Posts Tagged ‘Serdar Tasci’

Überlastungsreaktionen

6. November 2009

Sind wir nicht alle ein bisschen überlastet? Ganz besonders überlastet sind derzeit sicherlich Sami Khedira und nun auch Serdar Tasci, die aktuell die Google-Top 10 für Überlastungsreaktion Fuß unter sich ausmachen. Die Mitspieler scheinen auch in der einen oder anderen Form überlastet, zumindest aber teilweise überfordert zu sein, und auch Horst Heldts sonntägliches Telefonat mit Jörg Wontorra lässt zumindest auf eine hohe Belastung schließen.

Markus Babbel, der als einziger Angst um seinen Job haben muss, scheint indes relativ gut mit der Last umgehen zu können. Zwar ist es sicherlich belastend, ständig ans Limit zu gehen – gerade am Mittwoch haben ihm die Spieler jedoch einen der kritischeren Punkte der vergangenen Wochen sehr leicht gemacht, wie Babbel selbst feststellte:

„Mit den Einwechslungen war es nicht schwer, Treffer zu landen.“

Mir selbst ist es gelungen, die Belastung beim Spiel in Sevilla durch einen geschickten Schachzug in Grenzen zu halten: ich habe nur die zweite Halbzeit gesehen. So blieb mir die allem Anschein nach furchtbare erste Hälfte erspart, und es fällt mir vergleichsweise leicht, eine positive Haltung einzunehmen und auf weitere Besserung zu hoffen. Auch wenn ich weiß, dass die guten Noten der Stuttgarter Nachrichten für Rudy und Celozzi ein wenig hoch gegriffen sind, ungeachtet des Rückgangs von Motivation und Spielerzahl auf Seiten der Andalusier, und im vollen Bewusstsein, dass auch in den nächsten Wochen kein echter Knipser auf dem Platz stehen dürfte, wird mein Gefühl zusehends besser.

Das hat mit Markus Babbel zu tun, der der Schönfärberei abgeschworen zu haben scheint und am Mittwoch endlich einmal Zeichen gesetzt hat mit seinen Einwechslungen; es hat aber auch mit den Spielern zu tun, die sich dann doch noch gewehrt haben, mit Leuten wie Kuzmanovic, Schieber oder Rudy, und es hat wohl auch schlichtweg damit zu tun, dass ich einfach ein Fan bin, einer, der immer an die Wende zum Besseren glaubt.

Und wenn dann irgendwann Khedira und Tasci auch nicht mehr überlastet sind….

„Der Kapitän geht voran“

4. Oktober 2009

…titelte die VfB-Stadionzeitschrift zum heutigen Spiel gegen Werder Bremen, und manch einer mag sich gefragt haben, warum man vergaß, ihm die Richtung zu nennen. Ok, vielleicht ist es ungerecht, ihn als denjenigen auszumachen, der auf dem Weg in tiefes Mittelmaß vorangeht – aber allzu viel Bremswirkung geht von ihm auch nicht aus, um es ganz vorsichtig zu formulieren. Hitzlsperger versteckte sich, so gut er konnte, war in der Offensive nicht zu sehen, schlug schaurige Standards und verschleppte das Spiel, wenn die Zuschauer auf schnelle Gegenangriffe hofften. Negativ aufgefallen ist er mit dieser Leistung allerdings nicht. Vielmehr fügte er sich bestens in eine Mannschaft ein, die ganz offensichtlich keinerlei Idee hatte, wie sie dem Spiel eine andere Wendung geben könnte.

Hatte man nach mehreren Spielen wie dem gegen Köln noch festgestellt, dass der VfB offensichtlich nicht in der Lage ist, eine sehr tief stehende Verteidigung unter Druck zu setzen bzw. sie mit spielerischen Mitteln auszuhebeln, so galt es heute zu konstatieren, dass auch ein Gegner, der sich nicht hinten einigelt, wenig Sorge zu haben braucht ob der Stuttgarter Offensivbemühungen. Wobei nicht viele Zuschauer bereit gewesen wären, überhaupt von „Bemühungen“ zu reden.

