Handwerkszeug

1. September 2014

Fredi Bobic hatte etwa 88 Minuten ziemlich guten Fußballs gesehen. Würde zwar hernach keinen interessieren, aber es war so. Besuschkow war der Souverän auf dem Platz gewesen, Grbic hatte wieder einmal dreifach getroffen, Ferati vieles versucht, nicht immer erfolgreich, die Abwehr sich weitgehend abgeklärt gezeigt, der Gast war chancenlos gewesen: Stuttgart fünf, Frankfurt eins.

Kurz vor Schluss musste Bobic das Schlienz verlassen und ins große Stadion wechseln, von der U19 zu den Erwachsenen. Möglicherweise tat er dies ähnlich zuversichtlich wie ich selbst kurz darauf, nach dem Abpfiff, und in der Gewissheit, dass die katastrophalen Auftritte gegen Köln der Vergangenheit angehörten.

Leider kam alles ganz anders, und ich kann es nur schwer in Worte fassen. (Daniel Schwaab ist da weniger auf den Mund gefallen.)

Könnte ich singen, wäre das Ganze schnell durch. “Ich hatte keine Tränen mehr, als Ujah und Osako trafen”, sänge ich maffayesk, die Silben ein bisschen beugend, ginge noch auf meinen leeren Blick und das Zittern ein, lüde es hoch, das Blog wäre befüllt und meine Stimmung transportiert. Bliebe bloß noch zu hoffen, dass mich jemand von der Straße zöge. Freundin Ayşe, zum Beispiel, die eher selten ins Stadion geht, am Samstag aber mit ihrer ganzen Familie vor Ort war und hernach nicht umhin kam, mir zu bestätigen, was ich ohnehin zu wissen glaubte, dass nämlich das Spiel auch äußerlich Spuren hinterlassen habe: “Du siehst echt scheiße aus, Heini!”

Nun will ich nicht sagen, dass das “noch geprahlt”, will sagen: eine euphemistische Umschreibung gewesen sei, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ich nach dem Spiel geneigt war und im Grunde noch immer wäre, negative Superlative einzustreuen, so ich denn noch welche hätte. Vermutlich habe ich Herrn Völler hier schon des Öfteren zitiert, Sie wissen schon “… einfach die Sache mit dem Tiefpunkt und nochmal ‘n Tiefpunkt und noch mal ‘nen niedrigeren Tiefpunkt.”

Verzeihung. Mir ist gar nicht nach Scherzen zumute. Wirklich so gar nicht. Die Ernüchterung ist kaum in Worte zu fassen. Hatte sich das Déjà-vu in der Vorwoche noch lediglich auf den späten Gegentreffer bezogen, ist es nun ein grundsätzlicheres, beängstigenderes: die Spielweise. Konkreter: die Vorwärtsbewegung.

Kürzlich hatte ich bei n-tv noch vollmundig behauptet, der VfB verfüge in der Offensive “insbesondere mit Maxim und Didavi über ein in den letzten Jahren selten gekanntes Kreativpotenzial” und zudem bedauert, “dass Veh nur schwerlich Platz für beide in seiner Mannschaft finden” werde. Nun, ich wurde Lügen gestraft: er fand. Schön, eigentlich.

Weniger schön, dass ich mich bereits im ersten Schritt geirrt haben könnte. Oder etwas verwechselt habe: technische Begabung mit Kreativität, möglicherweise. Sowohl Maxim als auch Didavi verstehen es, mit dem Ball umzugehen. Sie behandeln ihn liebevoll, er gehorcht ihnen, und sie verstehen auch, ihn zu treten. Freistöße, Ecken, auch Flanken, Pässe: sie können all das. Es ist ihr Handwerkszeug, ein gutes Handwerkszeug, und sie verstehen es zu verwenden.

Kreativ ist das allerdings noch nicht. Kreativität erfordert nach meinem Verständnis Überraschungsmomente, Unerwartetes, mit oder ohne Schnörkel, die Fähigkeit, neue Situationen zu schaffen, etwas, das die Abwehr im Idealfall unvorbereitet trifft und ihr deshalb Schwierigkeiten bereitet. Von den beiden Technikern habe ich derlei am Samstag nicht gesehen. Der kreativste Pass kam von Oriol Romeu – schnörkellos, überraschend, doch leider war Timo Werner bereits ins Abseits gelaufen.

Natürlich geht es nicht darum, Didavi und Maxim die Schuld zuzuweisen. Sie führten mir nur in besonderem Maße vor Augen, dass ich mich einer Illusion hingegeben hatte, als ich auf ein überzeugenderes Offensivspiel gehofft hatte. Ein Offensivspiel, das natürlich auch gern von den Sechsern bestimmt werden dürfte. Oder von den Außenspielern. Ich bin da nicht wählerisch.

Auch nicht bei den Mitteln: ob wir nun Tempodribblings zu sehen bekommen wie phasenweise bei Traoré, oder öffnende Pässe, wie Leitner sie nachweislich spielen kann, manchmal, ob auch mal einer mit dem Kopf durch die Wand geht wie Cacau, oder ob Sakai und Klein auf den Außenpositionen ein ums andere Mal mit hohem Tempo Unruhe schaffen, Verwirrung stiften, so wie, manchmal, der 2012er Sakai und, lassen Sie mich nachdenken, Andi Hinkel 2004.

Meinetwegen können sie sich auch per tiqui-taca bis auf die Torlinie kombinieren, also ungefähr so, wie es Maxim und Didavi zu Spielbeginn kurzzeitig außerhalb der Gefahrenzone versuchten oder wie es die Ballkontaktrekordhalter Schwaab und Rüdiger gemeinsam mit Romeu hinter der Mittellinie taten. Nur schneller. Und woanders. Und irgendwie zielgerichtet.

Da ich bis dato so gut wie keine Spielszenen gesehen hatte, wusste ich nicht, was ich von den Neuzugängen zu erwarten hatte. Romeus kreativen Moment und seine zahlreichen Ballkontakte hatte ich schon genannt, ansonsten hat er mich noch nicht überzeugt, was der einen oder anderen seltsamen Aktion und – zugegeben, kein sehr valides Argument – dem Eindruck geschuldet ist, dass ich schon elegantere, in ihren Bewegungen behändere Spieler aus La Masia gesehen habe. Dafür erinnert er mich an Daniel Morales aus “Taxi”, was immerhin ein ähnlich gutes Argument für ihn ist. Ach, und wieso lese ich in den Aufstellungen immer wieder “Oriol Romeu” neben, zum Beispiel “Gentner” oder “Didavi”? Ist er der neue Lucatoni?

Filip Kostić hinterließ insofern einen ganz guten Eindruck, als er für Belebung im Angriff sorgte (was angesichts des Ausgangsniveaus nicht schwer war), ins Dribbling ging und den Abschluss suchte. Dumm nur, dass es keine zehn Minuten dauerte, bis er mich an Danijel Ljuboja erinnerte: die erste Schwalbe ließ nicht lange auf sich warten, bei Auseinandersetzungen mit Gegner und Schiedsrichter war er gleich vorne dabei. Muss ich nicht haben, echt nicht. Aber vielleicht sagt’s ihm ja mal jemand.

Florian Klein: solide. Eine schöne Offensivaktion hatte er, mit schöner Flugannahme und anschließender Hereingabe. Darf er öfter machen; man hätte ihm einen stärkeren Partner auf seiner Seite gewünscht, und Mitspieler, die ihn einzusetzen versuchen. Gerne kreativ, aber auch handwerklich sauber hätte gereicht.

Köln spielte übrigens auch mit. Kevin Vogt gefiel mir ganz gut, Anthony Ujah sowieso, für Daniel Halfar habe ich seit langem ein Faible, das am Samstag aber nicht stärker ausgeprägt wurde. Der VfB spielte ihnen ein bisschen in die Karten, und sie spielten ihr Blatt sauber aus. Gute Leistung.

Insgesamt war es schön, die Bundesliga wieder intensiver verfolgen zu können – selbst das Abendspiel sah ich mir in irgendeiner Kneipe an, war sehr beeindruckt von der Münchner Anfangsphase und völlig überfordert, die weitere Entwicklung des Spiels zu begreifen. Vermutlich hatte ich mich schon fast so sehr mit dem Kräfteverhältnis abgefunden wie die Schalker, die nach dem Spiel in kollektiven Jubel ausbrachen, weil sie ein Heimspiel gegen einen unmittelbaren Mitbewerber nicht verloren hatten, was Marcus Bark bei sportschau.de bereits sehr treffend ausgeführt hat.

