Sieben. Und elf: link-elf.

24. Oktober 2014

Null. Nominierungen.
Bei Twitter, in Blogs, gerne mal im Facebook, vermutlich auch bei Google plus oder sonst wo, wird man in letzter Zeit gerne mal nominiert. Man möge sein liebstes Buch nennen, oder die besten Musikstücke, oder die schönsten Filmszenen, Sie erkennen das Prinzip, oder kennen es. Ich kann dem nicht so wahnsinnig viel abgewinnen, um es ein bisschen euphemistisch auszudrücken. Also dem Nominierungsprozess. Die jeweiligen Präferenzen und die entstehenden Gespräche an sich sind häufig sehr erquicklich, mir missfällt nur das kettenbriefartige.

Vielleicht bin ich da zu sehr Kind der 80er, das mehrfach um sein Seelenheil fürchtete, weil Papa nicht bereit war, den Brief im Büro neunfach zu fotokopieren, auf dass der Sohnemann ihn durch die Republik oder auch nur an die noch nicht bedienten Mitschülerinnen und Mitschüler versenden könne, sodass ihm, also mir, wegen Kettenbruchs gar schreckliche Szenarien blühten. Sie traten nicht ein, das Trauma blieb.

Eins. Empathie.
Andere Menschen haben möglicherweise auch Traumata. Vielleicht Thomas, wiewohl eher ein Kind der 70er, oder auch @dierudola, von der ich annehme, dass sie ganz gut in die 90er passt, schulisch, aber ich weiß es nicht. Vermutlich gab es aber auch zu ihren Zeiten Kettenbriefe, und wer weiß, ob sie nicht nach wie vor die Angst vor dem Kettenbruch mit sich herumtragen.

Es wäre mir sehr arg, diese beiden liebgewonnenen Social-Media-WeggefährtInnen einem solchen Risiko auszusetzen. Und so schreibe ich nun also sieben Fakten (naja, was man halt so mit viel Wohlwollen Fakten nennt) über mich auf, ergänzend zu jenen zwanzig, die hier vor einem knappen Jahr unnominiert aufgelistet wurden.

Zwei. Fußball.
Ich interessiere mich für Fußball. Könnte sehr viel Zeit damit verbringen, mir Fußball anzusehen. Manche(r) mag es geahnt haben. Aus eben diesem Grund sehe ich seit Jahren davon ab, Bezahlfernsehensabonnent zu werden. Denn ich bin schwach. Und habe Angst vor der zweiten griechischen Liga, exemplarisch, die mich fürderhin dreimal pro Woche in ihren Bann ziehen könnte, wenn nicht grade Ligapokalspiele in Chile angesetzt sind. In der Konsequenz muss ich mitunter unwirtliche Orte aufsuchen, um Spiele des VfB Stuttgart zu verfolgen.

So wie jüngst jenen 80er-(schon wieder)-Jahre-Partykeller, der mir als Nebenraum einer “Lounge” angekündigt worden war, die ihren Namen auch nur so halb verdiente. Drei auf zwei Meter, mit eierkartonähnlichem Relief vor dem einzigen Fenster Lichtschacht, einem Spielautomaten, der sich die Stirnseite mit dem Bildschirm teilte, mit Sitzgelegenheiten, die noch den Duft selbstgedrehter Zigaretten aus den späten 60er Jahren atmeten und so einen gelungenen olfaktorischen Kontrast zur benachbarten Toilette bildeten.

Aber ich war allein, bis weit in die zweite Halbzeit hinein, dann gesellte sich ein junges Pärchen ohne jedes Fußballinteresse hinzu, Fußballsmalltalk war also nicht nötig. Perfekt. Was man von dem Spiel nicht sagen konnte. 2:3 in Berlin, Sie erinnern sich. Frühere 3:2-Spiele, die ich an Einmal-und-nie-wieder-Orten gesehen habe: Bielefeld 2006, Bochum 2007. Besser. Wesentlich.