Werder war zu wirklich jedem Zeitpunkt Herr im fremden Haus. Über die Qualität ihrer Verteidigung kann man mangels Beschäftigung nur sehr wenig sagen. Wiese bestand seine einzige ernsthafte Prüfung tadellos, Mertesacker und Naldo ließen Schieber und vor allem Pogrebnyak lächelnd an der breiten Brust abprallen, und wen man gegen den VfB auf den defensiven Außenpositionen aufbietet, ist derzeit nun wirklich völlig egal. Im Mittelfeld reichte der solide Exnationalspieler Frings aus, um die Stuttgarter in Schach zu halten, so dass alle anderen nach Belieben ihre Freiräume in der Offensive suchen konnten. Marin tat das sehr erfolgreich und stellte recht bald fest, dass ihm weder auf der einen noch auf der anderen Seite viel Gegenwehr drohte; letztlich entschied er sich gegen Boka und trieb seine Späßchen statt dessen mit dem überforderten Celozzi, der sehr bald auch in der Vorwärtsbewegung nicht mehr in der Lage war, das richtige zu tun (sprich: den Ball einem Mitspieler zu geben), und von Babbel in der 43.(!) Minute erlöst wurde.

Über die Gegentore zu diskutieren ist müßig – das erste entsprang einer dieser Situationen, in denen Marin auf Celozzi traf, und dem zweiten ging ein schnell ausgeführter Freistoß voraus, vor denen jeder Kreisligatrainer wöchentlich warnt (womit ich nicht andeuten will, dass das VfB-Trainerteam nicht gewarnt hätte). Lehmann verhinderte verschiedentlich einen höheren Rückstand, und glücklicherweise zeigten sich auch die Innenverteidiger weitgehend robust gegenüber Stürmern und Krise. Khedira signalisierte von Zeit zu Zeit, vor allem zu Beginn des Spiels und Mitte der zweiten Hälfte, als er vermehrt vor dem Bremer Tor auftauchte, dass man das Spiel nicht kampflos hergeben wollte und im Grunde auch Fußball spielen kann, aber mehr Positives kann ich beim besten Willen nicht zusammentragen. Was bleibt: die Mannschaft kopflos, die Auswechslungen mutlos, der Trainer ratlos, die Fans sprachlos.

Falsch, ein Wort fiel dann doch mit zunehmender Häufigkeit: Abstiegskampf. Und wäre Serdar Tasci in der Nähe gewesen, hätte er sich sicher sein können, viel Spott und Häme zu ernten für seine kürzlich ausgegebenes Ziel, Rang drei zu erreichen. Auf der Gegengerade war ein erstes „Babbel raus!“-Plakat zu sehen, und ich habe wenig Zweifel, dass eben diese Diskussion deutlich an Fahrt aufnehmen wird. Zumal sein scheinbar anscheinend stoisches Ertragen der jüngsten Leistungen auf der Trainerbank, verbunden mit späten und zuletzt auch nicht mehr sehr effektiven Auswechslungen, nicht unbedingt das Gefühl vermittelt, dass die Strategie für eine Trendumkehr bereits weitgehend stehen könnte. Man darf gespannt sein, wie Horst Heldt das sieht. Und muss sich vielleicht auch mit der Frage befassen, ob es wirklich am Trainer liegt, oder ob möglicherweise auch der Kader im Jahr nach Mario Gomez einfach nicht gut genug zusammengesetzt wurde, um Träume von der Champions League oder auch nur dem Uefa-Cup (ja, ja) zu rechtfertigen. Kein Urteil, nur ein Denkansatz.

Den Bremer Fans will ich im Übrigen wohlwollend unterstellen, dass sie es einfach nicht kapiert hatten. Dass sie nicht verstanden hatten, dass die Schweigeminute für Rolf Rüssmann nicht mit der Würdigung durch den Stadionsprecher endet, sondern damit erst beginnt. Schweigeminute hat tatsächlich etwas mit schweigen zu tun, Ihr Idioten!