Ach, und dann war da ja noch ein Handtor. Ich bin ein bisschen überrascht, dass sich Collinas Erben so klar auf die Seite von Benedikt Höwedes, bzw. von Marco Fritz, stellen. Zwar neige ich selbst auch zu der Sichtweise, dass ein solches Handspiel kein strafbares ist, wiewohl ich finde, dass man Höwedes mit guten Argumenten eine sehr bewusste Nutzung des Ellbogens unterstellen kann; vor allem aber frage ich mich, wieso Abwehrspieler, insbesondere in der Champions League, seit einiger Zeit dazu übergehen, sich dem ballführenden Angreifer mit hinter dem Rücken verschränkten Armen entgegenzustellen, um den Ball nur ja nicht aus kurzer Distanz an Hand oder Arm geschossen zu bekommen? Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sie dafür keine handfesten Gründe haben, vorzugsweise erfolgte Schiedsrichterentscheidungen.

Vermutlich werden die Erben das in den nächsten Tagen auch in ihrer nächsten Podcast-Ausgabe noch einmal aufrollen und in mir einen interessierten Zuhörer haben; ähnlich interessiert erwarte ich die zweite Ausgabe der “Schlusskonferenz” beim Rasenfunk, einem neuen Podcast, hinter dem zu meiner großen Freude just jene beiden Herren stecken, denen ich während der Weltmeisterschaft ganz besonders gerne zuhörte, wenn sie beim fast täglichen WM-Podcast von Herrn @fehlpass zu Gast waren: die Herren @GNetzer (der das jetzt wieder nicht so gerne hört) und @helmi.

Ob dort auch die zweite Liga besprochen wird, weiß ich nicht. Falls ja, dann höchstens deren sportliche Aspekte, vermute ich, nicht aber die Mattuschka-Posse. Die mich persönlich ein bisschen bestürzt. Hätte ich nicht erwartet. Nicht, dass mich Norbert Düwel gleichermaßen an Joachim Löw in der Causa Ballack und Michael Skibbe in Sachen Thomas Häßler denken lassen würde, und auch nicht, dass sich Mattuschka selbst nicht entblöden würde, sich auf das Glatteis der großen Buchstaben zu begeben.

Es überrascht mich naiven Romantiker komplett, dass so etwas so schnell gehen kann, und es gibt wenig, was ich aktuell weniger gern hören möchte als Sätze im Stil von “kein Spieler ist größer als der Verein”. Rein emotional und aus der Ferne. Aus der Nähe sieht man das vermutlich aus guten Gründen anders. Tja.

 

 


and nobody spoke of remarkable things*

28. August 2014

Die Aufwachgeräusche waren uns zuletzt allzu vertraut geworden. So vertraut, dass wir ihre Intensität akustisch recht genau einzuordnen wussten. An diesem Morgen fiel sie nicht in unserem Sinne aus: der Regen klang kräftig und zudem so, als sei er gekommen, um zu bleiben. Dabei war der Vortag ein vergleichsweise guter gewesen. Wir hatten uns sogar ans Ufer gesetzt. Bekleidet zwar, gewiss, aber am Wasser, auf Liegestühlen. Die Kinder hatten die Füße hineingehalten und mit Steinchen geworfen, und als sie zwischendurch Ball spielten, waren wir gar still und heimlich baden gegangen. Schwimmen, vielmehr, für ein lauschiges, launiges Bad hätte es einer anderen Wassertemperatur bedurft.

Die Wetter-App, die wir angesichts der überschaubar guten WLAN-Abdeckung in der Dépendance („Wissens, hier aufm Land is des so a Sach mit dem Internet“, was zwar nur wenig mit dem WLAN zu tun hatte, in Sachen GSM aber durchaus stimmte – Streams und Webradio würden auch später am Tage keine Option sein) nur in unregelmäßigen Abständen zu Rate zogen, hatte zuletzt ebenfalls eine ganz gute Entwicklung in Aussicht gestellt – vielleicht doch noch ein paar Sommerurlaubstage im letzten Drittel des Sommerurlaubs?

Aber das Wetter ändert sich ja so schnell in den Bergen, nicht wahr? Und wie ich noch so im Bett lag, die offensichtliche Rückkehr des Regens zu ignorieren suchend, sprach die Gemahlin bereits das böse Wort aus, jenen Strohhalm, nach dem Eltern gerne mal greifen, wenn die Urlaubswünsche der Kinder und die klimatischen Rahmenbedingungen nur so halb kompatibel sind: Schwimmbad.

Immerhin: es war Sonntag. Gestern war Bettenwechsel gewesen, die Neuankömmlinge dürften die kleinen Erkundungstouren durch Hotels, Pensionen und, mit leichter Regenkleidung, den Ort, oder gar um den See herum, noch nicht absolviert gehabt haben, und von den Einheimischen durfte man hier im Freistaat ja wohl erwarten, dass der Kirchgang nur wenig Spielraum für touristische Aktivitäten ließe, dass also das Schwimmbad noch nicht aus Kapazitätsgründen geschlossen sein würde.

Das Frühstück hätte sich bereits wieder aus dem Gedächtnis verflüchtigt, wäre nicht dieser eine Satz gewesen, den man sich nicht schöner hätte malen können: „Schön siehst aus, Kind, ganz in weiß und blau, so richtig bayrisch!“ Geradezu freundlich hatte der ältere Herr geklungen. Am Abend zuvor hatte er dasselbe Kind wegen seine etwas lautstärkeren Spiels noch kräftig in den Senkel gestellt. Ob er sich nicht mehr an sein Geschwätz von gestern erinnerte? Auch Idiom und Haaransatz gemahnten an eine Lichtgestalt.

Der Schwimmbadbesuch erfüllte die Erwartungen. Tatsächlich war es schon voller gewesen in den Tagen zuvor, und die Kinder hatten ihren Spaß. Der Erstgeborene verschwand sogleich in Richtung der großen Rutsche, als lägen jene Zeiten, in denen ihm ob der dortigen Dunkelheit und des per Warnschild angedrohten Orientierungsverlusts vor dem Röhrengewirr gegraust hatte, nicht erst wenige Tage zurück.

Die Mädchen begnügten sich mit der kleinen Rutsche und sprangen vom Beckenrand, was das Zeug hielt, dem beide Augen zudrückenden Bademeister gehörten meine Sympathien. Andere Hotelgäste hatten ihre Freizeit ähnlich geplant, der Gladbach-Fan, der sonst zwei Tische weiter saß, schenkte mir zwischen Liegebereich und Sole-Becken ein knappes „Na?“, das ich ebenso unverbindlich erwiderte.

Die Kinder hatten sich Pizza gewünscht. Auf dem Zimmer. Dem der Eltern, natürlich. Fast wie zuhause: das Kinderzimmer ist leer, im Wohnzimmer türmen sich Spielgeräte, Bücher, Bastelzeug und Kinder. Der Betreiber des Pizza-Services, der den Großteil seiner Geschäfte online abwickelt, hier, auf dem Land, wie er mir nicht ohne Stolz erläuterte, ließ sich Zeit – auch um darüber nachzudenken, ob es in den umliegenden Orten wohl eine Sky Sportsbar gebe, die auch Sonntagsspiele ohne Beteiligung des FC Bayern überträgt. Ihm fiel keine ein, den anwesenden Gästen auch nicht. Die im Wagen wartende Familie erhielt keine Kenntnis von dieser Teilursache der eingetretenen Verzögerung.

Es mundete. Jegliche Kritik an der zu hohen Zahl durch mich erworbener Pizzepizzenpizzas verstummte. Mein „Siehste“ blieb ein sehr leises. Die Jüngste wollte keinen Mittagsschlaf halten, ohne dass Papa zuvor einmal mehr „Max lernt schwimmen“ lesen würde, jenes Werk aus der Dutzendproduktion, das den bemerkenswerten Satz „Mama zwängt sich in ihren knallroten Badeanzug“ enthält.

Der Regen pausierte. Paderborn und Mainz dürften mittlerweile begonnen haben, Sohn und Vater spielten eine Partie Trampolinfußball, die ersterer erwartungsgemäß für sich entschied. Der Regen kam zurück. Nächster Halt: Bayern-Monopoly. Mein Erwerb der Garmisch-Partenkirchener Parkstraße verhinderte den Bau Münchner Häuser in der Schlossallee, was zu anhaltendem Gequengel und letztlich dazu führte, dass ich grün gegen blau und damit de facto den Sieg ertauschte. Die Aufstellungen in Mönchengladbach waren noch nicht bekanntgegeben worden.