Drei. Schwächen.
Man kann nicht drumherum reden: ich habe eine Schwäche für Moritz Leitner. Regelmäßige Mitlesende wissen das.

Bei besagtem Spiel in Berlin hatte ich kurz die Hoffnung, erstmals eine größere Anzahl VfB-Anhänger auf meiner Seite zu wissen. Nicht dass es mir wichtig wäre, mein Faible zu teilen, aber es hätte vermutlich darauf hingedeutet, dass sich das Spiel so weiterentwickelt hätte, wie es begonnen hatte. Mit Leitners Tor, Leitners Ballgewinnen und einer Leitner’schen Kopfball-Rettungsaktion. Hat es aber nicht. Nun denn. Frühere Schwächen galten beispielsweise Christian Tiffert, Roberto Hilbert oder Raphael Holzhauser. Es hätte schlimmer kommen können: mein Stadionnachbar stimmt heute noch Emanuel-Centurión-Gesänge an.

Vier. Unwissenheit.
Dass dieses Blog seit mehr als drei Wochen schweigt und auch davor nichts wesentlich anderes tat, hat in allererster Linie mit zeitlicher Auslastung zu tun. Beruflich. Und ganz am Rande damit, dass ich mich aus unerfindlichen Gründen in jüngster Freizeit gerne mal auf Gedichtseiten und in entsprechenden Foren herumtreibe. Eine sehr frustrierende Erfahrung, hatte ich doch gedacht, mich für den Hausgebrauch ganz gut mit Versmaßen, Strophenschemata und dergleichen auszukennen. Pustekuchen!

Es reicht offensichtlich nicht, weitgehend unfallfreie Fünfzeiler zustande zu bringen, Rilkes Panther herunterleiern zu können und irgendwann mal Heines Wintermärchen (Gedicht? Na ja, reimt sich halt.) gelesen zu haben. Den formalen Rahmen eines Sonetts bekomme ich vielleicht grade noch hin, beim Inhalt wird’s schon dünn, von Akrostichen, Haikus oder Terzinen gar nicht zu reden. Geht übrigens häufig auch denjenigen so, die sich an diesen Formen versuchen und ihre Werke zur Diskussion stellen. Nicht dass ich es beurteilen könnte, aber die Reaktionen der Checker lassen darauf schließen.

Fünf. Murphy.
Dass ich das Spiel gegen Leverkusen nicht gesehen habe, hat keine lyrischen Gründe. Stattdessen verbrachte ich einen Kurzurlaub, mit Bergwanderung und so, in Bayern. Schön war’s. Sehr schön sogar. Aber ich gebe zu, dass ich so ein 3:3 nach 0:3 schon auch gern mal mitgenommen hätte. Frühere Spiele, die ich aus Kurzurlaubsgründen verpasst habe: Bremen 2004 (4:4), Hoffenheim 2013 (6:2).

Sechs. Fachwissen.
In der Startelf, die ich vor der Saison in einem Blogger-Fragebogen gegenüber n-tv.de prognostizierte, nahm den linken Außenverteidigerposten Adam Hloušek ein. Eine Personalie, deretwegen ich mitunter belächelt wurde. Bitte vergleichen Sie hierzu auch Punkt drei. Gegen Leverkusen kam er nun erstmals zum Einsatz. Und, was soll ich sagen: 45 Minuten, 3:0 Tore, fiktive drei Punkte. Ich traue mich gar nicht, das auf die Saison hochzurechnen.

Sieben. Schuld.
Ich trage eine große Schuld. Nicht alleine, aber mit. Für eine bittere Entwicklung in der Sportbloggerei. Nein, ich habe nicht in dogfoods Kommentarspalte getrollt. Aber ich habe die #Link11 nicht hinreichend unterstützt. Sie wissen schon, drüben bei Fokus Fussball. Wo tolle Typen tolle Dinge tun. Mit hoher Qualität und hohem Aufwand. Nun schläft sie, also die Blog- und Presseschau, allem Anschein nach noch ein bisschen tiefer als zuletzt dieses Blog.

