Unendlicher Spaß

24. Juli 2014

Neulich (tatsächlich ist “neulich” während der stockenden Entstehungsgeschichte dieses Textes zu einem veritablen “vor einiger Zeit” herangewachsen) habe ich den WM-Rückblick von The Football Ramble gehört. Er hieß ein bisschen anders, nicht nur der Sprache wegen, aber es war ein WM-Rückblick. Zum Ende hin ging es um die BBC, die sich wohl gedacht hatte, dass sie, wenn sie schon dieses fußballaffine Publikum vor den Fernsehern sitzen habe, doch gleich Werbung für die neue Premier-League-Saison machen könnte, Match of the Day, Sie wissen schon, Ähnliches galt für Sky. Die Antwort der Podcaster lautete, sinngemäß:

“Respect the mode we’re all still in [...] Give us a break! [...] We love the Premier League, we’re gonna be into it … but just … give us a moment!”

Dem möchte ich nichts entgegensetzen. Noch immer nicht, auch nicht nach einiger Zeit. Im Gegenteil: “Give us a moment!” bringt meine Stimmungslage sehr gut auf den Punkt. Gewiss, der VfB Stuttgart hat noch viele Baustellen im Kader. Andernorts tut sich diesbezüglich sogar einiges. Auch manches, über das man den Kopf schütteln möchte, wie es der vierte Offizielle vehement tut.

Unabhängig davon möchte ich das alles im Moment überhaupt nicht hören. Möchte vielmehr schwelgen und schwärmen, dieser Weltmeisterschaft huldigen, sie als beste aller Zeiten verklären. Allein diese Gruppenphase! Die Niederlande gegen Spanien! Die “kleineren” Südamerikaner! Die Concacaf-Teams (ja, ja, Honduras)! Sie alle haben mich, wie soll ich sagen, geblitzdingst, nein: geflasht.

Geflasht waren auch die jungen Männer beim Fehlpass, Sie wissen schon, jenem (bitte die Stimme kurz etwas anheben) fast (senken) täglichen WM-Podcast von und mit Yalcin Imre (@fehlpass), der während der WM häufig zu unchristlichen Zeiten aufgenommen wurde und doch so viele sinnvolle Gespräche zu Wege gebracht hat.

Diese jungen Männer blickten also begeistert auf die WM zurück und ließen mich kurz schmunzeln, als Herr @GNetzer Wert darauf legte, dem Schwelgen eine sehr deutliche, sehr angemessene Kritik an den nicht sportlichen Aspekten der Weltmeisterschaft in Brasilien voranzustellen, insbesondere mit Blick auf das Gebaren der FIFA, das an kolonialistische Zeiten gemahne. Wie gesagt: ich fand das gut. Besagtes Schmunzeln ließ sich dennoch nicht vermeiden, als nach gut fünf Minuten die “Alibi-fünf-Minuten-Einspieler” im Fernsehen zur Sprache kamen.

Es ist ein Dilemma. Oder, wie ich drüben in der #doppelfuenf zu Turnierbeginn in fünf Zeilen darzulegen versuchte, ein

WM-Paradoxon

Das Geschehen vor Ort: schwer erträglich.
Die FIFA (per se?): rundum kläglich.
Das Gebaren: rigide.
Die Kritik: sehr valide.
Heut geht’s los, und ich freu mich unsäglich!

Wo waren wir? Ach ja, ich schmunzelte. Und distanziere mich auf das Entschiedenste von der Schlussfolgerung, ich stellte die einführenden letztlich siebeneinhalb Fehlpass-Minuten auf eine Stufe mit den Alibis der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung. Aber lustig war’s schon.

Nicht zwingend lustig, aber eine große Freude war indes tatsächlich die – fast – tägliche Fehlpass-[hier bitte ein auf das Hören bezogenes Pendant zu Lektüre einfügen], gerade mit den vielen verschiedenen Gesprächspartnern, und ich stelle gerne fest, dass gerade besagter @GNetzer viel zu selten zu hören ist in diesem meinem Internet. Die Stimme angenehm, der Stil ruhig, die Argumentation schlüssig, der Mann gescheit. Was nicht heißen soll, dass seine Gesprächspartner nicht auch gut gewesen seien.

Klar gab’s noch viele andere Podcasts, und vermutlich komme ich weiter unten auch noch darauf zu sprechen, weil das ganze Zeug, das sich so in meinem Kopf angesammelt hat, letztlich scho au irgendwie raus muss, oder zumindest ein Teil davon, um dann doch wieder Platz für die Bundesliga zu schaffen.

Zuerst aber: der Sport. Ein bisschen. Im Grunde ist ja alles gesagt. Die WM ist durchanalysiert, wir kennen den goldenen Handschuh, den goldenen Schuh, den goldenen Ball, die goldene Mannschaft, vermute ich, und auch das goldene Tor, will sagen: das schönste. Geschossen von James Rodriguez, diesem jungen, aufstrebenden 80-Millionen-Mann, der den Ball so wunderbar auf seiner Brust tanzen ließ und dann an und unter Musleras Latte schmetterte.

Weil wir Fußballfans aber gerne mal zur Distinktion neigen, gelegentlich auch zum Hipstertum, hab ich mich zwar auch für ein Tor jenes jungen Mannes entschieden, aber eben ein anderes; auch nicht jenes, das von der Jury zum drittschönsten Turniertreffer gewählt wurde, noch vor dem titelbringenden, technisch sehr bemerkenswerten von Herrn Götze, das die drei jungen Männer vom Fehlpass irgendwann einmal in einer umjubelten Inszenierung nachzustellen versuchen werden.

Mein höchstpersönliches Lieblingstor, das mir zumindest in der Livebetrachtung ganz außergewöhnlich vorkam, bei der nochmaligen Beschau indes, so ehrlich will ich sein, ein bisschen von seiner ursprünglichen Brillanz eingebüßt hat, weil es doch nur elf kolumbianische Ballkontakte waren, darunter ein eher zufälliger, die letztlich zum Torerfolg führten, war das 2:0 gegen Uruguay.

