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Müller, Nogly, Hoeneß, Löw und die anderen

27. Oktober 2009

Heute ist DFB-Pokal, morgen auch. Am Wochenende war Bundesliga, davor Europapokal. Dass irgendwann davor zwei Länderspiele stattfanden, ist längst wieder aus dem Fokus verschwunden. Wie auch die Debatte um Thomas Müller, den Joachim Löw demnächst für die Nationalmannschaft nominieren möchte, was aber Uli Hoeneß nicht so gerne sähe:

„Wenn ich früher ein ganzes Jahr lang so gespielt hätte, hätte mich Bundestrainer Helmut Schön zur Seite genommen und gesagt: Wenn Sie so weiterspielen, kommen Sie demnächst wieder zu uns.“

Widerspruch fällt insofern zunächst schwer, als Hoeneß zwar bei seinem Länderspieldebüt auch erst 20 Jahre alt war; er hatte jedoch bereits 57 Bundesligaspiele absolviert, also nahezu zwei komplette Spielzeiten als Stammspieler.

Der Bundestrainer verweist gleichwohl auf das Beispiel Hoeneß und dessen Debütalter, und zieht zudem Spieler wie Messi, Rooney oder Beckenbauer zum Vergleich heran, die ebenfalls früh debütierten. Die Medien nehmen den Ball gerne auf und bringen Namen wie Maradona, Pelé, Ronaldo oder Seeler ins Spiel – schließlich soll Müller ja nicht irgendein durchschnittlicher Nationalspieler werden. Joachim Löw beweist dann doch etwas mehr Augenmaß und nennt noch einige Spieler aus dem eigenen Stall, die gemäß „unserer Philosophie“ frühzeitig in die Nationalmannschaft integriert worden seien: Podolski, Schweinsteiger, Lahm, Mertesacker, Özil. Interessanterweise ist Mesut Özil der einzige in dieser Reihe, der unter dem Cheftrainer Löw debütierte. Bei Per Mertesackers Debüt war er bereits als Jürgen Klinsmanns Assistent beteiligt, während Philipp Lahm, Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger noch unter Rudi Völler Nationalspieler wurden.

Doch zurück zu Hoeneß’ Vergleich mit Helmut Schön. Rein rechnerisch feierte sowohl unter Schön als auch bei Joachim Löw jedes Jahr ein 19- oder 20-jähriger Spieler sein Debüt, unter Klinsmann waren es mehr als zwei. Bei den 21- und 22-Jährigen liegen Klinsmann und Löw mit 2,5 Debütanten pro Jahr etwas höher als Schön, die 23-Jährigen sind eine löwsche Domäne, von 24-26 sind Löw und Schön auf Augenhöhe (2,5), Klinsmann etwas darunter, und ab 27 stört nur noch Cacau die schönschen Neulinge – Peter Nogly war mit 30 der Älteste, kam aber nur auf 4 Länderspiele. Insgesamt gab Helmut Schön im Schnitt jährlich 7 Debütanten eine Chance, bei Löw sind es deren 9. Jürgen Klinsmann beschränkte sich auf 6-7 pro Jahr.

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Dabei hatten Jürgen Klinsmanns 19- und 20-jährigen Debütanten im Schnitt deutlich weniger Erstligaspiele absolviert als ihre Pendants bei Löw und Schön, die sich in den unteren Altersklassen diesbezüglich grob die Waage halten. Insgesamt aber hatte der durchschnittliche Neuling bei Helmut Schön mit 88 Einsätzen deutlich mehr Erstligaspiele auf dem Buckel, als dies später bei Löw (57) und Klinsmann (40) der Fall war. Auch musste er bei Schön deutlich über 23 Jahre alt sein, während Joachim Löw kurz vor dem 23. Geburtstag zugriff, Jürgen Klinsmann gar vor dem 22.

