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Nichts hat sich geändert hier!

25. Februar 2014

Als Kind des Bodensees hat man, speziell dann, wenn immobiliäre Eigentumsverhältnisse der Vereinfachung halber außen vor bleiben, per definitionem nah am Wasser gebaut. Ich bin da keine Ausnahme. Gleichzeitig vermute ich, dass die Wassernähe am Samstag im Hamburger Volkspark gar nicht sonderlich groß sein musste, um bei der Verlesung der HSV-Aufstellung (“Mit der [egal welche Nummer]: Hermann …” – “RIEGER!”)  ihrer metaphorischen Bedeutung gerecht zu werden.

Kurz: es war bewegend, und es war tränenreich, auch für einen Nicht-HSV-Fan, dessen Bezug zu Rieger sich darauf beschränkte, dass er, Rieger, ihn, den Nicht-HSVer, also mich, spätestens seit den frühen 80ern irgendwie begleitete, seitdem irgendwann mal irgendwo eine Notiz über den beliebten Bayern in Hamburg zu lesen gewesen war.

Im Lauf der Jahre schien seine Bedeutung, auch aus der Ferne betrachtet, immer weiter zu wachsen, wurde er gar mit dem zweifelhaften Attribut “Kult-” versehen, und erst vor ein paar Wochen frug ich mich, zufallsgetrieben, welche Mitglieder des medizinischen oder auch des sonstigen Betreuungsteams eines Bundesligisten bundesweit derart große Bekanntheit, weithin auch Beliebtheit, erlangt hätten. Abgesehen vom Münchner Arzt, der Rieger in Sachen Bekanntheit überragt, der aber auch außerhalb seines Vereins für den DFB tätig war und ist, fiel mir keiner ein. Na ja, egal.

Die Stimmung war bemerkenswert. Andächtig und sichtlich betroffen legten Hamburger Fans vor dem Spiel Blumen vor Uwes Fuß ab (bestimmt auch andernorts; ich nahm es eben dort wahr), sie zündeten Kerzen an, drapierten Trikots und Fahnen, um Riegers zu gedenken, und nicht wenige Dortmunder gesellten sich zu ihnen, wie auch schon während der Woche immer wieder Fußballfans verschiedenster Couleur per Twitter und sonst wo ihre Anteilnahme und ihre Wertschätzung zum Ausdruck gebracht hatten. Auch das hat mich ein bisschen angefasst, und das Bild, der Begriff von der Fußballfamilie, der so gerne mal in unsäglichen Kontexten bemüht wird, ging mir mehr als einmal durch den Kopf.

Hut ab, Ihr HSV-Fans, das habt Ihr gut gemacht! Ich weiß es zu schätzen, dass ich dabei sein und auch was hochhalten durfte.

Dass ich dabei war, hat zunächst einmal private Gründe, die mich am Wochenende nach Hamburg verschlugen, und ist dann natürlich der lieben Frau @astiae zu verdanken, die mich bedenkenlos neben Herrn @maik216 stehen ließ, einem sehr angenehmen Nebensteher, übrigens, den ich gerne weiterempfehle, und ehrlich gesagt bin ich ganz guter Dinge, das Vertrauen gerechtfertigt zu haben:

Ich stand, wenn auch aus egoistischen, fußballinteressierten Gründen, verlässlich mit auf, wenn die HSV-Fans dazu aufgefordert wurden, setzte mich dann, wider meine Natur, wieder hin, um niemandem die Sicht zu nehmen, und klatschte, wenn ein Tor fiel. Dass dies nur zugunsten des HSV geschah, war meiner sportlichen Zufriedenheit ab-, meinem sonstigen Wohlbefinden möglicherweise zuträglich.

Und so kann sich die Bilanz des HSV in meinem Beisein in dieser Saison leider wahrlich sehen lassen: zwei Spiele, sechs Punkte. 7:0 Tore. Und zwei Freistoßtore von Çalhanoğlu. Und schon vom ersten hatte ich so sehr geschwärmt.

Dabei hatte es am Samstag anfangs gar nicht mal schlecht ausgesehen:

“NICHTS hat sich geändert hier!”

So zumindest  lautete die deutliche Ansage eines Herrn schräg vor mir, die Stimme erregt, das Idiom norddeutsch – hanseatisch, wage ich zu sagen –, als ein Hamburger Spieler einem anderen Hamburger Spieler nicht die notwendige Hilfe zukommen ließ, der Ball den Besitzer wechselte und bereits nahezu zwanzich Minuten gespielt waren. Da war er also schon verpufft, der Neue-Besen-Effekt, und dieser Slomka ist ja auch nur ein Fink mit weniger eng sitzenden Hosen, ein van Marwijk mit Pulli statt Schal, ein Cardoso mit Vertrach, Sie wissen schon.

All das sagte er natürlich nicht, also all das letzte. Das erste schon, und die Ungeduld, die in seiner Stimme lag, die ich, wenn schon nicht als Verzweiflung, so doch als Ausdruck großer Sorge interpretiert hätte, oder vielleicht auch nur als Lust am Nörgeln, wer weiß das schon, sie schien nicht einmal völlig unbegründet: der HSV hatte den Gästen aus Dortmund zunächst das Spiel überlassen, was diese gern annahmen. Ohne allerdings so recht zu wissen, was sie damit anfangen sollten. Offensichtlich hatten sie die rechte Hamburger Abwehrseite als Schwachstelle ausgemacht – ob das dem ursprünglich aufgestellten Dennis Diekmeier oder dem nachgerückten Heiko Westermann geschuldet war, sei dahingestellt –, hatten aber mit Großkreutz und Schmelzer keine linke Seite, die ernsthaft in der Lage gewesen wäre, Taten folgen zu lassen.

Überhaupt, Großkreutz: der soll gefälligst rechts hinten spielen, da brauchen “wir” ihn bei der WM schließlich auch. Denken Sie mal an die Nationalelf, Herr Klopp, Mann!

Ob Aubameyang rechts vorne in der Lage gewesen wäre, Jansen in Verlegenheit zu bringen, wollte der BVB gar nicht erst herausfinden, was, um der Wahrheit die Ehre zu geben, zumindest zum Teil auch am HSV-Mittelfeld gelegen haben mag, das die Antwort lieber auch nicht in Erfahrung bringen wollte und entsprechend beherzt zu Werke ging. Dass Nuri Sahin damit so gar nicht zurechtkam, hätte ich nicht erwartet. Kein Zufall, dass er das entscheidende 2:0 begünstigte, als er im Zweikampf den Kürzeren zog.

Vom titelgebenden Vordermann hörte man dann doch nicht mehr so viel. Hatte sich ja auch einiges geändert. Ob das nun doch noch der besagte Neue-Besen-Effekt war, wird sich zeigen; ich persönlich fühle mich indes leider bestätigt, dass die Entscheidung des HSV für Mirko Slomka (oder war’s andersrum?) dem VfB sehr weh tun könnte. Und damit meine ich nicht, dass Slomka vom Markt ist, auch wenn ich mich mit ihm schon verschiedentlich hätte anfreunden können, sondern vielmehr, dass er einen unmittelbaren Konkurrenten, so meine Überzeugung, aus der Abstiegszone führen wird.

Ob indes der Trainermarkt für den VfB von Belang ist, werden vermutlich die nächsten Tage zeigen. Die Spekulationen schießen schon einmal ins Kraut, neben den perspektivischen Lösungen Rangnick und Tuchel, die gedanklich etwa so fern liegen wie dereinst Daum in Köln, wurde auch schon Holger Stanislawski ins Spiel gebracht, der bei mir seit einigen Jahren unten durch ist, aber das will ja keiner wissen.

Ich selbst bin keineswegs so weit, mir die Ablösung von Thomas Schneider zu wünschen, was jedoch nicht nur mangels Einfluss nichts zu sagen hat, sondern auch, weil ich nur äußerst selten die Ablösung eines Trainers für die beste Lösung halte oder gar, meiner Hybris gehorchend, fordere. Wenn man von den letzten beiden hiesigen Übungsleitern und dem sich daraus ergebenden Trendverdacht absieht. Vom jüngsten Spiel habe ich zudem so gut wie nichts gesehen, genau genommen also von den jüngsten beiden, und so kann ich aus recht widersprüchlichen schriftlichen Medienberichten zum Auftreten der Mannschaft gegen die Hertha nicht ableiten, ob denn nun alles gut wird oder doch eher den Bach hinab geht.

