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Revolverheld

9. September 2014

“Bin ich eigentlich der Einzige, der …?”

So lesen wir es Tag für Tag auf Twitter, hören es vielleicht auch abseits der Tastatur, und in der Regel folgt dann eine zumeist nur scheinbar vom Mainstream abweichende These, also etwas in der Art von “Bin ich der Einzige, der Helene Fischer nicht so geil findet?”, oder auch “Bin ich der Einzige, dem das Helene-Fischer-Gehate auf den Sack geht?”.

Die Beispiele sind frei erfunden, wiewohl vermutlich nicht ganz realitätsfremd, und ihnen ist, von gemeinsamen Formulierungen und Strukturen abgesehen, eines gemeinsam: die Antwort. Ich habe das vor einigen Monaten schon einmal drüben bei Twitter auszudrücken versucht:

Nicht nur vor diesem Hintergrund bin ich mir ziemlich sicher, nicht der Einzige zu sein, auch wenn ich mir die Frage schon einmal kurz stellte, der sich mit einer gewissen Regelmäßigkeit wünscht, das eigene Blog möge doch genau so sein wie das von Herrn X oder Frau Y. Nicht unter gestalterischen Aspekten (obschon es da natürlich gewisse Wünsche gäbe) oder in Sachen Reichweite (obschon man sich da gewisse Wünsche vorstellen könnte), nicht einmal im engeren Sinne inhaltlich. Es geht zumeist vielmehr um die grundsätzliche Art der Darstellung, korrekter: die Art der Texte.

Der eine oder die andere Mitlesende erinnert sich vielleicht an eine ältere Aufforderung, die ich hier im Blog einmal formuliert habe, und an die geschätzte Mitbloggende, ich denke insbesondere an Trainer Baade, gelegentlich erinnern: “Erzählt Geschichten!” Und so mag es nicht überraschen, dass Blogs, die ich gerne mein Eigen nennen würde, beziehungsweise von denen ich mir wünschte, dass die dort veröffentlichten Texte von mir sein könnten, meist solche sind, in denen Geschichten erzählt werden.

Langer Rede kurzer Sinn: ich beneide Herrn Kofler um sein Blog. Verzeihung: ich bewundere die Texte in seinem Blog. “Herr Kofler erzählt vom Krieg“, heißt es, und Herr Kofler, das dürfte auf der Hand liegen, erzählt dort Geschichten. Aus seinem Journalistenleben, aber nicht nur, amüsante Erlebnisse, aber nicht nur, sich selbst nicht zu ernst und gelegentlich auf den Arm nehmend.

Irgendwann wird sich mein Neid bestimmt wieder ein neues Ziel suchen, aktuell indes gilt er ihm. Nicht allein, aber in erster Linie.

Manchmal, wenn ich mich in Herrn Kofler gar nicht so martialischen Kriegsgeschichten verliere, denke ich “Hey, das hätte ich sein können”, nicht sehr oft, aber immerhin. Noch etwas seltener denke ich gar: “Das hätte von mir sein können”, nicht so, sondern anders, aber immerhin. In Einzelfällen gehe ich gar so weit, zu mir selbst zu sprechen: “Dazu könntest Du doch auch was schreiben!” Womit die Geschichte dann auch endet, unverrichteter Dinge. Stets, bisher.

Kürzlich bin ich dort indes über ein Thema gestolpert, zu dem wahrlich die meisten von uns etwas sagen können. Es geht um unser erstes Auto. Bei Herrn Kofler handelte es sich um einen Suzuki LJ 80, eine Art modernen Klassiker, glaube ich.

Unabhängig vom jeweiligen Modell haben wir vermutlich alle noch recht lebendige Erinnerungen an das Symbol unserer großen Freiheit, an die erste Urlaubsfahrt, an abgewürgte Motoren, an legendäre Spritztouren in kapazitativen und juristischen Graubereichen, an kleinere und größere Unfälle, lächerlich niedrige Benzinpreise, die natürlich viel zu hoch waren, möglicherweise an zwischenmenschliche Erfahrungen in etwas beengter Umgebung und ganz bestimmt auch an den Soundtrack, an jene selbst aufgenommenen Kassetten, die all das begleiteten.

Schloss ich von mir auf andere? Vermutlich. Schön war’s halt, waren sie, jene jungen Jahre, und obschon ich zum einen keine wirkliche Geschichte zu erzählen habe, mir zum anderen des Umstands bewusst bin, dass ich die Fallhöhe mit der langen Vorrede selbst bestimmt habe, will ich doch ein paar Zeilen zu meinem ersten Auto schreiben. Vielleicht möchte sich ja noch die eine oder der andere beteiligen und uns einen Schwank aus der Jugend (bzw. der gerade erreichten Volljährigkeit) erzählen?

Wir schrieben das Jahr 1990, die historische Einordnung möge die geneigte Leserin selbst vornehmen, als man mir den Führerschein zusandte, pünktlich zum 18. Geburtstag, wie das auf dem Land so üblich war. Was nicht nur an einer geringen ÖPNV- und folglich hohen Mopeddichte unter Heranwachsenden gelegen haben mag, die einen auf den motorisierten Straßenverkehr recht gut vorbereitete, sondern auch daran, dass sich in ländlichen Gegenden in aller Regel genügend abgelegene Sträßchen finden, wo man sich auch schon in jüngeren Jahren an Lenkrad und vor allem Pedalen versuchen kann. Allein: bei mir kam das irgendwie nicht zustande.

Mein Vater hätte viel zu viel Angst um seinen Wagen gehabt, gewiss, vor allem aber übte diese Fahrerei, selbst die verbotene, keine allzu große Anziehungskraft auf mich aus. Die Fahrschule würde noch früh genug kommen und mich alles Notwendige lehren.

Und sie kam. Tatsächlich ergab es sich, dass ich einen Tag vor meiner ersten Fahrstunde eine ganz grobe praktische Einweisung durch meinen Cousin erhielt, initiiert von der großen Familienrunde in Omas Wohnzimmer, inklusive Tadel für den ängstlichen Vater, sodass ich dem Fahrlehrer zu Beginn der ersten Stunde guten Gewissens sagen konnte, schon mal gefahren zu sein.