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Stimmt – diese Darstellung ist insofern irreführend, als beispielsweise der Nogly-Balken ganz unten länger ist als der 23er, der für insgesamt 19 Spieler steht. Ein wenig Abhilfe (von Klarheit wage ich nicht zu reden) schafft vielleicht die folgende Darstellung, bei der die Größe der Datenpunkte die Menge der damit erfassten Spieler vermittelt:

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Naturgemäß sinkt die Zahl der theoretisch erreichbaren Länderspiele mit zunehmendem Debütalter – ein Umstand, der die Schweinsteiger’sche Zahl möglicherweise irgendwann in den negativen Bereich abgleiten lässt, während der mit 26 sehr spät berufene Bernard Dietz gerade so über die 50 lugen kann – als einziger der über 23-jährigen Debütanten der Ära Schön:

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Quervergleiche zu Jürgen Klinsmanns oder gar Joachim Löws Schützlingen verbieten sich hier – schließlich möchte ich keinen der Herren bereits als Ex-Nationalspieler titulieren. Weder Lukas Sinkiewicz noch Christian Schulz noch Mike Hanke noch Andreas Görlitz noch David Odonkor noch Marco Engelhardt noch Patrick Owomoyela noch Frank Fahrenhorst aus dem Klinsmann’schen Stall, und auch nicht die Löw-Debütanten Roberto Hilbert, Jan Schlaudraff, Tobias Weis, Alexander Madlung, Clemens Fritz, Manuel Friedrich oder Jermaine Jones.

Quellen: dfb.de, fussballdaten.de

Respekt.

11. August 2009

Lucien Favre verhält sich respektlos, indem er einem Spieler nach der Vorbereitung sagt, dass er wohl nicht gut genug sei. Dessen Namensvetter findet den eigenen Abschied ebenfalls respektlos – der Trainer hat sich gegen ihn entschieden, ohne ihn vorher zu fragen. Die Schiedsrichter behandeln nicht nur die Trainer respektlos, sondern mitunter auch die Spieler („wie kleine Kinder„). Verdienten Nationalspielern steht sowieso Respekt zu, der wohl auch in die Leistungsbeurteilung einfließen soll. Manche Trainer äußern sich respektlos zu Vereinswechseln, andere stellen ihre Trainerstab respektlos zusammen. Muss am allgemeinen Trend zur Respektlosigkeit im Fußball liegen.

Respektlos. Ich kann es nicht mehr hören.

Bitte nicht missverstehen: Respekt ist wichtig. Ich finde es richtig, dass die Uefa eine Respekt-Kampagne fährt. Und selbstverständlich erfolgen die Klagen über Respektlosigkeit mitunter völlig zurecht. Nach meiner Wahrnehmung wurde mit Michael Tarnat tatsächlich respektlos umgegangen, und bei mancher Trainerentlassung ist „respektlos“ noch viel zu milde ausgedrückt. Fremdenfeindlichkeit und Homophobie im Stadion sind alles andere als respektvoll, und über manchen Fangesang kann man nicht einmal mehr geteilter Meinung sein. Aber hilft die Respektlosigkeitsinflation da weiter?

Immerhin: der Respekteinforderer Torsten Frings scheint das mittlerweile verstanden zu haben. Er erwartet keinen Respekt mehr, sondern nur noch einen „vernünftigen Umgang“. Dann ist ja gut. Nein, ist es nicht. Hier geht es nicht nur um Begrifflichkeiten, sondern um die offensichtliche Unfähigkeit, das Leistungsprinzip, auf das man sich so gerne beruft, auch auf sich selbst anwenden zu lassen. Wenn es nicht reicht, oder wenn zumindest der Verantwortliche meint, es reiche nicht, dann darf man das auch einfach mal akzeptieren. Man mag inhaltlich anderer Meinung sein und kann das auch in anständiger Form kund tun. Aber doch bitte nicht von Respekt reden. Und wenn wir schon dabei sind: Wer will schon aus Respekt nominiert werden? Was wäre so eine Nominierung denn wert? Aber so weit wollen wir lieber gar nicht denken.