Nun denn, ich lasse es auf mich zukommen. Ein bisschen Sorge bereitet mir allerdings jenes Bild im Kopf, das ich nicht mehr recht loswerde und das Fredi Bobic in gemütlicher Runde mit ein paar Kumpels um einen Kneipentisch herum sitzen sieht, ungefähr so, wie ich mit meinen Fußballfreunden mittwochs um einen Kneipentisch herum sitze, und in dem besagter Bobic mit besagten Kumpels, just wie besagter Kamke mit besagten Fußballfreunden, willkürlich ein paar Trainernamen in die Runde wirft. Irgendwann zieht dann ein besonders gut vorbereiteter Mitstreiter ein Mobiltelefon mit Transfermarkt-App aus der Tasche, um dem Ganzen das nötige Maß an Seriosität zu verleihen. Bis letztlich Erich Ribbeck aus dem Sack gezogen wird. Oder, was weiß ich, Trond Sollied, der hier schließlich mal ein ganz heißes Eisen war.

Team Schneider.

Ach, auf eines möchte ich doch noch hinweisen: wann immer ich den HSV in dieser Saison live sah, siegte die Heimmannschaft überzeugend. Am 22. März ist es wieder so weit.
Im Neckarstadion.

Aßet Ihr?

13. Dezember 2013

Vor einer ganzen Reihe von Jahren heiratete eine Freundin einen Italiener. Ziemlich weit aus dem Süden. Ziemlich weit im Süden. Ich durfte vor Ort dabei sein und könnte gewiss sehr lange und nicht minder fasziniert über Speisenfolgen reden, über Traditionen und eine schöne Brautprozession, so man sie so nennt, über einen wunderbaren Urlaub mit Familienanschluss, über ’Ndrangheta, Gastfreundlichkeit und die Freundlichkeit der Gäste, was nun wahrlich zwei verschiedene Paar Stiefel sind, aber ich sollte das besser nicht tun. Aus Zeitgründen, sag ich mal.

Das Ganze spielte sich in einer eher ländlichen Gegend ab, wobei “eher ländlich” als Euphemismus durchgehen dürfte, was wiederum die Frage nach meiner Einstellung zu ländlichen Räumen aufwirft, die meiner Wortwahl zum Trotz eine sehr positive ist. Die Eltern sind freundliche Leute, denen man nicht zu nahe tritt, ganz im Gegenteil, wenn man ihnen eine gewisse Bodenständigkeit und eine starke Bindung an die Scholle nachsagt, und auch die Rede von den “einfachen Leuten” dürften sie, so meine persönliche Wahrnehmung, nicht negativ auffassen, vielleicht im Gegenteil.

Es kostete sie dann auch eine gewisse Überwindung, und viel Zeit, den seit vielen Jahren im Ausland ansässigen Sohn, die Schwiegertochter und schließlich auch die Enkelin einmal an deren Lebensmittelpunkt im Süden Deutschlands zu besuchen. Geld kostete es auch, Eurolines oder ein Wettbewerber wusste Abhilfe. Natürlich sollte sich eine solche Reise auch lohnen, also stellte man sich, schweren Herzens, auf eine etwas längere Abwesenheit in der Größenordnung von vier Wochen ein. Dass diese Planung eingedenk einer überschaubar großen Wohnung möglicherweise keine ideale war, mag man sich denken, ist aber an dieser Stelle nur mittelbar, zur Einordnung der Gemengelage, von Interesse.

Als zentrale Herausforderung stellte sich bereits vor der Abreise aus Kalabrien die Verpflegungsfrage dar. Nahrung für vier Wochen, angefangen bei Obst und Gemüse über den Sugo bin hin zu heimischen Weinen und Salvatore, dem sauber portionierten ehemaligen Hausschwein, lässt sich in einem handelsüblichen Reisebus nur unter gewissen Schwierigkeiten transportieren, doch man fand Lösungen.

Die Szenerie dürfte klar sein. Es liegt mir fern, nein, es liegt mir gar nicht, jetzt “Maria, ihm schmeckt’s nicht”, von dem ich nur die ersten sehr wenigen Seiten las, aufzugreifen oder schlecht zu kopieren. Ich will noch nicht einmal die dem ganzen Tun möglicherweise innewohnende Unhöflichkeit den Gastgebern gegenüber, die Geringschätzung einer fremden, unbekannten Küche oder auch nur das Bestreben, sich andernorts weder zur Last zu machen noch, das dortige Essen missbilligend, ungehobelt zu wirken, anprangern.

Wie gesagt: einfache Leute, die sich nichts Böses dabei dachten. Was ich ihnen damals noch unterschwellig zum Vorwurf machte, so glaube ich, im Lauf der Zeit aber zunehmend zu ihren Gunsten auslegte. Ich mag sie. Mein eher durchwachsenes Italienisch ist noch heute von einzelnen aus der Zeit gefallenen, mitunter kalabresischen Ausdrücken der Signora durchdrungen. “Mangiasti?”, aßest Du?, war die am häufigsten gehörte Formel, die Antwort hatte keinen Einfluss auf den Fortgang der Geschichte. Klischee erfüllt, und vermutlich habe ich mich jetzt doch Jan Weiler angenähert. Während Mangiasti? bei Familie Kamke noch heute als geflügeltes Wort daherkommt.

Dass ich gerade heute daran denke, mag zu einem kleinen Teil daran liegen, dass ich das ohnehin häufige tue. Geflügeltes Wort, ich sagte es schon. Und ne schöne Erinnerung. Es liegt überhaupt nicht daran, auch wenn das ein sehr guter Grund wäre, dass ich in den letzten Tagen mit großer Freude begonnen habe, bei La Zia Tedesca mitzulesen, die so wunderbar herzlich von ihren italienischen Erlebnissen erzählt und dabei das Essen in einer Art und Weise zelebriert, die auch Camilleris Montalbano zur Ehre gereichen würde. Nur anders.

Tatsächlich kam der Anstoß aus einer ganz anderen Ecke, wie sich die geneigte Leserin bereits gedacht haben mag. Genau, aus dem Campo Bahia. Der deutschen Enklave im brasilianischen Bundesstaat Bahia, die mich, auch wenn die obigen Ausführungen diese These nicht zwingend stützen mögen, ein bisschen sprachlos gemacht haben. Mir ist natürlich klar, dass es eine schöne Legende um das ganze Projekt geben wird, dass die infrastrukturelle Förderung einer strukturschwachen Region eben diese Region zu großer Dankbarkeit gegenüber den deutschen Investoren verpflichten wird, und ich will noch nicht einmal behaupten, dass dieser Dank auf lange Sicht ungerechtfertigt sei, vielleicht macht man ja wirklich etwas Vernünftiges daraus.

Für den Moment möchte ich den DFB-Verantwortlichen, die angeführten sportlichen und klimatischen Erwägungen belächelnd, die professionellen Nuancen belachend, all das (und ein bisschen mehr) vorwerfen, was ich den einfachen Leuten aus Kalabrien nicht unterstellen wollte. Arroganz. Respektlosigkeit. Ignoranz. Großmannssucht. Ok, alter Hut. Unhöflichkeit. Gedankenlosigkeit. Egozentrik. Und manches mehr.

Kindertag und Altherrentour

30. September 2013

Wie wir alle wissen und der Volksmund bestätigt, ist nichts so alt wie die Zeitung von gestern. Möglicherweise darf man heutzutage ergänzen, dass Texte zum vorletzten Spiel, noch dazu in einem elektronischen Medium, wie es zum Beispiel ein Blog darstellt, zumindest ähnlich alt sind, tendenziell eher noch etwas betagter. Vom vorvorletzten gar nicht zu reden.