Er erkannte rasch, dass meine Vorkenntnisse nicht der Rede wert waren, und dass die ganze Geschichte wohl ein bisschen Zeit in Anspruch nehmen würde. Er kannte sich aus. Umso erstaunlicher, dass ich es dann doch schaffte, nicht nur zwei Tage vor meinem Geburtstag zur Prüfung anzutreten, sondern diese auch – zweifachem Abwürgen und einmaligem Vorfahrtsverzicht zum Trotz – erfolgreich zu absolvieren.

Die Fahrberechtigung war also da, Fahrgelegenheiten ergaben sich zunächst eher selten. Meinem Vater fiel es weiterhin schwer, mich mit seinem Wagen fahren zu lassen. Er hegte und pflegte ihn, war immer ein begeisterter, sportlicher Fahrer gewesen und hatte seine Autos stets sehr akribisch mit Rallyestreifen (sagt man das heute noch?) und anderem Schnickschnack verziert, so auch dieses, und wollte es ungern unnötigen Gefahren aussetzen, wie ich zweifellos eine darstellte.

So ergab sich im Lauf der nächsten Wochen und Monate ein recht zähes Ringen um den einen oder anderen Kilometer an Fahrpraxis, das ich nur selten zu meinen Gunsten entschied, immerhin aber dann, als es zählte: um mit einem hübschen jungen Mädchen ins Kino zu gehen, zum Beispiel, das am Ende des Abends meine Freundin war. Das konnte ich zu jenem Zeitpunkt zwar noch nicht zweifelsfrei sagen, retrospektiv jedoch sehr wohl. Drei Jahre lang glaubte ich, sie irgendwann zu heiraten. Tja.

Die Sache mit Papas Auto war indes eine einmalige. Oder anders: zum nächsten Date kam ich schon im eigenen Wagen. So eigen er halt ist, wenn er einem von Mama und Papa hingestellt wird, aber das focht mich nicht weiter an. Es war mein Auto, und es war ein großartiges. Eigentlich war seit Jahren klar gewesen, dass es kein anderes sein konnte. Mein Opa hatte einen gefahren, meine Mutter zwei oder drei, ich erinnere mich nicht ganz genau, bis auf einen grünen waren sie alle rot gewesen, und rot war auch meiner. Mit Rallyestreifen, klar, Papa hatte sich das nicht nehmen lassen, aber immerhin ohne Spoiler. Hätte sich vielleicht auch nicht so gut gemacht bei einem R4.*

“Quatrelle”, bzw. 4L, würde ich ihn erst einige Jahre nennen, bzw. sein Pendant, meinen zweiten R4, der mich in Marseille einige Zeit begleitete, einige Mitlesende werden davon gehört haben. Die beiden Autos verschmelzen in der Erinnerung gerne mal zu einem, von dem schmucklosen Gefährt, das mich zwischenzeitlich durch die Gegend trug, nachdem die erste Quatrelle ein gewaltsames Ende erlitten hatte, weiß ich kaum mehr das Kennzeichen.

Wunschkennzeichen hatte man damals ja noch nicht so. Ok, man hatte, vielleicht, wenn man jemanden bei der Zulassungsstelle kannte, aber selbst dann war es nach meiner Wahrnehmung schlichtweg noch nicht so en vogue, sich auf dem Kennzeichen selbst zu verwirklichen. Umso gelungener, dass meines die Initialen besagter junger Frau aus Papas Auto trug.

Dass ich dennoch nicht mit ihr, sondern mit einem guten Freund die erste große Tour mit dem Wagen unternahm, nun ja, war halt so. Südfrankreich war das Ziel. Korrekter: der Weg dorthin. Dass wir im Rausch der Geschwindigkeit beinahe bereits an der Autobahnauffahrt gescheitert wären und die Stimmung zumindest bis zur Schweizer Grenze erst einmal ein wenig reserviert war, soll hier nicht ganz verschwiegen werden. Hat sich ja offenbar auch ziemlich nachhaltig ins Gedächtnis eingebrannt.

Mein Mitfahrer brauchte einen Moment, um sich an die Revolverschaltung zu gewöhnen, die jüngere Mitlesende vermutlich nicht einmal mehr vom Hörensagen kennen, ansonsten verlief die Fahrt so, wie man sie sich in seinen verklärenden Erinnerungen eben so ausmalt: um die kostenpflichtigen Autobahnen zu meiden, fuhren wir auf kleinen Sträßchen, was den angenehmen Nebeneffekt hatte, dass der Lärmpegel trotz offenen Faltdachs in aller Regel zumindest so überschaubar blieb, dass man die laute Musik, die wir jungen Leute halt so hörten, noch erahnen konnte.

Die Heizung lief auf vollen Touren, gerade wenn es in höhere Gefilde ging, um die Motorkühlung zu unterstützen, und als wir auf der Höhe von Valence, also schon recht weit unten, einen ähnlich alten 2CV aus unserer Gegend überholten, fanden wir das, einer gewissen Solidarität unter Revolverschaltern folgend, hinreichend lustig, um uns, ausnahmsweise auf der Autobahn, über einige Kilometer hinweg immer wieder gegenseitig zu überholen. Nein, es saßen keine zwei Mädels drin.

Der Urlaub fand ein jähes Ende, als uns die Nachricht vom Tod einer Mitschülerin errichte, die Heimfahrt war zäh, geprägt von Müdigkeit, Betroffenheit und schlechter Laune, ein paar Stunden vor der Trauerfeier kamen wir zuhause an.

Das Schülerleben ging schnöde weiter, ein paar Monate später absolvierten wir unsere schriftlichen Abiturprüfungen, dem R4 wurden von Vaters Sohn zwar keine weiteren Rallyestreifen, aber doch ein recht auffälliger, in blassrosa gehaltener “Abi 91″-Schriftzug auf der Motorhaube verpasst, was im Dorf für Gesprächsstoff sorgte und auch von den Mitspielern stets kritisch beäugt wurde, wenn es zu Auswärtsspielen ging. Meist fuhren sie selbst, gestandene ältere Herren von Mitte zwanzig oder gar dreißig Jahren, mit ausgewachsenen Ford Escorts, Golfs, Mercedessen oder auch Ur-SUVs im Kofler’schen Sinne, aber gelegentlich war der eine oder andere dann doch froh, wenn er darauf setzen konnte, nach dem Spiel und anschließendem Getränkekonsum nicht selbst fahren zu müssen, und nahm das bedrohliche Ächzen eines mit vier Personen besetzten R4 in Kauf.