Sie erinnern sich? Der Angriff über rechts, die Verlagerung, die Räume, die geschaffen wurden, die Flanke auf das lange Fünfereck, die Kopfballablage, der banale Abschluss. Ich weiß nicht, ob es unter Hipstertum fällt, der relativen Geringschätzung schön herausgespielter Tore mit vergleichsweise gewöhnlichem Abschluss etwas überdrüssig zu sein und ihm möglicherweise übertriebene Lobhudeleien entgegensetzen zu wollen; unter Distinktionsbestreben dürfte es gleichwohl abzulegen sein.

Und ja, es gibt natürlich Ausnahmen, ganz herausragende Ausnahmen, Argentinien 2006 zum Beispiel, oder Brasilien 1970 (da war der Abschluss selbst auch nicht so schlecht), und natürlich auch Brasilien 1982, wobei man sich auch dort fragen kann, wieso ein Ranking aller brasilianischen Tore am Ende eine Art Antiklimax erfährt, zumindest aus Sicht einzelner distinguierter Möchtegern-Hipster, indem die vordersten Plätze schnöden Fernschüssen vorbehalten sind.

Ob ich ein Video von Rodriguez’ 2:0 zu bieten habe? Na ja, nicht explizit. Die Zusammenschnitte im Videoportal meiner Wahl räumen dem 1:0 in der Regel so viel Platz bzw. Zeit ein, dass kein Speicherplatz mehr für eine ausführlichere Würdigung des 2:0 (sprich: den kompletten Angriff) übrig bleibt. Immerhin: die ARD-Mediathek hilft bis Ende Januar 2015, ab 03:55.

Genug überhöht. Das Tor, meine ich. Die WM überhöhe ich gerne auch weiterhin. Nenne sie einen unendlichen Spaß, ohne David Foster Wallace’ Buch gelesen zu haben oder das Hamlet-Zitat einordnen zu können, und somit Gefahr laufend, den literarischen Kniff nicht zu erkennen, der dann möglicherweise gegen meinen Willen in meine Bewertung einfließt. Tja. Ich mein’s aber wörtlich, also fast.

Natürlich gab’s Spaßbremsen, und damit versuche ich nicht, einen Alibi-fünf-Minuten-Einspieler zu platzieren – Verzeihung, das klingt vermutlich viel zu flapsig für das wahrlich ernsthaft Thema jener Schere, die sich in Brasilien abseits des Sports so beschissen weit öffnete –, sondern bleibe beim Sport, beim einen oder anderen langweiligen Spiel, beim Schiedsrichter-Dilemma, das ich jüngst kürzlich vor einiger Zeit bereits ansprach, auch bei den brasilianischen Jagdszenen gegen Herrn James.

Und doch: was für eine Freude! Was für eine Gruppenphase! Und was sind die süd- und mittelamerikanischen Mannschaften gerannt, wie haben sie gespielt, sich taktisch geschickt verhalten, ihre Gegner mit zum Teil unerwarteten Aufgaben konfrontiert. Man denke an Chile, das Spanien aufgefressen hat, oder aus der Concacaf Costa Rica, das sich in der Dreiweltmeistergruppe lächelnd an die Spitze gesetzt hat. Wunderbar.

Ja, wissen Sie alles, ich weiß. Und was hatten wir, also Teile von uns, gejammert vor dem Turnier! Kolumbien ohne Falcao? Abgeschrieben. Deutsche Titelchancen ohne Reus? Dahin! Die Niederlande ohne Strootman? Puh. La France ohne Ribéry? Mon Dieu! Von den außen vor Gelassenen oder nicht Qualifizierten gar nicht zu reden. Indes: so richtig schmerzhaft würde es schon nicht werden:

Hicks!

Ein Jammer: die ganzen Absenzen,
abseits aller Flaggen und Grenzen!
Für Verletzte: bescheiden.
Das Turnier? Wird auch leiden –
wie bei Schluckauf und – hicks! – Flatulenzen.

Will sagen: schade für Falcao, um bei einem der genannten Beispiele zu bleiben, ziemlich schade für Kolumbien, aber dem Turnier ist’s letztlich egal.

Natürlich war der unendliche Spaß auch ganz stark mit der deutschen Mannschaft verknüpft, über die nun ja doch ziemlich viel geschrieben wurde, und nicht selten ziemlich Positives. Über Neuer. Über Schweinsteiger und Hummels und Boateng und so weiter. Darüber, dass jenes Halbfinale viele Leben lang in Erinnerung bleiben wird.

Und über Herrn Löw natürlich. Faszinierend, wie viele Menschen sich freuen, dass nun das ständige Gerede über seine Titellosigkeit, um es harmlos auszudrücken, ein Ende hat. Faszinierend zudem und vielmehr, wie viele Menschen demnach tatsächlich schon immer gewusst haben, wie gut er ist. Vielleicht waren also jene fünf Zeilen, die ich vor Turnierbeginn dem einen oder anderen Skeptiker widmete, fernab jeder Realität und irgendeiner realen Person, sondern nur eine böse Fantasie:

Fangedanken: So nicht!

Der Kader: nicht mehr als ein Torso.
Wie stellt sich der Trainer das vor, so?
Kaum Stürmer, so’n Dreck –
der Jogi muss weg!
Im Juli dann: Auto raus, Korso!

 

Schöne Geschichte natürlich auch für Mario Götze. Ich hatte mir im Vorfeld des Finales eigentlich einen spielentscheidenden Özil gewünscht, aber ich nahm auch Götze recht klaglos hin. Auch er soll ja zwischenzeitlich gar nicht mal so gut gelitten gewesen sein, hörte ich. Quatsch. Natürlich habe ich das mitbekommen, und es stimmt ja auch, dass er nicht immer überzeugte, nachdem der Auftakt gegen Portugal durchaus vielversprechend gewesen war.

