Posts Tagged ‘Daniel Didavi’

Drei Generationen, vier Silben

22. April 2014

Ich will es mal so sagen: das größte Kopfzerbrechen während des Spiels bereitete mir die Frage, ob der Sky-Reporter tatsächlich Recht haben könnte mit seiner Überzeugung, dass man Kolašinac auf der dritten Silbe betont. Gefolgt von jener, wieso ich bei Muttern und Vatern so viel Kaffee getrunken hatte, aber das sollte ich vielleicht gar nicht weiter vertiefen.

Die Zuversicht, mit der ich auf Basis der Erfahrungswerte aus den letzten soundsoviel Jahren dem Spiel gegen Schalke entgegengesehen hatte, erfuhr nur in zwei (drei) Situationen eine seismisch nachweisbare Erschütterung: zum einen, als man in der Nachspielzeit der ersten Hälfte Goretzka zum Abschluss einlud, zum anderen in den drei Minuten nach dem 3:1, mit dem Kopfball des Prinzen und der effetvollen Ecke von Tim Hoogland, der seinem gebrauchten Tag in diesem Moment mit etwas Glück doch noch eine positive Wendung hätte geben können. Ansonsten lief es wie erwartet, irgendwie.

Klar kann man das hernach leicht sagen, noch dazu nach einem Wochenende, für das “wie gemalt” als eher vorsichtige Umschreibung durchgeht. Aber Schalke zuhause, so sagte ich mir in der Tat, das passt. Noch dazu, in der laufenden Saison, wenn ich selbst nicht vor Ort sein kann. Natürlich malte ich mir vor dem Spiel auch aus, was eine Niederlage bedeuten würde, und wenn ich ehrlich bin, war mir gar nicht so klar, wieso der VfB ausgerechnet in diesem Spiel zu seiner Schalke-Form finden bzw. wie die Schalke-Formation aussehen sollte; dennoch hatte ich wenig Zweifel daran, dass die Mannschaft als Sieger vom Platz gehen würde.

Ok, ich gebe zu, dass die Erkenntnis, Cacau auch noch in den zweiten 45 Minuten auf dem Spielfeld zu sehen, meinen Puls unmittelbar nach der Pause ein bisschen in die Höhe trieb. Aus Sorge, ihn ohne Huub Stevens’ Zutun keine 45, sondern höchstens noch 15 Minuten spielen zu sehen. Er strafte mich eindrucksvoll Lügen, und ich nahm die Strafe, Anstand und Haltung bewahrend, gerne an.

Ach, und dass Gruezo raus musste, noch dazu just nach dem nicht gegebenen Anschlusstreffer, und dass Konstantin Rausch statt seiner die Mitte verdichten sollte, war emotional auch eher kein idealer Einstieg in die Schlussviertelstunde. Zumal mit meinem Vater ein stets furchtbarer Schwarzmaler neben mir saß. Dabei ist er noch nicht einmal VfB-Anhänger. War ihm aber egal, er malte. Sprach von Statistiken und der VfB-Viertelstunde. Die nichts mit ihrem Hütteldorfer Pendant gemein hat.

Etwas überraschend sprang mir der Wirt, ein KSC-Fan, zur Seite, und wie ich so über Belanglosigkeiten schreibe, fällt mir dann doch auf, wie sehr ich aller vorgegebenen Abgeklärtheit zum Trotz dankbar nach jeder Ablenkung griff, die mich vom Nägelkauen oder vom ständigen Umarmen meines Sohnes (ja, es war eine Dreigenerationenkneipenschau) abhielt. Sie wissen schon, jene Umarmungen, die betrunkene Männer einander gelegentlich angedeihen lassen (mein Trainer, damals, fragen Sie nicht!) und die sich in nichts von dem unterscheiden, was landläufig unter “Schwitzkasten” läuft. Ich kann das halt auch nüchtern.