Etwas mulmig wurde meinem Beifahrer in einer solchen Situation, als wir unversehens in einen außergewöhnlich starken Wolkenbruch gerieten, der selbst moderne Scheibenwischer in den Grenzbereich ihrer Leistungsfähigkeit gebracht hätte, die Quatrelle aber derart überforderte, dass es keine Alternative zum sofortigen Anhalten gab. Der Standort auf einer recht langen Brücke war nicht ideal (“alternativlos” sagte man damals noch nicht), zwei oder drei Autos überholten uns noch, einer davon erzürnt hupend, danach kam der Verkehr kurzzeitig zum Erliegen, was – so unsere Überzeugung – aber nicht uns, sondern dem Wetter geschuldet war. Bisschen blöd dabei, dass der Unterboden nur so mitteldicht war und wir sehr feuchte Füße bekamen, mais c’est la vie.

Nach etwa zwei Jahren segnete er viel zu früh das Zeitliche, als ich kurz abgelenkt war – Pfandflaschen auf dem Beifahrerseitz sind nie eine gute Idee; bei einem Wagen ohne Mittelkonsole gilt das in besonderem Maße – und am Fußballplatz eine Kurve verpasste. Die dort stehende Walze ließ sich, ich hatte es schon einmal kurz erwähnt, gerade so vermeiden, der Straßenpfosten und der kleine Graben nicht. Der Schaden war zu groß, die Abi-91-Motorhaube entstellt, das Auto Geschichte. Mir war nichts passiert. War halt ein sicheres Auto, so ein R4. Manchmal wachträume ich bis heute davon, noch einmal einen zu besitzen.

Vor vielen, vielen Zeichen hatte ich mal geschrieben, dass ich Herrn Kofler um sein Blog beneide. Ich mag seinen Stil, den Tonfall, die Geschichten und manches mehr. Vor allem aber bewundere ich seine Fähigkeit, auf den Punkt zu kommen. Er hat das ja auch gelernt.

* Wer so gar keine Ahnung hat, was einen R4 ausmacht, der möge sich vielleicht einmal das Innenleben dieses Wagens ansehen, der – abgesehen von Farbe und Rechtssteuerung – meinem damaligen Modell recht ähnlich sein dürfte (ganz rechts der Choke, der mittlerweile ein bisschen aus der Mode gekommen ist). Außen war er diesem hier recht ähnlich, also dem im Vordergrund, mit Faltdach, leider ohne Rallyestreifen. Mein zweiter sah dann eher so aus. Eine Eloge veröffentlichte die Frankfurter Rundschau anlässlich des 50. Geburtstags des R4 im Jahr 2011.

 

 

and nobody spoke of remarkable things*

28. August 2014

Die Aufwachgeräusche waren uns zuletzt allzu vertraut geworden. So vertraut, dass wir ihre Intensität akustisch recht genau einzuordnen wussten. An diesem Morgen fiel sie nicht in unserem Sinne aus: der Regen klang kräftig und zudem so, als sei er gekommen, um zu bleiben. Dabei war der Vortag ein vergleichsweise guter gewesen. Wir hatten uns sogar ans Ufer gesetzt. Bekleidet zwar, gewiss, aber am Wasser, auf Liegestühlen. Die Kinder hatten die Füße hineingehalten und mit Steinchen geworfen, und als sie zwischendurch Ball spielten, waren wir gar still und heimlich baden gegangen. Schwimmen, vielmehr, für ein lauschiges, launiges Bad hätte es einer anderen Wassertemperatur bedurft.

Die Wetter-App, die wir angesichts der überschaubar guten WLAN-Abdeckung in der Dépendance („Wissens, hier aufm Land is des so a Sach mit dem Internet“, was zwar nur wenig mit dem WLAN zu tun hatte, in Sachen GSM aber durchaus stimmte – Streams und Webradio würden auch später am Tage keine Option sein) nur in unregelmäßigen Abständen zu Rate zogen, hatte zuletzt ebenfalls eine ganz gute Entwicklung in Aussicht gestellt – vielleicht doch noch ein paar Sommerurlaubstage im letzten Drittel des Sommerurlaubs?

Aber das Wetter ändert sich ja so schnell in den Bergen, nicht wahr? Und wie ich noch so im Bett lag, die offensichtliche Rückkehr des Regens zu ignorieren suchend, sprach die Gemahlin bereits das böse Wort aus, jenen Strohhalm, nach dem Eltern gerne mal greifen, wenn die Urlaubswünsche der Kinder und die klimatischen Rahmenbedingungen nur so halb kompatibel sind: Schwimmbad.

Immerhin: es war Sonntag. Gestern war Bettenwechsel gewesen, die Neuankömmlinge dürften die kleinen Erkundungstouren durch Hotels, Pensionen und, mit leichter Regenkleidung, den Ort, oder gar um den See herum, noch nicht absolviert gehabt haben, und von den Einheimischen durfte man hier im Freistaat ja wohl erwarten, dass der Kirchgang nur wenig Spielraum für touristische Aktivitäten ließe, dass also das Schwimmbad noch nicht aus Kapazitätsgründen geschlossen sein würde.

Das Frühstück hätte sich bereits wieder aus dem Gedächtnis verflüchtigt, wäre nicht dieser eine Satz gewesen, den man sich nicht schöner hätte malen können: „Schön siehst aus, Kind, ganz in weiß und blau, so richtig bayrisch!“ Geradezu freundlich hatte der ältere Herr geklungen. Am Abend zuvor hatte er dasselbe Kind wegen seine etwas lautstärkeren Spiels noch kräftig in den Senkel gestellt. Ob er sich nicht mehr an sein Geschwätz von gestern erinnerte? Auch Idiom und Haaransatz gemahnten an eine Lichtgestalt.