Was ich aber sagen wollte: mein unendlicher Spaß hatte gewiss auch damit zu tun, dass ich mich meist auf das Wesentliche konzentrierte: die Spiele. Die TV-Vorberichterstattung zu den Partien ging fast komplett an mir vorüber, was unter anderem dazu führte, dass mich die von meinem Sohn kurz vor Anpfiff übermittelte Information, dass Kramer für Khedira auf dem Platz stehe, aus ziemlich heiterem Himmel traf, nachdem eine knappe Stunde zuvor noch eine unveränderte Aufstellung vermeldet worden war.

Auch nach den Spielen zog ich mich meist recht rasch zurück, aber wenn ich doch was sah, dann war dies in aller Regel besser als ich erwartet hatte. Natürlich hat das mit Erwartungen zu tun, vielleicht auch mit einer deutsch-polnischen Ostseeinsel, doch ganz im Ernst: ich hatte mir die Olis schlimmer und die Herren Scholl und Opdenhövel genau so vorgestellt. Schlecht wäre, auf Basis einer überschaubar großen Stichprobe, anders gewesen.

Selbst die Kommentatoren ließen mich weitgehend kalt. Vielleicht waren sie wirklich besser als in früheren Jahren, vielleicht filterte ich schlichtweg effektiver, ich weiß es nicht. Am liebsten hörte ich erwartungsgemäß dem unaufgeregten Oliver Schmidt zu, auch dem sehr unaufgeregten Thomas Wark, der gefühlt seit Jahrzehnten die Back-Office-Spiele auffängt. Eigentlich hatte ich auch auf den vermeintlich unaufgeregten Gerd Gottlob gehofft, doch sein hemmungsloses “Wirzen” bei zumindest einer Partie der deutschen Mannschaft ließ mich diese Hoffnung rasch begraben und in Sorge vor einem weiteren solchen Auftritt umwandeln.

Tom Bartels habe ich nur aus dem Finale in schlechter Erinnerung, und bei Steffen Simon kann ich schlichtweg nicht objektiv sein. Wenn ich es dennoch versuche, komme ich rasch an den Punkt, wo ich mich frage, ob es Erbsenzählerei meinerseits oder ein Mangel an Professionalität seinerseits ist, wenn ich mich darüber aufregen muss, dass er den italienischen Nationaltrainer Prandelli, einen Mann, der nicht nur in der jüngeren deutschen Fußballhistorie tiefe Spuren hinterlassen hat, sondern der auch außerhalb des Feldes eine bemerkenswerte Persönlichkeit darstellt, konsequent Pandrelli nennt. Hab’s mir überlegt: ja, ich zähle Erbsen. Und es ist unprofessionell.

Während also mein TV-Konsum für eine WM überschaubar blieb, was natürlich auch familiären Freuden und Zwängen geschuldet war, verbrachte ich ungewöhnlich viel Zeit mit dem Hören von Podcasts. Dem Fehlpass, wie gesagt, oder als zweitem, nein, sorry, eigentlich erstem fixem Programmpunkt, World Cup Football Daily, hinzu kamen mit zunehmender Regelmäßigkeit “Fear and Loathing in Sao Paulo” beim Sportradio 360, und gelegentlich 5 live’s Football Daily. Tägliche Sachen halt. Und die Erben, eh klar. mit anderem Fokus.

Wohingegen ich das Gemeinschaftsprojekt des Textilvergehens mit den Mikrodilettanten nur selten hörte, wiewohl ich es mochte: es passte nur so überhaupt nicht zu meinem WM-Rhythmus. Immerhin lernte ich dort fürs Leben: “Die FIFA ist kein empathischer Mensch.”

Was übrigens auch nicht zu meinem Rhythmus passte: Blogs. Peinlich, nicht wahr? Im Grunde las ich überhaupt nichts systematisch, auch nicht in Sportportalen, ja noch nicht einmal die Link11 bei Fokus Fussball, die sonst mein steter Ausgangspunkt ist. Bei der WM war das anders, war diese Rolle anders besetzt: von Twitter. Twitter war meine völlig willkürliche Informationszentrale. Was dort zu einem günstigen Zeitpunkt in Linkform vorbeitrieb, wurde gelesen, alles andere nicht. War gut.

Auch abseits des Medienkonsums habe ich nicht so wirklich viel mitbekommen. Die Spiele sah ich zumeist zuhause, im Schoß der Familie, gewissermaßen. In zwei, höchstens drei Fällen, verfolgte ich die Partien in kleineren Gruppen von vielleicht 10 Leuten, eher weniger. Danach traf man mich nicht in der Stadt an, die Schlandisierung, von der ich immer wieder las, ging weitgehend an mir vorüber. Ich wollte nur Fußball. Pur, nahezu. Ein unendlicher Spaß!

Fußballgespräche mit beruflichen Kontakten, die sich meines Wissens sonst nicht besonders für Fußball interessieren, lenkte ich in der Regel so rasch in professionelle Bahnen, dass der eine oder die andere gedacht haben mag, ich interessierte mich nicht für Fußball. Ich kann nicht einmal ausschließen, dass ich selbst jahrelang eine ebensolche falsche Vorstellung von deren Fußballaffinität hatte bzw. noch immer habe. In Einzelfällen, meine ich.

Der Kollege, der mich als sehr fußballaffinen Menschen einschätzt und mich am Tag des Brasilien-Spiels frug, ob ich mir trotz der Uhrzeit gegebenenfalls auch noch eine Verlängerung ansehen würde, ehe er tags darauf verkündete, es auch gesehen zu haben und dass es ja sehr spannend gewesen sei, dürfte nicht zu denjenigen zählen, in denen ich mich getäuscht hatte.

Das heißt nicht, dass ich nichts mit solchen Leuten zu tun haben will, dass ich mich gar als würdigeren, echteren Fan begreife. Vielmehr haben wir schlichtweg keine gemeinsame Ebene, auf der wir über Fußball reden können. Ok, Fragen und Antworten wären eine, und gelegentlich betrete ich sie auch, mit Leuten, die ernsthaft fragen und Antworten suchen. Aber ich bin nicht in der Lage, mit Menschen über Fußball zu reden, die so tun, als kennten sie sich aus, und die auf dieser Basis ein bisschen fachsimpeln wollen. So wie jener Kommilitone, damals, der sich als großer Fußball-Fan gerierte und mir von VfB-Legende Effi Buttmayer erzählen wollte. Ein weites Feld. Oder war es Etty Buffmayer? Ich weiß es nicht mehr.