[Nachtrag: Um es noch einmal klar zu stellen: ich glaube wirklich nicht, dass die Bremer Fans bösen Willens waren, als sie die Schweigeminute nicht beachteten. Meines Erachtens wähnten sie sie einfach beendet, bevor sie wirklich begonnen hatte; dafür spricht zumindest ihr weitgehendes Schweigen nach dem ihnen zugedachten Pfeifkonzert.]

Gegen alle direkten Freistöße!

20. September 2009

Bei der EM 1996 bestritt die deutsche Mannschaft ihr letztes Gruppenspiel in Old Trafford gegen Italien. Italien musste gewinnen, Deutschland war bereits für das Viertelfinale qualifiziert und sah kein Land, hatte aber einen überragenden Köpke im Tor. Mitte der zweiten Halbzeit sagte Beni Thurnheer, der das Spiel gemeinsam mit Günter Netzer für das Schweizer Fernsehen kommentierte, sinngemäß folgendes:

„Ich hätte nicht gedacht, dass die Deutschen noch schlechter spielen könnten als in der ersten Halbzeit. Sie haben mich eines Besseren belehrt.“

Selten habe ich so oft an diesen Satz zurückgedacht wie während des gestrigen Spiels des VfB gegen den 1. FC Köln, in dem das schwache Niveau der zweiten Hälfte des Glasgow-Spiels vom Mittwoch über weite Strecken noch unterboten wurde. Zu keinem Zeitpunkt war ein Hauch von Inspiration, Esprit oder gar Spielwitz zu erkennen, um die sehr tief verteidigenden Kölner in Schwierigkeiten zu bringen. Viel schwerer wog allerdings der Eindruck, die Mannschaft habe nicht alles gegeben. Sie habe sich in die Kölner Vorgabe gefügt und sehr statisch den Ball hin- und hergeschoben, anstatt variabel und eben auch laufintensiv deren Defensive auszuhebeln, bzw. es zumindest zu versuchen. Sie sei nicht bereit gewesen, die Wege zu gehen, die man wohl gehen muss, um eine so massierte Deckung aus dem Gleichgewicht zu bringen. Und sie habe auch in punkto energischer, teilweise aufwändiger Ballgewinnung noch viel Luft nach oben. Ich selbst konnte mich dieses Eindrucks auch nicht erwehren, und hatte deshalb -im Widersprich zu meinen Aussagen kürzlich im VfB Fanpod – ausnahmsweise viel Verständnis für die „Wir wolln Euch kämpfen sehn“-Sprechchöre.

Ansonsten möchte ich über das Spiel nicht allzu viel sagen. Dass ich beim ersten Tor nicht weiß, über wen ich mich am meisten geärgert habe, vielleicht – Lehmann, der den Ball, wie von Tasci erwartet, locker hätte ablaufen können, Tasci, der weder zurückgespielt noch die rustikale Variante gewählt, sondern Träsch in Bedrängnis gebracht hat, oder Träsch, der ein Dribbling an der eigenen Eckfahne für eine gute Idee hielt. Oder dass Kuzmanovic gezeigt hat, dass er dirigieren will: sehr häufig sah man ihn mit ausgestrecktem Arm den Mitspielern anzeigen, wo sie den Ball hinspielen sollen – dumm nur, dass er mangels Alternativen in den allermeisten Fällen nur auf einen der Herren aus der Viererkette zeigen konnte. Oder dass die langen Diagonalbälle von Delpierre auf den rechten Flügel nicht nur ein ästhetischer Gewinn waren, sondern auch häufig ankamen – Gefahr ließ sich damit allerdings nicht heraufbeschwören, dafür waren sie dann doch zu lange unterwegs.