Der Schwimmbadbesuch erfüllte die Erwartungen. Tatsächlich war es schon voller gewesen in den Tagen zuvor, und die Kinder hatten ihren Spaß. Der Erstgeborene verschwand sogleich in Richtung der großen Rutsche, als lägen jene Zeiten, in denen ihm ob der dortigen Dunkelheit und des per Warnschild angedrohten Orientierungsverlusts vor dem Röhrengewirr gegraust hatte, nicht erst wenige Tage zurück.

Die Mädchen begnügten sich mit der kleinen Rutsche und sprangen vom Beckenrand, was das Zeug hielt, dem beide Augen zudrückenden Bademeister gehörten meine Sympathien. Andere Hotelgäste hatten ihre Freizeit ähnlich geplant, der Gladbach-Fan, der sonst zwei Tische weiter saß, schenkte mir zwischen Liegebereich und Sole-Becken ein knappes „Na?“, das ich ebenso unverbindlich erwiderte.

Die Kinder hatten sich Pizza gewünscht. Auf dem Zimmer. Dem der Eltern, natürlich. Fast wie zuhause: das Kinderzimmer ist leer, im Wohnzimmer türmen sich Spielgeräte, Bücher, Bastelzeug und Kinder. Der Betreiber des Pizza-Services, der den Großteil seiner Geschäfte online abwickelt, hier, auf dem Land, wie er mir nicht ohne Stolz erläuterte, ließ sich Zeit – auch um darüber nachzudenken, ob es in den umliegenden Orten wohl eine Sky Sportsbar gebe, die auch Sonntagsspiele ohne Beteiligung des FC Bayern überträgt. Ihm fiel keine ein, den anwesenden Gästen auch nicht. Die im Wagen wartende Familie erhielt keine Kenntnis von dieser Teilursache der eingetretenen Verzögerung.

Es mundete. Jegliche Kritik an der zu hohen Zahl durch mich erworbener Pizzepizzenpizzas verstummte. Mein „Siehste“ blieb ein sehr leises. Die Jüngste wollte keinen Mittagsschlaf halten, ohne dass Papa zuvor einmal mehr „Max lernt schwimmen“ lesen würde, jenes Werk aus der Dutzendproduktion, das den bemerkenswerten Satz „Mama zwängt sich in ihren knallroten Badeanzug“ enthält.

Der Regen pausierte. Paderborn und Mainz dürften mittlerweile begonnen haben, Sohn und Vater spielten eine Partie Trampolinfußball, die ersterer erwartungsgemäß für sich entschied. Der Regen kam zurück. Nächster Halt: Bayern-Monopoly. Mein Erwerb der Garmisch-Partenkirchener Parkstraße verhinderte den Bau Münchner Häuser in der Schlossallee, was zu anhaltendem Gequengel und letztlich dazu führte, dass ich grün gegen blau und damit de facto den Sieg ertauschte. Die Aufstellungen in Mönchengladbach waren noch nicht bekanntgegeben worden.

Abendessen. Endlich. Der Kuchen zwischendurch hatte die Zeit zwischen Pizza und Tafelspitz angemessen verkürzt. Der Videotext hatte beim Aufbruch noch das von der kicker-App bereits in Aussicht gestellte Pausenunentschieden bestätigt, ehe der verstohlene Seitenblick zwischen Suppe und Salat – die Gemahlin war gerade am Buffet – Jubel meinerseits hervorrief. Zwei Tische weiter war man allem Anschein nach auch auf dem Laufenden und mied meinen Blick.

Der Sohn nahm das Telefon an sich, um zunächst besser, fürderhin schneller informiert zu sein, was am Tisch nicht nur auf Zustimmung stieß. Frau Kamke ließ uns wissen, dass sich der VfB am Ende ja ohnehin noch mindestens eines fangen würde, „wie immer, oder soll der Veh das schon alles geändert haben?“ „Ja“, antwortete ich, aß seelenruhig weiter, und hatte die drei Punkte fest in der Tasche.

Das Dessert war kaum aufgetragen worden, als dem Erstgeborenen ein kurzer Aufschrei („Oh nein!“) entglitt, den ich mit einem fast schon gelangweilten „Vollgekleckert?“ beantwortete, man kennt ja seine Pappenheimer. Tja, Pustekuchen: „Einseins. Einundneunzigste. Kramer.“ –„Siehste!“, verkniff sich die beste aller Frauen.

In einer perfekten Welt hätte am Nebentisch Frank Spilker „Ich bin ein ganz normaler Tag“ gesummt.

* Wer im Text eine deutlichere Anlehnung an Jon McGregor erwartetet hatte, den oder die muss ich leider enttäuschen: es ist nur in meinem Kopf. Die “remarkable things” spuken dort als Formulierung herum und kommen gerne mal im Kontext überschaubar spannender Alltagsschilderungen an die Oberfläche. Es läge mir indes fern, meine Beobachtungen mit denen McGregors zu vergleichen, von deren Beschreibung gar nicht zu reden.

Gewonnen!

5. Mai 2014

Mein erster Französischlehrer war ein guter. Er liebte diese Sprache, und eben das vermittelte er uns jeden Tag. Genauer: denjenigen, die dafür empfänglich waren. Den anderen gab er freundlicherweise die Gelegenheit, sich nicht zu sehr in die Materie vertiefen zu müssen, aber den einen, also denjenigen, die sich von seiner Freude an der französischen Sprache anstecken ließen, darunter, man mag es geahnt haben, auch ich, vermittelte er einen großen Schatz an landeskulturellem Wissen und sprachlichen Feinheiten.

So manches ist im Lauf der Jahre leider verschütt gegangen, und doch empfinde ich auch heute, da meine Kommunikations- und Konversationsfähigkeit eine ganze Menge Rost angesetzt hat, eine große Nähe zum Französischen, zu seinem Klang, seinen Eigenheiten, auch seinem Vokabular, und nicht selten fallen im Hause Kamke französische Begriffe, die wir nicht in erster Linie deshalb verwenden, weil die Kinder sie nicht verstehen, wiewohl auch das gelegentlich der Fall ist, sondern weil wir sie einfach für passend halten. Woraus man natürlich, so man möchte, Rückschlüsse auf unseren Umgang mit der deutschen Sprache ziehen kann.