Ja, Ulreich, wieder. Und ja, klar, Sakai – nachdem ich eine Viertelstunde zuvor noch bemängelt hatte, dass er “Nie!” ins Dribbling geht. Ja, Didavi, der Freistoßdistanzen direkt überwindet, bei denen Allgöwer zweimal nachgedacht hätte. Um dann doch zu treffen, aber das ist eine andere Geschichte. Ja, Harnik, mal wieder. Ja, Traoré, den mein Vater am liebsten adoptiert hätte, und ja, hatte ich schon implizit gesagt, Gruezo.

Und nein, Ibisevic. Die Lebensversicherung auf der Bank, und sie dürfte das nicht gerne mit sich machen lassen. Auch wenn es nicht ganz fern liegt, bei einem auf schnelle Gegenangriffe angelegten Spiel auf typischere Konterstürmer wie Werner oder eben auch Cacau zu setzen, würde es mich sehr interessieren, wie Stevens in diesen Tagen mit Ibisevic kommuniziert. Ob er es überhaupt explizit tut.

Nächster Halt: Hannover. Und meine Überzeugung ist wie weggeblasen. Klar hoffe ich, bin auch zuversichtlich, träume von einer dann doch überraschend frühen Rettung, aber von dieser österlichen Gewissheit, die natürlich keine war, sich aber im Rückblick so anfühlte, ist das doch noch ein ganzes Stück entfernt. Vielleicht kommt sie ja noch.

Und natürlich hab ich mich kundig zu machen versucht. Forvo muss noch passen, Wikipedia sagt [kɔ'laʃinats], es finden sich auch Videos mit k am Ende, zumindest aber haben die bisherigen Ergebnisse eines gemein: die Betonung auf der zweiten Silbe.

 

 

 

 

 

Betriebswirtschaftliche Anreizproblematik

22. Januar 2014

Man möge sich, so man möchte, vielleicht einmal vorstellen, dass es am letzten Spieltag der laufenden Bundesliga-Spielzeit noch um etwas geht, und zwar für Eintracht Frankfurt und den FC Augsburg, die an diesem 10. Mai aufeinandertreffen, in Augsburg. Um uns nicht mit allzu großen Umwälzungen in der Tabelle belasten zu müssen, gehen wir davon aus, dass Augsburg noch auf den Einzug in den Uefa-Cup, oder was aus ihm geworden ist, hoffen kann, während Frankfurt noch Punkte braucht, um den Abstieg auszuschließen. Stellen wir uns weiter vor, dass es auch für den VfB Stuttgart noch um etwas geht, sei es das eine oder das andere.

Und dann ruft Europameister Fredi Bobic Welt- und Europameister Stefan Reuter an, um ihm eine Prämie anzubieten, wenn der FCA in besagtem letztem Spiel einen bestimmten Spieler einsetzt. Ob der Spieler einen Augsburger Sieg wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen sollte und würde, sei einmal dahingestellt.

Abwegig, nicht wahr? Der Aufschrei wäre groß. Der Fußball ist sensibilisiert für solche Themen, zu Recht natürlich. Ob es so weit gehen muss, dass – wie im vergangenen Herbst in Sachsen-Anhalt geschehen – ein Landesligaschiedsrichter suspendiert wird, weil er an einem nicht mit monetären Anreizen versehenen Tippspiel teilnimmt, in dem auch eigene Spiele vorkommen, ist einerseits diskutabel. Andererseits war es eben ein sehr unbedachtes Verhalten des jungen Mannes, und in manchen Bereichen kann es vielleicht nicht schaden, den Anfängen zu wehren.

Ich selbst tue mich ein bisschen schwer damit, dass die Verbände auch versprochene Siegprämien von Seiten Dritter unter Manipulation subsumieren und sanktionieren. Wohlgemerkt: bei Prämien für Niederlagen zögerte ich nicht. Aber auch hier: die Anfänge. Und der Einfluss von außen. Überhaupt, von außen: 50+1, Sie wissen schon. Dritteigentümerschaften an Spieler-Transferrechten. Manches mehr. Der Fußball schützt sich gegen die Einflussnahme Dritter, oder will seine Vereine schützen. Großes Fass, dickes Brett. Plötzlich sind wir bei der FIFA, auch bei der Frage, wem der Fußball gehöre, bei Verbänden und Hartplatzhelden – man könnte in viele Richtungen abzweigen.