Wenn es stimmt, was der Bundestrainer sagt, hat er Torsten Frings vor der Nominierung angerufen und ihm erklärt, dass und warum er in Aserbaidschan nicht dabei sei. Weil ein anderer die Nase vorn habe, im Wesentlichen. Dieses Telefonat geht über das übliche Prozedere hinaus, möglicherweise aus Respekt vor den Verdiensten des Bremers. Das halte ich für fair. Und dann besitzt Frings die Frechheit, sich öffentlich lauthals zu beschweren? Das kotzt mich an, ehrlich.

Und jetzt noch eine Frage Sache, die überhaupt nicht passt:
Haben Sie schon mal…  ach, Quatsch – Respekt!

Turniere meines Lebens: EM 1980

31. Juli 2009

Um es gleich vorweg zu nehmen: der Titel ist ein infamer Diebstahl beim eine vorauseilende Hommage an das 11Freunde-Projekt „Spiele unseres Lebens„.

Die EM 1980 war die erste Europameisterschaft, die ich bewusst verfolgt habe. Turniermäßig begann es eigentlich schon mit der WM 78, aber aus aktuellem Anlass, der weiter unten zur Sprache kommt, befasse ich mich zunächst einmal mit der 80er Endrunde – im Rückblick traut man sich kaum, von einem „Turnier“ zu sprechen, wenn man an die gerade mal vier Spiele der Finalteilnehmer denkt, die nicht einmal eine Vorschlussrunde beinhalteten. Dabei war die Teilnehmerzahl gegenüber 1976 bereits auf acht verdoppelt worden, doch offensichtlich hatte die Uefa die Geldvermehrung damals noch nicht zum primären Daseinszweck erhoben.

Interessanterweise lautet meine erste Assoziation beim Stichwort EM 1980 immer „Bernd Schuster“, obwohl doch Hrubesch die Tore im Finale machte, obwohl „der blinde Allofs“ (Zitat: mein Vater) den Holländern Albträume bereitete und obwohl Schuster damals lediglich zwei der vier Spiele bestritt. Dennoch bin ich mit dieser Sichtweise wohl nicht alleine, und man liest immer wieder, er sei es gewesen, der als aufgehender Stern dem Turnier seinen Stempel aufgedrückt habe.

Hrubesch hingegen bringe ich gar nicht so sehr mit der EM in Verbindung – es mag daran liegen, dass ich das Finale der Uhrzeit wegen nicht anschauen durfte -, sondern in erster Linie mit seinem seltsamen Hopserlauf nach dem entscheidenden Elfmeter im 82er Halbfinale gegen Frankreich (als er sich den Ball noch nicht einmal selbst zurecht gelegt hatte) – was einem so im Gedächtnis bleibt…

Hansi Müller war natürlich auch dabei, damals als „Bravo-Boy“ in vieler Munde, und Rummenigge, der im Eröffnungsspiel gegen die Tschechoslowakei das 1:0 köpfte und die Ecke zu Hrubeschs titelbringendem Tor schoss. Enatz Dietz natürlich, und all die anderen, die sich zum Entsetzen meiner Eltern eines Nachmittags plötzlich in Form von Duplo- und Hanuta-Stickern (die damals noch schlicht „Aufkleber“ oder „Klebebilder“ hießen) an meiner Zimmertür wiederfanden. Und dort jahrelang bleiben sollten. Ergänzt um ein Jubelposter, bei dem mich die feminine Armhaltung des von mir bewunderten Rummenigge immer wieder irritierte.

Das Holland-Spiel, in dem Schuster 2 der 3 Allofs-Treffer vorbereitete, darunter das 3:0, bei dem er die Abwehr der Elftal verdammt alt aussehen ließ, konnte ich wegen der Geburtstagsfeier eines nur bedingt fußballinteressierten Freundes lediglich in einer Zusammenfassung sehen, und mein Verzicht auf die bedeutungslose Partie gegen die Griechen war Teil der Verhandlungsmasse, um vielleicht doch das Endspiel anschauen zu dürfen. Vergeblich.