Wenn man das Haus Kamke noch einmal verlässt und statt seiner die staatliche Bildungseinrichtung aufsucht, an der besagter Herr lehrte, vielleicht auch ein paar Unterrichtsstunden Paroli ziehen lässt, so fällt der eine oder andere wiederkehrende Aspekt auf, möglicherweise könnte man von Steckenpferden sprechen.

Neben Dorschangeln vom Boot und an den Küsten der jahrzehntelang gepflegten Städtepartnerschaft, inklusive Lobpreisung Adenauers und de Gaulles, neben Lobgesängen auf das Chanson und das Schicksal Reinhard Meys, der, verkürzt, nach Frankreich habe ausweichen müssen, um in Deutschland angemessen gewürdigt zu werden, also neben diesen eher landeskundlichen Unterrichtsinhalten, wurde auch einer Reihe rein sprachlicher Aspekte besondere Aufmerksamkeit und eine er-, eventuell auch überhöhte Unterrichtspräsenz zuteil.

Exemplarisch sei auf die Verben obtenir und recevoir verwiesen, gerne auch in Verbindung mit toucher, sie wissen schon: obtenir une bourse (ein Stipendium bekommen), recevoir un cadeau (ein Geschenk bekommen) und toucher de l’argent (Geld bekommen).

Ok, vermutlich würde man im Deutschen nicht in jedem Fall “bekommen” verwenden, aber Sie verstehen, was ich meine, nicht wahr? Mal ganz vom Geld abgesehen, erhält man manchmal Dinge, die man sich erarbeitet hat, und manchmal eben auch solche, für die man im Grunde nichts kann, und dafür gibt es unterschiedliche Verben. Zumindest behauptete das mein Lehrer, und wer wäre ich, daran zu zweifeln?

Am Samstag dachte ich wieder einmal an obtenir und recevoir. Als der man für den VfB den Klassenerhalt schaffte. Sicherlich, die Mannschaft hatte hart dafür gearbeitet; gleichwohl war und ist mein Gefühl ein recht eindeutiges: reçu. Ein Geschenk. Des Himmels, Eintracht Braunschweigs, des HSV, des 1. FC Nürnberg.

Ist “Geschenk” zu negativ, klingt es so, als habe man nichts dafür getan? Ok, ich revidiere: ein Losgewinn. So fühlt es sich an. Als habe man einen Euro bezahlt und damit das große Los gezogen. Ok, ich bessere noch einmal nach: ein paar Fehlgriffe waren auch dabei, aber wen schert das schon noch, wenn man den Hauptgewinn zieht?

Natürlich ist es nicht nur ein bisschen deprimierend, als VfB-Fan nach dem erreichten Klassenerhalt von einem Hauptgewinn zu sprechen, aber seien wir ehrlich:

Es ist schlichtweg eine extrem glückliche Fügung, dass sich drei Mannschaften gefunden haben, die noch weniger Punkte zu sammeln imstande waren, und es ist alles andere als eine Überraschung, dass auch am vorletzten Spieltag, in einer Saisonphase also, in der wir gerne mal völlig verrückte Ergebnisse erleben und kommentieren dürfen, weil Abstiegskandidaten plötzlich verborgene Qualitäten auspacken und auf den Platz bringen, dass also auch an diesem vorletzten Spieltag die vier schlechtesten Mannschaften ihre jeweiligen Heimspiele verloren haben, und so scheint es nicht sonderlich abwegig, dass am Saisonende 27 Punkte genügen könnten, um die Relegation zu erreichen, womöglich also in der Liga zu bleiben. 27 aus 34. Wahnsinn.

Bleibt also die Frage, was der VfB aus diesem gewonnenen, nein, doch: geschenkten Bundesligajahr macht. Und ich möchte sie mir im Moment gar nicht so recht stellen. Hiesige Qualitätsmedien rufen nach einer objektiven Analyse und raschem Handeln, nicht zuletzt personell, und keineswegs auf die Spieler beschränkt; und so fragt sich der interessierte Zuschauer, wie es denn wohl aussehen mag, wenn sich Fredi Bobic wie angekündigt am von ihm zusammengestellten Kader messen lässt. Nach dem Spiel ließ zumindest er selbst schon einmal durchblicken, dass er wenig davon hält, beim Wort genommen zu werden. Bernd Wahler sollte das anders sehen.

Dass Bobic den Hut nehmen muss, kann ich mir nicht vorstellen. Zu klar scheint im Moment, von außen betrachtet, dass er in die Beantwortung der Trainerfrage für die kommende Saison in gewichtiger Weise eingebunden ist, was eingedenk seines kolportierten Bemühens, wenige Spieltage vor Schluss Krassimir Balakov zu installieren, über den einen oder anderen in seiner Grundaussage negativen Superlativ nachdenken lässt.

Wo wir gerade bei Dingen sind, die ich mir nicht vorstellen kann: Thomas Tuchel nach Stuttgart? Ralf Rangnick nach Stuttgart? Mir fallen derzeit nicht viele Gründe ein, weshalb sie das tun sollten. Oder anders: die Gestaltungsspielräume, die man ihnen einräumen müsste, aber das ist nur ein Vermutung, wären immens und dürften eine deutliche Veränderung der Vereinspolitik erfordern. Mit der ich, um nicht, missverstanden zu werden, durchaus umgehen könnte. Vermutlich könnte ich auch mit Armin Vehs Cannstatter Comeback umgehen. Wenn ich ehrlich bin, möchte ich ihn aber lieber als ewigen Meistertrainer in Erinnerung behalten.

So wie ich Cacau als Schützen eines verrückten Siegtores in einem verrückten Spiel in Bielefeld in Erinnerung behalten werde. Und Hitzlsperger als Verwerter von Pardos Eckball, Sie wissen schon. Schön, dass er am Samstag im Stadion gefeiert wurde, und ja, ich wäre auch lieber der Meinung, das nicht betonen zu müssen. Traoré wird mir nicht zuletzt wegen seiner letzten halben Halbserie in Erinnerung bleiben, und für den rechten Vorlagenfuß, den er in dieser Phase entdeckt hat. Tja, und Boka? Es ist bezeichnend, dass ich erst einmal eine ganze Weile brauchen werde, um bei seinem Namen nicht dauerhaft unmittelbar an das Wolfsburg-Spiel zu denken. Irgendwann werden sich diese Haken wieder in den Vordergrund schieben, die für mein bloßes Auge zu schnell waren. Hoffe ich.