Nun ist es aber wirklich genug – lieber nochmal was vom Spielfeldrand, auch wenn ich mich wiederhole. Irgendwann zwischen der 75. und 80. Minute wurden, beim Stand von 0:1, einmal mehr Rufe „Gegen ALLE Stadionverbote“ zum Besten gegeben. Mit Verlaub: das halte ich für großen Unsinn. Kann irgendjemand glauben, ernst genommen zu werden, wenn er so etwas fordert? Einen Freibrief für alle? Ohne zu differenzieren, wie man es noch vor einiger Zeit mit dem Motto „Gegen willkürliche Stadionverbote“ völlig zurecht getan hatte? Freie Hand für Randalierer, Gewalttäter, Brandschatzer? Wollen wir das Ganze dann auf die gesamte Gesellschaft ausweiten und jegliche Sanktionen für Straftaten abschaffen? Oder der Einfachheit halber beim Fußball bleiben und demnächst „Gegen alle direkten Freistöße“ oder „Gegen alle gelben Karten“ skandieren?

Nochmal im Ernst: ich bin ein entschiedener Gegner von Sippenhaft und von willkürlichen Stadionverboten, die rechtsstaatliche Prinzipien verhöhnen. Und ich befürchte, dass genau dies auf einen nicht unerheblichen Anteil der derzeit gültigen Stadionverbote zutrifft. Aber will wirklich jemand behaupten, man müsse buchstäblich jeden in ein Fußballstadion lassen, egal welche Vergehen er sich in ähnlichem Kontext bereits zuschulden kommen ließ und welche Gefahr von ihm oder ihr ausgeht? Das kann niemandes Ernst sein.

Strohfeuerwerk

17. September 2009

„Der VfB ist halt keine Champions League-Mannschaft. Die kommen da manchmal zufällig rein, und dann…“

Der Rest war Schweigen – meine Frau war sensibel genug, nicht noch mehr Salz in die Wunde zu streuen. Natürlich hätte ich zumindest dem „zufällig“ vehement widersprechen müssen, aber was hätte das gebracht? Die viel spannendere Frage lautet ja in der Tat, was auf das „und dann…“ in dieser Saison folgt – aber beantworten hätte ich sie in diesem Moment nicht können.

Kann ich natürlich auch jetzt noch nicht, aber die Zuversicht kehrt wieder deutlicher zurück, nachdem ich mir gestern von vielen Leuten rund um das Neckarstadion herum beinahe hätte einreden lassen, dass ein Punkt zuhause gegen Glasgow zu wenig sei, um sich für das Achtelfinale zu qualifizieren.  Dabei hatte der Abend gut hervorragend begonnen.

20 Minuten lang brannte der VfB ein Feuerwerk ab, das es in sich hatte. Cacau sprühte vor Tatendrang, Hilbert stand ihm in nichts nach, Boka duellierte sich erfolgreich mit jedem, der in seine Nähe kam, Hitzlsperger machte das Spiel schnell wie lange nicht, kurz: man sah eine begeistert auftretende Mannschaft, die sich nicht nur viel vorgenommen hatte, sondern dies auch vom Anpfiff weg umzusetzen begann. Nach besagten 20 Minuten hätte der VfB mit 2-3 Toren führen können; gereicht hatte es aber nur zu einem Treffer, den Pogrebnyak nach beherztem Einsatz von Hilbert und Cacau erzielte.

Danach ließ man es etwas ruhiger angehen, gestattete den Schotten etwas Luft zum Atmen und erlaubte ihnen die ersten zaghaften  Schritte über die Mittellinie, wo sie allerdings ziemlich verloren wirkten und nicht von Stellungsfehlern des zuletzt so starken Christian Träsch profitieren konnten (Tascis Leerlaufgrätsche mit 20 Metern Anlauf möge vom Mantel des Schweigens verhüllt bleiben). Grundsätzlich erschien es durchaus sinnvoll, ein wenig Tempo herauszunehmen, um sich etwas mehr Platz für die dann zu setzenden Nadelstiche zu verschaffen. Die Gelegenheit dazu ergab sich tatsächlich das eine oder andere mal, ohne jedoch zu zwingenden Torchancen zu führen. Mitunter schienen Cacau und Pogrebnyak etwas zu sehr darauf erpicht zu sein, mit Direktpässen zu unterlegen, wie gut sie mittlerweile harmonieren, anstatt die Freiräume gelegentlich auf eigene Faust zu nutzen (einmal war allerdings auch das Gegenteil der Fall). Insgesamt aber beruhigte sich das Spiel zum Ende der ersten Halbzeit hin sehr, sodass die Stuttgarter Zuschauer allmählich unruhig wurden und die Pause herbeisehnten, auf dass sich das Feuerwerk nicht als Strohfeuer entpuppe und ihre Mannschaft danach wieder zielstrebiger zu Werke gehen möge.