Wenn man es also genau nimmt, habe ich nur das vergleichsweise langweilige Eröffnungsspiel live und in Farbe gesehen, und dennoch erscheint mir das Turnier unheimlich präsent. Das mag auch am Rückblick in Buchform liegen, den mein Vater sich wie immer nach solchen Anlässen zu Weihnachten wünschte und der meinen Freunden und mir manch spannenden Nachmittag bescherte:

„Nee, heute will ich mal das 74er Buch, Du kannst das von 1980 haben.“

„Ok, solang ich nicht das schwarzweiße 62er oder 1978 nehmen muss.“

Das Lästern über „Häuptling Silberlocke“ hielt sich noch in Grenzen, „Jupp, der Wal“ war noch nicht in den Witzspalten zu finden, Toni Schumacher hatte es sich noch nicht mit Fußballeuropa verscherzt – und dennoch war der spannendere Torwart des Turniers Jean-Marie Pfaff, der mich mit seinen Abschlägen bis zum gegnerischen Tor beeindruckte (offensichtlich verstand ich nicht so wahnsinnig viel vom Torwartspiel). Probleme mit Einwürfen hatte er nicht.

Die Belgier machten die Abseitsfalle hoffähig, von der ich naturgemäß nicht verstand, wieso sie eine Falle sei, hatte ich doch gerade erste die Geheimnisse des Abseits begriffen, doch ob das Turnier darüber hinaus relevante Erkenntnisse zur Entwicklung des Fußballs brachte, werde ich wohl nie erfahren, weil es damals entweder noch keine hochrangigen Fifa- bzw. Uefa-Kommissionen gab, die sich mit eben dieser Frage befassten, oder weil ihre Arbeit im Verborgegen ablief. Vielleicht waren Holger Osieck und Berti Vogts einfach noch zu jung.

Ansonsten kann ich mich an wenige Spieler der anderen Mannschaften erinnern. Jan Ceulemans natürlich, Gerets und Frankie van der Elst. Bei den Tschechen Panenka, dessen Rolle im 76er Finale schon damals etwas zu oft zitiert wurde, und bei den Holländern der Mann mit dem netten Namen Kees Kist (in der Schule hatte man gerade begonnen, auf der Rückseite von Quartettkarten „Käsekiste“ zu spielen) sowie die van de Kerkhofs. Die Italiener hatten Zoff und den, so ließ ich mir sagen, großartigen Antognoni, England Clemence, Keegan und Woodcock, und bei Spanien stand Arconada im Tor und der im Jahr darauf entführte (Réthy-Content) Quini im Sturm. Bei den Griechen kann ich mich nicht einmal mit Hilfe von fussballdaten.de an jemanden erinnern.

Interessanterweise gab es auch bei den Deutschen einen Spieler, den ich nie so richtig einordnen konnte, nicht nur hinsichtlich seiner Leistungsfähigkeit, sondern auch optisch: Herbert Zimmermann. Ich weiß, dass er in Köln spielte, und erfuhr irgendwann, dass er auch bei den Bayern war, aber das war’s dann auch – was vielleicht auch daran liegt, dass er bei der EM 80 als einziger Feldspieler nicht zum Einsatz kam. (Oder daran, dass der Name Herbert Zimmermann in Fußballdeutschland einfach anders besetzt ist.)

