Pause das 1:2 erzielen können. Hätte der eine oder andere die Chance gehabt, nach der Pause nachzulegen. Hätten vor dem 2:1 nicht alle stehen zu bleiben brauchen, während die Augsburger nachsetzten. Hätte sich Niedermeier einfach mal auf das sportliche Duell mit Bobadilla konzentrieren dürfen. Stimmt alles. Und hilft nichts.

Chance verpasst, hieß es allenthalben. Weil alle für den VfB gespielt hatten, es im Fall des HSV sogar danach noch taten. Aber eben auch: es ist nichts kaputtgegangen. Anders als von Giovane Elber vermutet, hat der VfB es nach wie vor komplett selbst in der Hand, die Klasse zu halten. Wenn er die verbleibenden fünf oder sieben Spiele gewinnt, können sich die anderen auf den Kopf stellen oder meinetwegen auch jeden einzelnen Schiedsrichter kaufen – es reicht nicht. Nun ist mir klar, dass weder der VfB sämtliche Spiele gewinnen noch irgendjemand einen Schiedsrichter schmieren wird, aber mein Gedanke dürfte klar sein: man hat es selbst in der Hand. Das ist weitaus mehr, als ich vor vier oder fünf Wochen erwartete.

Grade mal zwei Wochen ist es her, dass mich ein befreundeter Fan von Hannover 96 frug, ob ich “denn noch Hoffnung auf den Klassenverbleib des VfB” hätte. “Überraschenderweise ist meine Hoffnung deutlich größer als vor ein psar (sic!) Wochen”, antwortete ich. Daran hat sich nichts geändert, und ich weiß bis heute nicht, woran es gelegen hatte. Wir waren uns einig, dass nicht nur ein erneutes Schneckenrennen am Horizont dräue, sondern dass auch die B-Noten der einzelnen Schnecken durch die Bank verheerend seien, und doch war meine Zuversicht zurückgekehrt. “Trotz oder wegen Huub?” wollte er wissen, und ich konnte oder wollte es nicht beantworten: “Mit Huub.”

Meine Zuversicht ist ungebrochen, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass beim VfB zwischenzeitlich Bewegung in die B-Note kam. Blöd nur, dass man sich davon nichts kaufen kann. Also zumindest nicht in Augsburg. In den Heimspielen sah das zuletzt, allen vorangegangenen Eindrücken zum Trotz, anders aus. Man spielte nicht nur anständig, sondern zog die A-Note gleich mit hoch, traf das Tor und punktete. Da konnten nicht mal die Wechselfehler was dagegen ausrichten.

Wechselfehler? Ok, ich sag’s, wie’s ist. Die Wechselfehler sind eigentlich durch. Hab ich schon vor Wochen drüber geschrieben. Zumindest angefangen. Und nie veröffentlicht. Jetzt liegt’s halt noch hier so rum und ist mir im Weg, also raus damit:

Vor zwei fünf Tagen Wochen gegen Frankfurt wollte Huub Stevens zur Pause wechseln. Ich kann das nicht mit Gewissheit sagen, aber alles andere würde mich sehr wundern. Oriol Romeu wärmte sich ernsthaft auf, ohne Eckle, ohne Jonglageübungen mit dem Ball auf der Schulter, sondern so richtig, mit ohne lange Hose und erhöhtem Tempo. Der Grund lag auf der Hand: Geoffroy Serey Dié, von dem die Wikipedien aller Länder, und nicht nur die, behaupten, er schreibe sich ohne Aigu, was ich aber bis zum endgültig erbrachten Beweis nicht mit meinem Sprachgefühl vereinbaren kann, hatte sich vor der Pause mit langem Atem um eine Verwarnung beworben und war in der 42. Minute endlich erfolgreich gewesen, würde also mit einer mehr als verdienten gelben Karte und einem deutlichen Eintrag im Notizblock des Schiedsrichters in die zweite Hälfte gehen, käme Romeu nicht zur Pause.

Ich unterhielt mich mit ein paar Umstehenden über die bevorstehende Auswechslung und war ehrlich gesagt etwas überrascht, dass sie diese eher nicht befürworteten. Zu wichtig schien Diés Aggressivität für das VfB-Spiel, um freiwillig auf ihn zu verzichten. Auch seine ärgerliche Angewohnheit, seine Mitspieler auch in engen Räumen und ohne Not gerne mal auf Knie-, Hüft- oder Schulterhöhe anzuspielen, tat da keinen Abbruch. Hoffnungsträger!

So ähnlich sah das dann wohl auch der Trainer. Er überlegte es sich in der Kabine noch einmal, dürfte seinem Königstransfer ins Gewissen geredet und ihn vor einer weiteren auch nur annähernd gelbwürdigen Aktion gewarnt haben, und ließ ihn auf dem Feld. Fünf Minuten später stellte er sich im Zweikampf ungeschickt an, verzichtete dann auf bissige Rückeroberungsbemühungen und war zum wiederholten Male an einem Gegentor beteiligt.

Stevens reagierte, nahm Dié nun doch vom Feld – und wurde ausgepfiffen. Um mich herum beklagten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, dass er doch nicht seinen auffälligsten, aggressivsten, besten, was auch immer, Mann vom Platz nehmen könne, Sie wissen schon, und ich frug mich, frage mich in der einen oder anderen stillen Minute noch immer, ob ich bis dahin vielleicht einfach ein anderes Spiel gesehen hatte.

In diesem meinem Spiel also schien der Trainer schlichtweg vercoacht zu haben, und wieder einmal sollte sich zeigen, dass ich keine Ahnung habe. Die Mannschaft hatte den Rückstand gebraucht, entwickelte plötzlich Torgefahr, Romeu spielte stark und Daniel Ginczek hob völlig unerwartet doch noch in der laufenden Saison den Fuß von der Bremse. Gewiss, Kopfballduell wird er auch auf absehbare Zeit keines gewinnen, aber er ist ja jung und kann noch wachsen.