Abendessen. Endlich. Der Kuchen zwischendurch hatte die Zeit zwischen Pizza und Tafelspitz angemessen verkürzt. Der Videotext hatte beim Aufbruch noch das von der kicker-App bereits in Aussicht gestellte Pausenunentschieden bestätigt, ehe der verstohlene Seitenblick zwischen Suppe und Salat – die Gemahlin war gerade am Buffet – Jubel meinerseits hervorrief. Zwei Tische weiter war man allem Anschein nach auch auf dem Laufenden und mied meinen Blick.

Der Sohn nahm das Telefon an sich, um zunächst besser, fürderhin schneller informiert zu sein, was am Tisch nicht nur auf Zustimmung stieß. Frau Kamke ließ uns wissen, dass sich der VfB am Ende ja ohnehin noch mindestens eines fangen würde, „wie immer, oder soll der Veh das schon alles geändert haben?“ „Ja“, antwortete ich, aß seelenruhig weiter, und hatte die drei Punkte fest in der Tasche.

Das Dessert war kaum aufgetragen worden, als dem Erstgeborenen ein kurzer Aufschrei („Oh nein!“) entglitt, den ich mit einem fast schon gelangweilten „Vollgekleckert?“ beantwortete, man kennt ja seine Pappenheimer. Tja, Pustekuchen: „Einseins. Einundneunzigste. Kramer.“ –„Siehste!“, verkniff sich die beste aller Frauen.

In einer perfekten Welt hätte am Nebentisch Frank Spilker „Ich bin ein ganz normaler Tag“ gesummt.

* Wer im Text eine deutlichere Anlehnung an Jon McGregor erwartetet hatte, den oder die muss ich leider enttäuschen: es ist nur in meinem Kopf. Die “remarkable things” spuken dort als Formulierung herum und kommen gerne mal im Kontext überschaubar spannender Alltagsschilderungen an die Oberfläche. Es läge mir indes fern, meine Beobachtungen mit denen McGregors zu vergleichen, von deren Beschreibung gar nicht zu reden.


Stippvisite im Nachrichtenfernsehen

23. August 2014

Wiewohl der Urlaub noch nicht ganz abgeschlossen ist, erscheint es mir doch geboten, (fast) pünktlich zum Saisonbeginn noch kurz eine Lanze für Herrn @rebiger zu brechen. Sonst lobe ich ihn ja immer, aber heute soll es zunächst einmal darum gehen, ihn ein bisschen in Schutz zu nehmen, eine Ausrede Erklärung zu liefern für das scheinbar Unerklärliche, das aus seiner Tastatur geflossen ist.

Tatsächlich liegt sie auf der Hand, diese Erklärung, zumindest für Leute wie mich, die ihrerseits hin und wieder Texte in ein fest vorgegebenes Schema, nicht selten metrischer Art, zu pressen bemüht sind. Wenn der formale Rahmen ein enger, unbarmherziger ist, dann läuft halt gelegentlich mal der Inhalt aus dem Ruder.

Da will man eine Lobhudelei schreiben und landet wegen ein paar fehlender Silben oder eines unglücklichen Reimwortes unversehens bei einem Verriss. Kreißt stundenlang, um die rosigen Aussichten eines Fußballvereins in leuchtenden Farben aufzumalen, und gebiert letztlich einen schillernden Abgesang. Passiert den Besten. Jüngst eben auch dem über die Maßen geschätzten Kollegen:

Man mag mir mein Urteil verzeihen.
Mancher VfB-Fan wird wohl speien.
Dank Veh und den Neuen
– mög’ ich es bereuen -
wird’s Unterhaus sich Stuttgart “leihen”.

Zu deutsch: in seiner ebenso schönen wie aufwändigen Saisonvorschau (wie er überhaupt zur Zeit einen ziemlichen Aufwand betreibt, was ihm die Leserin und der Leser noch viel mehr danken sollten) ist es dem eben beschriebenen reimbedingten Irrläufer geschuldet, dass er den VfB Stuttgart letztlich absteigen lassen musste.

Gut, dass ich bereits Tage zuvor die Gelegenheit gehabt hatte, zu sagen, wie es wirklich sein wird. Also fast. Ich hatte halt noch ein bisschen vom Pokalfinale geträumt, damals, als ich meine VfB-Saisonvorschau für n-tv formuliert hatte. Geträumt, wie gesagt, und es auch als Traum deklariert, oder zumindest so ähnlich.

n-tv in diesem Internet, wohlgemerkt, nicht im Fernsehen, aber das dachte sich die geneigte Leserin bestimmt längst. Meinen Pokallapsus haben die dortigen Damen und Herren freundlicherweise begradigt, irgendwie, den einen oder anderen Tippfehler leider nicht, die sind ganz allein auf meinem Mist gewachsen.

Über die Hlousek dort zugeschriebene Planstelle kann man vermutlich trefflich streiten (oder mir Ahnungslosigkeit nachweisen), dass ich Rojas unterschlug, mag eine traurig vorauseilende Einschätzung gewesen sein, und dass ich meine Gedanken zu “furchtlos und treu” für mich behielt, sowas wie Selbstschutz, oder so.

Dass ich zudem Armin Veh als “Magier” bezeichnete, lag wohl zum Teil an meinen Eindrücken im Rahmen der Mitgliederversammlung, wo ein fast schon absurd anmutendes Grundvertrauen zum Ausdruck kam. Das ich teile, möglicherweise mangels Alternativen.

Zum Teil mag es auch schlichtweg daran gelegen haben, dass ich endlich begonnen hatte, mit meinem Sohn “Harry Potter” zu lesen – ein gemeinsames Vergnügen, auf das ich mich seit Jahren freute und das mir in der Tat enorm viel Freude bereitet. Das eine oder andere war in Vergessenheit geraten, anderes noch sehr präsent, dies und jenes wich von den zwischenzeitlich gesehenen Filmen ab, und an manchen Begriff musste ich mich erst gewöhnen. “Schnatz” zum Beispiel kommt mir nur sehr schwer über die Lippen.

Aber Magier Veh hat es mir ein bisschen angetan. Graues Haar hat er ja.


Benzemas Lächeln

6. August 2014

Lang ist sie her, die Weltmeisterschaft, irgendwie, und doch liegt sie erst ein paar Tage zurück und wird uns noch lange begleiten. Erfreulich begleiten, möchte ich sagen, auch wenn ich am Montag, als ich meinen vierteljährlichen Kicker las, der hier gewiss exemplarisch für viele andere steht, schon recht bald genug davon hatte, allüberall zu lesen, wo die Parallelen zwischen der deutschen Mannschaft, dem deutschen Spielsystem, dem deutschen Teamgeist oder sonstigen deutschen Tugenden und der oder dem Augsburger, Paderborner, Leipziger oder Großaspacher Mannschaft, Spielsystem, Teamgeist oder auch sonstigen dortigen Tugenden liegen. Ist wohl unvermeidlich.

Meine persönlichen Erinnerungen an die WM hatte ich ja kürzlich schon in aller Ausführlichkeit dargestellt – und schon damals gedroht, angekündigt, was auch immer, dass es das noch nicht gewesen sei.

Eine “Retrospektive” hatte ich in Aussicht gestellt, was für ein großer, überhöhender Begriff. Tatsächlich möchte ich lediglich noch einmal auf die #doppelfuenf zurückschauen, jenes fünfzeilige Reimprojekt, das ich mit dem fabulösen Herrn @rebiger, der im echten Leben dieser Tage auf die Bundesliga vorschaut, planen und umsetzen durfte, und zudem mit der grandiosen Unterstützung einer kleinen und sehr feinen Reimcommunity, die unsere Aufforderung zur Mitwirkung in gar wunderbarer Weise aufnahm und so die #doppelfuenf mit viel mehr Leben füllte, als wir es je gekonnt hätten.

Weniger für diejenigen, die an dieser Stelle deshalb noch mitlesen, weil sie noch keine Allergie gegen die hier phasenweise eher hochfrequent veröffentlichen Fünfzeilereien entwickelt haben, als vielmehr für jene Mitlesenden, die sich zufällig hierher verirrt haben und noch gar nicht wissen, wovon ich rede bzw. worum es in der #doppelfuenf ging, sei kurz gesagt, dass der Herr @rebiger und ich, und eben besagte externen AutorInnen, die WM in Fünfzeilern begleitet haben.