Und eben dieser Zimmermann war nun ein Stein des Anstoßes, diesen Text zu schreiben. Die Herren von kickandwrite.de, die sich übrigens grade ein schickes neues Design gegeben haben, luden neulich zu einem Gewinnspiel, in dem es darum ging, vier Spieler aus dem 1980er Kader zu identifizieren:

Zwei waren völlig eindeutig (Junghans und Magath), der dritte, Schuster, war etwas unglücklich von der Seite getroffen, sodass es mit etwas Phantasie auch Del’Haye hätte sein können, und beim Vierten habe ich, eher nach dem Ausschlussprinzip, auf besagten Zimmermann getippt. Zuerst ins Blaue, dann irgendwann unter Zuhilfenahme der Kaderliste – aus meiner Sicht wurde immer deutlicher, dass es Zimmermann sein musste. Die Ausrichter bestritten dies im Rahmen eines vergnüglichen Kommentaraustauschs und ließen mir letztlich gar ihre Quelle zukommen, wonach mein Zimmermann tatsächlich Caspar Memering sei.

Wenn die Bildunterschrift von Mirko Votava gesprochen hätte, wäre ich angesichts des halb verdeckten Kopfes und des Schnauzbarts wohl geneigt gewesen, dem Glauben zu schenken, aber Memering? Da hat die Quelle versagt, behaupte ich einfach mal.

Da ich solche Behauptungen jedoch nicht ohne kompetente Überprüfung stehen lassen will, folgt nach etwas längerer Einleitung nun meine eigentliche Frage: wer ist der zweite Herr von rechts?

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[Screenshot: kickandwrite.de]

Im Übrigen schließt sich der Kreis beim Gewinn ganz vortrefflich: „De Pfaffs“ auf DVD.

Er ist weg. Weg!

26. Mai 2009

Jetzt ist es also soweit: Mario Gomez verlässt den VfB.

Das kommt nicht unerwartet. Jeder VfB-Fan konnte sich spätestens seit dem vergangenen Sommer ausrechnen, dass man ihn wohl kaum über die abgelaufene Saison hinaus würde halten können, und genau so ist es nun eingetreten.

Betrachtet man die aktuellen Umfrageergebnisse der Stuttgarter Zeitung, dann scheint die bis vor wenigen Tagen nahezu absurde Heldenverehrung für Mario Gomez innerhalb weniger Stunden in ihr Gegenteil umgeschlagen zu sein:

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Angesichts des Ziels seines Wechsels kann diese Entwicklung nicht überraschen. Wenn man sich in den letzten Wochen rund ums Stadion umgehört hat, dass war allen klar, dass Gomez spätestens nach der WM 2010 wechseln würde. Ebenso eindeutig war jedoch das Stimmungsbild, was die Destination anbelangt: Barcelona, vielleicht Arsenal, hieß es allenthalben – „Hauptsache, er geht nicht zu den Bayern!“

Möglicherweise war die Konzentration auf die ganz großen Namen auch der Hoffnung geschuldet, dass sich Gomez diesen Schritt vielleicht jetzt noch nicht zutrauen und deshalb ein weiteres Jahr beim VfB bleiben würde. Unter Umständen hätte es sogar so kommen können, wenn die Mannschaft tatsächlich die direkte Qualifikation für die Champions League geschafft hätte. So aber hätte ihm, nicht zuletzt angesichts der modifzierten CL-Qualifikation, womöglich ein weiteres Jahr in der zweiten Liga des europäischesn Fußballs gedroht, und ganz ehrlich: da gehört er nicht hin.

Mario Gomez ist ein großartiger Stürmer, der sich ganz oben messen muss, wenn er das werden will, was ich persönlich ihm absolut zutraue: der erste (im Feld spielende) Weltstar des deutschen Fußballs seit – wem denn eigentlich? – zu werden. Manch einer wird sagen seit Ballack, die meisten werden weiter zurück gehen, zu Matthäus, Sammer, vielleicht Klinsmann. Gomez kann meines Erachtens in die Reihe der absoluten Topstürmer aufrücken, aber dafür muss er sich international beweisen. In der Nationalmannschaft, wo er, wem sage ich das, eine Menge Nachholbedarf angehäuft hat. Und in der Champions League, in einer Mannschaft, die gemeinhin nicht das Überstehen der Gruppenphase als Erfolg feiert, sondern die zumindest das Viertelfinale anstrebt.