Aber es hilft ja nichts. Die Textfragmente sind nun mal da, und was erst einmal geschrieben wurde, will letztlich auch veröffentlicht werden. Da trifft es sich ganz gut, wenn der Blogbetreiber, hier: ich, nicht der Aktualität verpflichtet ist und das Ganze als eine Art Reisehintergrundbericht (Arbeitstitel) verkaufen kann. Verschenken, um genau zu sein.

Vielleicht darf ich zuvor noch auf zwei persönliche Auswärtsspiele anderer Art hinzuweisen, deren eines ebenfalls längst von der Realität überholt wurde: das Spiel des VfB II beim SV Wehen Wiesbaden, in dessen Vorfeld ich mein überschaubares Wissen zur aktuellen Situation bei den VfB-Amateuren (sic!) drüben in meinem Lieblingsdrittligablog, dem Stehblog, bloßstellen durfte, liegt bereits hinter uns. 1:1, wie die geneigte Leserin weiß, natürlich ohne die von mir im Stehblog genannten Khedira und Lohkemper, was in beiden Fällen nicht ganz überraschend kam.

Zum anderen beobachtete mich Ermittler Dembowski (vom oberlippenbärtigen Peters gar nicht zu reden) beim Showdown in der Kugelbahn und stellte eines völlig zurecht fest: “Kamke sah gut aus.” Er beobachtete, wie es Ermittler eben so tun, auch noch einiges mehr, was man sich meines Erachtens zu Gemüte führen sollte.

Um diesem Text zwischendurch doch kurz, das propagierte Selbstverständnis ignorierend, einen Hauch von Aktualität zu verleihen, sei auf das Spiel des VfB in Braunschweig hingewiesen, von dem ich allerdings so gut wie gar nichts sehen konnte. Der Liveticker des kicker vermittelte mir indes bereits zur Pause, was ich wissen musste:

“Ein engagierter Auftritt der Eintracht, die zur Pause gegen effiziente Stuttgarter unglücklich zurückliegt.”

Effizient kann man ja so und so sehen. Ich betrachte es in aller Regel als gelungenen Euphemismus. In diesem Sinne hatte ich mir eben das vorgestellt: einen effizienten Sieg gegen die Braunschweiger, denen ich nach eigener Anschauung in Hamburg die Konkurrenzfähigkeit im Grunde abgesprochen hatte. Womit ich gewiss, und durchaus zu meinem Bedauern, nicht alleine dastehe. Wenn nun die Stuttgarter Nachrichten mit “VfB trumpft groß auf” aufmachen, dann, nun ja, ist das möglicherweise Ansichtssache.

Dessen ungeachtet: schön, dass es dann doch noch deutlich wurde, und wunderbar, dass sich Traoré wieder gefangen hat nach, ja, wonach denn? Ist es tatsächlich denkbar, dass sein bitterer Ballverlust, der das Ausscheiden gegen Rijeka quasi besiegelte, ihm so lange zu schaffen machte, ihn hemmte und verunsicherte? Oder machte er eher dem Trainer zu schaffen, der ihm danach die eine oder andere “Denkpause” verschrieb, die hierzustadte erfreulicherweise anders als in Gelsenkirchen nicht gleich “Suspendierung” genannt wird? Wie auch immer: fünftbeste Offensive, hey, hey!!

Dass die Braunschweiger Fans für ihre beeindruckende Anfeuerung bei aussichtslosem Spielstand, vielleicht bereits, auf die Saison bezogen, auf verlorenem Posten stehend, landauf, landab gefeiert werden, ist verständlich und berechtigt. Grundsätzlich. Und doch mutete es, wäre es nicht so traurig und vielmehr begreinens- und protestwürdig, wie ein Treppenwitz an angesichts der schwer zu fassenden vereinspolitischen Groteske, die sich in diesen Tagen abspielt und die die taz, soweit ich die Geschehnisse aus der Ferne beurteilen kann, in der ihr eigenen Art und überraschend gemäßigter Sprache inhaltlich angemessen deutlich kommentiert.

Zurück zum Ausgangspunkt und damit in die aktualitätsfreie Zone: zwei VfB-Spiele live und in Farbe innerhalb weniger Tage. Und vor Ort. Hatte ich auch schon ein Weilchen nicht mehr. Zuerst in der Bundesliga gegen Frankfurt, dann im DFB-Pokal in Freiburg. Und sie waren grundverschieden. Von den Rahmenbedingungen her, meine ich. Sportlich haben sie sich gar nicht so viel geschenkt. Nicht zuletzt traf man in beiden Fällen auf einen Gegner, dessen Fußball mir, wäre ich neutral gewesen, deutlich mehr Spaß bereitet hätte als der des VfB.

Weshalb ich mich erst einmal kurz mit den schönen Seiten befassen will. Mit dem kurzerhand geschaffenen Familienblock gegen Frankfurt. Plötzlich und unerwartet (die älteren LeserInnen werden sich an den Durbridge-Straßenfeger erinnern) befanden sich in unserem Block auf engstem Raum etwa acht Kinder im Vor- oder jungen Grundschulalter, die ihre Papas und in Einzelfällen auch ihre Mamas zum Spiel begleiten durften und dabei den Eindruck einer konzertierten oder gar inszenierten Aktion erwecken konnten.

Womit grundsätzlich eine veronafeldbuscheske (so hieß sie damals noch, als das relevant war) Überleitung zur fanseitigen Inszenierung des 120. VfB-Geburtstages gelungen wäre. Ich kann nur nicht so viel drüber sagen, man hat dann ja doch eher eine Art Schild vor dem Kopf und sieht nicht so viel von der Choreographie, die aber überaus gelungen gewesen sein soll. Quatsch, war! Natürlich habe ich sie mir hinterher auch angesehen. Ich ziehe meinen Hut vor all jenen, die sehr viel Zeit, Mühe und gewiss auch Geld investiert haben. Den Kindern hat es übrigens auch großen Spaß gemacht. Zumindest solange sie die Arme mit hochhalten konnten. Danach durften einzelne Papas, konkret kann ich nur für einen sprechen, quasi Doppelhalter spielen.

Irgendwie taten die Kinder der Atmosphäre gut, der eine oder die andere mag sich etwas länger überlegt haben, ob man die Gäste als “Hurensöhne” feiern solle oder nicht. Die Präferenzen waren allerdings hinreichend klar verteilt, um (vermutlich nicht nur) mir Gelegenheit zu geben, die Nein-mein-Kind-jetzt-nicht-Karte zu ziehen, um eine nicht ganz triviale Begriffsklärung bis auf Weiteres zu verschieben. Schließlich ginge es nicht nur um die Definition an sich, sondern auch um den grundsätzlichen Umstand der Verwendung im Fußballkontext. Im Quasi-Familienblock. Immerhin: die heimische Nachfrage bei anderen Familienmitgliedern scheiterte an der etwas undeutlichen Akustik im Neckarstadion.

So sehr es mir Freude bereitet, immer wieder Kinder im Fanumfeld zu sehen, und so sehr ich es genieße, meinen eigenen Sohn mitunter dabei zu haben, so argwöhnisch sehe ich mir die so sozialisierten Kinder auch immer wieder an. Bloß weil vor einigen Jahren ein Kind bei uns im Block stand, das unter väterlicher Begleitung – die mir persönlich deutlich weiter von bloßer Billigung entfernt zu sein schien als von aktiver Hinführung bis hin zur Anfeuerung – nach Möglichkeit immer ganz vorne dabei war, egal ob es um ein bloßes “die Hände!” ging oder auch um Verunglimpfungen des Gegners. Kann man mögen. Muss man nicht. Ich würde ihn schon gerne mal wieder sehen, einfach der Neugier wegen.

Das Spiel war eher so lala. Der Meistertrainer hatte seine Frankfurter gut eingestellt, bis zu deren Führungstreffer sah der VfB keinen Ball, die Gäste bestimmten – wie schon in der Vorsaison, und wie damals mit einem stets anspielbaren und nie um eine gute Lösung verlegenen Sebastian Rode – die Partie, der Stuttgarter Ausgleich fiel glücklicherweise recht früh und wäre kaum einer Erwähnung wert gewesen, wenn es sich nicht um den Debüttreffer von Timo Werner gehandelt hätte, der das Stadion tatsächlich ein bisschen erbeben ließ.