Dies geschah weitestgehend im Limerickschema, was sowohl uns beiden als auch dem einen oder der anderen Beitragenden nicht immer leicht fiel: von der Nennung von Ortsnamen in der ersten Zeile, wie die mitlesenden Fachleute sie erwarten dürften, nahmen wir bereits zu Projektbeginn weitgehend Abschied, aber auch die Metrik genügte nicht immer allen puristischen Ansprüchen. Entsprechende Kritik möge an die Betreiber gerichtet werden.

Während die Gäste thematisch sehr frei waren und dies auch in wunderbarer Weise nutzten, hatten sich die beiden Hauptverantwortlichen, das mag nicht zwingend deutlich geworden sein, die Vorgabe gesetzt, zu jedem Spiel mindestens zwei Fünfzeiler zu erstellen, je einen aus Sicht beider beteiligten Mannschaften, was nicht immer in Reinform gelang, zumindest wenn man die Eindeutigkeit der beiden unterschiedlichen Perspektiven hinterfragt; die geforderten 128 gleichmäßig verteilten Werke kamen indes locker zustande.

Ein besonderer Dank, also über den ohnehin besonderen Dank hinaus, gilt hierbei Herrn @rebiger, der einige Tage lang beide Seiten abdeckte, also die Heim- und die Auswärtsperspektive, als ich selbst aus persönlichen Gründen ausfiel. Womit wir das große Geheimnis jener ausgeklügelten Perspektivenverteilung auch gelüftet hätten, die diesen bemerkenswert störungsfreien Ablauf gewährleistete.

Ok, seien wir ehrlich: Störungen im Ablauf wären ja auch nicht so sehr aufgefallen – zum einen hatten wir Füchse unsere selbst gewählte quantitative Vorgabe gar nicht kommuniziert, zum anderen war die Zahl derjenigen, die die Störung hätten wahrnehmen können, jederzeit überschaubar. Korrekter: fast jederzeit, es gab schon gelegentlich ein höheres Aufkommen, ohne dass ich es an Ereignissen festmachen könnte. Was keine Klage ist: wir hatten Spaß, ein paar Mitlesende ebenso, die Mitschreibenden vermutlich auch.

Letztere vielleicht nicht immer, wenn ich ehrlich bin, weil wir uns in Einzelfällen herausnahmen, an der Metrik herum zu kritteln oder gar, in ganz seltenen Fällen, Beiträge abzulehnen, weil sie vom Fünfzeilenschema abwichen. Was uns die Darstellung zerrissen hätte. Eine Darstellung übrigens, die von unserer, ehrlicher: meiner Seite zwar dilettantisch entwickelt wurde, die aber zumindest auf ein aus unserer Sicht ganz wunderbares Logo setzen konnte, das uns die über die Maßen geschätzte Frau @rudelbildung im Vorübergehen gebaut hat.

Jene Frau @rudelbildung, Eingeweihte ahnten es, die in diesen Tagen ein Buch über Fußball veröffentlicht hat. “Bring mich zum Rasen” heißt es, und ich gebe offen zu, dass ich mit dem Titel fremdle. Nicht aber mit den Texten. Ich kenne noch nicht alle, einige davon sehr wohl, und ich mag ihren Blick auf den Fußball und sein Drumherum, nicht erst seitdem das Buch erschienen ist, sondern seit Jahren, im von ihr gegründeten Textilvergehen, Sie wissen schon.

Ob ihre eine weibliche Perspektive sei? Ja, klar ist sie das. Eine von vielen weiblichen Perspektiven, um genau zu sein. Zudem eine Berliner Perspektive. Und eine portugiesische. Eine Union-Perspektive. Eine Fotografinnenperspektive. Die Perspektive von jemandem, der mit den Menschen redet. Beidseitig, mit zuhören und so. Und mancher Blickwinkel mehr. Ich freu mich drauf, demnächst bei der Lektüre noch ein paar weitere Perspektiven zu entdecken. Das hier schreibt übrigens der Verlag dazu, und das der Herr @bunkinho.

Diese Frau @rudelbildung also, die jüngst ein Buch veröffentlicht hat, von dem Sie möglicherweise gehört oder gelesen haben, hat unser #doppelfuenf-Logo gebaut und damit all unsere graphische Unbeholfenheit in den Hintergrund rücken lassen, sodass wir uns stattdessen auf Metrik und Reime konzentrierten durften, was uns ein bisschen näher lag. Und so veröffentlichten wir binnen sieben Wochen, vom 2. Juni bis zum 21. Juli, insgesamt 272 Fünfzeiler, von denen bemerkenswerte 64 nicht unseren eigenen Federn entstammten. Ja, 64. Als wär’s geplant gewesen.

Herzlichen Dank dafür! Vielleicht kann ich ja an dieser Stelle einfach mal exemplarisch ein Werk aus der #doppelfuenf entleihen und hier zitieren:

Reimendendank
Ein Fünfzeilerschreiber aus Schwaben
genießt’s, sich an Reimen zu laben,
die, von Gästen erdacht,
große Vielfalt gebracht.
Habt Dank, uns veredelt zu haben!

Wenn ich schon am Danken bin, kann ich ja gleich weiterzitieren:

Lesendendank
Ein Fünfzeilerschreiber aus Stuttgart
dankt der #doppelfuenf lesenden Hood hart:
seid so freundlich gewesen,
Anapäste zu lesen,
bis der Sprechrhythmus völlig kaputt ward!

Ich sag’s ungern, aber jetzt wäre der Punkt gekommen, an dem sich die nicht so reimaffinen Leserinnen und deren männliche Pendants spätestens zurückziehen sollten, weil der bis hierher noch halbwegs prosaische Text nun endgültig in die angekündigte selbstverliebte und sich selbst zitierende Retrospektive Eigenlobhudelei übergeht, bestenfalls mit dem einen oder anderen hinführenden Kommentar, aber 272 untereinander geschriebene Fünfzeiler sprechen dann ja auch weitgehend für sich. Bzw. jetzt nur noch 270. Vielleicht auch ein paar weniger.

Vielleicht kann ich sie sogar ein bisschen gliedern. Wie wär’s zum Beispiel mit Prognosenfünfzeilern? Sind ja gang und gäbe, wie auch Kollege @rebiger zu berichten wusste:

Tierische Vorhersage
Hin und wieder beschwört man Orakel,
und nicht selten ham diese Tentakel.
Wer nun wen hier denn schlüge.
Ob’s der Wahrheit genüge?
Kann auch sein: ‘s wird ein Riesendebakel.

Und der Debakel gab es reichlich. Nehmen wir zum Beispiel Herrn @SvenGZ:

Lüftchen
Mit Einmannsturm Old Miro Klose
kann das nur geh`n in die Hose
Nen Titel beim Kicken
Kannste so knicken
So lautet bei mir die Prognose

Auf der anderen Seite gab es auch die Checker, die von Anfang an so richtig Bescheid wussten. So wie Herr @chrisprech:

Neymar sings the Blues
Den Pokal will Brasilien erringen.
Die Hüften die Weiber woll’n schwingen.
Doch dann wird es müllern,
geradezu knüllern,
und Neymar wird Blues nur noch singen.

Der Mann kennt sich aus. Meine Wenigkeit hingegen meinte vor der Gruppenphase Folgendes:

A wie Altmeister
Favorit ist, selbstredend, Brasil.
Dann Kroatien. (Mittelfeld! Stil!)
El Tri: eher bieder.
Ist Eto’o noch ein Leader?
Und wenn ja, ist das gut für ihr Spiel?

Nun ja. Mexiko. Vielleicht doch nicht ganz so bieder, wie ich dann auch reumütig eingestand:

Irrtum
Jüngst nannte ich Mexiko “bieder”.
Verzeihung, ich tu es nie wieder!
Ich verklärte Kroaten,
wart’ vergebens auf Taten.
Man lache mich aus, mach’ mich nieder!

Doch weiterhin gilt, immerhin: ich bin nicht allein in meiner Ignoranz. Herr @rebiger zum Beispiel hatte die Chuzpe, gegen das Dark Horse aus Kolumbien zu setzen. Zugunsten von … Japan:

C wie Chuzpe
Kein Falcao und so: kaum Probleme.
Und für Hellas gibt’s maximal Häme.
Auch die Elf um Herrn Drogba:
nicht gänzlich unrockbar.
Nippon holt Punkte bis ins Extreme.