Beim nächsten Heimspiel, gegen Bremen, wollte Huub Stevens wiederum wechseln. Ich kann das mit Gewissheit sagen, die medialen Regenbogengeschichten waren voll davon. Martin Harnik sollte nach zwei sehr unglücklichen Situationen vom Feld, vermutlich auch nach gewohnt engagiertem Spiel, aber das kann ich wiederum nicht mit Gewissheit sagen, weil ich das Spiel aus familiären Gründen verpasste. Immerhin war es diesmal eine unserer leichtesten Übungen gewesen, meine Karte an den Mann zu bekommen, schließlich hatte ich oft genug vom verpassten 4:4 gegen Bremen mi drei Bordon-Treffern erzählt. Mein Vertreter dürfte auch bei der diesjährigen Auflage mit dem Gebotenen nicht ganz unzufrieden gewesen sein.

Geboten wurde eben auch, um den Faden wieder aufzunehmen, der neuerliche Verzicht auf eine Auswechslung. Timo Werner stand bereit, dann bereitete Harnik den Führungstreffer vor, Stevens überlegte es sich anders und ließ Harnik auf dem Feld. Bis ihn der Schiedsrichter runterschickte. Und Bremen in Überzahl ausglich. Vercoacht, schon wieder.

Und wieder hatte ich keine Ahnung. Die Mannschaft hatte den Ausgleich gebraucht, entwickelte plötzlich Torgefahr, Daniel Ginczek ließ den Fuß von der Bremse und traf nochmals. Gewiss, Kopfballduell wird er auch auf absehbare Zeit keines gewinnen, aber er ist ja jung und kann noch wachsen.

Gegen Augsburg beging der Trainer leider keinen derartigen Wechselfehler. Aber am Wochenende steht ja wieder ein Heimspiel an. Und ich bin erneut familiär verhindert. Beste Voraussetzungen also.

 

 

Ach so, Wechselfehler ist ja noch so ein Stichwort. Domenico Tedesco geht nach Hoffenheim. Vermutlich ist der Wechsel für ihn kein Fehler. Man scheint ihm dort seine Wertschätzung etwas konkreter zum Ausdruck gebracht zu haben, als sich der VfB dazu in der Lage sah. Von welchen Kategorien wir auch immer reden mögen.

Andreas Hinkel, Tedescos Co-Trainer in der U17, scheint man auch nicht uneingeschränkt wertzuschätzen. Zur neuen Saison sind sie also beide weg, der eine in Hoffenheim, der andere sonst wo, und Rainer Adrion entblödet sich nicht, in einem beispielgebenden Blabla-Interview darauf hinzuweisen, dass die Türen für Hinkel weiterhin offen seien.

Kommunizieren wie Karl-Heinz Rummenigge. Es ist zum Heulen.


Gewöhnliche Gentlemen

31. März 2015

Er hieß Jochen, kam aus dem Nachbardorf, und dieser Text befasst sich nicht mit meinem ersten Mal. Überhaupt war er mir zu alt.

De facto war er sogar uralt, schätzungsweise fast so alt wie ich heute, und er spielte an diesem Tag Fußball. Nein, ich will der Wahrheit die Ehre geben: er motzte Fußball. Mit Schiri, Mit- und Gegenspielern. Zudem meckerte er. Stänkerte. Jammerte. Schimpfte. Klar, war ja auch ein Nachbarschaftsderby. Eines der letzten seiner Art – bald darauf fusionierten die beiden Vereine und schrieben eine schöne Kreis- Bezirks- Landesliga-Erfolgsgeschichte, aber das nur am Rande.

Meine Mutter, eine regelmäßige Fußballgängerin, schüttelte den Kopf und murmelte irgendwas von »Freundschaftsspiel« und »Alte Herren«, was die Umstehenden ihrerseits mit Kopfschütteln und dem Hinweis quittierten, dass man das ja wohl wisse, dass die die schlimmsten seien.

Ich wollte das damals nicht recht glauben, will es eigentlich auch heute noch nicht, trotz offensichtlicher und offensichtlich zunehmender eigener Schwächen in Sachen Schnelligkeit, Behändigkeit, Ausdauer, Schussgenauigkeit, … und was einem sonst noch so auffällt. Und trotz des daraus erwachsenden Frustpotenzials.

Natürlich bin ich ehrgeizig. Selbstverständlich will ich heute, längst älter als Jochen damals, jeden Mittwoch gewinnen. Immerhin: ich motze selten mit Mit- und Gegenspielern, eigentlich so gut wie nie, es sei denn vor mich hin murmelnd, und Schiri haben wir keinen. Aber ich ärgere mich über halbherziges Gekicke, über Fehlentscheidungen meiner Mitspieler, meine eigenen sowieso, und ich werde zur Furie, wenn taktische Fouls oder Handspiele begangen werden. Ok, in dem Fall motze ich doch.

Wie gesagt: gewinnen ist wichtig. Und manchmal frage ich mich, ob es zu wichtig ist. Frugen sie sich beim DFB ja auch, glaube ich, während und nach der Ära Sammer, aber zur Klärung dieser Frage brauchen die mich nicht. Beim Württembergischen Fußballverband, und nicht nur hier, wird die Frage übrigens auch gestellt, ebenso bei den Trainern von Bambini- und F-Jugend-Mannschaften, und die Antworten sind vielfältig. Schwierige Frage, der ich mich sogleich entziehe.

Meine Frau lächelt milde, wenn ich ihre Frage, wie’s beim Fußball gewesen sei, mit “gut” oder “schlecht” beantworte und sie damit weiß, ob wir gewonnen oder verloren haben. Mittlerweile versuche ich, mich etwas differenzierter auszudrücken, aber es gelingt selten, die Kernaussage zu verschleiern.