War Werners eigene Freude bereits explosiv, so vermochten all jene Fans, die wir ihn spätestens seit Saisonbeginn adoptiert, im Grunde aber bereits seit Jahren seinen Weg als vorgezeichnet betrachtet hatten, diesen Ausbruch noch um ein Vielfaches zu steigern. Schon schön.

Ach, und dann war da ja noch diese Elfmetersache. Und die Abseitsstellung, mit der er den Führungstreffer ungültig machte. Und der – selbst großartig erarbeitete – Fehlschuss allein vor dem Tor. Da wäre der Elfer in der Tat ein schönes Happy End gewesen. Tja. Dem Spielverlauf entsprach das 1:1 ganz gut.

Drei Tage später fuhren sechs ältere Herren in drei Zweierreihen gen Freiburg. Bzw. sie wollten es. Gemächlich. Dumm nur, dass einer der sechs in einem beruflichen Termin gefangen war. Und dass dieser Herr, nennen wir ihn der besseren Lesbarkeit wegen Heinz, die Karten hatte. Also vier davon. Dass die anderen beiden noch fehlten, hatte ja im Vorfeld keiner zu wissen brauchen.

Etwa zu der Zeit, als Heinz den Termin rennend verließ, hätte er bereits gut 30 Minuten weiter südlich auf die anderen treffen sollen. Er verschickte ein paar zerknirschte Kurznachrichten, prüfte die Stau- und erfrug die Ticketsituation, beides eignete sich nicht, eine Besserung der Laune herbeizuführen, und fuhr mangels Alternativen geradewegs in den Feierabendverkehr. Nach wenigen Minuten blieb festzuhalten, dass alles noch viel schlimmer war, zumindest nahm er es so wahr, und er erinnerte sich kurz an Rudi Völlers Tiefpunkt-, ähem, Klimax.

Seine Sorgen erwiesen sich letztlich, wie man im entspannten Rückblick immer leicht sagen kann, als panikartig übertrieben, die Mitfahrer wirkten bei seiner Ankunft noch überraschend gelöst, was zum Teil antrainiert gewesen sein mag, zum Teil auch dem Umstand geschuldet, dass ihnen das Ticketdefizit noch nicht bewusst war, oder sie waren einfach cooler als er. Wie sonst ließe sich erklären, dass sie ihn erst noch einmal losschickten, um etwas zu essen zu holen?

Die Fahrt war erquicklich, die Kühltasche gefüllt, die von einem Mitspieler in Aussicht gestellte einstündige Baustellenverzögerung erwies sich als Schimäre (Bingo!), die Parkplatzsuche in Freiburg gelang. Blieb die Ticketfrage. Der großartige Herr @zugzwang74, Freiburger Vereinsmitglied, hatte sich um zwei Karten für den Feind (er selbst würde gewiss nicht so formulieren, was zu besagter Großartigkeit beiträgt) verdient gemacht und diese sogar, gegen seine eigene Überzeugung, an die Grenze zum Gästebereich platziert (er selbst war leider verhindert). Dumm nur, dass sein Verein nicht lieferte.

Wir haben alle schon unsere Erfahrungen mit der Post und ihren privaten Wettbewerbern gemacht. Auch negative. Und doch halten wir es, hatte es auch Heinz für unvorstellbar gehalten, dass zwei Karten, die der SC Freiburg an einem Dienstag in Rechnung stellte, dass also ein vermeintlicher Standardbrief nicht bis zum Mittwoch der Folgewoche in Stuttgart zugestellt würde. Tja. War aber so.

Und was Heinz vor allem nicht für möglich hielt: dass die schriftliche Beschwerde eines Vereinsmitglieds (über die vorausgegangene fernmündliche wollen wir nicht weiter reden), die am Vorabend des Spiels mit einem “EILT”-Vermerk und zahlreichen Ausrufezeichen im Betreff an mehrere Empfänger bei besagtem Verein gesandt wurde, bis zur Mittagszeit keinerlei Reaktion hervorrufen würde. Er hielt das, und an der Stelle schließe ich mich ihm gerne an, bin gar geneigt, mit ihm zu einer Person zu verschmelzen, für hochgradig unprofessionell und die eigenen Mitglieder nur so halb ernst nehmend.

Naja, vielleicht übertreibe ich ein wenig. Zum einen, weil vor Ort dann ja alles ganz gut klappte. Wir kamen recht knapp an, doch am dann doch noch per Mail angekündigten Ort, wo wir Ersatztickets bekommen sollten, hielt sich der Andrang in Grenzen, sodass auch der Umstand, dass wir nicht in der Kartei der Nachlöser erfasst waren, keine weiteren Probleme bereitete. Falls übrigens jemand neuwertige Karten für das DFB-Pokalspiel Freiburg-Stuttgart brauchen sollte: ich hätte einen bestens erhaltenen Satz im Angebot, sie kamen am Tag nach dem Spiel hier an.

Zum Spiel gibt es aus meiner Sicht nicht allzu viel zu sagen. Hätte es vielleicht gegeben, wenn Bruno Labbadia noch Trainer wäre. Dann hätte ich mich vermutlich über die Aufstellung gewundert. Nein, nicht gewundert – geärgert. Darüber, dass man es tatsächlich mit einem 4-4-2 versucht und die Frage, wer dann für ein Mindestmaß an Kreativität im Offensivspiel sorgen soll, getrost dem lieben Gott überlässt.

Insbesondere dann, wenn Christian Gentner en vogue sein und einen herauskippenden Sechser geben soll. Was ja grundsätzlich keine dumme Idee ist, wenn man spielstarke Aufbauspieler in der Innenverteidigung oder auch auf den offensiven Außenpositionen hat. Tja. Wenn. Beim VfB entsteht indes ein Vakuum in der Spielfeldmitte, das sich dann gerne mal mit langen Bällen überwinden lässt. So diese langen Bälle ankommen und behauptet werden können. Was am Mittwoch selten der Fall war.

Wäre Labbadia noch hier, hätte ich wohl auch lautstark gewettert, was denn Konstantin Rausch auch nach der Pause noch auf dem Platz wolle? Schließlich war nicht davon auszugehen, dass Freiburg auch in der zweiten Hälfte darauf verzichten würde, das nächste halbe Dutzend an Situationen ungenutzt verstreichen zu lassen, in denen man völlig unbehelligt über rechts in den Strafraum eindringen und mehr oder weniger überlegt zur Mitte passen darf. So schnell kann’s gehen, dass man doch eher rasch versteht, weshalb das vermeintlich personifizierte Sicherheitsrisiko Boka zuletzt stets spielen durfte: er ist nur die Zweitbesetzung. Das weniger gravierende Risiko, wenn man so will.

Möglicherweise hätte ich auch über Abdellaoue geschimpft, der auch auf dem Platz gewesen sein soll, und darüber, dass Labbadia nicht so recht wisse, was er mit ihm anfangen soll, wieso bzw. unter welchen Vorzeichen er ihn überhaupt geholt habe. Und unter Umständen hätte ich auch noch darauf hingewiesen, dass der Druck, der über die Außenpositionen ausgeübt wird, nach wie vor nur bei Verwendung sehr empfindlicher Geräte in die Randgebiete des messbaren Bereiches gelangt. Obwohl sich dort Spieler tummeln, die das könnten oder auch schon mal konnten.

Labbadia ist aber weg, Schneider noch nicht lange da, und so fasle ich ein bisschen was von einer Hypothek, die der alte Trainer im Zusammenspiel mit der alten Vereinsführung hinterlassen habe, um mich dann auf die Feststellung zu beschränken, dass das Kommunikationsverhalten der Trainer rund um das Pokalspiel verbesserungswürdig war.

Was ich von der Vokabel “Hass” auf und neben dem Fußballplatz halte, habe ich bei der einen oder anderen Gelegenheit zum Ausdruck gebracht, was ich von verweigerten Handschlägen halte, dürfte sich von selbst verstehen, und die Beteuerung, dass jemand Entschuldigungen immer annehme, verleiht dem Einzelfall eine gewisse Beliebigkeit. Tatsächlich ganz amüsant fand ich indes die Unfairness-Anekdote und hoffe inständig, dass nicht sie den Auslöser für die nachfolgenden diplomatischen Verwicklungen darstellte.