Japan, Kolumbien, Griechenland? Na, Herr @rebiger?
Nun, ich selbst vertat mich da wohl auch:

Sounds like a melody
Gruppe C – wen ich ganz vorne wähn’?
“Die Japaner”, sprach ich, “souverän”.
Doch gegn die Ivoren
war ihr Posten verloren.
Sind sie lediglich big in Japan?

Oder nehmen wir die Dreiweltmeistergruppe, die der Kollege etwas anders benannte:

D wie Dodesgruppe
Costa Rica wird wenig bestellen:
Hunde-like, bloß nicht beißen, nur bellen.
Fraglich nur: Wer an zwei?
England? Uruguay?
Wer wird sich zu Italien gesellen?

Knapp daneben, würde ich sagen, und nicht nur dort:

Fehleinschätzung
Dieses war meine Top-Expertise:
Zu den Top 4 zählt “der Portugiese”.
Nun ist klar, dass – oh, Mist -
er nichts anderes ist
als ein schnarchender, schlafender Riese.

Da wir grade bei Portugal sind: Herr @rebiger scheint dort nicht alle Spieler gleichermaßen zu mögen. Einen verortet er in der Tierwelt:

Cristiano wer?
Es war einmal ein eitler Pfau,
aus dem Land neben Spanien (genau).
Wollt’ den weltweiten Ruhm,
hat jetzt Freizeit. Und nun
intressiert sich für ihn keine Sau.

Wohingegen ich ihm schon sehr gern zusehe.

Brotlos? Vielleicht.
Zirzensische Künste am Ball
sind vielen Beleg für ‘nen Knall.
Doch die Moves von Neymar
(und Cristiano, na klar)
sind tatsächlich und gänzlich mein Fall.

(Natürlich weiß ich um Herrn Ronaldos Torquote, und die von Neymar jr. ist auch nicht so übel. Aufhänger waren ein paar schick anzusehende und nur so halb effektive Dribblings.)
Ach, und noch etwas, vorgreifend, zu Neymar. Und den Fans.

Bedauern
Ein getretener Volksheld aus Santos,
der, beseelt, manches Tor für sein Land schoss,
lässt Brasilien trauern.
Weltweit herrscht Bedauern -
sofern in die Wertung Verstand floss.

Doch wir waren eigentlich bei Prognosen. Hin und wieder galten sie auch einzelnen Spielen. Und waren nicht weniger wild, so zum Beispiel beim ersten Auftritt von Volker Finkes “unbezähmbaren Löwen”, als ich drei Tore von Herrn Choupo-Moting vorhergesagt hatte. Wenigstens konnte ich den Hauch einer Erklärung liefern:

De facto draußen
Eric konnt’ mein Träumchen nicht leben.
Hat Maxim gleich die Schuld dran gegeben.
Sagt Choupo: i wo,
es lag an Eto’o.
Und Moting weiß: das war’s dann wohl. Eben.

Eher nicht so gut erklären konnte man indes rückblickend, wieso gerade Belgien “von der Bank” Algerien hatte schlagen können:

Hipsterexpertenhipster
“Experten, ey!”, sagt jeder zweite
algerische Fan nach der Pleite.
Gegen belgische Hip-
ster gäb’s einen Tipp:
auf der Bank, hieß es, fehle die Breite.

Wo wir grad von Belgien sprechen: ganz schön respektlos, der Herr Kollege, nicht wahr?

Gutes Pferd
Bis zur 70. sehr viel Verdruss,
dann der erste vernünftige Schuss:
Mit dem Kopf von Fellaini,
diesem Wollknäuel-Heini.
Belgien springt nur so hoch wie es muss.

Wollknäuel-Heini!? So geht’s ja wohl nicht! Um indes kurz, nun ja, beim Thema zu bleiben:

Korkenzieher
Marcelo, Willian und Luiz!
(Fehlt Dante, der wär ja auch süß.)
Doch so sehr sie auch rocken -
als Meister der Locken
grüßt Ochoa, derdie Null stehen ließ.

(Ja, derdie ist ein einsilbiges Wort.)

Nicht schlecht übrigens dies hier von @rebiger, prognosemäßig, letztlich aber doch nicht gut genug:

Kein Geheimfavorit
Herr van Gaal so: “Sie spielen, Herr Fer.
Komm’ se doch mal vom Aufwärmen her!”
Der zieht sich kurz um,
kommt rein, dann macht’s bumm!
Tja, Oranje schlägt wohl keiner mehr.

Mir war’s irgendwann dann doch ganz angenehm, dass er nicht recht gehabt hatte mit seiner niederländischen Unschlagbarkeitsthese:

Unsachlich
Argentinien steht im Finale.
Das sendet die richt’gen Signale.
Ich räume gern ein:
ihr Spiel war nicht fein.
But your one-man-show sucks, Louis van Gaal, ey!

Wenn wir somit quasi in Finalnähe gerückt sind, zitiere ich gern eine meiner Lieblingseinschätzungen, die Herr @bimbeshausen unmittelbar vor dem Halbfinale abgab:

11 Richtige
Geht’s ums Stehen, geht’s eher ums Sputen?
Schweini sagt: »Ich kann 90 Minuten
und wenn’s sein muss auch mehr«.
Immerhin – gleichwohl: er
zählt für mich derzeit nicht zu 11 Guten.

Bezog sich ja nur aufs Halbfinale, nicht wahr? Bereits vor dem Viertelfinale hatten wir, also der Herr @rebiger und ich, noch einmal Rollen verteilt. Ok, ich hatte. Ohne dass der positiv gestimmte Herr Kollege etwas davon gewusst hätte, schon gar nicht, dass ich den bad cop spielen und mich noch dazu nicht an seine Fünfzeilenvorgabe halten würde:

Voller Vorfreude
Ich will Belgier und Brasilianer,
auch die Deutschen und Costa Ricaner.
Argentinier, Franzosen
in kurzen Sporthosen.
Und Holländer. Und Kolumbianer.

Wieso denn Vorfreude? (I)
Argentinien, Brasilien, ey, Alter:
kein Fußball – Alleinunterhalter!
Die Franzosen: brutal.
(Die FIFA: “Egal.”)
Costa Rica? Nein, wirklich: ein Kalter!

Wieso denn Vorfreude? (II)
Kolumbien? Pfft – ohne Tiger!?
Oranje setzt nur auf den Flieger.
Den Belgiern (geheim)
geh ich nicht auf den Leim.
Und mit Löw wird man eh niemals Sieger.

Ah, der Herr Löw. Den wollen wir ja nicht ganz vergessen. In der Tat galten nicht wenige Prognosen, da unterscheidet sich die #doppelfuenf nicht vom richtigen Leben, ihm und seiner Mannschaft. Ich bin ein bisschen stolz auf diese eine sehr frühe Einschätzung, die nun wahrlich nah an der Realität lag:

Fangedanken: So nicht!
Der Kader: nicht mehr als ein Torso.
Wie stellt sich der Trainer das vor, so?
Kaum Stürmer, so’n Dreck –
der Jogi muss weg!
Im Juli dann: Auto raus, Korso!

Die Prognosequalität war im Übrigen nicht überall gleich hoch, wie erneut Herr @SvenGZ bezeugen kann:

Guter Brauch
Ein guter Start in die WM
ist nichts Besonderes, denn
so war es sonst auch.
Fast schon ein Brauch
wie das Aus gegen Italien.

Italien, tze! Vor dem Halbfinale gab es dann im Wesentlichen zwei Denkschulen, die ich kurz  zu umreißen versuchte:

Gar nicht mal so schlecht
Herr Löw und sein Team sind vor Ort.
Italien und Spanien: längst fort!
Auch Frankreich und Chile
hatten höhere Ziele.
Schon wieder top 4 – großer Sport!

Gar nicht mal so gut
Noch ein Spiel um Platz 3? Hat kein’ Zweck!
Verliern im Finale? So’n Dreck!
Man kann’s drehen und wenden:
es wird titellos enden –
die Wurst an der Linie muss weg!

Ach, dieses Halbfinale! So groß  – und zwischendurch so unangenehm, dem, Verzeihung, Gemetzel televisuell beizuwohnen:

Lämmer
“Hört mal auf,” sagte ich, “haltet ein!
Ich will das jetzt nicht, muss das sein?”
Wollt mich gerne verbeugen,
aber bloß nicht bezeugen:
die Lämmer, die Schlachtbank, das Wein’n.