Wieso geht er dann nicht zu einem der europäischen Topvereine? Vielleicht, weil dort der Bedarf nicht unmittelbar gegeben ist, bei Barca, bei ManUnited, bei Chelsea. Vielleicht, weil die Strukturen zu ungewiss sind, bei Real, auch bei Arsenal, wo Wenger erstmals (zumindest in meiner Wahrnehmung) etwas offener mit einem Wechsel kokettiert hat. Vielleicht, weil diese Vereine ihrerseits erst noch beobachten wollen, wie er sich auf der ganz großen Bühne schlägt. Und vielleicht, weil er angesichts der genannten Punkte, sowie mit Blick auf das extrem Negativbeispiel von Timo Hildebrand, das Risiko in der vorweltmeisterlichen Saison überschaubar halten will.

Für mich klingt es daher plausibel, dass er zu den Bayern geht. Beschissen, aber plausibel. Liegt vielleicht auch daran, dass die Bayern für mich nicht der Beelzebub sind, als der sie häufig gesehen werden. Das heißt nicht, dass ich ihnen mit Gomez, oder Gomez mit ihnen, großen mannschaftlichen Erfolg wünsche, ganz im Gegenteil. Aber ich bin der Meinung, dass sie ihm die Gelegenheit bieten, sich für den ganz großen Schritt vorzubereiten. Für eine großartige Weltmeisterschaft 2010 und den anschließenden Weg zu einem der internationalen Topclubs. Gerne Barcelona.

Verständnis hin, Plausibilität her: es ist sehr bitter, dass Gomez den VfB verlässt. Der Gomez, der in den vergangenen Jahren auf alle erdenklichen Arten getroffen hat – mit links, mit rechts, mit dem Kopf, aus der Distanz, im Strafraum, nach tollen Dribblings, per Elfmeter, mit dem Bimmelchen, etcetera etcetera. Und natürlich der Gomez, der ganz entscheidenden Anteil an der Meisterschaft 2007 hatte. An der Meisterschaft, die wir mit den Fantastischen Vier auf dem Schlossplatz feierten.

Jetzt ist er weg.

Pathos aus.

Debütantentournee. Tourneedebütanten?

20. Mai 2009

Wenn ich mich nicht verzählt habe, wird die DFB-Truppe in der nächsten Woche mit 5 Spielern nach Asien reisen, die ihre Premiere in der Nationalmannschaft noch vor sich haben. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird zumindest der eine oder andere von ihnen tatsächlich sein Debüt feiern.

Dabei kann man trefflich darüber streiten,

  • ob es angemessen ist, Christian Träsch nach 19 Bundesligaspielen zu berufen, nachdem er für die U 21 bis dato für zu leicht befunden wurde.
  • ob Cacau in einer Reihe mit Paolo Rink zu nennen ist.
  • ob Christian Gentner nur dank einer überragenden Mannschaft temporär auf dem nötigen Niveau spielt.
  • ob Tobias Weis nur wieder berufen wurde, weil man bei der Auswahl der Nutella-Boys zu voreilig war.
  • wieso für Manuel Neuer die Regel „entweder U 21 oder Asien mit Priorität U 21″ nicht gilt.

Ich selbst bin in der Tat auch eher skeptisch, was die viel zitierte Perspektive der potenziellen Debütanten in der Nationalmannschaft anbelangt – es würde mich überraschen, wenn mehr als zwei der vier Feldspieler die 10 Länderspiele voll machen. So war ich denn, als ich von der Nominierung erfuhr, auch schnell dabei, Vergleiche zu früheren Länderspieltourneen mit zweifelhaftem sportlichem Wert zu ziehen:

tweet_wasmachteigentlichErfreulicherweise habe ich damit einen kleinen Austausch weiterer Kandidaten mit @sfiebrig und @bunkinho in Gang gesetzt. Das Ganze ließ mich dann nicht mehr los, so dass ich mich ein wenig im Keller verkrochen und Länderspielstatistiken angesehen habe. Dabei habe ich mich auf Länderspielreisen mit mindestens zwei Spielen außerhalb Europas konzentriert (Weltmeisterschaften ausgenommen – deren sportliche Relevanz dürfte unstrittig sein). Und nicht vor 1950.