Ein anderes Mal, vielleicht. Ich beschäftige mich lieber kurz mit Podcasts. Kommt jetzt eventuell etwas abrupt, ist aber so.

Dass ich recht spät einen Zugang zu Podcasts gefunden habe, äußerte ich hier bereits, und die geneigte Leserin kann das entweder technisch verstehen oder auf meine Präferenzen beziehen, oder auch auf eine Mischung aus beidem – recht hat sie auf jeden Fall. Oder er.

So mag es nicht überraschen, dass die Zahl der von mir gehörten Podcasts nach wie vor überschaubar ist. Wirklich regelmäßig höre ich nur Collinas Erben, wie verschiedentlich ausführlich dargelegt, etwas weniger regelmäßig ein paar vereinsbezogene Angebote, uneingeschränkt regelmäßig die nicht explizit fußballbezogenen Spezialexpertengespräche bei “Was wichtig ist” (Kunststück, bei bisher genau zwei Ausgaben) und – ebenso regelmäßig, aber deutlich häufiger, der Erscheinungsfrequenz geschuldet – “Football Weekly” des Guardian.

Schon klar, dass ich hinsichtlich Football Weekly keine Eulen in die werte Athener Leserschaft zu tragen brauche, und vielleicht sollte ich auch nicht weiter darauf eingehen, dass ich Barry Glendenning bei meinen ersten Hörversuchen für einen mittelwitzigen älteren Herrn mit Säuferstimme hielt, dessen Mitwirkungsberechtigung irgendwelche Senioritätsgründe haben musste. Immerhin: die Dinge ändern sich.

Mittlerweile bin ich stets ein bisschen enttäuscht, wenn er nicht dabei ist – auch seinem Humor geschuldet, ja, aber eben auch seinem Wissen, seiner Kompetenz, seinen Nachfragen. Ähnliches könnte man wohl über die meisten anderen Mitwirkenden sagen, aber aus irgendeinem Grund gelten meine Sympathien in besonderem Maße ihm, und so achte ich bei den Premier-League-Ergebnissen inzwischen stets auf Sunderland. So kann’s gehen.

Irgendwann im November sprach man bei Football Weekly über Gerard Deulofeu, bzw. konkret über die Modalitäten des Leihgeschäfts zwischen dem FC Barcelona und dem Everton FC, die dem Vernehmen nach vorsehen, dass sich die Leihgebühr, crikey!, mit jedem Spiel reduziere, das Deulofeu für Everton bestreite. Vielleicht hänge es auch noch davon ab, wie lang der jeweilige Einsatz dauere bzw. ob der Spieler in der Startelf stehe, so genau erinnere ich mich nicht.

Mich irritierte diese Regelung ein bisschen und ich frug bei Twitter herum, ob derlei üblich sei, auch in Deutschland, und las aus den Antworten heraus, dass ich offensichtlich nicht besonders gut informiert war. Zwar bezog sich nach meiner Erinnerung niemand auf offizielle Aussagen; gleichwohl legen die teils überzeugten, teils nur ahnenden Antworten sowie die Anzahl sofort präsenter Beispielfälle nahe, dass etwas dran ist.

Zu den Genannten zählten unter anderen die Herren Didavi, Füllkrug, Schieber und Alaba, im Web fanden sich ad hoc auch de Bruyne und Nordtveit sowie einige mehr. Der Austausch driftete dann, nicht ganz überraschend, zu den Rückkaufoptionen ab, die sozusagen das neue Leihen sind, mich aber im aktuellen Kontext nicht so sehr interessierten.

Kontext? Welcher Kontext? Nun, vielleicht kehre ich doch noch einmal nach Augsburg zurück. Wo Raphael Holzhauser vom VfB auf Leihbasis spielt, und wo man sich erzählt, die Leihgebühr verringere sich mit jedem Einsatz, wo also der FCA faktisch Geld sparen, oder anders: eine Prämie erhalten würde, setzte er Holzhauser gegen Frankfurt ein. Ob er einen Augsburger Sieg wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen sollte und würde, sei einmal dahingestellt.