Ob ich mich bereits mit Erinnerungen an Huub Stevens beschäftigen muss, werden die nächsten Tage zeigen, vermute ich. In jedem Fall ziehe ich den Hut vor der Leistung, die er in den vergangenen Wochen erbracht hat. Und habe, mich selbst revidierend, nichts daran zu kritisieren, wenn er als eine mögliche Option für die Trainerposition in der kommenden Saison gilt, die es nun anhand eines gewissenhaft erarbeiteten und objektivierbaren Kriterienkataloges zu bewerten gilt. Oder so ähnlich.

 

Prinzipien und Pragmatismus

Zu den Verhaltensweisen, die mich im Stadion stets irritieren, zählt das kompromisslose Ausleben von Abneigungen, gerne auch situationsunabhängig. Es war mir stets ein Rätsel, was einen dazu bringt, Gesänge gegen den Karlsruher SC anzustimmen, während dieser sich im Mittelfeld der dritten Liga tummelt, der VfB aber gerade ein Bundesligaspiel bestreitet. Und es verwundert mich seit Jahren, dass zahlreiche Zuschauer jedes Gegentor des FC Bayern lautstark bejubeln, auch dann, wenn die Münchner in der Tabelle etwa 25 Punkte vom VfB trennen, deren Gegner indes nur deren vier. Weil’s halt die Bayern sind, da geht’s ums Prinzip. Ja, sagte ich schon, wiederholt, beides.

Letzteres scheint sich nun zu ändern. Der Jubel, den jedes einzelne Tor des FC Bayern am Samstag auslöste, die Geschwindigkeit, mit der sich die Kunde von den Treffern verbreitete, obschon sie nicht offiziell angezeigt wurden, ließ aufhorchen. “Oh, wie ist das schön” wurde ganz pragmatisch an der einen oder anderen Stelle angestimmt, “Niemals zweite Liga”, dieser unangenehm nach unten gewandte Ruf, machte nach der Entscheidung in Hamburg ebenfalls die Runde, und kurzzeitig wurde mein Nachbar etwas nervös, weil er, so ich ihn recht verstanden habe, versäumt hatte, sich im Vorfeld noch einmal den Text von “Stern des Südens” anzusehen. Fiel dann aber der Aktualität zum Opfer aus, bis zum samstäglichen Dank an den Gewinnbringer wird er gewiss nacharbeiten.

 

Nichts hat sich geändert hier!

25. Februar 2014

Als Kind des Bodensees hat man, speziell dann, wenn immobiliäre Eigentumsverhältnisse der Vereinfachung halber außen vor bleiben, per definitionem nah am Wasser gebaut. Ich bin da keine Ausnahme. Gleichzeitig vermute ich, dass die Wassernähe am Samstag im Hamburger Volkspark gar nicht sonderlich groß sein musste, um bei der Verlesung der HSV-Aufstellung (“Mit der [egal welche Nummer]: Hermann …” – “RIEGER!”)  ihrer metaphorischen Bedeutung gerecht zu werden.

Kurz: es war bewegend, und es war tränenreich, auch für einen Nicht-HSV-Fan, dessen Bezug zu Rieger sich darauf beschränkte, dass er, Rieger, ihn, den Nicht-HSVer, also mich, spätestens seit den frühen 80ern irgendwie begleitete, seitdem irgendwann mal irgendwo eine Notiz über den beliebten Bayern in Hamburg zu lesen gewesen war.

Im Lauf der Jahre schien seine Bedeutung, auch aus der Ferne betrachtet, immer weiter zu wachsen, wurde er gar mit dem zweifelhaften Attribut “Kult-” versehen, und erst vor ein paar Wochen frug ich mich, zufallsgetrieben, welche Mitglieder des medizinischen oder auch des sonstigen Betreuungsteams eines Bundesligisten bundesweit derart große Bekanntheit, weithin auch Beliebtheit, erlangt hätten. Abgesehen vom Münchner Arzt, der Rieger in Sachen Bekanntheit überragt, der aber auch außerhalb seines Vereins für den DFB tätig war und ist, fiel mir keiner ein. Na ja, egal.

Die Stimmung war bemerkenswert. Andächtig und sichtlich betroffen legten Hamburger Fans vor dem Spiel Blumen vor Uwes Fuß ab (bestimmt auch andernorts; ich nahm es eben dort wahr), sie zündeten Kerzen an, drapierten Trikots und Fahnen, um Riegers zu gedenken, und nicht wenige Dortmunder gesellten sich zu ihnen, wie auch schon während der Woche immer wieder Fußballfans verschiedenster Couleur per Twitter und sonst wo ihre Anteilnahme und ihre Wertschätzung zum Ausdruck gebracht hatten. Auch das hat mich ein bisschen angefasst, und das Bild, der Begriff von der Fußballfamilie, der so gerne mal in unsäglichen Kontexten bemüht wird, ging mir mehr als einmal durch den Kopf.

Hut ab, Ihr HSV-Fans, das habt Ihr gut gemacht! Ich weiß es zu schätzen, dass ich dabei sein und auch was hochhalten durfte.

Dass ich dabei war, hat zunächst einmal private Gründe, die mich am Wochenende nach Hamburg verschlugen, und ist dann natürlich der lieben Frau @astiae zu verdanken, die mich bedenkenlos neben Herrn @maik216 stehen ließ, einem sehr angenehmen Nebensteher, übrigens, den ich gerne weiterempfehle, und ehrlich gesagt bin ich ganz guter Dinge, das Vertrauen gerechtfertigt zu haben:

Ich stand, wenn auch aus egoistischen, fußballinteressierten Gründen, verlässlich mit auf, wenn die HSV-Fans dazu aufgefordert wurden, setzte mich dann, wider meine Natur, wieder hin, um niemandem die Sicht zu nehmen, und klatschte, wenn ein Tor fiel. Dass dies nur zugunsten des HSV geschah, war meiner sportlichen Zufriedenheit ab-, meinem sonstigen Wohlbefinden möglicherweise zuträglich.