Was nicht geschah. Vielmehr wurde der Trend fortgesetzt, indem man sich in der Vorwärtsbewegung immer weniger zutraute und sich minütlich weiter zurückzog, sodass die Gäste gar nicht mehr anders konnten, als ihrerseits aktiver zu werden (und irgendwann den Ausgleich zu erzielen). Die üblichen Reflexe auf der Tribüne setzten zuverlässig ein: Aufforderung zum Kampf, Pfiffe, Hilbert-Kritik.  Im Ernst: Roberto Hilberts Hereingaben von rechts fanden speziell in der zweiten Halbzeit nicht ihr Ziel, teilweise kam es wegen missglückter Dribblings nicht einmal dazu. Das kann man – zurecht – kritisieren. Dann sollte man aber vielleicht auch die Frage stellen, wieso von der linken Seite keinerlei Signale kamen, sich in irgendeiner Seite am Stuttgarter Offensivspiel zu beteiligen, weder von Hleb (ok, angeschlagen) noch von Gebhart (bis auf die letzten drei Minuten). Aber es ist müßig, Fehler gegeneinander aufzurechnen. Ich schweife ab.

Letztlich müssen sich der VfB und sein Anhang glücklich schätzen, dass die Schotten kurz vor Schluss nur den Pfosten trafen. Dennoch ist der Start mit einem Heimpunkt natürlich alles andere als optimal. Da jedoch von den 15 noch zu vergebenden Punkten im Gegensatz zu früheren Jahren, als man sich beispielsweise gegen Barcelona im Grunde keine Chancen ausrechnete, kein einziger von vornherein abgeschrieben werden muss, habe ich derzeit keinerlei Lust, mich mit Vergleichen zur letzten Champions League-Saison des VfB zu befassen, als man recht kläglich ausschied. Einfach mal die Kirche im Dorf lassen. Und vielleicht gegen Köln gewinnen, das wird schwer genug – wie ich im Übrigen auch im VfB FanPod zum Ausdruck brachte, für den ich vor dem Spiel ein paar Fragen beantworten durfte.

Kleine Randnotiz: Als Christian Träsch offensichtlich sehr heftig vom Fuß eines Schotten im Gesicht getroffen wurde (und eine Gehirnerschütterung davontrug) , hielt es Schiedsrichter Bussaca für ein gute Idee, sehr gemäßigten Schrittes und im angeregten Gespräch mit einigen Spielern zum am Boden liegenden Träsch zu flanieren, anstatt ihm rasch die nötige medizinische Behandlung zukommen zu lassen. Über so etwas kann ich mich fürchterlich ärgern.

„Mein Name ist Grafite.“

8. August 2009

Nein, ich habe keine Identitätskrise. Auch meinem gestrigen Nebensitzer würde ich eine solche nicht unterstellen. Dennoch hat er den Satz „Mein Name ist Grafite“ während des Bundesliga-Eröffnungsspiels gefühlte geschätzte hundertmal gesagt (wann immer Steffen Simon „Grafiiitsch“ sagte, um genau zu sein). Damit zitierte er, wenn auch nicht ganz korrekt, besagten Grafite aus dem Sportstudio vom 22. März (ab ca., 4:50, bis ca. Grace Kelly), als dieser nach einigem hin und her – im Sinne von „jede Aussprache ist ok“, „mir egal“,… – doch einräumte, dass die korrekte Aussprache „G r a f i t e“ sei – was natürlich für den ambitionierten Sportkommentator vergleichsweise langweilig ist und deshalb gerne mal ignoriert werden darf.