Möglicherweise stimmt diese Prämisse gar nicht, möglicherweise enthält Holzhausers Leihvertrag keine solche Klausel, möglicherweise mangelt es also meinem mehr oder weniger kunstvoll aufgebauten Spannungsbogen nicht nur an Spannung, sondern ist er noch nicht mal ein Bogen, der wieder zur Sehne zurückfindet, und möglicherweise verirre ich mich auch furchtbar in meinen Bildern.

Was indes kaum bestritten werden dürfte: im Fußball werden Leihverträge geschlossen, die die genannten Verabredungen in der einen oder anderen Form enthalten. Ob dies auch bei Leihen innerhalb einer Liga Usus ist, kann ich nicht mit Gewissheit sagen; es gibt entsprechende Meldungen, die aber auch nur Gerüchte sein mögen.

Bei mir bleibt auf jeden Fall ein nicht näher bestimmtes ungutes Gefühl hängen, ein Jucken, eine Irritation, wenn auch in etwas seriöserer Form, als mein Tweet von vor einigen Wochen, und dort insbesondere, aber nicht nur, der zweite Satz, nahelegt:

Natürlich gehe ich davon aus, dass Markus Weinzierl, so die Klausel bestünde, seine Aufstellung weder im letzten noch in irgendeinem anderen Saisonspiel davon abhängig machen würde, ob er dem Verein damit 10.000 Euro oder welchen Betrag auch immer einsparen könnte, dass er sich also nicht von seinem Controller die Aufstellung diktieren lassen würde.

Es ist nur so, dass die Möglichkeit solcher Rabatte nicht so recht in das Bild passt, das die Fußballfamilie mir spätestens seit 2009 vermittelt, vermitteln will – und an dem ich mit Blick auf Manipulationsthemen auch der Tendenz nach nichts auszusetzen habe. Unabhängig davon, dass ich das Ausloben einer Siegprämie durch Dritte per se nicht für geeignet halte, die Integrität des sportlichen Wettbewerbs zu unterlaufen.

Bei Alex Hleb war die Korrelation übrigens eine andere: Wolfsburgs Leihgebühr an Barcelona soll pro Einsatz fällig geworden sein, in nicht unerheblicher Höhe. Die betriebswirtschaftliche Anreizproblematik bleibt dabei allerdings bestehen, unabhängig vom Vorzeichen der Einsatzprämie. So weit die Theorie.

Die Empörung ist dahin

8. Januar 2013

Ende der 90er Jahre empörte mich der FC Bayern München ein wenig. Indem er sich weigerte, Thomas Helmer einen neuen Vertrag zu geben. Jenem Thomas Helmer, dessen verbundene Knie wir noch alles aus Wembley in Erinnerung hatten (was dem FC Bayern egal sein konnte, mir persönlich aber sehr präsent war) und der in den Jahren zuvor ein Garant des Münchner Erfolgs gewesen war, eine verlässliche Führungsfigur. Meine romantische Ader war damals noch recht ausgeprägt.

In den Trennungswochen bis zum Saisonende und in die Sommerpause hinein musste ich bereits dem einen oder anderen Kommentator zustimmen, der den Münchner Verantwortlichen Respekt zollte für ihre Entscheidung, die Leistungen der Vergangenheit außen vor zu lassen, als es darum ging, die aktuelle Leistungsfähigkeit und die kurz- bis mittelfristigen Perspektiven zu bewerten. Vermutlich hatten sie recht: es reichte einfach nicht mehr für ganz oben. Und da wollten sie hin.