Und so kann sich die Bilanz des HSV in meinem Beisein in dieser Saison leider wahrlich sehen lassen: zwei Spiele, sechs Punkte. 7:0 Tore. Und zwei Freistoßtore von Çalhanoğlu. Und schon vom ersten hatte ich so sehr geschwärmt.

Dabei hatte es am Samstag anfangs gar nicht mal schlecht ausgesehen:

“NICHTS hat sich geändert hier!”

So zumindest  lautete die deutliche Ansage eines Herrn schräg vor mir, die Stimme erregt, das Idiom norddeutsch – hanseatisch, wage ich zu sagen –, als ein Hamburger Spieler einem anderen Hamburger Spieler nicht die notwendige Hilfe zukommen ließ, der Ball den Besitzer wechselte und bereits nahezu zwanzich Minuten gespielt waren. Da war er also schon verpufft, der Neue-Besen-Effekt, und dieser Slomka ist ja auch nur ein Fink mit weniger eng sitzenden Hosen, ein van Marwijk mit Pulli statt Schal, ein Cardoso mit Vertrach, Sie wissen schon.

All das sagte er natürlich nicht, also all das letzte. Das erste schon, und die Ungeduld, die in seiner Stimme lag, die ich, wenn schon nicht als Verzweiflung, so doch als Ausdruck großer Sorge interpretiert hätte, oder vielleicht auch nur als Lust am Nörgeln, wer weiß das schon, sie schien nicht einmal völlig unbegründet: der HSV hatte den Gästen aus Dortmund zunächst das Spiel überlassen, was diese gern annahmen. Ohne allerdings so recht zu wissen, was sie damit anfangen sollten. Offensichtlich hatten sie die rechte Hamburger Abwehrseite als Schwachstelle ausgemacht – ob das dem ursprünglich aufgestellten Dennis Diekmeier oder dem nachgerückten Heiko Westermann geschuldet war, sei dahingestellt –, hatten aber mit Großkreutz und Schmelzer keine linke Seite, die ernsthaft in der Lage gewesen wäre, Taten folgen zu lassen.

Überhaupt, Großkreutz: der soll gefälligst rechts hinten spielen, da brauchen “wir” ihn bei der WM schließlich auch. Denken Sie mal an die Nationalelf, Herr Klopp, Mann!

Ob Aubameyang rechts vorne in der Lage gewesen wäre, Jansen in Verlegenheit zu bringen, wollte der BVB gar nicht erst herausfinden, was, um der Wahrheit die Ehre zu geben, zumindest zum Teil auch am HSV-Mittelfeld gelegen haben mag, das die Antwort lieber auch nicht in Erfahrung bringen wollte und entsprechend beherzt zu Werke ging. Dass Nuri Sahin damit so gar nicht zurechtkam, hätte ich nicht erwartet. Kein Zufall, dass er das entscheidende 2:0 begünstigte, als er im Zweikampf den Kürzeren zog.

Vom titelgebenden Vordermann hörte man dann doch nicht mehr so viel. Hatte sich ja auch einiges geändert. Ob das nun doch noch der besagte Neue-Besen-Effekt war, wird sich zeigen; ich persönlich fühle mich indes leider bestätigt, dass die Entscheidung des HSV für Mirko Slomka (oder war’s andersrum?) dem VfB sehr weh tun könnte. Und damit meine ich nicht, dass Slomka vom Markt ist, auch wenn ich mich mit ihm schon verschiedentlich hätte anfreunden können, sondern vielmehr, dass er einen unmittelbaren Konkurrenten, so meine Überzeugung, aus der Abstiegszone führen wird.

Ob indes der Trainermarkt für den VfB von Belang ist, werden vermutlich die nächsten Tage zeigen. Die Spekulationen schießen schon einmal ins Kraut, neben den perspektivischen Lösungen Rangnick und Tuchel, die gedanklich etwa so fern liegen wie dereinst Daum in Köln, wurde auch schon Holger Stanislawski ins Spiel gebracht, der bei mir seit einigen Jahren unten durch ist, aber das will ja keiner wissen.

Ich selbst bin keineswegs so weit, mir die Ablösung von Thomas Schneider zu wünschen, was jedoch nicht nur mangels Einfluss nichts zu sagen hat, sondern auch, weil ich nur äußerst selten die Ablösung eines Trainers für die beste Lösung halte oder gar, meiner Hybris gehorchend, fordere. Wenn man von den letzten beiden hiesigen Übungsleitern und dem sich daraus ergebenden Trendverdacht absieht. Vom jüngsten Spiel habe ich zudem so gut wie nichts gesehen, genau genommen also von den jüngsten beiden, und so kann ich aus recht widersprüchlichen schriftlichen Medienberichten zum Auftreten der Mannschaft gegen die Hertha nicht ableiten, ob denn nun alles gut wird oder doch eher den Bach hinab geht.

Nun denn, ich lasse es auf mich zukommen. Ein bisschen Sorge bereitet mir allerdings jenes Bild im Kopf, das ich nicht mehr recht loswerde und das Fredi Bobic in gemütlicher Runde mit ein paar Kumpels um einen Kneipentisch herum sitzen sieht, ungefähr so, wie ich mit meinen Fußballfreunden mittwochs um einen Kneipentisch herum sitze, und in dem besagter Bobic mit besagten Kumpels, just wie besagter Kamke mit besagten Fußballfreunden, willkürlich ein paar Trainernamen in die Runde wirft. Irgendwann zieht dann ein besonders gut vorbereiteter Mitstreiter ein Mobiltelefon mit Transfermarkt-App aus der Tasche, um dem Ganzen das nötige Maß an Seriosität zu verleihen. Bis letztlich Erich Ribbeck aus dem Sack gezogen wird. Oder, was weiß ich, Trond Sollied, der hier schließlich mal ein ganz heißes Eisen war.

Team Schneider.