Überheblich? Vielleicht. Zumal mir klar ist, dass ich bei weitem nicht so viel (mehr oder weniger) nützliches Fußballwissen angehäuft habe wie manch(e) andere(r). Zweifellos habe ich Schwächen in der Beschreibung und oft genug auch im Erkennen taktischer Winkelzüge, und, um zum nützlichen Wissen zurückzukehren, kenne mich beispielsweise im Weltfußball um die Jahrtausendwende längst nicht so gut aus, wie ich es gerne hätte. Aber ich erinnere mich doch an manches, informiere mich zumeist recht aktuell und ausführlich, und bilde mir auch ein, zum einen das Spiel ganz gut zu verstehen, und dass zum anderen die eigene praktische Erfahrung durchaus hilft, den einen oder anderen Ablauf auf dem Spielfeld einzuordnen.

Um es kurz zu machen: ich möchte nicht mit Leuten über Abseits diskutieren, die nicht verstehen, inwiefern die Abseitslinie bei Freds Tor gegen Kamerun falsch war.

Was ich übrigens auch nicht so gern möchte, wenn auch in ganz anderem Kontext und auf ganz anderer Ebene: tagelang über eine kontrovers aufgenommene Feierchoreographie der frischgebackenen Weltmeister diskutieren bzw. Diskussionen darüber lesen. Ich hatte meinen ersten Eindruck in einem Tweet zusammengefasst:

Diese Sichtweise hat im Grunde nach wie vor Bestand. Das, was mich stört, ist die Häme, ist das Auslachen des unterlegenen Gegners. Beides gäbe es auch, und gibt es immer wieder, in deutlicherer Form. Aber es ginge auch ohne. Was mich nicht stört, weil ich es nicht erkenne, ist jener Nationalismus oder gar Rassismus, den manche darin zu sehen glauben. Kann ich nicht nachvollziehen, aber das ist wohl eine Frage der Lesart.

Dass diese Diskussion dann allerdings tagelang tobte, dass man bei Twitter auch am vierten Tag noch mit einem morgendlichen #gauchogate begrüßt wurde, konnte ich zunächst noch viel weniger nachvollziehen. Bis ich die Diskussion bei den bereits genannten Textilvergehensmikrodilettanten hörte, von der ich den Eindruck gewann, dass sie einen Großteil dessen, was ich online über Tage gelesen hatte, in der vielzitierten nutshell abbildete. Gescheite Menschen mit vernünftigen, diskussionswürdigen, aber nicht unvereinbaren Positionen, und doch zog sich das Ganze ewig in die Länge, mit deutlich abnehmendem  Grenznutzen, hier: Erkenntnisgewinn.

Was mich an der Diskussion, und damit entferne ich mich wieder von besagtem Podcast, mitunter dann doch zum Schmunzeln brachte, war der eine oder andere Beleg, der bei Twitter oder sonst wo ins Feld geführt wurde; exemplarisch sei kurz auf zwei verwiesen:

Zum einen auf einen Twitternutzer, der ein argentinisches Medium verlinkte und auf ironische Weise deutlich machte, dass das dort zum Ausdruck gebrachte Gefühl, verhöhnt zu werden, nicht überraschen könne. Mich überraschte das durchaus ein bisschen, sodass ich nachlas:

“El cántico terminó con los jugadores erguidos y gritando “Así caminan los alemanes“, lo cual ha sido señalado como un gesto de burla, según algunos comentaristas alemanes que transmitían los festejos.”
(Fettdruck wie im Original, kursive Hervorhebung durch mich)

Nun ist mein Spanisch kein besonders gutes, mit südamerikanischen Varianten kenne ich mich erst recht nicht aus, aber ich lese das ungefähr so, dass die Einlage der deutschen Spieler eine höhnische Geste gewesen sei, “laut einigen deutschen Kommentatoren, die die Feierlichkeiten übertrugen“. Für mich klingt das gar nicht so sehr nach argentinischer Empörung über den Spott, aber ich mag mich irren.

Zum anderen irritierte mich, auch dies exemplarisch und auch dies bei Twitter, der Hinweis, dass Dante, jener brasilianische Nationalspieler des FC Bayern München, in seinem Buch “Ich, Dante”, davon berichtet habe, wie seine Mannschaft dereinst mit dem Spruch “So geh’n die Dortmunder, die Dortmunder geh’n so” gefeiert hätte, was beweise, dass #gauchogate Schwachsinn sei. Quod esset demonstrandum, möchte ich anfügen.

Genug. Nun also auch hier: zu viel über besagtes Thema. Sind jetzt doch wieder ein paar Zeilen mehr geworden, so insgesamt. Und, der eine oder die andere wird es ungern hören: so ganz ist die WM hier noch nicht abgeschlossen. Eine kleine Retrospektive zur #doppelfuenf, die ein unendlicher Spaß war, wird noch folgen.


Schirichefschelte

8. Juli 2014

Diese Weltmeisterschaft, von der alle reden, die findet hier ja im Grunde nicht statt, wie die gemeine Leserin erkannt haben dürfte. Sondern in Brasilien. Verzeihung. Und ein klein wenig auch in der #doppelfuenf, wo wir vor dem Halbfinale ziemlich begeistert auf 48 WM-bezogene Fünfzeiler schauen. Also 48 aus der werten Leserschaft. Insgesamt stehen wir bei 224 Werken, und inoffiziell haben wir das Saisonziel auf 250 angehoben. Danke schön.

Völlig überraschend kommt die WM also auch ohne mediale Begleitung in diesem meinem Blog ganz gut zurecht; gleichwohl habe ich aktuell den Eindruck, dass zu einem konkreten Thema zwar alles gesagt ist, aber eben noch nicht von allen. Von mir zumindest nicht. Weshalb ich mich kurz zu den Schiedsrichtern äußern möchte, diesen armen Säuen.