Im Lauf der Jahre bin ich abgeklärter geworden. Sah ein, dass manchmal jemand nicht mehr gut genug ist, man aber nicht von den Spielern erwarten kann, ihre Karriere zu beenden – wäre ja noch schöner! Konnte damit umgehen, dass Real Raúl auf seine alten Tage ein wenig umhertingeln ließ. Zuckte kurz, wenn auch ein wenig bedauernd, mit den Schultern, als Dedês Dienste nicht mehr so recht erwünscht waren. Verdrückte bei Pardos Abschied die eine oder andere Träne – nicht ohne gleichzeitig dem neuen starken Mann, Khedira, zu huldigen.

Und hätte auch kein Problem damit gehabt, wenn der VfB dem Helden der Fastabstiegssaison einen schnöden und wenig heroischen Wechsel nahegelegt hätte. Ein Problem habe ich eher jetzt. Dabei mag ich Tamas Hajnal. Sehr sogar. Ich schätze ihn als Typen, nehme ihn als freundlich, sympathisch, engagiert und außerordentlich professionell wahr. Wage zu behaupten, dass der VfB vor zwei Jahren ohne ihn abgestiegen wäre. Unabhängig von Bruno Labbadia. Im Spiel ist auch heute noch zu sehen, dass er immer vorangehen will. Als erster den Sprint anzieht, wenn es darum geht, vorne den Ball zu erobern. Die Bälle fordert, den entscheidenden Pass spielen will. Sich für ein Foul nicht zu schade ist.

Und doch: es reicht nicht. Vielleicht ist er nicht schnell genug, vielleicht hat sich sein Spiel überlebt, vielleicht war er auch nie ein Mann für ganz oben. Oder nur 2009, als er in Dortmund in tragender Rolle Platz 6 erreichte. 2009/10 waren seine Einsatzzeiten schon deutlich geringer, und ansonsten hatte er insbesondere dann überdurchschnittliche Werte erzielt, wenn seine Mannschaft in der zweiten Liga spielte (Kaiserslautern) oder in der Bundesliga unter ferner liefen rangierte (Karlsruhe 2008, Stuttgart 2011).

Im Vorjahr bereitete er, das soll nicht unter den Tisch fallen, beachtliche 10 Treffer vor, und wenn wir ehrlich sind, fragen wir, die wir die meisten Spiele sahen, uns noch heute, wie das passieren konnte. Hatte er sich doch vor allem dadurch ausgezeichnet, dass er das Spiel langsam machte. Doch sei’s drum: ich will auch die letzte Saison noch unter “gelungen” ablegen. Bei einer Mannschaft, die immerhin – und wenn wir ehrlich sind, fragen wir, die wir die meisten Spiele sahen, uns noch heute, wie das passieren konnte – einen Europapokalplatz errang.

Dieses Jahr war’s noch nichts mit Scorerpunkten. Und keiner fragt sich, wie das passieren konnte. Es erscheint vielmehr als logisches Resultat dessen, was er auf dem Platz bringt. Ungeachtet des Umstands, dass er immer vorangehen will. Als erster den Sprint anzieht, wenn es darum geht, vorne den Ball zu erobern. Die Bälle fordert, den entscheidenden Ball spielen will. Sich für ein Foul nicht zu schade ist. Ohne Effektivität, ohne den einen oder anderen Moment, der nicht einmal genial sein, aber doch zumindest inspiriert wirken muss, ist das nichts.

Tamas Hajnal ist in meinen Augen ein Spieler, der dann ein bisschen besonders sein kann, wenn er Torgefahr kreiert. Für sich selbst oder, ungleich öfter, für andere. Als soliden Mittelfeldarbeiter braucht man ihn nicht zu beschäftigen. Da gibt es andere, bessere, effektivere. Und bestimmt auch jüngere, um kurz den in diesen Zeiten verdammt schlecht ausgeschilderten Stuttgarter Weg zu bemühen. In der laufenden Saison kann ich mich an keinen Torschuss von Hajnal erinnern, bundesliga.de hat deren 4 gezählt. (So viele hat selbst Kvist.)