Ach, auf eines möchte ich doch noch hinweisen: wann immer ich den HSV in dieser Saison live sah, siegte die Heimmannschaft überzeugend. Am 22. März ist es wieder so weit.
Im Neckarstadion.

Aßet Ihr?

13. Dezember 2013

Vor einer ganzen Reihe von Jahren heiratete eine Freundin einen Italiener. Ziemlich weit aus dem Süden. Ziemlich weit im Süden. Ich durfte vor Ort dabei sein und könnte gewiss sehr lange und nicht minder fasziniert über Speisenfolgen reden, über Traditionen und eine schöne Brautprozession, so man sie so nennt, über einen wunderbaren Urlaub mit Familienanschluss, über ’Ndrangheta, Gastfreundlichkeit und die Freundlichkeit der Gäste, was nun wahrlich zwei verschiedene Paar Stiefel sind, aber ich sollte das besser nicht tun. Aus Zeitgründen, sag ich mal.

Das Ganze spielte sich in einer eher ländlichen Gegend ab, wobei “eher ländlich” als Euphemismus durchgehen dürfte, was wiederum die Frage nach meiner Einstellung zu ländlichen Räumen aufwirft, die meiner Wortwahl zum Trotz eine sehr positive ist. Die Eltern sind freundliche Leute, denen man nicht zu nahe tritt, ganz im Gegenteil, wenn man ihnen eine gewisse Bodenständigkeit und eine starke Bindung an die Scholle nachsagt, und auch die Rede von den “einfachen Leuten” dürften sie, so meine persönliche Wahrnehmung, nicht negativ auffassen, vielleicht im Gegenteil.

Es kostete sie dann auch eine gewisse Überwindung, und viel Zeit, den seit vielen Jahren im Ausland ansässigen Sohn, die Schwiegertochter und schließlich auch die Enkelin einmal an deren Lebensmittelpunkt im Süden Deutschlands zu besuchen. Geld kostete es auch, Eurolines oder ein Wettbewerber wusste Abhilfe. Natürlich sollte sich eine solche Reise auch lohnen, also stellte man sich, schweren Herzens, auf eine etwas längere Abwesenheit in der Größenordnung von vier Wochen ein. Dass diese Planung eingedenk einer überschaubar großen Wohnung möglicherweise keine ideale war, mag man sich denken, ist aber an dieser Stelle nur mittelbar, zur Einordnung der Gemengelage, von Interesse.

Als zentrale Herausforderung stellte sich bereits vor der Abreise aus Kalabrien die Verpflegungsfrage dar. Nahrung für vier Wochen, angefangen bei Obst und Gemüse über den Sugo bin hin zu heimischen Weinen und Salvatore, dem sauber portionierten ehemaligen Hausschwein, lässt sich in einem handelsüblichen Reisebus nur unter gewissen Schwierigkeiten transportieren, doch man fand Lösungen.

Die Szenerie dürfte klar sein. Es liegt mir fern, nein, es liegt mir gar nicht, jetzt “Maria, ihm schmeckt’s nicht”, von dem ich nur die ersten sehr wenigen Seiten las, aufzugreifen oder schlecht zu kopieren. Ich will noch nicht einmal die dem ganzen Tun möglicherweise innewohnende Unhöflichkeit den Gastgebern gegenüber, die Geringschätzung einer fremden, unbekannten Küche oder auch nur das Bestreben, sich andernorts weder zur Last zu machen noch, das dortige Essen missbilligend, ungehobelt zu wirken, anprangern.

Wie gesagt: einfache Leute, die sich nichts Böses dabei dachten. Was ich ihnen damals noch unterschwellig zum Vorwurf machte, so glaube ich, im Lauf der Zeit aber zunehmend zu ihren Gunsten auslegte. Ich mag sie. Mein eher durchwachsenes Italienisch ist noch heute von einzelnen aus der Zeit gefallenen, mitunter kalabresischen Ausdrücken der Signora durchdrungen. “Mangiasti?”, aßest Du?, war die am häufigsten gehörte Formel, die Antwort hatte keinen Einfluss auf den Fortgang der Geschichte. Klischee erfüllt, und vermutlich habe ich mich jetzt doch Jan Weiler angenähert. Während Mangiasti? bei Familie Kamke noch heute als geflügeltes Wort daherkommt.

Dass ich gerade heute daran denke, mag zu einem kleinen Teil daran liegen, dass ich das ohnehin häufige tue. Geflügeltes Wort, ich sagte es schon. Und ne schöne Erinnerung. Es liegt überhaupt nicht daran, auch wenn das ein sehr guter Grund wäre, dass ich in den letzten Tagen mit großer Freude begonnen habe, bei La Zia Tedesca mitzulesen, die so wunderbar herzlich von ihren italienischen Erlebnissen erzählt und dabei das Essen in einer Art und Weise zelebriert, die auch Camilleris Montalbano zur Ehre gereichen würde. Nur anders.

Tatsächlich kam der Anstoß aus einer ganz anderen Ecke, wie sich die geneigte Leserin bereits gedacht haben mag. Genau, aus dem Campo Bahia. Der deutschen Enklave im brasilianischen Bundesstaat Bahia, die mich, auch wenn die obigen Ausführungen diese These nicht zwingend stützen mögen, ein bisschen sprachlos gemacht haben. Mir ist natürlich klar, dass es eine schöne Legende um das ganze Projekt geben wird, dass die infrastrukturelle Förderung einer strukturschwachen Region eben diese Region zu großer Dankbarkeit gegenüber den deutschen Investoren verpflichten wird, und ich will noch nicht einmal behaupten, dass dieser Dank auf lange Sicht ungerechtfertigt sei, vielleicht macht man ja wirklich etwas Vernünftiges daraus.

Für den Moment möchte ich den DFB-Verantwortlichen, die angeführten sportlichen und klimatischen Erwägungen belächelnd, die professionellen Nuancen belachend, all das (und ein bisschen mehr) vorwerfen, was ich den einfachen Leuten aus Kalabrien nicht unterstellen wollte. Arroganz. Respektlosigkeit. Ignoranz. Großmannssucht. Ok, alter Hut. Unhöflichkeit. Gedankenlosigkeit. Egozentrik. Und manches mehr.