Herr @nobilor war indes derart beeindruckt, dass er das 7:1 zum Anlass nehmen wollte, die fünfzeilige Struktur aufzubrechen, was wir Betonköpfe verwehrten. So genießt sein Werk nun das Alleinstellungsmerkmal, hier als einzig unveröffentlichtes aufgeführt zu werden. Und sieben Zeilen zu umfassen:

Ausnahmeerscheinung
Müller – eins vor
Miros 16tes Tor,
Schürrle/Kroos mal zwei
Sami auch dabei
Legendenspiel
für großes Ziel
Zeilenzahl heute nach Score.

Danach war Brasilien ziemlich durch, wie @rebiger auch beim Spiel um Platz 3 voller Poesie feststellte. Dabei hätte man wissen können, dass die Niederlande mit Windmühlen aufwarten:

Arme Ritter
Sie kamen kein Stück mehr zu Potte.
Es glich einem Gang zum Schafotte.
Seleçao, sehr schaurig,
gestaltete traurig
das Spiel. Wie dereinst Don Quijote.

Immerhin durften sie bis zum Ende dabei sein, die Gastgeber. Von einigen Großen und nicht ganz so Großen hatte man längst Abschied genommen. Vom Weltmeister, zum Beispiel:

Zäsur
Eine Ära und manche Karriere
endet heute, in Sieg und Misere.
Vorerst schließt sich der Reigen,
ich werd mich verneigen:
der Weltmeister gab sich die Ehre.

Oder Italien, vermisst von @rebiger:

Gondeln tragen Trauer
Von Mailand bis zum Apennin,
von Sizilien bis nach Turin:
Ein Land ist in Trauer,
halb weinend, halb sauer,
und Schuld daran ist Herr Godín.

Ich machte die Gruppe dann rund, irgendwie. Waren auf jeden Fall auch mal Weltmeister:

Generationswechsel
Roy Hodgson, der frech nominierte,
den Jugendwunsch nicht ignorierte,
kam dann doch nicht zurand’
und beschämte das Land:
man ging heim als verheerende vierte.

Oder nehmen wir die Elfenbeinküste. Zum dritten Mal in der Vorrunde raus. Und mit ihr Didier Drogba.

Dann halt 2018!
Nun würde sein Traum echt noch wahr,
so dachte der alternde Star.
Es war doch nicht zu spät,
diese Wies’ schien gemäht.
Wer hat’s dennoch verkackt? Côte d’Ivoire!

Überhaupt, Afrika, komplett raus nach der Vorrunde. Algerien geht da dem Vernehmen nach gerne mal unter. Dabei warfen sie sogar die Deutschen aus dem Turnier, wenn ich @fraochdachs recht verstanden habe:

Teufel an der Wand
Die Überraschung perfekt: Algerien
schickt Jogi & Co. in die Ferien.
Lahm patzte, ohwei!
Dann Klose: vorbei!
Daraus zieht man hoffentlich Lehrien.

Tatsächlich hatte man sie wohl schon früher gezogen.

Noch so ein schwerer Abschied: Mexiko. Mal wieder im Achtelfinale, und mal wieder mit Kapitän Marquez:

Käptn trifft Robben
Bis der Rückzugsimpuls unten ankam,
hatt’ er längst schon gemerkt: ‘s war zu langsam.
Es war so ein starkes
Turnier von Herrn Márquez,
bis Robben sein Angebot annahm.

Am schmerzlichsten war mir der Verlust der Chilenen, die ich ein bisschen adoptiert habe. Als unerwartetes Zweitteam, gewissermaßen. Gegen Spanien wussten sie noch zu begeistern:

Königsmord
Sie liefen so viel und so schnell.
Man dachte bei sich: Duracell.
Bissen mutig und keck
den Weltmeister weg.
Mancher meinte, er höre Gebell.

Doch irgendwann verließen selbst ihn, dem ich ein bisschen zu nahe trat, die Kräfte:

Die anderen Werte
Mein Mitleid gilt ihm ganz speziell.
Steht für Wille und Einsatz Modell.
Sieht zwar aus wie Gesocks,
das auf Kirmessen boxt;
hab mich dennoch verliebt in Medel.

– und so war es um sie geschehen:

Ehrerbietung
Lobpreisungen schenkt man Dir. Viele.
Deinem Mut, Deinem Herz, Deinem Stile.
Du nahmst mich gefangen
und ließest mich bangen.
Ich weine mit Dir, großes Chile!

Szenenwechsel. Das Fernsehen. Könnte man viel drüber schreiben. Geschah in der #doppelfuenf erfreulicherweise nicht im Übermaß. Aber diese ständige Einspielung des Facepalm-Logos bei Wiederholungen, ich weiß ja nicht … mich störte sie schon beim Eröffnungsspiel:

Zeitlupengesichter
Erst ein Kullertor, dann ein Präsent;
schließlich Pike (wiewohl sehr behänd).
Nicht nur in Kroatien
palmierte man Fazien.
Und das Fernsehen stützt diesen Trend!

Herrn Mertesacker störte etwas anderes, später, was einige fünfzeilig festhielten, exemplarisch sei auf Herrn @chrisprech verwiesen:

Arschtritt für Büchler
Und Merte sagt: Boris, so’n Scheiß!
Ich leg mich jetzt ersma auf Eis.
wie kannst Du es wagen,
so dämlich zu fragen,
Echt, Alter, gleich gibt’s auf den Steiß!

Das TV-Gesicht der WM, zumindest hierzulande, war für mich Mehmet Scholl. Zumindest hörte ich ihm am liebsten zu: oder sah mir seine Kleider an. Einverstanden: manchmal war er auch einfach ein bisschen zu sehr er selbst:

Der Mehmet
Der Südam’rikaner per se:
Emotionen vom Kopf bis zum Zeh.
Hat er Frust, muss der raus -
Mehmet Scholl kennt sich aus.
Demnächst dann “der Iwan”, ok ?

Wohingegen ich es sehr mochte, wie er sich ob der zum Teil überharten Spielweise so sehr echauffierte, dass der Flötenmann neben ihm eine neue Zehnkämpfergeneration fürchtete:

Zehnkämpfer
Mehmet Scholl schöbe gern einen Riegel
vor Tritte und Schläge und Prügel.
Sieht den Fußball in Not,
Filigrane bedroht.
Und Opdi disst Hans-Peter Briegel.

Wo wir grade vom Fernsehen reden: hier meine fünf Alibi-Minuten zu gesellschaftlichen Missständen, und die nur so halb:

WM-Paradoxon
Das Geschehen vor Ort: schwer erträglich.
Die FIFA (per se?): rundum kläglich.
Das Gebaren: rigide.
Die Kritik: sehr valide.
Heut geht’s los, und ich freu mich unsäglich!

Herr @kaffchris zog indes eine überzeugende gesellschaftliche Parallele:

Kann hier ja nicht passieren 
Polizei außer Rand und auch Band –
geprügelt wird ohne Verstand.
Nichts ist fertig, ein Graus,
auf den Straßen nur Staus!
Mein Gott, was’n rückständig’ Land!

, während die Herren @frankie1960 und Kamke noch ein bisschen bei unser aller Lieblingsverband verweilten:

Sepp
Es war einst ein Sepp, der hieß Blatter
Seine Reden war’n lautes Geknatter.
Die Stimmung toll.
Die Taschen voll.
Doch: irgendwann kommt der Gevatter

Ellbogen (II)
Dass Suárez bestraft wird, ist wichtig.
Das Strafmaß: nicht meins. (Aber: nichtig.)
Der Franzose Sakho:
exkulpiert, lebensfroh.
Jedes FIFA-Klischee erscheint richtig.

 

Wenn wir über die #doppelfuenf reden, müssen wir wohl auch über Sprache sprechen. Über bis zur Unkenntlichkeit gebeugte Aussprachen, der Metrik wegen, über erfundene, falsch geschriebene oder fragwürdig gebeugte Worte. Über gebeugt gehende Menschen indes eher nicht. Bleiben wir erst einmal bei der Orthographie, die Herr @ojweh, im Verbund mit einer diskutablen Namensbetonung, wunderbar für seine Zwecke optimiert hat:

Drecksdefensive 
Zum Superstar namens Neymar
Sprach der Scholari: Nu sey mar
nicht so offensiv
wir stehen heut tief
Für den war der Spieltag im Eymar!