Oder es ist Kalkül. Je häufiger mein Nebensitzer, und mit ihm zahlreiche andere Zuschauer im ganzen Land, „Mein Name ist Grafite“ sagen, desto weniger haben diese Menschen Gelegenheit, sich darüber zu ärgern, bzw. überhaupt wahrzunehmen, dass Steffen Simon zunächst fragwürdige Situationen selbst in der Wiederholung falsch einschätzt, dass er sich als Fanboy von Grafite, Dzeko und Lehmann geriert, dass er die dummen Zuschauer mit neuen taktischen Begrifflichkeiten, gerne aus dem Englischen entlehnt („one touch football“), zu beeindrucken sucht. (Ergänzungen in den Kommentaren sind willkommen.)

Wenn jetzt jemand meint, ich projiziere meinen Ärger über das verlorene Spiel des VfB auf Steffen Simon, so hat er sicher teilweise recht. Teilweise deshalb, weil ein ähnlich großer Teil meiner Verärgerung dem zur Pause hinzugestoßenen Mitzuschauer gilt, der einen schwäbischen Bruddler in Perfektion gab: natürlich ist er VfB-Fan, klar, aber das ist ja wirklich schrecklich, was die Stuttgarter da spielen, und der Hleb hat ja alles verlernt, und wie sollen die je den Gomez ersetzen (ob letzterer in der Vorsaison auch so gut wegkam, sei dahingestellt), und wie wir Armen das ertragen, zu jedem Heimspiel und manchmal auch noch auswärts ins Stadion zu gehen, und „das wurde jetzt aber auch Zeit, dass die ein Gegentor kassieren“, die lassen die Wolfsburger ja machen, was sie wollen.

Genug.

Gestern startete die Bundesliga in die neue Saison. Ich habe mich riesig darauf gefreut, war nervös, als hätte ich selbst eine tragende Rolle inne, fieberte stundenlang auf 20.30 Uhr hin und strich wie ein Tiger im Käfig um den Fernseher herum – um dann, rechtzeitig zum vermeintlichen Spielbeginn, zunächst einer (Adjektiv nach Belieben einsetzen) Folkloredarbeitung beizuwohnen zuzusehen, ehe einige Legenden der Bundesligageschichte den Blick ganz langsam wieder auf das Wesentliche lenken sollten.

Was dann nicht zuletzt deshalb sehr gut gelang, weil der Meister aus Wolfsburg und der VfB von Beginn an zeigten, dass auch sie darauf hingefiebert hatten, endlich wieder um Punkte zu spielen. Es machte enormen Spaß, den beiden Mannschaften zuzusehen, und natürlich war es aus Stuttgarter Sicht eine besondere Freude, beide Neuzugänge, Aliaksandr Hleb und Pavel Pogrebnyak, von Beginn an auf dem Platz zu sehen. Erwartungsgemäß war dabei Pogrebnyak der aktivere, fittere, der viel lief und den Mittelfeldspielern gute Optionen anbot. Zwei sehr schöne Aktionen hatte er im Zusammenspiel mit Gebhart und Khedira, ein-, zweimal kam er auch selbst zum Abschluss, und deutete insgesamt an, dass er, wenn die Abstimmung mit den Mitspielern stimmt (ganz offensichtlich klappt die Kommunikation mit Cacau noch nicht optimal), ein ganz wichtiger Baustein der Mannschaft sein kann, will sagen: der von Markus Babbel erhoffte „target player“ – ein Begriff übrigens, der von Steffen Simon allzu stiefmütterlich behandelt wurde.