Natürlich kann ich mir dennoch Argumente vorstellen, ihn im Kader zu behalten. Er ist professionell, pflegeleicht, verlässlich, kann dem einen oder anderen jungen Spieler möglicherweise als Mentor dienen. Man erinnert sich hierzustadte gerne an Markus Babbel (zumindest in diesem Kontext), der in der Meistersaison auf gerade mal zwei Einsätze kam, nachdem er einige Monate zuvor noch vorsichtig  in den Dunstkreis der Nationalmannschaft geredet worden war (ich bin mir sicher: Xavier Naidoo hätte ein Sprüchlein für ihn gefunden): Serdar Tasci war ihm schlichtweg einteilt, und zwar auch dank Babbels Anleitung. Bliebe die Frage, ob Hajnal dazu bereit und in der Lage wäre. Ersteres würde ich, rein aus dem Bauch heraus, klar bejahen, zweiteres mit einem Fragezeichen versehen.

Ich zögere schlichtweg, den zweifellos soliden Bundesligaprofi Hajnal mit Markus Babbel auf eine Stufe zu stellen, der mit reichlich Erfahrung auf höchstem Niveau gesegnet war. Ob Raphael Holzhauser und Daniel Didavi – inwieweit sie als Paradebeispiele für demütige, lernwillige Jungprofis gelten dürfen, sei dahingestellt – von Hajnal in diesem Maße profitieren könnten, kann ich letztlich natürlich nicht seriös beurteilen, ganz im Gegensatz zu den Herren Labbadia und Bobic. Aber ich erlaube mir, es zu bezweifeln. Und gegebenenfalls auf Christian Gentner als Vorturner und Ratgeber zu verweisen.

Letztlich zerbreche ich mir den Kopf ohnehin völlig umsonst. Zum einen ist das Thema durch, der Vertrag verlängert. Zum anderen bezweifle ich, dass die Motivation der erfolgten Vertragsverlängerung die eben angerissene war. Vielmehr gehe ich davon aus, dass Hajnal noch immer als ernsthafte Alternative gilt. Als potenzielles Kreativzentrum quasi. In einem Verein, der unter ferner liefen rangieren will.

Was mich nicht einmal mehr empört.

zehn

10. Dezember 2012

(Gelegentlich packt mich, ganz im Vertraun,
ob meiner Synapsen das kalte Graun.
Hör “Didavi” und schon
trägt “linker Fuß” mich davon
und landet dann, sorry, bei Christy Brown.)

Ein Jungspund aus Nürnberg (verliehn)
ward’ einstmals der Trägheit geziehn.
Er wehrt sich dagegen.
Soll er uns widerlegen!
Dann werd’ ich ihm huldgen, auf Knien.

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Weitere Adventsfünfzeiler gibt’s im Kalender.

Ein stolzes eins zu acht zur Pause

27. März 2012

Irgendwann war ich mal ein ganz passabler Fußballspieler. Nicht der Allerschnellste, aber läuferisch auf der Höhe, nicht übertrieben torgefährlich, aber mit einem ordentlichen Auge für den Mitspieler, nicht sonderlich zweikampfstark, aber taktisch ganz gut geschult, kein Dribbelkönig, aber mit dem Ball am Fuß doch ganz behänd.

Allerdings besteht ja manchmal die Schwierigkeit, den Ball erst einmal an den Fuß zu bekommen. Durch einen gewonnen Zweikampf (gelegentlich), geschicktes Stellungsspiel (schon eher), oder eben auf Zuspiel eines Mitspielers (relativ häufig, positionsbedingt).

Nun sind diese Zuspiele der Mitspieler ja häufig von unterschiedlicher Qualität. Der eine spielt stets wunderbar in den Fuß, der andere bewusst oder unbewusst immer in den nicht zwingend dorthin geplanten Lauf, und noch ein anderer spielt einen grundsätzlich irgendwo zwischen Hüft- und Brusthöhe und ein bis zwei Meter seitlich versetzt an, gerne scharf.