Sie selbst geht regelmäßig zum Volleyball, mit einer gemischten Gruppe, Jungs und Mädels, wie wir ewig Jungbleibenden gerne sagen, aber de facto sind’s Frauen und Männer, und kehrt beinahe ebenso regelmäßig kopfschüttelnd zurück. Weil zum Beispiel der eine oder der andere Mitspieler keine Bedenken hat, zwölf Angaben am Stück und mit zunehmendem Vergnügen auf jene eine an diesem Abend etwas indisponierte Spielerin der Gegenseite zu spielen. Was für eine Serie! Vermutlich ist es doch ein Geschlechterding.

Bei meinem Mittwochskick sind wir nur Männer. Alle wollen gewinnen, mit Nuancierungen in der Intensität. Schlage ich dabei über die Stränge? Bestimmt. Indem ich, zurückliegend, einen Zweikampf so führe, als spielte ich noch irgendwo im aktiven Ligabetrieb, regelkonform, aber abseits des Wettkampfsports (um nicht Trainer Baades Lieblingsvokabel vom Freizeitfußball zu gebrauchen) diskutabel, oder indem ich aus zehn Metern den Vollspann auspacke und damit unterbewusst ein Signal aussenden will, von seltenen Grätschen, auch sie: regelkonform, wenn man es könnte, gar nicht zu reden. Schlagen meine Mitspieler über die Stränge? Auch das, gewiss.

Gleichwohl gehe ich auch weiterhin von der Annahme aus, dass “ein Gentleman niemals absichtlich ein Foul” begehen würde (daher der obige Hinweis auf meine Verwandlung in eine Furie im Fall taktischer Vergehen), und dass wir alle Gentlemen sind. Selbstverständlich zeigen Gentlemen auch an, wenn sie versehentlich ein Foul begangen haben. Aber: es ist kompliziert.

Wie ist das mit den harten Zweikämpfen, die Howard Webb nicht abpfeifen würde, ein junger Zweitligaschiedsrichter aber schon und der in der Kreisliga erst recht? Was ist mit den Grätschen, mit denen man den Ball nach einem ärgerlichen Verlust zurückerobert, auch weil der Gegenspieler vorsichtshalber zurückzieht? Hat der Futsal da nicht die besseren Regeln?

Und überhaupt, die Regeln: es ist schwer genug bis unmöglich, unter Menschen, die sich hauptberuflich im Fußball tummeln – Spieler, Trainer, Schiedsrichter, Powerzuseher – ein einheitliches Regelverständnis herzustellen. Wie soll es dann unter Leuten mit deutlich unterschiedlichem Fußballhintergrund funktionieren? Der eine hat dreißig Jahre lang im Verein gespielt, davon zehn in Ligen, wo der Fußball bereits nach Fußball aussieht, der andere machte nach der C-Jugend erst einmal zwanzig Jahre Pause, und wieder ein anderer greift in Regelfragen auf seinen langjährigen Erfahrungsschatz als Hand- oder Basketballer zurück.

Da kann man schon mal ins Grübeln kommen, ob man die Vorgabe, wonach ausschließlich der Foulende Fouls anzeigt, nicht doch aufweichen sollte. Gerade in diesem Zusammenhang ist die Frage, ob eine positive Korrelation von Alter und dem Streben nach Siegen auf dem Fußballplatz empirisch belegt ist, von besonderer Relevanz. Wird unser Gentleman-Gen verschütt gehen, wenn Alter und Ehrgeiz weiter steigen, oder können wir das entkoppeln? Das Gen vom Ehrgeiz, den Ehrgeiz vom Alter, das Alter vom Gen, und so weiter?

Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich nicht davon abrücken möchte. Ich will, dass wir die Hand heben und “Foul!” rufen, wenn wir eines begangen haben. Ich will, dass wir nicht die Hand heben und “Foul!” rufen, wenn wir glauben, gefoult worden zu sein. Aber, zugegeben, mit einem kurzen “Ey!” kann ich umgehen. Wir müssen ja auch im richtigen Leben gelegentlich daran erinnert werden, dass wir Gentlemen sind. Und wenn wir uns dann nicht angesprochen fühlen oder der Meinung sind, die Ansprache sei grundlos erfolgt, dann ist das auch gut so.

Vielleicht riefen wir die Geister auch selbst. Damals, als wir anfingen, Spielberichte zu schreiben. Woche für Woche, und es ist ein Riesenspaß, sie nachzulesen. Oder als wir begannen, die Aufstellungen auszuwerten. Ob die mit den Leibchen häufiger gewannen oder die ohne, wie groß der Überzahlvorteil ist, wer die meisten Einsätze im Kalenderjahr zu verzeichnen hat und mit welchen Mitspielern jeder einzelne von uns die meisten Siege erringt. Irgendwo zwischen der ran Datenbank und Moneyball, und unser aller Ehrgeiz mittendrin. Wie gesagt: es ist kompliziert.

 

Offenlegung: Ich habe keinen regelmäßigen Termin, der so unverrückbar ist wie der Mittwochskick. Gelegentlich hadere ich mit der Spielerzahl, mit der Pünktlichkeit, auch meiner, mit der Absagedisziplin, mit taktischen Fouls, sportlichen Fehlleistungen – nicht nur, aber vor allem meinen eigenen –, mit Aufstellungen, Stockfehlern, vergebenen Torchancen oder taktischen Lapsus, mit mangelndem Ernst, zu großem Ernst, fehlenden Leibchen, einem schlecht aufgepumpten Ball oder eben Defiziten bei der Gentlemanship.
Aber ich würde ihn nicht hergeben wollen. Auf keinen Fall.

 

Manchmal spielen wir auch gegen andere. Das letzte Aufeinandertreffen mit den Alten Herren von daheim, Sie wissen schon, aus dem Retortenclub mit dem Nachbardorf, war eine deutliche Angelegenheit für uns. Was beide Mannschaften nicht davon abhielt, in der einen oder anderen Situation ihren Unmut zu bekunden. Mit den Mitspielern, den Gegenspielern, dem Schiri. Der hieß Jochen, ist immer noch viel, viel älter als wir und sagte, dass es doch nur ein Freundschaftsspiel sei.