Ernsthaft. Die stehen doch sowas von im Regen bei dieser WM, und ausnahmsweise beziehe ich mich da keineswegs auf Zeitlupenwissen, die Geschwindigkeit gegenläufiger Bewegungen oder was Collinas Erben sonst noch völlig zurecht ins Feld führen, um Verständnis für die eine oder andere nicht optimal ausgefallene Entscheidung zu wecken, sondern, Sie wissen schon, auf Herrn Busacca. Herr Busacca, die Älteren werden sich erinnern, bat einmal Herrn Karagounis, keine Signale zu geben, und leitet heute die Schiedsrichterabteilung der FIFA, aber das wissen Sie ja ohnehin, ob älter oder jünger.

Herr Busacca soll den WM-Schiedsrichtern gesagt haben, sie mögen lieber später als früher Karten verteilen, um eine Vielzahl an Sperren zu verhindern, und zudem solle man den aus dem Boden sprießenden Rufern nach einem strengeren Umgang mit taktischen Fouls eine lange Nase drehen. Möglicherweise war die offiziell nicht existierende Direktive etwas subtiler formuliert; inhaltlich würde sie indes ganz gut zum seit einigen Jahren allernthalben propagierten Trend passen, gerade in den großen Finalspielen nach Möglichkeit die besten Spieler auf dem Feld zu haben. Man könnte lange über dieses Bestreben und die dafür ergriffenen Maßnahmen, konkret: die Streichung gelber Karten nach dem Viertelfinale, diskutieren, oder auch über noch weiter reichende Vorschläge, aber darum soll es hier gar nicht gehen.

Sondern um besagte FIFA-Direktive, die besagte FIFA jüngst empört zurückgewiesen hat, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wie Herr @uersfeld bei ESPN zu berichten weiß: “This goes into the core business — protecting the main actors, the players, it’s the most important thing we have to do at FIFA.”, oder eben: “We have to protect the players. If Neymar isn’t playing the semifinal or the final, it’s not good for us too.”

Wenn man nur glauben könnte, dass sich die FIFA dessen von vornherein bewusst gewesen ist. Wenn man überhaupt glauben könnte, der FIFA irgendetwas glauben zu können. So aber glaube ich lieber Herrn Fandel, der eine solche Direktive durchscheinen ließ, oder the 3rd Team, oder eben den Erben, oder schließlich, ganz verrückt, meinen eigenen laienhaften Beobachtungen bei den Spielen, die einen zufälligen flächendeckenden Kartenverzicht unrealistisch erscheinen lassen.

Ist ja auch eine ganz geschickte Strategie, irgendwie, einfach den Schiedsrichtern zu sagen, sie mögen weniger Karten zeigen. Irgendwann werden wir auf diese Weltmeisterschaft zurückblicken, und die FIFA wird es auch tun, um dann nicht ohne Stolz zu verkünden, dass die Anzahl der Tore um (aktuell) 13 Prozent gestiegen und die der Verwarnungen um mehr als ein Viertel gesunken ist. So wie man Armutsdefinitionen verändern kann, oder Schattenhaushalte aufbauen, oder Dopingkontrollen in geeigneter Art und Weise gestalten, um strahlend helle Ergebnisse zu erhalten. Ja, ich komme vom Hundertsten ins Tausendste. Und die gesellschaftliche Relevanz von gelben Karten sollte man vielleicht nicht überhöhen. Was aber bleibt: die offensivste und fairste Weltmeisterschaften aller Zeiten, und wenn schon nicht aller Zeiten, dann stimmt zumindest die Tendenz. Und außerdem waren die besten Spieler im Finale auf dem Feld.

Dass die allerbesten Spieler am Ende doch nicht mehr dabei waren, zumindest einige von ihnen, liegt in der Natur der Sache. Können ja nur zwei Mannschaften im Finale stehen, nicht wahr? Sollte Brasilien dabei sein, wäre Neymar eher nicht dabei. Eigentlich fast schon eine tragische Geschichte, wenn man vielleicht an dieser Stelle ein bisschen Pathos ins, Verzeihung, Spiel bringen möchte, wie dieser junge Mann seiner Herkulesaufgabe nachkommt, eine keineswegs überragende Mannschaft auf seinen Schultern durch das Turnier zu tragen, um dann in einer Art und Weise zumindest der Halbfinalteilnahme beraubt zu werden, die ein besonnener Schiedsrichter vermutlich hätte verhindern können.

Denn das darf man ja, bei aller Kritik an Herrn Busacca und den mehr oder weniger gut verborgenen Agenden der FIFA, auch nicht gänzlich außer Acht lassen: auf dem Platz entscheiden immer noch die Schiedsrichter. Und wenn sich von denen einer hinstellt und deutlich macht: “Das ist ja gut und schön, werte Brasilianer, zumindest aus Eurer Sicht, dass Ihr nicht nur eine Vielzahl taktischer Fouls begeht, um Angriffe des Gegners frühzeitig zu unterbinden, sondern dass Ihr darüber hinaus ganz offensichtlich vorhabt, den Herrn James hier ebenso bewusst wie gezielt und regelwidrig aus dem Spiel zu nehmen, aber ganz ehrlich: ich mach da nicht mit.” Was natürlich analog auch bei einer Reihe anderer Spiele denkbar gewesen wäre.

Natürlich trüge dieser Schiedsrichter dann das Risiko, dass ihn Herr Busacca, den ich gern als pars pro toto beibehalten möchte, oder vielleicht ist er es auch ganz persönlich, nach dem Spiel zur Seite nimmt und ihm sinngemäß sagt, es sei ihm, dem Schiedsrichter, zwar ganz vorzüglich gelungen, ein unter Umständen (Man weiß das ja im Vorfeld nie, und nur weil wir jetzt wissen, dass es aus den Fugen geriet, heißt das ja noch nicht, dass man es hätte ahnen können. Wobei.) zur Eskalation neigendes Spiel frühzeitig zu beruhigen, indem er klare Grenzen gezogen habe, anders als zum Beispiel Florian Meyer beim DFB-Pokalfinale; unglücklicherweise habe er hierzu allerdings zwei gelbe Karten benötigt, noch dazu vor der 30. Minute, und deshalb müsse er nun leider nach Hause fliegen. Aber er könne sich der Dankbarkeit der FIFA gewiss sein; schließlich habe er dafür Sorge getragen, dass sowohl Herr James als auch Herr Neymar das Ende des Turniers bei bester Gesundheit und mit hohem Unterhaltungswert erleben, einer von beiden vielleicht sogar als Finalteilnehmer.