Was mir imponierte: wie Christian Streich seine Mannen in der 88. Minute bei eigener Führung und eigenem Einwurf zur Eile antrieb, weil sich möglicherweise eine Lücke im Stuttgarter Deckungsverbund aufgetan hatte. Und wie die Mannschaft sich daran hielt.

Gefühlt, wie man so schön oft sagt, spielten sie einander den Ball just in jener Szene weit in der gegnerischen Hälfte so oft und so schnell und mit so viel Zug zu, wie es dem VfB im ganzen Spiel nicht am Stück gelungen sein dürfte, außer vielleicht von Schwaab zu Rüdiger zu Sakai zu Rüdiger zu Schwaab zu Rausch zu (beliebiger Freiburger Spieler) zu (hoffentlich) Kvist zu Schwaab zu Rüdiger zu Sakai zu Ballvertändler Harnik zu (beliebiger Freiburger Spieler) zu Balleroberer Harnik zu Sakai zu Rüdiger zu …  ach, Verzeihung. Meist war da aber längst der lange Ball gekommen.

Die Heimfahrt war ein bisschen anstrengend. Frustrierend, möchte man sagen. Aber in angenehmer Gesellschaft. Und mit Überlegungen zur nächsten Fußballfahrt älterer Herren.

Ein mörderisches Wochenende

24. Juni 2013

Wir waren ein bisschen ratlos gewesen, damals. Irgendwann um die Jahrtausendwende, um dann doch nicht so genau zu sein. Zumindest sagte das seine damalige Freundin. (Und heutige Frau, um all jene zu warnen, die Gefahr laufen könnten, Charles nachzueifern, Sie wissen schon, bei der ersten von vier Hochzeiten.)

Doch sie lag falsch. Tatsächlich wussten wir sehr genau, was wir taten. Ihr Typ feierte gerade seinen 30. Geburtstag, und gemeinsam mit meinem ziemlich besten Freund hatte ich mir lange Zeit Gedanken gemacht, was man wohl einem anderen ziemlich besten Freund schenke, der dieses aus meiner damaligen Sicht biblische Alter erreichte. Als wir endlich zu einem Entschluss gekommen waren, hatte sich herausgestellt, dass die Drogeriemärkte unseres Vertrauens ihre Bestände an Faltencremes und anderen altersgerechten Produkten allesamt aufgebraucht hatten. Ein neues, möglichst noch kreativeres Präsent, so ein solches überhaupt denkbar wäre, musste gefunden werden.

Und so entschieden wir uns in einem Augenblick früher Weisheit dafür, ihm Zeit zu schenken. Gemeinsame Zeit. Qualitätszeit, wie mein Mitschenker damals oft und gerne sagte, auch wenn er sich dabei in aller Regel auf Momente trauter Zweisamkeit bezog. Wir hatten beschlossen, mit dem dritten Mann zu verreisen. Und ihm nicht zu sagen, wohin es gehen sollte. Was dann eben dazu führte, dass seine Freundin unsere bloße Aufforderung, er möge sich ein bestimmtes Wochenende frei halten (was zu jener Zeit ohne wochenlange Kalenderkonsultation möglich war), als Eingeständnis eines noch gar nicht näher bestimmten Geschenks interpretierte. Papperlapapp! Natürlich hatte die Planung komplett gestanden. Also so ungefähr, zumindest.

Wie auch immer: wir verbrachten ein großartiges Wochenende in Madrid (ich kannte mich dort ein bisschen aus), und es war gar gelungen, ihn am Flughafen nicht nur durch das Check-in-Prozedere, sondern bis in den Zubringerbus zu schleusen, ohne dass er das Ziel ausfindig gemacht hätte. Nicht wichtig? Mag sein, auf den ersten Blick; letztlich war es aber gerade diese Heimlichtuerei, war es das Bemühen um falsche Fährten, um geschickt ausgelegte Köder, um die ultimative Täuschung, das sich sehr rasch zu einem integralen Bestandteil unserer Geburtstagswochenenden entwickeln sollte – und bis heute ist.

Alle 5 Jahre erwischt es jeden von uns dreien einmal, im Schnitt also alle 1,67 Jahre, wie die mathematisch Begabteren unter uns festzustellen pflegen, oder, wie man in unserem engeren Umfeld gerne mal sagt: einmal im Jahr halt.

Die Wochenenden entwickelten sich im Lauf der Jahre vielfältig. Mal waren sie etwas mondäner, häufig bodenständig; in der Regel wurden sie mit sportlichen oder der zwischenzeitlichen Demütigung des Beschenkten gewidmeten, mitunter auch in der Schnittmenge besagter Ausprägungen angesiedelten Aktivitäten angereichert, die hier auszuführen aktuell den Rahmen sprengen würde, deren sukzessive Darstellung im Blog allerdings seit Jahren latent im Raum steht und nunmehr erstmals als Drohung ausgesprochen wurde.

Vor wenigen Tagen war es wieder so weit. Einer der beiden, nennen wir ihn der Einfachheit halber Travolta, hatte vor einigen Wochen Geburtstag gefeiert, und nun stand sein Wochenende an.

Vermutlich ist es nicht gänzlich unfair, zu behaupten, dass sich Travolta ein wenig weiter von seiner körperlichen Topform entfernt hat als mein anderer Freund, den wir fortan Luigi nennen wollen, und – gerade noch – ich selbst. Was ihn zu regelmäßig wiederkehrenden Appellen – er würde es wohl vorziehen, von subtilen Andeutungen zu reden, wohingegen ich meine, stets einen Hauch von Verzweiflung in seiner bettelnden Stimme zu hören – veranlasst, fürderhin die sportliche Komponente etwas in den Hintergrund zu rücken, zugunsten einer stärker Wellness-orientierten Ausgestaltung.

Es dürfte nicht allzu sehr überraschen, dass wir folglich nicht umhin konnten, ihn zu einem “Mörder-Sportwochenende” einzuladen, was per se insofern ein Novum war, als im Regelfall offiziell nur Daten angekündigt werden, die erst in den Tagen vor dem Termin (wenn man also allmählich darüber nachdenkt, wo es hingehen soll) um ein paar Hinweise zur benötigten Ausstattung ergänzt werden. Die naturgemäß in die Irre führen sollen und es gelegentlich auch tun.

Falls jemand das Vergnügen hatte, seinen Deutschunterricht in den Achtzigern mit “Verstehen und Gestalten” zu bestreiten, so erinnert sie sich möglicherweise an die Bildergeschichte mit dem Torwart und dem Elfmeterschützen. Sie wissen schon (sinngemäß): Er denkt, ich denke, er denke, wie immer: rechte Ecke, also schießt er links.

Ein vergleichbares Dilemma ergab sich angesichts des angekündigten Sportwochenendes: sollte Travolta der fotografisch untermalten Einladung, die einige Impressionen von Trendsportarten wie Skispringen, Boxen oder Swamp Soccer enthielt, Bedeutung beimessen? Und wenn ja: wie viel? Oder vielleicht doch gar keine?

Genug des Drumrums. Der eine oder die andere wird per Twitter mitbekommen haben, dass wir tatsächlich ein intensives Sportwochenende hinter uns brachten, wenn auch nur als Konsumenten vor Ort – was wiederum Travolta erst nach dem allerletzten Programmpunkt mit Gewissheit sagen konnte, so viel Ungewissheit musste dann, bei aller Gnade, doch sein.

Das soll’s nun aber gewesen sein mit den Schilderungen und Hinweisen, wie lustig die Nebengeschichte mit Unsicherheit, latenten Sportdrohungen und Heimlichkeitsgedöns doch gewesen sei. Weitestgehend, zumindest. Kann ja kein Außenstehender nachvollziehen, diese Rumeierei. Zurück zum Spocht.