 

 


Ein Jammer

5. März 2015

Lieber Mehmet Scholl,

seien wir ehrlich: als offene Briefe verkleidete Blogtexte sind Quatsch. Sie geben vor, sich an prominente Menschen zu richten, zielen letztlich aber doch nur darauf ab, ein paar herumlungernde Stammleserinnen und -leser zu unterhalten, indem man, in der Regel, deren Erwartungen erfüllt, oder, seltener, sie auch einmal zu überraschen versucht. Der Prominente wird das Geschriebene niemals zu lesen bekommen, der Autor aber hat es ihm gezeigt.

Wobei: eigentlich will ich es Ihnen ja gar nicht zeigen. Ich mag Sie schließlich. Schon lange. Sie sind unwesentlich älter als ich, gerade mal ein Fußballjahr, zumindest nach damaliger Rechnung, als wir jung waren und Jugendmannschaften noch nicht nach Kalender-, sondern nach Schuljahren eingeteilt wurden. Damals wirkte der Relative Age Effect noch zugunsten der im zweiten Halbjahr geborenen Nachwuchshoffnungen, also für Sie und gegen mich, und wer weiß, ob nicht andernfalls Sie … ich … ach, Verzeihung, ich schweife ab. Was ich sagen wollte: ich habe Ihre Laufbahn recht genau verfolgt, seit Sie die große Bühne betraten. Und ja, auch Karlsruhe ist schon eine ziemlich große Bühne.

Damals hätte ich Sie vermutlich geduzt, und wenn ich ehrlich bin, tue ich das auch heute noch, in Ihrer Abwesenheit, in der dritten Person, wenn Sie verstehen, was ich meine. Mittlerweile sind wir erwachsen und seriös geworden, und ich finde das “Sie” ganz angemessen. In Sachen Anrede bin ich indes bei “lieber” geblieben und hoffe, das ist in Ihrem Sinne. So ein “sehr geehrter” schafft dann ja doch eine ziemliche Distanz, die ich so nie empfunden habe. Wobei: Sie wollten ja irgendwann mehr Distanz. Und haben sie erfolgreich aufgebaut.

Doch zurück zum Sport. Ich fand das immer ziemlich schick, was Sie auf dem Platz gemacht haben, in Karlsruhe wie in München, und wie Sie diesen anderen kommenden Großen des Weltfußballs, den Herrn Sternkopf, in den Schatten gestellt haben, das war schon nach meinem Geschmack. Etwas weniger erquicklich ist, verzeihen Sie, wenn ich es so offen anspreche, Ihre WM-Bilanz, und dass Herr Vogts gerade Sie im EM-Finale 1996 ausgewechselt hat, werde ich ihm vermutlich nie verzeihen. Ich werde ihm deswegen keinen offenen Brief schreiben, was sollte ich auch sagen, der Erfolg gab ihm ja recht, aber mit the beautiful game hatte das nichts zu tun.

Zugegeben: den Spruch mit den Grünen und dem Baum fand ich noch nie sonderlich lustig, aber abgesehen davon hat mir Ihr Schalk auch abseits des Spielfelds meist recht gut gefallen. Klar, Sie gefielen sich auch in der Rolle, damals, als wir noch nicht beim seriösen Siezen angekommen waren, und wollten Erwartungen erfüllen, doch irgendwann hatte sich das dann erledigt. Ich würde nicht von Altersweisheit reden wollen, aber Ihre Außendarstellung veränderte sich schon sehr, ist ja hinlänglich erzählt, und irgendwie erinnerten Sie mich in dieser Zeit immer auch so ein bisschen an Andre Agassi, unabhängig vom Haarwuchs.

Ähnlich wie bei Agassi war mir auch Ihr sportliches Spätwerk eine große Freude. Es fiel in eine Zeit, zu der es nicht allzu viele deutsche Spieler gab, die in der Lage waren, in einem Dribbling zu bestehen, zumindest nicht gegen gut geschulte Verteidiger, wie man sie im internationalen Fußball vorfand, und da fielen Sie auch als Teilzeitarbeiter ganz besonders auf, dem langjährigen Sympathisanten sowieso. In diese Zeit fiel wohl auch mein Kontakt mit dem Customer Relationship Management des FC Bayern München: ich hatte einem guten Freund ohne jeden Skrupel ein Scholl-Trikot zukommen lassen. Dass ich seither immer mal wieder Post von Herrn Rummenigge bekomme, würde ich nicht auf der Habenseite unserer Beziehung – also Ihrer und meiner – verbuchen.

Danach vergrößerten Sie die Distanz weiter. Gingen kegeln, ohne allzu sehr damit zu kokettieren. Mir gefiel das. Nicht das Kegeln, das ist mir egal, aber dass Sie sich erst einmal ein bisschen rar machten. Und souverän – was waren Sie souverän! Selbst als Sie dann doch zurück ins Rampenlicht traten, bei der ARD, blieben Sie ziemlich lässig. Sie nahmen sich einen eigenen Stil heraus, modisch wie sprachlich, nebenbei auch musikalisch. Der eine beinhaltete für meinen Geschmack zu zugeknöpfte Hemden, der zweite nutzte sich ein bisschen ab. Manchmal steckte arg viel Netzer und Delling drin, fast schon Boerne und Thiel, einfach zu viel gewollte Witzigkeit. Regelmäßig auch Witz, dann war’s schön, und ist es noch. Ungeachtet der Sidekicks. Den Musikstil besprechen wir ein andermal.

Vielleicht hört man heraus, dass ich Sie immer noch ziemlich klasse finde, mich aber auch manchmal geärgert habe. Über Ihre wohlfeile Zuspitzung der latenten Kritik an Mario Gomez, Sie erinnern sich, oder über die zu enge Hose, die Sie auf der Waldau beim einzigen Spiel trugen, in dem ich Sie als Trainer erlebte. Aber das ist vielleicht gar nicht so relevant. Insgesamt blieb ich schon auf Ihrer Seite. Selbst dann noch, wenn professionelle Taktikerklärer Ihre Analysen auf Stammtischniveau verorteten. Vielleicht auch deswegen.