Hleb war naturgemäß noch nicht der, den sich die Fans wünschen, und vielleicht wird er der auch nie sein. Der, den sich die Fans wünschen, scheint mir nämlich noch immer der Hleb zu sein, der vor vier Jahren den VfB verließ: ein Spieler, der sich hinter der Mittellinie in halblinker Position anspielen lässt und von dort in Serie zu begeisternden Soli aufbricht, die nicht selten zumindest in Tornähe enden, entweder mit einem eigenen Abschluss oder, häufiger, dem Zuspiel auf einen Mitspieler. Ich glaube nicht, dass er dieser Spieler noch ist, und ich glaube auch nicht, dass er der sein sollte. Ohne jeden Zweifel hat er unter Arsène Wenger einen anderen Stil erlernt, der ihn in ganz anderer Art undWeise in das Spiel der Mannschaft einbindet, der auf schnellem Passspiel basiert und der ihm erlauben sollte, seine individuellen Stärken, sowohl Einzelaktionen als auch die Fähigkeit, seine Mitspieler in Szene zu setzen, dosierter und letztlich effektiver einzusetzen. Die Schussstärke, die ihm in der ARD angedichtet wurde (in dem Fall, wenn ich mich recht erinnere, nicht von Steffen Simon, sondern von Reinhold Beckmann), würde ich indes nicht zu seinen herausragenden Fähigkeiten zählen.

Sami Khedira spielte offensiver als weithin erwartet, sodass das Mittelfeld mitunter einer Raute recht nahe kam. Er war sehr aktiv, hatte viele Ballkontakte und gute Szenen, spielte aber auch für seine Verhältnisse viele Fehlpässe. Dieses Problem zog sich durch die gesamte Mannschaft – wofür man am ersten Spieltag eine gewisse Milde aufbringen kann – und trübte ein wenig den guten Gesamteindruck. So bei Christian Träsch, der defensiv erneut zu überzeugen wusste, der ein Vorbild an Motivation, Einsatz und Courage war, der aber auch einige verheerende Abspielfehler produzierte, die glücklicherweise folgenlos blieben. Dass er nun einige Wochen auszufallen scheint, ist bitter – ganz besonders für ihn, aber auch für die Mannschaft, weil die Stabilität in der Hintermannschaft sicher noch nicht so ist, wie man sie sich erhoffen würde. Selbst Tasci, als absoluter Trumpf in der Defensive eingeplant, wird sich das 2:0 noch einige Male sehr zerknirscht anschauen müssen.

Alles in allem zeigte der VfB einen guten Saisonbeginn, verlor letztlich aber verdient gegen eine hervorragend eingespielte und sehr gut besetzte Mannschaft aus Wolfsburg. Jens Lehmann, dessen Leistungsstärke kürzlich im Sportblogger-Podcast ein wenig angezweifelt worden war, versetzte den Kommentator in Ekstase beeindruckte mit großartigen Reaktionen und ebensolchem Stellungsspiel, und Timo Gebhart setzte ein paar schön Duftmarken, denen zufolge die gegnerischen Hintermannschaften diese Saison auf den Außenbahnen möglicherweise recht flink sein müssen, um gegen Hleb und Gebhart zu bestehen. Hoffe ich zumindest.

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Zum Schluss noch zwei kurze Bemerkungen, nachem ich Hoffenheim-Bayern gesehen habe: zum einen hat man wieder einmal gesehen, dass ein guter Schiedsrichter einem Spiel eben auch gut tut. Dr. Felix Brych war gestern einer, Babak Rafati heute eher nicht – und damit beziehe ich mich nicht einmal auf das nicht gegebene Tor, so etwas wird immer wieder vorkommen. Aber insgesamt war Brych einfach souveräner und konnte es sich auch erlauben, das Spiel laufen zu lassen. Rafati hingegen übersah deutliche Fouls, während er an anderen Stellen übertrieben kleinlich agierte. Rafati eben.

Auch die zweite Bemerkung bezieht sich auf die Schiedsrichter, ist aber genau genommen eine Frage: Gibt es eine Anweisung des DFB, die Nachspielzeiten zu verkürzen? Heute war es meines Wissens eine Minute, gestern gar keine – wenn man sieht, dass alleine Träsch gefühlte fünf Minuten (realistisch betrachtet werden es knapp zwei gewesen sein) behandelt wurde, steht das schon im Widerspruch zu den letztjährigen drei Standardminuten pro Halbzeit. Bereits beim DFB-Pokalspiel in Düsseldorf hatte dogfood zu Wochenbeginn mehrfach Ähnliches festgestellt.