Freitags um 19 Uhr war Anpfiff in der Baseball-Bundesliga. Gibt es beim Baseball einen Anpfiff? Eher nicht, ne? Wir kamen ein bisschen zu spät, insofern ist meine Unwissenheit durch Abwesenheit gedeckt, aber während des Spiels sollte es ja Hinweise dazu gegeben haben, ob irgendjemand auf diesem Spielfeld oder an dessen Rand eine Pfeife bei sich trug. Allein: ich weiß es nicht. War vermutlich zu sehr damit beschäftigt, die Anzeigetafel zu entschlüsseln, und als das rudimentär geglückt war, konzentrierte ich mich auf das Ratespiel, ob ein Wurf nun Strike oder Ball gewesen sei – sofern ich die Fachterminologie richtig gedeutet habe. Meine durchschnittliche Quote lag im Bereich von “Willkür”.

So richtig zog uns das Ganze nicht in seinen Bann, was sicherlich zum Teil an der mangelnden Vorbereitung lag. Zum Teil aber, so mein Eindruck, könnte es auch daran gelegen haben, dass der Anteil der nicht geschlagenen oder nicht getroffenen Bälle für den Geschmack von Leuten, die eine gewisse Affinität zu Rückschlagsportarten haben, deutlich zu hoch war. Was die Frage aufwarf, ob diese geringe Schlag- bzw. Trefferquote sportartimmanent ist oder doch eher am hiesigen Spielniveau liegt. Die angebotenen Burger trösteten nur bedingt über Enttäuschung und Ungewissheit hinweg.

Gleichwohl schafften es die Mannschaften aus Mainz und Mannheim (wie verbreitet ist in der Baseballszene eigentlich der Begriff Derby?), uns zum Ende hin sehr wohl zu stärkerer Anteilnahme zu bewegen. Nachdem die Gastgeber lange Zeit deutlich geführt hatten, gelang den Monnemern im letzten Inning dessen, was ich als Fußballsozialisierter wohl als die reguläre Spielzeit bezeichnen würde, etwas überraschend doch noch der Ausgleich. Das letzte halbe Inning hatte es dann in sich: die Trefferquote war mittlerweile ansehnlich, und doch wollte den Mainzern der siegbringende Run zunächst nicht gelingen.

Dass es schließlich der letzte Batter war, der doch noch den Sieg brachte, ist zunächst, so ich die Regeln in Grundzügen korrekt verstanden habe, etwa so überraschend, wie wenn beim Fußball der Schütze des Golden Goals letztlich auch das Spiel entscheidet, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich hatte aber den Eindruck, ohne genau mitgezählt zu haben, dass – um im Bild zu bleiben – dieses Golden Goal ungefähr in der 119. Minute gefallen war, und zwar, weil der Torhüter einen Ball durch die Hand kugeln ließ. Aber ich habe keine Ahnung vom Torwartspiel.

Den weiteren Abend verbrachten wir in Wiesbaden, und wenn ich es versäumt hatte, vor Ort ansässige Twittergrößinnen und -größen vorab zu kontaktieren, so lag es nicht zuletzt daran, dass ich mir dessen gar nicht so recht bewusst gewesen war. Selbst die Fahrt zum (immerhin: nicht von mir gebuchten) Hotel zog sich ein wenig in die Länge, weil das Navigationssystem schlichtweg nicht in der Lage war, meine Angabe dahingehend zu interpretieren, dass ich nicht, wie eingegeben, die XY-Straße in Mainz gemeint hatte, sondern jene gleichen Namens in Wiesbaden.

Der Samstag begann recht früh. Ist unter uns Dressurreitern gang und gäbe. Um 7 ging’s los, in Bierstadt, und wiederum verpassten wir den Anpfiff. Zudem gab es keine Anzeigetafel, anhand derer wir Rückschlüsse auf das Regelwerk hätten ziehen können. Stattdessen beschränkten wir uns auf den einen oder anderen ebenso fachkundigen wie, zugegeben, völlig kontextunabhängigen und zart gehauchten Kommentar (“Was für eine Piaffe!”, “Sehr sauber, diese Traversale”, oder was uns die Herren Isenbart et al sonst halt so nahe gebracht hatten) und bemühten uns, über die fehlenden Reiterstiefel hinaus nicht weiter negativ aufzufallen.

Letztlich scheiterten aber sämtliche Bemühungen, uns in das Milieu einzufühlen, an dem Umstand, dass kein Ball im Spiel war – der Aufbruch war demnach ein baldiger, wenn auch, logisch, in erster Linie dem engen Zeitplan geschuldeter. Travolta war ein bisschen glücklich, dass er den auf unser Geheiß hin zuvor nicht im Auto zurückgelassenen, sondern mit zur Anlage gebrachten Skihelm nicht zum Einsatz zu bringen gezwungen worden war.

Nachdem wir den Ausflug in die Reitszene überstanden hatten, ohne uns allzu sehr zum Affen oder gar zum Feindbild gemacht zu haben – unsere gedämpft geführte Unterhaltung war ohne abschätzige Blicke oder gar Murren geduldet worden, und auch die zwar dezente, aber doch augenscheinlich irgendeinem Exotikfaktor geschuldete Fotografiererei blieb unkommentiert –, wartete nun ein weiteres, vielleicht noch (?) konservativeres Umfeld auf uns, das die diesbezüglichen Erwartungen dann auch erfüllen sollte.

Der Anpfiff war für 10 Uhr vorgesehen, natürlich kamen wir zu spät, und unsere Ankunft wurde registriert. Aus heutiger Perspektive kann ich leider nicht mit Gewissheit sagen, ob auch die Sportlerinnen und Sportler ihr Treiben unterbrachen, um unseren zögerlich beschrittenen Weg vom Eingang bis in die Nähe des Spielfeldes mit wachem Blick zu begleiten; die offensichtlich Verantwortlichen ließen ihre Augen indes nicht von uns. Falls sich jemand an Greiders Ankunft im finsteren Tal erinnert: genau so.

Unser Zögern wurde dann in der Tat bemerkt, wenn auch nicht auf die eigene Waswollendiedennhierhaltung bezogen, sondern vermutlich auf eine grundsätzliche (erhoffte?) Unsicherheit der Neuankömmlinge zurückgeführt. Ein leicht bärtiger Herr, den ich rasch als den Wortführer der Brenner-Buben ausgemacht hatte, trat uns entgegen und frug in geübter Freundlichkeit, ob man uns denn wohl helfen könne.

Die Antwort, dass wir gerne ein bisschen zuschauen würden, hatte nicht die erwartete Frage nach Ausweispapieren zur Folge, und da die Tribüne sowohl gähnend leer als auch von unserer Position aus einzusehen war, kam auch kein Hinweis auf ein ausverkauftes Haus in Frage. Also durften wir mit den rasch erworbenen Getränken (schließlich wollten wir guten Willen demonstrieren) Platz nehmen und konzentrierten uns auf den Sport.

Gleichzeitig galt es, den eigenen Dokumentationsansprüchen gerecht zu werden, sodass wir uns – und gewiss auch, zum Teil, die Akteure – auf zwei oder drei Schnappschüssen festhielten. Wenige Sekunden später stand Brenner vor uns: “Darf ich fragen, was Sie da tun? Wieso machen Sie Fotos? Wenn ich spielen würde, wäre mir das nicht recht.” Oder so ähnlich. Auch ein Anpfiff.

Ich kann nicht beurteilen, ob er Sorge um die Privatsphäre der Sportlerinnen und Sportler hatte. Ob wir aus seiner Sicht Presseakkreditierungen gebraucht hätten. Ob die Sponsoren ein striktes Regiment führen. Ob man einfach einen Vorwand suchte, um uns wieder loszuwerden. Wie auch immer: es gelang. Wir zogen rasch wieder ab, hatten nicht einmal unsere Fantas leergetrunken. Hätte man natürlich auch vorher ahnen können, dass es nicht so einfach sein würde, mal eben so mir nichts, dir nichts in die Beachvolleyballszene einzutauchen.

Vielleicht lag es ja auch nur an den schlechten Erfahrungen, die man mit mittelalten Spannern gemacht hat, die Spaß daran haben, über Bekleidungsquadratzentimeterbeschränkungen zu witzeln und die nebenher ein paar schicke Fotos schießen und teilen. Oder so. Was allerdings – ganz davon abgesehen, dass die Bekleidung der SpielerInnen tendenziell nach Freizeitsport aussah – bei einem offiziellen Ranglistenturnier irgendwie seltsam anmuten würde.