Der hiesige Hausherr passte die Aussprache auch gerne mal bei Nicht-Eigennamen an, was ähnlich schwer wiegt und auch durch ein Betonungszeichen nicht gerettet werden kann. (Aber hey, es ging um Karagounis!)

Fast wie immer
Hellas’ Endstation: Achtelfinale.
Ihr Spiel trug bekannte Merkmále:
hinten ziemlich verschlossen –
ein Gewühltor geschossen –
Karagounis gibt fleißig Signale.

Dass es immer noch schlimmer geht, steht außer Frage. Da werden dann Namen falsch geschrieben, um bei der Silbenzahl zu tricksen und damit einen furchtbaren Scherz zu ermöglichen, der den Begriff Wortspiel nicht verdient hat und den mancher Twitternutzer mit zahlreichen Strafkästen belegen würde. Immerhin, die Überschrift vermittelt, wie mies er (also ich) sich dabei fühlte:

Oh mein Gott!
Man wartet ja drauf, dass der Witz fällt.
(Marjo Barth macht mit solcherlei Hits Geld. )
Als Komparse: der Shaq,
mit getripeltem Pack,
in Manaus, Ihr wisst: auf dem Hitzfeld.

Immerhin: der Herr @rebiger war auch nicht immer völlig frei von Unsinnsphantasien sprachlicher Art, und auch ihm war es überschriftlich bewusst. Brüder im Geiste?

Ähm… tja.
Und am Ende gewann Kolumbiehn
(Ich hoffe, mir wird es verzieh’n:
Dass der Reim einer ist,
sorgt für Grammatik-Mist.
Doch wie heißt es so schön: C’est la Wien.).

Und noch ne Überschrift, und noch ne Namenssache:

Cilessen, ich weiß.
Coach van Gaal sagt: “He, Jasper Celissen,
Sie werden aus dem Tor geschmissen.
Denn ich hab’ das Gefühl,
Ihr Rivale, Tim Krul,
hält viel besser und nicht so beschissen.”

(Ach so, ähm: Cillessen, ich weiß.)

Selbes Spiel, andere Verfehlung, anderer Autor (moi):

Akkusativfehler
Die vergebenen Strafstöße kosten
Costa Rica den Halbfinalposten.
Das geht doch nicht an!
Drum klage ich an:
Hollands Unsympath zwischen den Pfosten.

Immerhin: ganz böse war unser aller Umgang mit Sprache dann auch wieder nicht. Hin und wieder kamen schöne Sachen dabei heraus, hashtagbezogene Wortspielereien, zum Beispiel, wie sie Herr @bimbeshausen nach dem Halbfinale erdachte, zugegeben: mit von der Redaktion ergänzten #-Zeichen.

Ehrlichkeit
Gurken hinten herum, so ein Quark
wohl ein Spielstil, den keiner gern mag
Oder sag mal: Gefiel
dir denn etwa das Spiel?
Weil ich ehrlich bin, sag ich: #ned #arg.

Gelegentlich wurd’s auch mal fremdsprachlich, so zum Beispiel vor dem vermeintlich turnierrelevanten Duell der später in der Gruppenphase gescheiterten Exweltmeister, als Kollege @rebiger der englischen und ich der italienischen Seite zugelost worden war:

Very british
If we bring this round and little ball
behind the “Catenaccio“-wall,
Rooney or his mates score,
(Germans shout: England! Tor!)
This would be like “… and Justice for all“.

Vinceremo noi!
Voi: Welbeck, ma noi: Balotelli.
Voi: Hodgson, noialtri: Prandelli.
Poi grandissimo Pirlo.
Oltracciò, devo dirlo:
le barbe, occhiali, capelli.

Wieso Nigeria letztlich auch fremdsprachlich scheiterte, weiß ich gar nicht mehr so genau, es mag am gesetzten “same old” gelegen haben:

Nearly super eagles
Same old, said Nigeria, same old -
an often-heard story retold:
the outsiders shine -
big teams in decline?
In fact, then, the underdogs fold.

Wohingegen “algerische Tränen” einfach nicht so schön klingt.

Les larmes algériennes
Leur jeu: plein d’esprit et de charme.
Ont causé une espèce de vacarme.
(Silencieux, sur l’terrain)
Néanmoins, à la fin,
l’Algérie se retrouve en larmes.

Ach, Sprache. Auch im TV eine Thema, irgendwie:

Griezerklärung
Grissœument, sagt Herr Simon, nasal.
Auch Grisemanne und Grisement, optional.
Wär er skisportbeschlagen,
würd er’s noch anders sagen,
nämlich Grissmann, wie Werner – normal!

Zurück zum Sport. Irgendwann ließ es sich nicht mehr leugnen: Deutschland stand im Finale. Und konnte auf eine bemerkenswerte WM-Geschichte gegen Argentinien zurückblicken. Was allerorten geschah, so auch bei uns:

Keine Pointe
Herr Jürgens und so singen Schlager.
Matthäus: “Mein Schuhwerk!” – Versager.
Lehmanns Zettel brilliert.
Zwanzigzehn: filetiert.
Doch die Schlusspointe setzt Burruchaga.

Was dann doch nicht stimmte. Die Pointe kam von Herrn Götze, der schon früh im Turnier einen Glanzpunkt gesetzt hatte:

Kniefälle
Herr Rojo traf jüngst mit dem Knie.
Das sei ja nicht schlecht, meinen Sie?
Mich reißt’s nicht vom Stuhle,
denn die ganz hohe Schule
ist Herrn Götzes Kopf-Knie-Strategie.

Im Finale adaptierte er sie zu einer nicht weniger imposanten Brust-linker-Fuß-Strategie, womit er seine Vorgänger in einer Hinsicht weit in den Schatten stellte:

Weltmeistertorschützen
Aus dem Hintergrund, Drehung, Elfmeter –
na ja, war halt wichtig. Konkreter:
Götze traf, man konnt’s sehn,
nicht nur wichtig – auch schön!
Löws Sinn für Ästhetik versteht er.

Selbstverständlich war er nicht der alleinige Held, wie Herr @rebiger sogleich deutlich machte:

Fels in der Brandung
Das Tor schoss zwar Mario G.,
und Schweini tut sicher viel weh.
Doch mein Held an dem Tage,
und zwar ohne Frage:
Boateng (Und zwar nicht Kevin-P.).

Nicht so überraschend, meinen Sie? Noch nicht mal originell? Was soll ich sagen? Meine sind’s auch nicht:

Schweinsteiger
Strapaziert war er, beinah’ schon über-,
sowohl körperlich als auch – noch lieber – ,
um ‘ne Sehnsucht zu stillen:
als Symbolbild für Willen,
für Kraft und, vor allem, für’ n Leader.

Erfolgstrainer
‘s ist ein spielphilosophischer Schöngeist,
der Tacklings im Grunde “obszön” heißt
und der Standards verachtet,
der – wer das wohl gedacht hätt’? –
den Weg in betitelte Höh’n weist.

Puh, ist jetzt doch schon ganz schön lange geworden. Ich fasse nochmal zusammen:

Kurz und knapp
Erst mal Portugal, Ghana, US.
Dann Algerien: Merte hat Stress.
Neuers Arm gegen Frankreich,
Brasilien versank gleich.
Und nach #arg-em Finale: Exzess!

So war das also. Und das Unvermeidliche trat ein.

Die Erben des Kaisers
“German dominance” tönt’s mancherorten,
begleitet von markigen Worten.
Der Subtext, unsagbar:
auf Jahre unschlagbar.
(Experten und ihre Konsorten.)

Ob die größte Überraschung im Nachgang des Turniers vermeidlich gewesen wäre, vermag ich nicht zu beantworten. Sie nötigt mir großen Respekt und ähnlich großes Bedauern ab.

Irrelevantes Gebrüll
Da stand er, im strahlendsten Licht.
Sein Timing, wie stets, ein Gedicht.
Ich veneigte mich tief,
doch mein Innerstes rief:
Herr Lahm, mensch, ich möchte das nicht!

Womit wir eigentlich durch wären. Aber wenn man sich so die WM-Rückblicke angehört oder durchgelesen hat, kam immer auch die Frage nach den besonderen, den vielleicht auch kleinen, großen Momenten auf. Dem möchte ich mich nicht entziehen und verweise abschließend auf ein paar solcher Szenen:

Mondragóns Einwechslung war so eine. Schön gemacht, Herr Pekerman. (Bitte nicht mit Felix Magath und André Lenz verwechseln.)