Sicherlich, die Erben sind noch dort, und jeden Besuch wert. Aber eben keine #Link11 mehr. Was dazu führt, dass ich, gerade zu Zeiten eines besonders gut gefüllten Terminkalenders, fußballmäßig verdammt uninformiert durchs Leben gehe. Und was nebenbei auch zur Gewissheit werden lässt, was sonst nur sehr wahrscheinlich wäre: dass kaum jemand diesen Text lesen wird. (Der Einfachheit halber sei an dieser Stelle ignoriert, dass Charakter und Inhalt ohnehin nicht geeignet wären, dem vorliegenden Text eine #Link11-, Obacht!, -Nominierung einzubringen.)

Klar, ich habe immer mal wieder auf die #Link11 verwiesen, im nennenden wie im verlinkenden Sinne, in der Regel fiel beides zusammen, und sie bei Twitter gelobt, retweetet oder kommentierend verlinkt, aber den Magen der Autoren, leider ohne -innen, füllt das ja auch nicht. Nicht dass der eine oder andere flattr-Obolus gleich geeignet wäre, die Mägen fünf oder noch mehr ausgewachsener junger Männer in der Blüte ihres Lebens zu füllen, aber ich Pfeife bin ja noch nicht mal bei flattr angemeldet!

Nun will ich den jungen Leuten, allen voran den Gründern Jens und Klaas, gar nicht unterstellen, dass die gegenwärtige Funkstille in erster Linie monetäre Gründe habe, es sei denn, was nicht abwegig ist, man bezeichnet die betriebswirtschaftlich unstrittige Priorisierung bezahlter gegenüber unbezahlten Projekten und Aufgaben als monetären Grund.

Vielmehr, um den Gedanken wieder aufzunehmen, unterstelle ich Ihnen zeitliche Restriktionen, in Verbindung mit kaum existenten finanziellen Anreizen, sich stundenlang mit Podcasts, Blog- und Pressetexten zu befassen, eine Auswahl zu treffen, einzudampfen, zu strukturieren, zu zitieren, ein übergreifendes literarisch-musikalisches oder auf anderes Weise Struktur gebendes Thema zu finden und dieses dann auszugestalten, kurz: zu kuratieren, um letztlich von der verwöhnten Leserschaft viel Kenntnisnahme, manches Lob, ein wenig Kritik ob der Textauswahl und gelegentlich blöde Sprüche zu ernten.

Wertschätzung. Sollte ich dran arbeiten. Im Movember melde ich mich bei flattr an. So als Anfang.

Nullnull. Nominierungen.
Keine. Mein Seelenheil wird’s verkraften.

 


Bleierne Todesser, die ihr Lachen verkauft hatten

1. Oktober 2014

[Inhaltlich irrelevante Nach- und Vorbemerkung: Ich hätte in der Überschrift, wie weiter unten im Text gehandhabt, beim Begriff "Death Eater" bleiben sollen, anstatt mich auf die akustische Erinnerung an einen Fernsehabend zu verlassen: zunächst stand hier Totesser, die oder der URL spricht noch Bände.]

Samstag, 17 Uhr 30, so ungefähr. Die Cannstatter Kurve leerte sich ganz allmählich, das Gemurmel auf den Treppenabgängen ertönte komplett in Dur, an der einen oder anderen Ecke wurden Gesänge angestimmt, die weder Beleidigungen noch Fäkalien enthielten, auch keine Forderungen nach der Freisetzung einzelner Führungskräfte, sondern zuallererst Freude zum Ausdruck brachten, vielleicht auch ein wenig Genugtuung, gepaart mit übermütigen Einschätzungen zur Rückkehr des VfB. Schön.

Und so ungewohnt. Wäre ich poetisch veranlagt, spräche ich wohl von einem bleiernen Mantel, der sich seit geraumer Zeit über das Neckarstadion gelegt und alle Freude erstickt zu haben schien, und der nun, nach einem biederen 1:0 gegen Hannover 96, wie weggeblasen war.