Bereits im Dezember 1960 war es die Nationalmannschaft der DDR, die in Tunesien und Marokko antrat und dabei Rainer Nachtigall zum ersten Tourneedebütanten machte. Insgesamt bestritt er 11 Länderspiele.

Zwei Jahre später gewann die DDR in Mali und Guinea und lud dabei zum großen Debütantenball: in Mali gaben Herbert Pankau (25), Werner Linß (2) und Helmut Stein (22) ihren Einstand, in Guinea Alfred Zulkowski (1), Heinz Hergert (1) und Eberhard Vogel (74).

Erst im Dezember 1968 reiste der DFB erstmals Lust- vermutlich zur Vorbereitung auf die WM 1970 in Mexiko trat man innerhalb weniger Tage in Brasilien, Chile und Mexiko an und ermöglichte so den Herren Michael Bella (4, nie gehört, den Namen) und Rainer Ohlhauser (1) ihr Länderspieldebüt.

Im Dezember 1969 setzte die DDR einen drauf und spielte am 8. und 19.12. gleich auf zwei Kontinenten (zugegeben: ich weiß nicht, ob man zwischendurch daheim war): im Irak debütierte Frank Ganzera (13), in Ägypten Joachim Streich (102) und Erhard Mosert (1).

Im Februar 1971 durfte es dann wieder Chile sein, wo Frank Richter (7) sich erstmals zeigte, gefolgt von gleich zwei Spielen in Uruguay, wo aber genau wie zwei Jahre später in Kolumbien und Ekuador kein Neuling zum Einsatz kam. Mag an der ernsthaften Vorbereitung auf die WM beim Klassenfeind gelegen haben, die keinen Platz für Experimente ließ – abgesehen von Hans-Bert Matoul, der im Februar 1974 in Tunesien und Algerien die ersten beiden seiner drei Länderspiele bestritt.

Vermutlich zur Vorbereitung auf Olympia 76 trat man dann im Juli 1975 zweimal in Kanada an. Hans-Ulrich Grapenthin freut sich über den ersten von 21 Einsätzen.

Die DFB-Mannschaft ging erst im Juni 1977 wieder auf Tournee, um sich auf Argentina 78 einzustimmen. Dieter Burdenski (12) musste in Argentinien und Brasilien zusehen, durfte aber in Uruguay ran und war dann auch bei der WM dabei, wenn auch ohne Einsatz.

Beim WFV wiederum konnten sich im Februar 1979 im Irak mit Bodo Rudwaleit (33) und Dirk Heyne (9, verteilt von 1979-1990!) ebenfalls zwei Torhüter ihre ersten Sporen verdienen.

Die erste sportlich gänzlich unsinnige Auslandstournee, an die ich mich aktiv erinnere, ist „Mundialito„, die sogenannte Mini-WM in Uruguay zum Jahreswechsel 1980/81, an die sich Wolfgang Dremmler (27) trotz des schwachen Abschneidens gerne erinnern dürfte, feierte er doch gegen Brasilien seinen Einstand im Nationalteam.

Im März 1982 trat man in der Vorbereitung auf Michael Schanze die WM in Spanien erneut in Brasilien und Argentinien an und konnte wieder zwei Neulinge begrüßen: Frank Mill (17) und StefanEngels (8).