“Souverän” nannte ich Sie vorhin, von der nötigen Distanz sprach ich. Ich schrieb Ihnen die Fähigkeit zu, Dinge einzuordnen, Prioritäten zu setzen, hielt und halte Sie für einen denkenden Menschen.

Und so empfinde ich es als Beleidigung meiner Intelligenz und der von Millionen anderer Fernsehzuschauer, und explizit auch als Beleidigung Ihrer eigenen Intelligenz, wenn Sie sich nicht entblöden, all diesen Menschen die hundertfach durchgenudelte und dabei nicht wahrer gewordene Mär aufzutischen, dass Doping im Fußball nichts bringe. Wenn Sie uns wider besseres Wissen die Sache mit der zu hohen Komplexität erzählen wollen. 

Es entsetzt mich, dass sie zu glauben scheinen, sportinteressierte Menschen ließen sich nach Jahrzehnten der Dopingaufklärung, nach Lance Armstrong, Marion Jones und Johann Mühlegg, nach österreichischen Langläufern, italienischen Fußballmannschaften und deutschen Radfahrern noch immer für derart dumm verkaufen.

Mal ganz davon abgesehen, dass mich diese Bei-uns-ist-alles-anders-Haltung in allen möglichen Lebensbereichen ankäst, weil “wir” anders sind, toller, komplexer, individueller, unvergleichlicher: die Vorstellung, dass Substanzen, die Sportlerinnen und Sportlern verschiedenster Disziplinen helfen, schneller wieder fit zu werden, länger belastbar zu bleiben, sich rascher zu erholen, und dass Wirkstoffe, die einen schneller, ausdauernder, schmerzunempfindlicher werden lassen, einem Fußballspieler ob der Komplexität des Spiels leider nicht helfen würden, ist beinahe so bizarr wie der Gedanke, dass Sie ernsthaft glauben könnten, was Sie da gesagt haben.

Und, mal im Ernst: “jede Menge Dopingkontrollen”? Seit wann ist das denn wieder ein valides Argument? Und “Medikamente für Kinder”? Mit so einem billigen kleinen Spruch wollen Sie uns abspeisen? Da hätte ja noch nicht mal Delling gelacht.

Sehr geehrter Herr Scholl, es war wirklich schön mit uns. Und vielleicht wird es das auch wieder, wenn Sie irgendwann diesem Geheimbund abgeschworen haben, wo nicht sein kann, was nicht sein darf. Für den Moment ist meine Zuneigung eine ziemlich enttäuschte.

Wenn ich es mir recht überlege, würde ich es Ihnen, den einführenden Ausführungen zum Trotz, vielleicht doch ganz gerne zeigen. Wo der Barthel den Most holt, meinetwegen. Oder zumindest, wie enttäuscht ich bin.

Ja, meine Enttäuschung ist irrelevant, für Sie, für die Fans, für die paar Leser hier, bald auch für mich. Aber ich würde schon gerne schreiben, drohen geradezu, dass der Fußball und seine Exponenten irgendwann einmal von ihrem hohen Ross herabsteigen müssen, weil sie sonst … weil sie … weil er … weil die mündigen Fans … ach, es wird ihm ja eh nichts geschehen, und Sie werden weiterhin so tun dürfen, als sei der Fußball nicht nur der zweifellos schönste Sport der Welt, sondern auch der zweifelhaft sauberste, besonderste, unvergleichlichste. Es ist ein Jammer.

 

Mit Grüßen
Heinz Kamke


Pussy, Nazis und Idioten

27. Februar 2015

Im Grunde hatte ich mir das Ganze ja recht schön ausgemalt. Ein Sieg gegen Dortmund würde uns allen guttun: den Spielern, den Fans, dem Verein, meinetwegen auch Huub Stevens und dem Sportdirektor, bei dem ich immer noch ein bisschen erschrecke (wertneutral, natürlich), wenn er sich zum VfB äußert: Ich frage mich dann meist kurz, ob es schon wieder so weit ist, dass neben dahergelaufenen Ex-Bundesligaspielern auch dahergelaufene Ex-Bundesligatrainer eine Bühne bekommen, auf der sie über den VfB reden dürfen, um dann einigermaßen zerknirscht einzuräumen, dass sich die Zeiten halt manchmal ändern und dass ich die Geschehnisse im und um den Verein eine gewisse – noch immer andauernde–  Zeit lang nicht so intensiv verfolgen konnte, wie ich das vielleicht gerne täte. Die Gründe sind vielfältiger Natur, nicht immer schön, wiewohl mit deutlich positiver Tendenz, und gehören darüber hinaus nicht hierher.

Dennoch habe ich natürlich mitbekommen, dass Robin Dutt beim VfB das sportliche Sagen hat. Ich vergesse es nur manchmal. Zudem weiß ich, dass die hiesige Medienlandschaft eins und eins zusammenzählen kann und deshalb gegenwärtig auf der Trainerposition bereits mit dem “Plan B” in Person von Alexander Zorniger liebäugelt, der ja nicht nur eine Stuttgarter Vergangenheit hat, sondern noch dazu – Achtung! – aus der Region kommt, zudem in Vereinskreisen bestimmt als junger Konzepttrainer gilt und zudem – tadaa! – gerade auf dem Markt ist. Wäre doch gelacht! (Wobei: Uwe Rapolder. Die Mutter aller Konzepttrainer hat den Markt betreten. Jetzt wird’s eng.)

Aber ich war beim Ausmalen. Und ja, ich hatte mir auch ausgemalt, diesen Sieg gegen Dortmund dann auch, um mit Francis Durbridge zu sprechen, plötzlich und unerwartet in schriftlicher Form zu kommentieren, hier auf diesem Bildschirm – wohl wissend, dass ich mich damit wieder einmal als reiner Erfolgsblogger zu erkennen geben würde (♫ Write when you’re winning ♫, Sie wissen schon), und ja, ich malte mir die entsprechenden Breitseiten aus der Twitterblase bildlich aus.