Wer dann, wie ich, kein Bewegungstalent vor dem Herrn ist und nicht recht weiß, wie er den Ball am besten verletzungs- und flipperfrei verarbeiten soll, kommt möglicherweise im Lauf der Zeit auf den Gedanken, solche Zuspiele konsequent direkt weiterzuleiten, anstatt sich an einer nicht ganz trivialen Ballannahme zu versuchen. Das Blamagerisiko ist wesentlich geringer (schließlich kann sowas schon mal daneben gehen, Hochgeschwindigkeitsfußball und so), und mit etwas Glück kann man sich einen Ruf als vorausschauender One-Touch-Footballer erarbeiten, weil die Abwehrspieler in den unteren Ligen ja tatsächlich nur bedingt damit rechnen.

Manchmal glaube ich, dass sich Martin Harnik meine Strategie abgeschaut hat. Häufig finde ich es auch richtig gut, dass er den halbhohen Ball direkt weiterleitet, gerne in den Lauf eines Mitspielers (oder auch seinen eigenen, wenn niemand ihn will oder Ibisevic drüberspringt). Manchmal würde ich mir indes wünschen, er nähme ihn einfach an, beruhige den in hoffnungsloser Unterzahl angegangenen Angriff und ermögliche einen geordneten Neuaufbau, gerade in Phasen, wie sie gegen Nürnberg mindestens 45 Minuten lang andauerte, in denen es nicht gelingt, das hohe Tempo des Gegners ein wenig herauszunehmen. (Und nein, ich spreche nicht davon, vom gegnerischen Strafraum aus über William Kvist den eigenen Torhüter mit ins Spiel einzubeziehen.) Aber wie gesagt: Ballkontrolle und Blamagerisiko liegen mitunter nahe beieinander.

Wäre es jetzt billig, darauf hinzuweisen, dass auch das Blamagerisiko eines Trainers recht hoch ist, der nach einer furchtbar schlechten Partie gegen einen an der Grenze zum Abstiegskampf wandelnden Gegner davon spricht, wie stolz er auf den Auftritt seiner Mannschaft sei? Einer Mannschaft, die mit 1:8 Ecken in die Pause ging, die nach 3 Minuten zwei Großchancen nur mit viel Glück überstanden hatte, die diesem – zweifellos engagierten und auch gut spielenden – Gegner in fast (Sie wissen schon … das Toreschießen) allen Belangen unterlegen war, ohne den Anschein zu erwecken, sich dessen bewusst zu sein und es ändern zu wollen.

Warum muss diese Mannschaft bis zur 46. Minute warten, ehe der Trainer  die überfällige Änderung im Sturm vornimmt, bis zur 60. Minute, ehe er nominell etwas ändert, um die Offensive ein wenig zu stärken, und warum wartet sie noch immer auf die Auswechslung des völlig indisponierten Arthur Boka, der nicht nur gegen Timothy Chandler (zumindest weiß ich nun aus eigener Anschauung, weshalb der VfB sein Interesse an ihm bekundet hat) konsequent den kürzeren zog, sondern sich durch absurde Dribblings wiederholt selbst in Situationen brachte, in denen er seine Überforderung zur Schau stellen konnte.

Natürlich war die zweite Halbzeit besser, natürlich fand man zu einer gewissen Ordnung, zumal der Gast sein hohen Tempo unmöglich aufrecht erhalten konnte, und natürlich war das 1:0 ein wahrhaft schön herausgespielter Treffer. Ganz zu schweigen davon, dass Sven Ulreich eine Ecke an der Grenze des Fünfmeterraums herunterpflückte und dass 14 Ecken noch vor wenigen Wochen annähernd so viele Gegentore bedeutet hätten. Wenn das der Anspruch ist.

Was ich noch fragen wollte:

Warum darf Daniel Didavi keine Ecken und Freistöße schießen? (Ok, vermutlich weil die von Adam Hlousek auch nicht schlecht sind.)

War Herr Dingert schon immer so ein Wichtigtuer?

Welches Ansinnen ist stärker zu gewichten: das der einen Mannschaft, einen Spielerwechsel vorzunehmen, oder das der anderen, einen kurzzeitig unterbrochenen Konter mit einem raschen Einwurf fortzusetzen? Vermutlich ersteres, was ich für diskutabel halte.