Im Februar 1985 debütierte Olaf Marschall (4+13) in Ekuador, nachdem er zuvor in Uruguay noch von der Bank aus zugesehen hatte. In der Bundesliga brillierte in jener Saison Ludwig Kögl (2). Er war die Entdeckung schlechthin, wurde zum Spieler des Jahres gewählt und im Juni 1985 mit der WM-Vorbereitungsreise nach Mexiko belohnt. Nach seinem Debüt gegen Mexiko durfte er im November noch einmal mitspielen und sah sich die WM vermutlich im Fernsehen an.

Bei der Südamerikareise vom Dezember 1987 wäre ich geneigt, vom „Debütantendebakel“ zu sprechen – die Herren Franco Foda (2), Christian Hochstätter (2) und Frank „Mach et, Otze“ Ordenewitz (2) bestritten dort jeweils ihre einzigen beiden Länderspiele -, wenn nicht in Brasilien auch Jürgen Klinsmann (108) debütiert hätte.

1990 gab’s dann, vielleicht nicht ganz überraschend, im Rahmen einer Kuwaitreise (Gegner: Frankreich, Kuwait) noch einige Debüts in der DDR-Nationalmannschaft, die nicht allzu nachhaltig waren: Andreas Wagenhaus (3), Matthias Maucksch (1), Hilmar Weilandt (2) und Ronny Teuber (1) traten auf und international auch bald wieder ab.

Der DFB schickte seine Botschafter im Dezember 1992 wieder einmal nach Südamerika (Brasilien, Uruguay), und auch hier gelang es den Neulingen Thomas Wolter (1), Michael Zorc (7), Martin Wagner (6) und Bruno Labbadia(2) nicht, den Grundstein für große internationale Karrieren zu legen. Im Gegensatz zu Christian Ziege, der im Juni 1993 beim „US-Cup“ das erste seiner 72 Länderspiele bestritt und Karl-Heinz Pflipsen, der ebendort das einzige Mal im Nationaltrikot auflief. Außerdem: Karl-Heinz Pflipsen (1).

Wie ernst man die Vorbereitung auf die WM in den USA nahm, zeigte eine weitere kleine Tournee im Dezember 1993, bei der Dieter Eilts (31) und Stefan Kuntz (25) erstmals zum Einsatz kamen. Für die WM nutzte das alles nichts, zumal Eilts dort nicht im Kader und Kuntz nur einmal auf dem Feld war; dafür wurden beide 1996 Europameister.

Sehr unterschiedlich verliefen einige weitere Auslandstourneen Ende der 90er für die Debütanten: Jens Lehmann bestritt im Februar 98 im Oman das erste von 61 Spielen, Bernd Schneider beim Confed-Cup in Mexiko Nr. 1 von (bisher) 81. Seine Mitreisenden waren nicht so erfolgreich: Ronald Maul (2) kam danach nie mehr zum Einsatz, Heiko Gerber (2) auch nicht, Mustafa Dogan (2) noch einmal im Oktober 99. Zwischen dem Oman bzw. Saudi-Arabien und dem Confed Cup hatte im Februar 1999 noch eine USA-Reise auf dem Programm gestanden, bei der Marco Reich (1) und Michael Preetz (7) ihren Einstand gaben. Preetz erwies sich als wahre Rampensau, bestritt er doch 5 seiner 7 Länderspiele auf verschiedenen Tourneen (via @bunki).

Die bisher letzte fragwürdige Reise führte die Nationalkicker im Dezember 2004 nach Japan, Südkorea und Thailand. Patrick Owomoyela (11), Christian Schulz (3) und Marco Engelhardt (3) sind noch jung genug, um ihre Bilanz zu verbessern.

Soweit die Fakten. Die detaillierte Analyse überlasse ich gern den Herren Weis, Gentner, Träsch, Neuer und Cacau jedem, der sich dazu bemüßigt fühlt.

Über Korrekturhinweise der Betroffenen oder ihrer Anhänger freue ich mich, kann sie allerdings erst nach dem langen Wochenende umsetzen.