Im Lauf des Spiels ging ich dann sogar so weit, mir schon sehr genau auszumalen, wie der Titel des Textes lauten würde: “Pussy, Nazis und Idioten”. Allerdings, so lautete zunächst die Einschränkung, an die ich mich rückblickend dann doch nicht halten würde, müsste dazu zunächst das Spiel die gewünschte Wendung nehmen – zumindest in Sachen Pussy. Die Pussy, das ist nämlich Moritz Leitner. Der trägt nämlich manchmal Handschuhe und wirkt auf dem Platz gerne mal wie jemand, der sich für einen Feingeist hält. Da liegt die Pussy dann natürlich auf der Hand. Lustig, nicht wahr?

♫ Hey Pussy Leitner, tollahi tollahej tolla hoppsassa ♫, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob der zweite Teil tatsächlich so lautet – die Künstler sind in der Regel doch ziemlich pussyfixiert, da geht der Rest des Gesangs schon mal ein bisschen unter.

Wie auch immer: jener Moritz Leitner wurde am Freitag eingewechselt, beim Stand von 1:2, als durchaus noch ein bisschen was drin gewesen wäre, hätte man die Dortmunder Abwehr mit der einen oder anderen Herausforderung konfrontiert. Also mit Maxims Spielwitz, zum Beispiel, oder den Dribblings von Filip Kostic. Der Trainer entschied sich aber für den jungen Herrn Leitner, was mich in jener Situation eher überraschte und eher nicht überzeugte.

Vermutlich ging es den Pussyfreunden ähnlich, und so stimmten sie ihr lustiges Liedlein an, und nicht wenige im Stadion gaben lauthals pfeifend den Backgroundchor. Kann man mal machen, nicht wahr? Im Abstiegskampf, im direkten Duell mit einem Mitbewerber (um den Klassenerhalt, Sie verstehen schon) in der 60. Minute erst einmal dem eben eingewechselten Spieler, der vermutlich den Auftrag hat, das Offensivspiel aus einer strategisch wichtigen Position heraus zu beleben, zeigen, was man von ihm hält, nämlich offensichtlich nichts.

Dass er diese Einschätzung letztlich alles andere als widerlegt hat, dürfte unbestritten sein. Und es wäre mir zu billig, eine Kausalität zwischen den Pfiffen und der anschließenden Leistung in Erwägung zu ziehen. Aber ja, ich frage mich schon, was man sich von solch einer Missfallenskundgebung verspricht. Dass der Trainer ihn gleich wieder auswechselt? Gute Idee. Dass der Trainer für die Zukunft weiß, was er gefälligst zu unterlassen hat? Auch schön. Dass der Sportdirektor einen Hinweis erhält, wie groß das publikumsseitige Interesse an einer Ausweitung oder gar Umwandlung des Leihgeschäfts ist? Hat Priorität. Dass der Spieler sich an der Ehre gepackt fühlt und es allen zeigt? Brillant! Vielleicht nicht total wahrscheinlich, aber zweifellos brillant.

Wie gesagt: wahrscheinlich war es nicht, aber ich hoffte doch sehr darauf. Zum einen, weil mir der Erfolg der Mannschaft am Herzen liegt, zum anderen, weil ich sehr gerne noch einmal mitgesungen hätte. So ein beherzt hinausgejubeltes “Hey, Pussy Leitner, holladiirgendwas”, nachdem die Pussy den Ausgleich geschossen hat, wäre mir eine innere Sexismusdebatte gewesen, und manches mehr. Tja, so hatte ich mir das ausgemalt, aus niedersten Beweggründen.

Tatsächlich fügte sich Leitner indes naht- und folgerichtig mutlos in das Spiel des VfB ein – lediglich Florian Klein hatte sich bis dahin mutig tollkühn an und in ein paar hoffnungslose Dribblings gewagt –, und ja, es war deprimierend. Glücklicherweise liegt das Spiel mittlerweile schon wieder so lange zurück, dass ich mich kaum noch an Details erinnern kann. Weder an die Dortmunder Gnade oder Unfähigkeit im Konterspiel (Wie konnte es überhaupt zu Dortmunder Kontern kommen?) noch an die Stuttgarter Angriffsaktion bis zur 85. Minute. Ja, ich bin mit den gängigen Ausprägungen des Numerus vertraut.

Nebenbei sei kurz erwähnt, dass ich zwar, wie oben beschrieben, bis dato nur sehr wenig von der Rückrunde sehen konnte, weder vom VfB noch von der Bundesliga insgesamt, und auch das Hannover-Spiel wird sich wohl wieder ohne mein Zutun abspielen müssen; ich will aber nicht ganz verschweigen, dass ich auch schon das Heimspiel gegen den, ähem, traditionellen Südrivalen aus München gesehen hatte, Sie wissen schon, jenes Spiel, auf das ganz München immer monatelang hinfiebert. Ja, manches spricht dafür, dass ich einer dieser Eventfans bin, die sich nur die Spiele gegen die ganz großen Gegner ansehen.

Im Laufe jenes Spiels ergab es sich – ich brauchte einen Moment, um es zu kapieren – dass irgendwo in unserer Nähe geistreiche Grüße an den Gast gesandt wurden, nach der Melodie von “We’re not gonna take it”: ♫ Schwule und Zigeuner ♫, hieß es da in Richtung des Münchner Fanblocks der sich wieder einmal recht weit in Haupt- und Gegentribüne hinein erstreckte, gerne auch mit schwäbischem Idiom, aber des Menschen Wille, Sie wissen schon.

Doch zurück zum wichtigen Thema: Nachdem ich meine anfängliche Unglaubens- und die Sprachlosigkeitsphase überwunden hatte, arbeitete es in meinem Kopf, doch nicht sehr erfolgreich. Ich überlegte mir, was ich beim nächsten Anlauf sagen würde. Der eine oder die andere mag sich erinnern, dass ich in einer ähnlichen Situation schon einmal eher hilflos mit Worten gerungen hatte.