43
Herr Pekerman möchte ihn ehren,
drauf rinnen ergreifend die Zähren.
Ein schöner Moment:
Herr Mondragón [weint].
Auch ich kann und will mich nicht wehren.

Oder Herr Löw im Dauerregen von Recife? So gar nicht geschniegelt. Da bröckelte ein Image, und manche(r) mag schon gehofft haben:

Beim Schopf gepackt
Das bildjournalistische Rudel
erkannte den tückischen Strudel,
in dem er nun steckt –
hat’s Symbolbild gecheckt:
Herr Löw als begossener Pudel.

Nach Kolumbiens Ausscheiden forderte David Luiz das Publikum auf, dem wunderbaren James Rodriguez zu huldigen. Nach meiner Wahrnehmung war indes Dani Alves, den ich lange Zeit nicht sonderlich mochte, was sich seit geraumer Zeit geändert hat, derjenige gewesen, der ihn zunächst getröstet hatte. Und natürlich war er damit nicht allein, auch die Deutschen Spieler taten sich so gegen Brasilien hervor. Sportler.

Respekt
Dani Alves, ich zieh meinen Hut:
Ihr Trost für Herrn James tat gut.
Macht den Jungen nicht glücklich,
doch als Fan ist’s erquicklich -
man erlebt, was ein Ehrenmann tut.

Erinnern Sie sich an Stephan Lichtsteiner? Der kurz vor Ende der Verlängerung (?) den Ball verloren und Lionel Messi die Chance zum Gegentor eröffnete, das dann Angel di María erzielte? Und daran, wie Lichtsteiner anschließend mit leerem Blick im Netz hing? Genau.

Große Gefühle
Herr Lichtsteiner in seinem Netz:
ohne Worte, ermüdet, entsetzt.
Geht, so sagt sein Gesicht,
mit sich selbst ins Gericht.
Ist zutiefst in der Seele verletzt.

Und schließlich, meine ganz persönliche Szene der WM. Der Schuss auch, klar, die Parade erst recht. Vor allem aber das, was danach kurz von den Kameras eingefangen wurde. Ungläubig war er, bewundernd, ja, fast ein bisschen fassungslos. Und, um es ein bisschen zu überhöhen, sich vielleicht auch im Klaren, dass er eben zu einer der größten Szenen des Turniers beigetragen hatte, die ich gern angemessener in fünf Zeilen gepresst hätte:

Wunderbares Lächeln
Die Nachspielzeit läuft, alles schwächelt.
Das Atmen fällt schwer, mancher hechelt.
Letzte Chance: riesengroß.
Die Parade: grandios.
Benzema ist perplex. Und er lächelt.

 

Ja, war lang. Die WM. Der Text. Die Fünfzeilerphase. Jetzt ist erst einmal Ruhe. Danke nochmals allen Beteiligten, und sorry an all jene, die nicht im Rückblick auftauchen. Vielleicht hätte ich jemanden bitten sollen, statt meiner die Auswahl vorzunehmen.

 

 

 


Dann halt doch: VfB-Content. Ein bisschen.

28. Juli 2014

Es lässt sich wohl nicht mehr weiter hinauszögern. Zu eindeutig sind die Signale, zu schnell rückt das Großereignis in den Hintergrund, zu unerquicklich sind die Sommerlochthemen, zu medienpräsent ist die Versammlung. Kurz: es ist wohl an der Zeit, sich wieder mit dem VfB zu befassen. Wenn auch nicht mit den Versammlungsthemen, will sagen: mit der “alternativlosen” Ausgliederung, mit den neuen Aufsichtsräten, die ihre Unternehmen in Stellung bringen, Sie wissen schon.

Auch nicht mit dem Urlaub, übrigens, aus dem Herr Bobic zurückgekehrt ist, wie Herr Wahler jüngst in bemerkenswerter Art und Weise betonte, oder gar mit den Krachern, deren Ankündigung dann ja doch eher ein wenig flapsig zu verstehen gewesen sei, wenn ich Herrn Wahler recht verstanden habe.

Oh, Verzeihung, mit den Krachern hab ich mich dann ja doch befasst, mit einem zumindest, wenn auch in Wahler’scher Manier: flapsig. Der eine oder die andere hat es vielleicht schon gesehen, bei der Lektüre des Bundesliga-Heftchens der 11 Freunde, wo ich wiederum ein paar mehr oder weniger ernsthafte Sätze zum VfB sagen durfte. Geübten Lesenden wird aufgefallen sein, dass die BloggerInnenbilder entfallen und die Fragebögen kürzer geworden sind.

Da indes die Antworten pro Fragebogen ähnlich zahlreich und auch ähnlich umfangreich waren, es sei denn, ich hätte eine abweichende Version beantwortet, will ich meine vollständige, ungeschminkte und tatsächlich nur sehr bedingt originelle Wahrheit gerne hier veröffentlichen:
___________

Die neue Saison wird legendär, weil…

sich der 1. FC Köln zum besten Aufsteiger aller Zeiten aufschwingt. Nicht nur nach Punkten.

Wenn ich an die vergangene denke, dann kriege ich…

zum einen das kalte Grausen, zum anderen: Zweifel. Am Verein und an mir selbst. Es gibt mir zu denken, wie bereitwillig ich mich zwischenzeitlich in den scheinbar unabwendbaren Abstieg fügte. Die Labbadia-Jahre haben mich mürbe gemacht.

Mein schlimmster Alptraum…

Der VfB tut all das, was die Fans wollen: er wechselt die ungeliebte Vereinsführung aus, den weinerlichen Trainer gleich mit, ersetzt ihn durch ein junges Eigengewächs, setzt auf „junge Wilde“ – und dann geht trotzdem alles schief. (Ein Alptraum halt. Völlig unvorstellbar.)

Auf diese Schlagzeile warte ich seit Jahren…

„Die bessere sportliche Perspektive des Vereins gab den Ausschlag für meinen Wechsel zum VfB.“

Meine steile These für meinen Auftritt im DSF-Doppelpass…

Rudolph Brückner hätte echt etwas aus dieser Sendung machen können.

Die lustigste Fanaktion der letzten Saison…

In Stuttgart war dem gemeinen Fan einmal mehr nicht so sehr nach Lachen zumute. Aber die Choreo zum 120. Geburtstag machte was her. Und der Jubel für Thomas Hitzlsperger am letzten Spieltag fühlte sich gut an.

Mein unrealistischer Fünfjahresplan…

wird bereits im zweiten Jahr von der noch viel besseren Realität überholt. Endlich wieder Champions League – und im Halbfinale wartet Meister Köln.

Mit meinem 10-Millionen-Lottogewinn kaufe ich meinem Klub…

lieber nichts. Nachdem ich vom Verfall des Vereinswerts gelesen habe, triebe mich die Sorge um, mit den 10 Millionen gegen 50+1 verstoßen zu können. Aber vielleicht ließen sich ja mit Bruchteilen des Geldes die Einrichtung eins Fanprojekts und die Aufarbeitung der Nazihistorie beschleunigen.

Mein Verein braucht eine neue Hymne. Gesungen von… , weil…

Armin Veh, weil dem Verein ein bisschen mehr Selbstironie nicht schaden könnte.

Diesmal feiert der FC Bayern feiert die Meisterschaft bereits am…

letzten Spieltag. Der DFB besinnt sich dann aber eines Besseren und hält sich doch an die offizielle Tabelle.

Und wenn nicht, kommt am Ende raus, dass Pep Guardiola…

die Anweisungen von Mastermind Hermann Gerland in den entscheidenden Spielen ignoriert hat.

Absteigen müssen leider…

immer noch die Mannschaften, die sportlich nicht gut genug sind. Wird in traditionsbewussten Kreisen gerne mal beklagt, ist aber ein ganz gutes Konzept.

Die große Überraschung der Saison…

wird aus Stuttgarter Sicht der versprochene „Kracher“, den der VfB in der Winterpause dann tatsächlich kauft: Moritz Leitner. Ach, und Labbadias Comeback bei den abstiegsbedrohten Schalkern.

Und wohin pinkelt Kevin Großkreutz?

Das möchte ich noch immer nicht wissen.

___________

Ein Fragebogen halt, mit gezwungen halbwitzigen Antworten. Ich hoffe, die neue Saison gibt mehr her.