Mir ist leider zweierlei klar: zum einen wäre das ganz schön viel verlangt von einem Schiedsrichter. Die wollen schließlich, wie Neymar oder Rodríguez, auch gern bis zum Endspiel im Turnier bleiben, gibt’s ja nur alle vier Jahre, klar, und dass man da nicht offenkundig gegen Herrn Busacca opponiert, ist nachvollziehbar. Zum anderen erscheint mir die von mir überspitzt formulierte FIFA-Reaktion im Grunde deutlich weniger spitz, als ich sie gerne interpretieren würde. Wenn ich zudem sehe, dass Felix Brych nach zwei sehr anständigen Einsätzen nach Hause geschickt wurde, und wenn ich zudem zwei und zwei zusammenzähle, was den Grund für seinen frühzeitigen Abschied anbelangt, jenen nicht gegebenen Elfmeter also, den kein Betroffener in Echtzeit geahnt hat, und wenn ich dann sehe, wer noch im Turnier bleiben durfte, und das hat nichts mit einer deutschen Brille zu tun, gewiss nicht, Herr Dr. Brych ist mir recht egal, dann schmunzle ich wieder einmal kurz über die namentliche Nähe des Ecclestonevereins FIA und des Blattervereins FIFA.

Ja, ich weiß, dass Herr Ecclestone dort kein Amt innehat. Und ich will noch nicht einmal Verschwörungstheorien formulieren. Nur Entscheidungsfindungen hinterfragen. Oder Transparenz. Womit wir dann doch wieder bei den Schiedsrichtern sind. Und bei Herrn Busacca:

“Dass die FIFA und der Vorsitzende ihrer Schiedsrichter-Kommission, der Schweizer Massimo Busacca, diesbezüglich deutlich weniger Transparenz walten lassen, gehört zu den Ärgernissen dieses Turniers.”

Das schrieb Alex Feuerherdt vor wenigen Minuten, mittlerweile vielleicht Stunden, ich bin zufällig grade darüber gestolpert, drüben bei Collinas Erben, und er schreibt noch viel mehr, und er bringt viele Dinge auf den Punkt, die ich hier bestenfalls vage angerissen habe, und spricht andere an, die hier überhaupt keine Erwähnung fanden.

Was mich, abseits der Verärgerung über das Gebaren der FIFA, mit Alex verbindet, ist der, so ich ihn im Podcast recht verstanden habe, gemeinsame Wunsch, dass Howard Webb das Finale leiten möge. Wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen: er hegt ihn wohl aus der Überzeugung heraus, dass Webb der vermutlich beste Schiedsrichter ist bzw. für das Finale wäre, ich hingegen hielte es schlichtweg für bemerkenswert konsequent, das Finale der WM 2014 von dem Mann pfeifen zu lassen, der bereits 2010 beispielgebend wirkte und zugelassen hätte, dass die Niederländer ihre spanischen Gegner buchstäblich vom Platz treten. Aber nur die besten.

 


Abschied

22. Juni 2014

Im Lauf der Jahre wurde mir eines zunehmend klar: sie konnte kein “Nein” hören. Ich glaube, sie konnte es wirklich nicht.  Etwas in ihr stand dem grundsätzlich entgegen. Sicher, das Wort “Nein” mag bei ihr angekommen sein; die dahinter stehende Botschaft in aller Regel nicht.

Es geht nicht darum, dass sie Recht haben wollte, dass sie überhaupt etwas haben wollte. Im Gegenteil: sie wollte geben. Wenn sie einem etwas anbot, dann war das kein Angebot im herkömmlichen Sinne, nie. Es war eine Ankündigung der Tat, auch im banalsten Kontext:

“Soll ich Dir noch etwas Wurst holen?”
“Nein, danke. Käse ist super, das reicht mir.”

“Hier, bitte, die Wurst.”

Wenn ich dann betonte, dass ich doch nein gesagt habe, lag manches Mal eine gewisse Schärfe in meiner Stimme. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sie überhört hat. Aber überhört hat sie sie, wohlwollend. Immer. Und das nächste Scheinangebot unterbreitet. Selbst dann noch, als sie kaum mehr in der Lage war, sich auf den Beinen zu halten. Eine schwer kranke Frau, die nichts Anderes im Sinn hatte, als Ihre Lieben zu umsorgen. Im besten Sinne.

Ja, manchmal hat man keinen Sinn dafür, ich sagte es, will vielleicht nicht umsorgt werden. Ärgert sich ein bisschen. Zwei Sekunden lang. Und entspannt sich wieder. Ist dankbar. Weil man, weil ich weiß: es kam so sehr von Herzen, war durch und durch lieb gemeint, aufrichtig, fürsorglich, anderen (hier, und oft: mir) Umstände vermeidend, indem sie sich selbst Umstände machte. Viel zu oft nahm ich es wie selbstverständlich hin.

Wir haben über Worte geredet in diesen Tagen. Mit ihrer Tochter, meiner Frau. Darüber, dass Nächstenliebe so ein großes Wort sei. Und darüber, dass es kaum ein besseres gibt, um ihr Wesen zu beschreiben. Ein Wesen, das sich Tag für Tag in kleinsten Gesten ausgedrückt hat. In Hilfsbereitschaft, in geteilter Freude, Mitgefühl, in einer die eigenen Bedürfnisse verleugnenden Rücksichtnahme, bis in die allerletzten Tage hinein. Wenn sie in der Lage gewesen wäre, hätte sie dem Pflegepersonal die Arbeit abgenommen.