Und mal ehrlich: “Hey, Ihr seid echt klasse, Homo- und Xenophobie in einem einzigen Gesang!” hätte vermutlich eher zur mitleidigen Erheiterung der Umstehenden geführt, wenn mir spätestens beim ersten Fremdwort der Satz abhandengekommen wäre, von der Aufmerksamkeitsspanne gar nicht zu reden, und Ironie funktioniert in so einer Situation ja ohnehin blendend, als dass es irgendwen beeindruckt oder beschämt hätte.

Gedanklich experimentierte ich auch mit Schwulenfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und was sonst noch so passte. Mit der Zeit verlor sich das Ganze ein bisschen, das Spiel ging seinen Gang, der Gesang kam nicht mehr. Ich regte mich hinterher noch eine Weile auf, doch nach ein paar Tagen hatte ich die Sache, die im Stadion nach meiner Wahrnehmung eine ziemlich lokale gewesen war, wieder vergessen.

Auch beim darauffolgenden Heimspiel – gegen Borussia Dortmund, Sie ahnten es – erinnerte zunächst nichts an jene Episode von vor zwei Wochen. Ich verfolgte das Spiel, war konzentriert, man steckt ja im Abstiegskampf, fiebert, schreit, unterstützt, leidet, und irgendwann nahm ich weit entfernt, nicht räumlich, da eher nah, die Melodie von “We’re not gonna take it” wahr, und langsam dämmerte es. Da war doch was gewesen, beim letzten Mal, und ja, in der Tat, da war es wieder:

“Schwule und Zigeuner!”

Ich erinnerte mich meiner damaligen Sprachlosigkeit, hatte noch immer keine schnell wirkende Antwort parat, ärgerte mich über mich selbst, und hörte zu meiner Überraschung, wie dann auch noch mein unmittelbarer, nicht zufälliger Nachbar mit in die Melodei einstieg (WTF!?).

Recht lautstark, übrigens:

“Nazis und Idioten!”

Einmal reichte.

Es mag natürlich Zufall gewesen sein, dass die Herrschaften so rasch wieder aufhörten, aber ich kann nicht recht daran glauben. Und ich will nicht. Nun liegt es mir fern, die Behauptung aufzustellen, mein Stadionnachbar neige dazu, komplexe Sachverhalte allzu sehr zu vereinfachen, gewiss nicht, er ist ein sehr reflektierter und diskussionsfreudiger Mensch; aber weniger umständlich ist er hin und wieder schon, und manchmal bringt er die Dinge einfach verdammt gut auf den Punkt. Ich verneige mich.

 


Die Hände! Zum Himmel!

15. Januar 2015

Nun ist dieses Jahr also auch schon wieder zwei Wochen alt, und im Blog ist immer noch Heiligabend. In meinem Kopf übrigens noch nicht mal das, fußballseitig, da ist eher 0:0 gegen Paderborn. Dass der VfB einen neuen Sportdirektor bekommen hat, war nicht zu überlesen; ansonsten war meine Weihnachtszeit angenehm fußballfrei, gedanklich, und ja, natürlich handelte es sich um Selbstschutz. Wer war nochmal dieser VfB?

Ganz allmählich stieg ich dann im neuen Jahr wieder ein und gebe auch gerne zu, den vielgeschmähten DFB-FIFA-Film gesehen zu haben, glücklicherweise weitgehend twitterfrei, und ja, er hat mir ein bisschen Freude bereitet. Erinnerungen getriggert, Sie wissen schon.

Erinnerungen rief bei manchen BeobachterInnen auch der bestürzende Tod von Junior Malanda hervor, des jungen Mannes also, “der das leere Tor nicht getroffen hat”, wie ich bei einem beruflichen Termin aufschnappte. Ich verstehe so etwas nicht, wirklich so gar nicht, aber ich habe zugegebenermaßen auch keine Lust, den Leuten dann einfach in die Fresse zu hauen. Doch, Lust schon, aber zum einen könnte ich es eh nicht, zum anderen wäre es wahrlich kein angemessenes Verhalten im Angesicht eines ums Leben gekommenen jungen Mannes, der die Welt erst noch erobern wollte.

Ich weiß nicht, wie ich nun wieder zum Fußball zurückkehren soll, ohne mir schäbig vorzukommen. Ok, mein Problem. Einige längere Autofahrten, die zu Jahresbeginn als Nebeneffekt unschöner Krankenbesuche nötig waren, gaben mir die Gelegenheit, mich fußballmäßig wieder ein bisschen einzuhören, in den Fußball aus England und Spanien, wo nicht nur geredet, sondern auch gespielt wurde, aber auch, meiner frühen Weihnachtsruhe geschuldet, noch einmal in den letzten Hinrundenspieltag.

Der Rasenfunk hatte sich bereits in die Winterpause verabschiedet, aber die Erben ließen sich nicht keine verfrühte Urlaubsstimmung nachsagen. Der hier außerordentlich geschätzte Schiiiedsrichterpodcast blickte kurz vor Weihnachten noch einmal auf die jüngsten Entscheidungen, auf die Lex Feuerherdt, auf Zicke Neuendorf und manches mehr. Darunter auch einige Äußerungen von Markus Gisdol im Rahmen einer Pressekonferenz, in der er, dem Zusammenschnitt zufolge, die Schiedsrichter und explizit deren Assistenten zunächst über den grünen Klee lobte, ehe er im weiteren Verlauf ähnlich deutliche kritische Worte für das Gebaren mancher vierter Offizieller fand, was in einem lauten Kopfschütteln ob der Aufforderung gipfelte, er möge die Hände unten lassen.