Egal. Gingen wir halt nach nebenan, zu den Leichtathletik-Vereinsmeisterschaften, wo sich gerade ein paar ungefähr Sechsjährige beim Schlagballweitwurf maßen. Und wir bleiben durften. Wenn auch nicht so lange wollten.

Dabei hatte ich mich auf Oestrich-Winkel gefreut. Ich weiß nicht einmal recht, wieso mir der Ortsname ein Begriff ist, aber vielleicht kennt die gemeine Leserin ja auch dieses Gefühl wohliger Wärme, das sich in einem ausbreitet, wenn man einen Ort besucht, den man zwar noch nie bereist hatte, der einem aber, aus welchen Gründen auch immer, eine große Vertrautheit vermittelt.

Häufig entstammt diese Nähe übrigens den Staumeldungen im Radiodienst, wie ich jüngst wieder einmal feststellen durfte, als ich von Odelzhausen in Richtung Adelzhausen fuhr. Alternativ: Karlsruhe-Rüppurr-Ettlingen (Bitte fragen Sie nicht nach der Interpunktion, ich bin ahnungslos). Öhm, Verzeihung. Zurück zum Sport.

Next stop: Moret-Triathlon. Der von vornherein die Alternative zum Beachvolleyball gewesen war, letztlich aber in der Planung der vermeintlich größeren und, nun ja, spaßigeren Aktivität der Strandsportart hatte weichen müssen. Tja. Die kurzfristige Planänderung ließ sich zwar realisieren; die Athleten waren jedoch mit dem Rad unterwegs, und am Fahrerlager tat sich so wenig, dass noch nicht einmal die Bratwürste fertig waren. Womit wir zugeben müssen, diesen Ground, genau wie beim Schlagballweitwurf, nur als halbgehoppt abhaken zu können.

Das sollte beim nächsten Ereignis anders werden: Handball. Länderspiel. Sogar ein Qualifikationsspiel. Dumm nur, dass die deutsche Mannschaft unter der Woche in Montenegro verloren und es nun nicht mehr selbst in der Hand hatte, sich für die EM zu qualifizieren. Die Partie fand in Aschaffenburg statt, in der Heimstatt des TV Großwallstadt, dessen sportliche Situation an dieser Stelle nicht weiter thematisiert zu werden braucht. Weil allerdings für das DHB-Team nach wie vor die Chance zur Qualifikation bestand, hatte sich der Bayerische Rundfunk zu einer Live-Übertragung entschlossen, sodass die Partie vorverlegt wurde und wir uns fünf Minuten vor dem Anpfiff noch im hinteren Bereich einer etwa 30 Meter langen Schlage tummelten.

Was für Travolta in diesem Moment bestenfalls sekundär war. Zwar war es ihm anhand der Farben und Trikots zahlreicher Menschen um uns herum bereits gelungen, als nächstes Ereignis ein Länderspiel auszumachen; doch erst durch intensive Bemühungen und unauffälliges Auf-die-Tickets-anderer-Menschen-Gucken konnte er kurz vor Betreten der Halle auch die Sportart identifizieren.

Die Spannung des Spiels speiste sich dann weitgehend aus der Frage, ob Patrick Groetzki seinen früh erworbenen Vorsprung in der Torschützenliste würde bewahren können. Kevin Schmidt und speziell der für Groetzki zur Pause gekommene Johannes Sellin rückten zunehmend näher, und ich persönlich vermute noch immer, dass Groetzki und Sellin eine Wette laufen hatten. Zahlreiche jugendliche Fans (ich möchte die Freikartenfrage nicht stellen) sorgten für Stimmung, wir drei Eventfans stimmten selbstverständlich mit ein, der deutliche Sieg gelang, die Qualifikation nicht.

Bemerkenswert übrigens, wie viele Zuschauer offensichtlich gespannt auf die Durchsage des Stadionsprechers, eines korrekten Herrn mit gelegentlichen emotionalen Einsprengseln, warteten – hatten diese vermutlich handballbegeisterten Menschen ernsthaft davon abgesehen, zwischenzeitlich ihre Telefone zum Ausgang in Tschechien zu befragen?

Nach dieser tiefen Enttäuschung im großen internationalen Sport bedurfte es der Besinnung auf etwas Ursprünglicheres, Echtes, Kleines, Regionales, auf ehrlichen Sport, bei dem nicht alle wissen, dass die eine, bereits qualifizierte Mannschaft ihr letztes und für andere sehr wohl noch relevantes Spiel ohnehin verlieren würde, und entschieden uns überraschend für: Handball. Feldhandball, um genau zu sein, in Birkenau, nicht allzu weit von Heidelberg entfernt.

Ein Turnier, oben auf dem Berg, Jugend und Erwachsene, und alle Erwartungen wurden erfüllt: guter Sport, Jeder-kennt-jeden-Atmosphäre fernab irgendwelcher Beachvolleyballeliten (Verzeihung, möglicherweise tue ich den Brenner-Buben ein bisschen unrecht), selbstgebackener Kuchen, ursprüngliche Urinale, Bratwürste, etwas Exotik durch Gyros, faire Preise, alle paar Minuten gleich vier Anpfiffe, und die freie Auswahl, ob man sich kurz zur Verköstigung auf einer Bierbank niederlässt oder doch lieber wieder dem sportlichen Treiben widmet. Meist taten wir beides. Fühlte sich ein bisschen an wie daheim. Und früher.

Der Samstag war mittlerweile fast vorbei, die Unterkunft in Heidelberg wartete, Travolta war zunehmend von der Sorge gezeichnet, sein 7er Eisen auch an diesem Wochenende nicht zum Einsatz bringen zu dürfen. Und dann: Touristenprogramm. Fotos auf der Brücke (Vorhängeschloss hatten wir keines dabei), Essen in der Steingasse, Urlauberoutfit. Und eine etwas angestaubte, charmante Unterkunft, die vermutlich im Lonely Planet als Geheimtipp gilt. Zu Recht, allein des Frühstücks im Innenhof wegen.

Sonntag. Und Travolta wollte endlich Sport treiben. Wir zogen kurz in Erwägung, ihn doch noch zum Philippsburger Festungslauf anzumelden, entschieden uns dann aber zur Weiterfahrt nach, Sie ahnten es, Karlsruhe-Rüppurr-Ettlingen. Oder eben nicht. Rüppurr und Ettlingen sind nämlich Wettbewerber in der zweiten Bundesliga.

Die Sportart ließen wir zunächst noch offen, und als Travolta bei 30 Grad Celsius nicht nur das Vereinsheim des Skiclubs Ettlingen erblickte, sondern auch noch aufgefordert wurde, sich etwas Bequemes anzuziehen, wurde er dann doch etwas unruhiger, als er zugeben mochte. Die auf der Einladung abgebildeten Skisprunganfänger hatten möglicherweise Wirkung gezeigt.

Also gingen wir zum Ort des Geschehens und, nun ja, sahen den Tennisdamen zu. Travoltas Outfit wirkte ein wenig deplatziert: wer will schon Menschen in Sportkleidung sehen, wenn man als Zuschauer stattdessen auch in schicken Glitzerfummeln oder Segelschuhen brillieren kann?

Das Ganze war sportlich sehr ansprechend, nebenbei konnte man Ranglistenpositionen googeln und verpasste Karrieren nachlesen, sich kurz an die Fitnessdebatten zu Zeiten der Damen Graf und Sánchez-Vicario oder auch Martínez erinnert fühlen. Travolta ließ sich dazu hinreißen, die im Vergleich zu anderen besuchten Ereignissen hohe sportliche Qualität hervorzuheben, die dann ja auch das Zuschauen zum größeren Vergnügen mache, oder so ähnlich.

Also fuhren wir die gut 50 Kilometer nach Kleinglattbach. Zur Relegation. Zwischen dem SC Hohenhaslach und dem TASV Hessigheim, dessen “Traum von der Kreisliga A” weiterleben sollte. Fußball also. Auf höchstem Niveau. Das Beste zum Schluss. Rechtzeitig zum Anpfiff. Und so entspannt. Weder zum einen noch zum anderen Verein bestand irgendeine Bindung, noch nicht einmal die Ortsnamen hatte ich je zuvor gehört.