Sie hatte diese Krankheit nicht akzeptiert, zu keinem Zeitpunkt. Hinterlistig war sie gewesen, hatte sie auf  beschissene Art und Weise überrumpelt und sie dann nicht mehr in Ruhe gelassen. Sie wehrte sich, bekämpfte sie, ignorierte sie, weigerte sich, ihr Platz in ihrem Leben einzuräumen oder gar das Zepter zu überlassen. Sie würde sich ihr Leben zurückerobern. Mancher mag ihren Optimismus für naiv gehalten haben, vielleicht auch für einen Versuch, sich selbst zu belügen; ich bewunderte ihn. Bewunderte sie.

Es war lange klar, dass der Krebs sie irgendwann in die Knie zwingen würde. Doch klein beigeben würde sie nicht. Aufrecht würde sie bleiben. Zu sehr liebte sie das Leben, strahlte eine kindliche Freude aus, war an allem und jedem interessiert.

Immer wieder kommen mir diese Situationen in den Sinn, in denen sie mit wildfremden Menschen am Tisch saß und es keine fünf Minuten dauerte, bis sie tief ins Gespräch versunken waren, ob sie nun gemeinsame The­men hatten oder nicht, eigentlich, und mitunter auch unabhängig von der Frage, ob sie eine gemeinsame Sprache beherrschten. Das Leben war ihr Freude, der Austausch mit Menschen Genuss, ja Lebenszweck.

Für eine Krankheit war schlichtweg kein Platz, keine Zeit. Wer sie besuchte, durfte über Gott und die Welt mit ihr reden, aber doch bitte nicht über dieses schnöde Gesundheitsthema. Es gab wahrlich Wichtigeres.

Vor ein paar Tagen ist sie gegangen. Gewehrt hat sie sich, den Kopf nahm sie hoch, immer wieder, bis zuletzt. “Du kriegst mich nicht klein, Du nicht!“, wollte sie sagen. Bestimmt.


WM-Trends 2014: Der Libero

12. Juni 2014

Ja, der Libero hat einen Trend gesetzt. So einen kleinen zumindest. Mit seinem Blogstöckchen do Brasil. Und weil er mich so nett gefragt hat, mache ich auch gerne mit.

wmblogstöckchen2

 

 

 

 

Mein erstes bewusstes WM-Erlebnis war?

Deutschland-Tunesien am 10. Juni 1978. Und den Termin musste ich nicht einmal nachschlagen. Meine Eltern heirateten. Ja, offensichtlich hatten sie in Sünde gelebt. Muss ich mir auch immer wieder vor Augen führen.

Im Nebenzimmer lief das besagte Spiel, ein Grottenkick, der in einem angemessenen 0:0 endete, ich sprang immer wieder hin und her. Rummenigge schoss relativ knapp (aber ungefährlich) daneben, mir entfuhr ein kurzer Ausruf, den ich nicht mehr genauer bezeichnen kann, und die Umsitzenden ließen den kleinen Steppke wissen, dass der Rummenigge mit seinen roten Bäckchen doch gar nichts könne, oder, ganz konkret: “Ach, Bub, der Rummenigge ist doch ein Blindgänger.” Da hat er, sportlich betrachtet, auch nicht so ganz recht behalten.

78 verfolgte ich gleichwohl noch eher kursorisch, verstand weder vom Modus noch vom Spiel selbst besonders viel. 1982 war das dann etwas besser, und noch heute kann man mich nachts um vier wecken, um mich einen Elfmeter schießen Ole España singen zu lassen.

 

Mit welcher WM-Legende würde ich gern einmal Doppelpass spielen?

Puh, Legenden. Mit einem von denen, die ich selbst nicht mehr in ihrer Blütezeit spielen sah, weil ich genau das dann könnte: ihnen zusehen. Oder sieht der Deal gar keine Zeitreise vor? Falls doch: Beckenbauer vor allem, und Cruijff. Auch Eusébio. Pelé a priori nicht einmal so sehr, vermutlich würde er mich aber vom Gegenteil überzeugen. Zidane sowieso, aber klar: beim Doppelpass läuft es immer wieder auf Beckenbauer hinaus. Kleines dickes Kamke.

Oder sprechen wir vom verbalen Doppelpass abseits des Platzes? Dann nehme ich, Sprachbarrieren in pfingstlicher Stimmung ignorierend, zeitreisend, nicht zwingend bis in seine sportliche Blütezeit, Sócrates, eine faszinierende Gestalt. Oder, dann vermutlich etwas kürzer, Ronaldo, um ihn zu fragen, was da wirklich los war anno 1998.

 

Welchem TV-Kommentator werde ich bei der WM gerne zuhören?

Gerd Gottlob und Oliver Schmidt fallen mir als erste ein. Weil sie als Kommentatoren das verkörpern, was man sich, klassisch, von Schiedsrichtern verspricht: sie fallen nicht auf. Und das ist doch viel mehr als das, was von den meisten anderen zu erwarten sein wird. Das andere Ende der Skala braucht an dieser Stelle nicht weiter thematisiert zu werden.

Nachtrag: Mir war nicht bewusst gewesen, vielleicht hatte ich es vergessen oder er seine Herangehensweise verändert, dass sich Gerd Gottlob nicht entblödet, als Kommentator eines Spiels der deutschen Mannschaft regelmäßig in der Wir-Form zu sprechen, im Sinne von (fiktiv): “Da haben wir aber dem Gegner zu viel Raum gelassen.” Vor diesem Hintergrund ziehe ich meine Aussage zurück. Nein, ich höre ihm nicht gerne zu.

 

Die Iren haben sich für die WM am Zuckerhut leider nicht qualifiziert. Welchem weiteren Land drücke ich neben Jogis Jungs als »Zweitteam« die Daumen?

In der Gruppenphase gibt’s einige Zweit-, Dritt- oder auch Viertteams, einfach weil ich zum Beispiel lieber Chile als die Niederlande, lieber Südkorea als Russland oder auch lieber Klinsmanns USA als Portugal oder Ghana im Achtelfinale sähe.