Die Erben begrüßten, nicht ganz überraschend, Gisdols Lob für die Zunft uneingeschränkt, und, ebenfalls nicht ganz überraschend, die Kritik nur so halb. Sie sprachen über Kommunikationsdefizite zwischen Trainern und Schiedsrichtern, die hier bitte als partes pro toto für die vier Teammitglieder verstanden werden mögen, vielleicht auch zwischen Schiedsrichtern und Trainern. Sie griffen auch Gisdols Verzicht auf eine Pauschalkritik der vierten Offiziellen auf und wollten die Aussage zum Handhebeverbot so nicht stehen lassen, sondern auf aufwieglerische Handgesten beschränkt wissen.

Und hier komme ich ins Spiel. Ich habe mich nämlich auch schon aufwieglerischer Hand- und Armgesten schuldig gemacht, weiß also, worum es geht. Ist ein paar Tage her, aber aufwiegeln konnte ich auch schon in jungen Jahren. Mitte der Neunziger, um etwas genauer zu sein, als Twen, wie man damals vielleicht noch sagte.

Als Twen fuhr ich in einem Renault 5 nach Irland. Ich mag schon einmal davon geschrieben haben, dass mein Auto zuvor irgendeinem Drogenbaron gehört haben musste, so oft wie ich auf dieser Fahrt angehalten und kontrolliert wurde. Von besagtem Irlandaufenthalt habe ich auf jeden Fall schon geschrieben – und mag die Geschichte von Tom Hanks, der Schwester und mir heute noch, aber das nur am Rande.

Der Weg dorthin führte mich durch Frankreich, in Le Havre sollte es auf die Fähre gehen, und wie das in Frankreich eben so ist, wurde die Fahrt gelegentlich durch erzwungene Pausen an den Mautstationen unterbrochen. Die Pausen waren in der Regel kurz, es war nicht allzu viel los, mein Zeitbudget bis zum Fährhafen reichlich bemessen. Rückblickend kann ich sagen, dass ich die damaligen Münzfangnetze – vermutlich gibt es sie auch heute noch, für all die Sonderlinge, die nicht zu Maut-Kartenzahlern geworden sind – eigentlich recht gern mochte. Sie erinnerten mich immer an den Weltspartag. Aber sie funktionierten nicht immer.

Und so ergab es sich auch auf jener Fahrt, dass der eine oder andere Péage-Aufenthalt einen Moment länger dauerte. So auch noch einmal kurz vor dem Ziel: das Gerät zickte ein wenig, die Schranke öffnete sich zunächst nicht, auch etwas länger nicht. Mein Zeitbudget war nach wie vor reichlich, meine Nervosität gering. Ich war guter Dinge, auch ohne die Hilfe jenes offiziell aussehenden Herrn, der sich von der Seite näherte, über kurz oder lang weiterfahren zu können – und in der Tat, just als er das Auto erreichte, öffnete sich die Schranke. Ich dankte ihm freundlich, aber es habe sich ja nun erledigt.

Er sah das anders. Ich solle doch bitte gleich rechts ranfahren – was ich zunächst nicht recht verstand, und was vor allem gar nicht so einfach ist, wenn man sich ziemlich weit links eingeordnet hat und senkrecht zur Fahrtrichtung etwa zehn Fahrspuren auf einmal wechseln soll, während hinter jeder Schranke aufbruchwillige Autobahnnutzer mit dem Gaspedal spielen. Ok, erwischt, ich übertreibe. Das mit dem Gaspedal stimmt nicht. Und vielleicht querte ich auch nicht ganz orthogonal.

Doch zurück zur eigentlichen, bisher noch gar nicht formulierten Frage: Polizei- oder meinetwegen auch Zoll- oder sonstige Kontrollen an der Mautstation? Einfach so? Hatte ich noch nie gesehen, geschweige denn selbst erlebt. Ob es doch am Drogenauto lag? Ich weiß es nicht, und werde es auch nicht mehr erfahren.

Was ich aber weiß: plötzlich stand ein halbes Dutzend uniformierter Männer um mein Auto herum. Aussteigen solle ich, und meine Papiere zeigen. Den Kofferraum öffnen. Und mich durchsuchen lassen. Mein Gewissen war rein, und so ließ ich es zwar zähneknirschend, aber doch noch relativ gelassen– zumal es bekanntlich nicht die erste Kontrolle auf dieser Fahrt war, meine Unbescholtenheit also hinreichend gesichert schien – über mich ergehen.

Ich war bestrebt, das Procedere möglichst rasch hinter mich zu bringen, und so erleichterte ich den Beamten ihre Arbeit, so gut es eben ging. Sie durchsuchten mich gründlich, und um ihnen den Zugang zu den Taschen meiner Jeans zu vereinfachen, hob ich meine Arme in die Höhe – was zwar nicht in aufwieglerischer Absicht geschah, wohl aber das Missfallen meiner Freunde und Helfer hervorrief. Ich solle doch bitte meine Hände wieder herunternehmen und kein Aufsehen erregen.

Sechs Beamte stehen also unmittelbar hinter einer mindestens zehnspurigen Mautstation am Fahrbahnrand um ein ausländisches Auto bzw. dessen Fahrer herum und durchsuchen beides, um dann besagten Fahrer dazu anzuhalten, doch bitte kein Aufsehen zu erregen. Das Leben ist immer wieder für eine Überraschung gut.

Vermutlich war es rückblickend eine recht kluge Entscheidung, meine eben ausgeführte Bewertung der Situation in etwas diplomatischeren Worten zum Ausdruck zu bringen.

Die Herren fanden nichts, ich durfte weiterfahren, kam rechtzeitig zum Hafen, wurde in der Fährschlange als einziger Reisender weit und breit erneut intensiv kontrolliert, inklusive Kofferraum und so weiter, ehe man mich Stunden später bei der Ankunft in Rosslare erneut herauszog. Tja. Ich konnte glaubhaft versichern, dass von mir keine Gefahr ausgehe, wie zahlreiche vorhergehende Kontrollen ergeben hätten, und durfte weiterfahren.

Mit Markus Gisdol hat das vermutlich nichts zu tun.