Doch plötzlich konnten wir mitreden. Fachsimpeln. Mit den Einheimischen ins Gespräch kommen. Über den technisch starken, aber nicht ganz durchtrainierten Zehner der einen und den durchtrainierten, aber technisch nicht ganz so starken Kapitän der anderen debattieren, uns über die Roten aufregen, die es versäumt hatten, das Spiel zu entscheiden, und uns freuen, dass der kreativste Spieler der Weißen (Grauen?) den möglicherweise diskussionswürdigen Elfmeter zum Ausgleich herausholte.

Und uns furchtbar darüber ärgern, dass wir nach Ablauf der regulären Spielzeit von dannen ziehen mussten, ohne die Entscheidung, die dann tatsächlich nicht in der Verlängerung, sondern erst im Elfmeterschießen fallen sollte, miterleben zu können. Blöde Zugverbindungen. Blöder Zeitplan. Blöder altersbedingter Mangel an Flexibilität. Das war schließlich Fußball!

Egal. Schön war’s. Beim nächsten Mal ist Luigi dran. Wird ein Mörderwochenende.

Durchschlagender Lobbyerfolg

13. Juni 2013

Wir hatten gewusst, dass wir das Pokalfinale in Bayern verfolgen würden. In einem halböffentlichen Raum. Wir, das waren mein Sohn und ich. Genauer gesagt: die ganze Familie. Aber nur wir beide hatten uns trikotseitig präpariert. Der junge Mann hatte ein aktuelles Jersey aus der Saison 2012/13 im Reisegepäck, der Sohn hingegen … ok, war einen Versuch wert. Der Vater also war mit Fredi Bobic angereist, auf einem Südmilch-Vifit-Shirt aus dem Pokalsiegesjahr 1997.

Wir hatten ein Outfit, und wir wollten es benutzen. Zumindest war ich lange davon ausgegangen. Am Spieltag selbst reagierte Kamke junior indes recht zurückhaltend, als ich ihn frug, ob wir bereits im Trikot zum Abendessen gehen oder uns doch erst hinterher umziehen sollten. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, sollte ich vielleicht dahingehend korrigieren, dass seine Reaktion keineswegs zurückhaltend war. “Ablehnend” wäre wohl die bessere Vokabel. Er wollte nicht.

Ursachenforschung schien geboten. Ich hatte einen Verdacht, musste aber zunächst mögliche alternative Erklärungen ausschließen. Also frug ich ihn, ob er die Seiten gewechselt habe. Dieses Szenario schien nicht ganz abwegig, hatte er doch beim Hoteltippspiel ein klares 4:1 für die Bayern prognostiziert. Zudem waren nicht wenige seiner Freunde zwischenzeitlich dem Erfolg oder der materiellen Einflussnahme verschiedener Anverwandter gen München gefolgt, herzensmäßig. Ob sein Dementi ein aufrichtiges gewesen oder primär meinem Tonfall geschuldet war, konnte ich zunächst nicht beurteilen war mir zunächst egal, Hauptsache, es kam.

Nach Erreichen des Ruhepulses wiederholte ich die Frage und versäumte dabei auch nicht, ihm glaubhaft zu vermitteln, dass es völlig in Ordnung sei, nein: wäre, die Bayern zu unterstützen, oder meinetwegen auch Dortmund, Hoffenheim oder Düsseldorf. Ist es ja auch. Wie auch immer: er verneinte ebenso glaubhaft und betonte, dass er natürlich weiterhin auf Stuttgarter Seite stehe. Das Trikot wolle er dennoch nicht tragen. Und ich solle auch nicht.

Meine zweite Vermutung lautete, dass er sich nicht exponieren wollte. Möglicherweise Nachfragen, Frotzeleien, letztlich Aufmerksamkeit hervorrufen. Das ist nämlich nicht so seins, eigentlich. Gibt er aber nicht so gerne zu. Sodass er auch hier – natürlich, möchte ich sagen – widersprach, ohne mich zunächst vollends überzeugen zu können.

Im Lauf des weiteren Gesprächs wurde dann aber doch deutlich, dass meine ursprüngliche Vermutung zutraf: meine Frau war schuld. Nein, die Fans. Nein, die Medien. Die Politiker. Die Hysteriker. All jene, die uns seit viel zu langer Zeit, und ganz besonders in der Vorrunde der abgelaufenen Saison, einbläuen wollen, der Fußball habe ein Gewaltproblem. Irgendwann gibt sich der Medienkonsument geschlagen. Selbst meine Frau, die wahrlich nicht zur Hysterie neigt, die gelegentlich ein Fußballstadion von innen sieht und die meine Risikobereitschaft im Hinblick auf Gewalt ganz gut einschätzen kann.

Natürlich hatte sie unserem Sohn nicht gesagt, im Hotel müssten wir um unser Leben fürchten, wenn wir im “Feindesland” die falschen Farben (bildlich gesprochen, Sie wissen schon) trügen. Aber ein paar Tage zuvor, als ich in die verruchte bayerische Landeshauptstadt gereist war, um Blog- und Twittermenschen zu treffen, zwischen den beiden Finals, inmitten der Münchner Euphorie, da hatte sie schon gefragt, ob ich wirklich im Trikot hinfahren wolle. Sie hatte wohl dunkle Ecken in U-Bahnhöfen im Sinn, oder betrunkene Bayernfans, die beim Heimatintermezzo zwischen London und Berlin mit brennenden Bengalos durch die Stadt marodierten, die – natürlich völlig zurecht – um ihr historisches Triple fürchteten und deshalb die eigenen Chancen durch erfolgreiche Faustkämpfe gegen verirrte Stuttgarter Anhänger zu verbessern trachteten. Oder so.

Entschuldigung, das war jetzt unangemessen. Ich nahm das sehr wohl ernst. Zum einen deshalb, weil es meine Frau beschäftigte, und meinen Sohn. Erstere konnte ich überzeugen, dass ihre Bedenken aus meiner Sicht etwas übertrieben waren, letzteren nicht. Also erklärte ich mich bereit, das Trikot erst vor Ort anzuziehen oder es zumindest bis kurz vor dem Ziel unter einer Jacke zu verbergen. Was ich tatsächlich auch tat.

Zum anderen nahm ich es ernst, weil es mir sehr deutlich vor Augen führte, wie erfolgreich die Fußballgewaltlobbyisten gearbeitet hatten. Und in was für einer Blase ich mich online bewege, umgeben von Menschen, die das Ganze besser einzuordnen wissen, so zumindest meine Überzeugung, und die keine Lust haben, sich von den Rainer Wendts, den Lorenz Caffiers und Reinhold Galls sowie all den anderen, wie sagt man, Stakeholdern ein Gewaltproblem einreden oder gar nachsagen zu lassen.

Sie hatten nicht nur in den Köpfen vieler Menschen ein verheerendes und völlig irreführendes Bild von den Zuständen in deutschen Stadien geschaffen, nein, es war ihnen zudem gelungen, meine Familie in Sorge zu versetzen, ich könne mich einer Gefahr für Leib und Leben aussetzen, indem ich mich in einem Trikot des VfB Stuttgart durch München bewege. Ich war, und bin, ernsthaft irritiert.

Mein Sohn räumte dann übrigens ein, dass er diese Gefahr tatsächlich auch auf das bayerische Hotelumfeld projiziert hatte. Ich konnte ihn auch nicht davon abbringen. Nicht einmal, indem ich zahlreiche Hotelgäste einzeln mit ihm durchging und frug, ob er sich denn vorstellen könne, dass der- oder diejenige uns etwas antäte, wenn wir im Trikot erschienen. Was er lachend verneinte.

Aber ohne das freundliche Zutun einer freundlichen Angestellten, die er ein bisschen ins Herz geschlossen hatte (und sie ihn) und die ihn explizit auf das Trikot ansprach, von dem sie doch wisse, dass er es im Zimmer liegen habe, hätten wir das Spiel neutral verfolgen müssen. Was grundsätzlich in Ordnung gewesen wäre. Aber nicht vor diesem Hintergrund.