Genereller betrachtet, hat mein Faible für die Franzosen chronische Züge, auch wenn es zwischenzeitlich auf harte Proben gestellt wurde und phasenweise zur Hassliebe mutierte, und dann natürlich Belgien, ewige Lieblinge seit Pfaff, Ceulemans (nicht Raymond) , Vanderelsteyckenbergh, van Moer, später Scifo. Und ja, irgendwie scho au die bereits genannten Südkoreaner. Können die eigentlich auf Italien treffen?

 

Zu Jogis Jungs: Meine beiden Lieblingskicker aus dem deutschen Kader sind?

Großkreutz. Seine, ja, Hingabe beeindruckt mich. Hatte ich hier auch schon das eine oder andere Mal thematisiert, dass ich ihn schätze und ihm manches (vermutlich mehr als anderen) verzeihe, auch (gerade?) abseits des Platzes. Rein sportlich gibt’s natürlich ne Menge Kandidaten. Müller und Özil in sehr hohem Maße, Khedira nicht nur aus lokalpatriotischem Antrieb.

Wenn ich mich aber entscheiden müsste, sagen wir für zwei Spieler, ihrer sportlichen Fähigkeiten wegen, dann für Lahm, der so unsagbar gut ist,

und für Götze, der so unsagbar gut ist, es aber noch nicht so oft zeigt, wie er könnte.

 

Wie weit kommen Jogis Jungs?

Ganz nach oben.

Klar ist da der Wunsch Vater des Gedanken. Der unmittelbare, klar, aber auch jener mittelbare, dass Herr Löw am 13. Juli eine ganz große Runde “in your face” ausgeben können möge. Was er so vermutlich nicht täte.

 

(Wenn nicht Jogis Jungs:) Wer wird am 13.07.2014 im Maracanã Weltmeister?

Ich kann mir gar nicht recht erklären, wieso ich bei dieser Frage nie an Argentinien denke, obwohl ich doch zu glauben weiß, wie stark sie sind. Und doch lande ich immer bei Brasilien, halbherzig, und vor allem bei Italien, auf die ich mich, müsste ich mich entscheiden, wohl festlegen würde, noch vor Spanien. Ach, und Belgien. Einen aus dem offen geheimsten Favoritenkreis Belgien, Chile, Kolumbien muss man wohl nennen.

Wobei so ein geschlechterübergreifendes japanisches Double schon was hätte.


Doppelfünf

11. Juni 2014

Still hier in diesen Tagen, nicht wahr? Man kommt ja zu nichts. Ehrlich nicht, aus mancherlei Gründen, die nicht alle angenehm sind, aber das nur am Rande. Gerne hätte ich zwischenzeitlich mal wieder eine “Verbalbeurteilung” zu Ende gebracht, oder meine, ähem, angedachten Bemerkungen zu vermeintlich toten Sportblogs zu Papier, allein: es sollte nicht sein. Bisher.

Im Idealfall begründet man so ein Schweigen überzeugend mit “anderen Projekten”, die man zwischenzeitlich vorangetrieben habe, und mit etwas Glück erblicken diese dann irgendwann das Licht der Welt. Öfter auch nicht. Bei mir ist es heute ausnahmsweise mal andersherum: Licht der Welt ja, Belastung durch anderes Projekt: eher nein, bestenfalls kaum.

Tatsächlich hat so ein kleines Projekt heute seine Tarnkappe abgelegt und ist öffentlich geworden. Erfreulicherweise eines, an dem ich nicht ganz allein beteiligt bin, sondern mit einem wunderbaren Mitstreiter. Ein Projektlein, das dem einen oder der anderen Mitlesenden kaum mehr als ein Gähnen entlocken wird: Fünfzeiler, schon wieder. Einfach in ein Tumblelog geschmissen, ohne großen technischen und gestalterischen Aufwand, wie man mich halt kennt, und wie man den geschätzten Mitschreiber Herrn @rebiger unter Umständen auch einzuschätzen versucht ist, bloß weil er sein Blog, in dem es primär um den HSV geht, saisonal auch mal in fünf Zeilen, nicht auf oder unter einer eigenen Domain betreibt.

Das Thema ist auch nicht besonders ausgefallen, in diesen (gerade noch vor-)weltemeisterschaftlichen Zeiten, aber sei’s drum: wie haben Spaß. Und auch wenn wir keine besonderen gestalterischen Ansprüche haben, so kennen wir doch Leute, bei denen das anders ist und die uns in gar wunderbarer Weise ein Logo gestalten, um die werte Leserschaft erst einmal abzulenken und davon abzuhalten, sich mit Schriftarten, optischen No-Gos oder gar den dahinter steckenden dilettantischen Code-Anpassungen zu befassen.

Genau genommen kennen wir erst einmal eine solche Person, nämlich die großartige Frau @rudelbildung, die wir alle nicht nur vom Textilvergehen schätzen und die uns ruck, zuck eine schicke Doppelfünf kredenzt hat:

 

5_LOGO_Var1_400

 

Doppelfünf, Sie wissen schon:
zwei Typen, fünf Zeilen. Und das Ganze für ein Turnier.

Bleibt die Hoffnung, dass sich noch der eine oder die andere Lesende in eine(n) Mitreimende(n) verwandelt und seine oder ihre FIFA-Fünfzeiler mit uns teilt. Zum einen müssen wir dann nicht alles alleine machen, zieht sich ja auch so’n bisschen hin, so ein Turnier.

Zum anderen zeigt die eigene adventskalendarische Erfahrung, und nicht nur die, dass in diesem Internet zahlreiche Reimeschmiede und -schmiedinnen unterwegs sind, die gelegentlich eines Anstoßes bedürfen, um in Anapäste oder Amphibrachys einzutauchen. Jetzt wäre wieder so ein Moment. Freiwillige für die fünfzeilige Aufarbeitung der Morgengrauen-Spiele werden dabei prioritär gesucht.

Wie auch immer: hier entlang, bitte. Bei Interesse.