Ja, um einen solchen Mantel wegzublasen, bedarf es eines sehr starken Atems oder eines besonders schiefen Bildes. Und vor allem einer Reihe von Faktoren, die über das reine Ergebnis hinausgehen. Wobei bereits der Umstand, dass es gelang, eine Führung zu verteidigen, beziehungsweise dass es möglich war, eine Schlussphase ohne Gegentreffer zu überstehen, obwohl man sich große Mühe gegeben hatte, ihn doch noch einzustecken, einem Meilenstein gleichkam.

Man hatte gesehen, dass der VfB in der Lage war, gegen einen Gast, der die Ankündigung seines Sportdirektors, mit einem Punkt zufrieden zu sein, mit viel Leben füllte, dennoch alle drei Punkte einzubehalten. Dies war, abseits aller taktischen Winkelzüge, nicht zuletzt einer insgesamt zupackenderen Leistung als in den Heimspielen zuvor geschuldet, und einer augenscheinlichen Entschlossenheit, das Spiel gewinnen zu wollen, die eine ihrer Symbolfiguren in Filip Kostic fand.

Vermutlich taugt auch Thorsten Kirschbaum zur Symbolfigur, wiewohl der von ihm ersetzte Sven Ulreich eher nicht im Ruch steht, nicht entschlossen genug um die Punkte gekämpft zu haben. Gewiss, die Formulierung „nicht entschlossen genug“ mag nach dem Dortmunder Ausgleich vom vergangenen Mittwoch an der einen oder anderen Stelle gefallen sein und zählte noch zu den wohlmeinenderen, aber das ist wohl eher eine kleine ironische Wendung des Schicksals.

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Ulreich bei einer Hereingabe schlecht aussah, und diesmal hatte die Situation nicht nur besonders unglücklich ausgesehen, sondern sich auch als besonders folgenreich erwiesen: sowohl für die Mannschaft als auch für ihn selbst, der bereits in den Wochen zuvor vom Trainer angezählt worden war, von der gemeinsamen Historie nicht zu reden.

Ich mache keinen Hehl daraus – alles andere ließe sich auch niemandem vermitteln, der oder die hier annähernd regelmäßig mitliest und meine Vorbehalte gegen Sven Ulreich kennt –, dass ich Vehs Entscheidung begrüßt habe, ohne aber genau zu wissen, was wir von Kirschbaum zu erwarten haben, über die Eindrücke aus einer Handvoll Spielen hinaus. Heute sind wir schlauer, wenigstens ein bisschen: der Neue hat solide gespielt, kurz vor Schluss eine Matchwinnerparade gezeigt, die, da habe ich keine Zweifel, auch Ulreich hinbekommen hätte, und er stand weiter vorn.

Was ganz gut in das Argumentationsmuster von Typen wie mir passt, die Ulreich fußballerische Schwächen ankreiden, die auch nach Jahren noch nicht ausgemerzt sind, begleitet von Defiziten in Sachen Gedankenschnelligkeit und Entscheidungsfindung, die uns immer wieder kollektiv aufstöhnen lassen, wenn die Möglichkeit, das Spiel von hinten heraus schnell zu machen, ungenutzt bleibt und wir uns fragen, was Ulreich eigentlich in den zwei Jahren gemacht hat, in denen er Jens Lehmann aus nächster Nähe studieren durfte.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: auch Kirschbaum tat das am Samstag nicht. Was in diesem Fall schlichtweg daran lag, dass sich nur selten (nie?) überhaupt die Option auftat, gegnerische Angriffe abzufangen und eine schnelle eigene Offensivaktion einzuleiten. Es fiel lediglich auf, dass er in der Regel, so redeten wir uns das zumindest ein, etwa 10-15 Meter weiter im Feld stand als Ulreich, aktiver am Spiel teilnehmen zu wollen schien, aber wie gesagt: es passte halt auch ganz gut in unser Narrativ.

Was indes nicht ganz so gut passte, oder eben doch, je nachdem, wie man gestrickt ist: die Einstiegsfrage des Kurzinterviews mit Sven Ulreich, das im Stadionheft zum Spiel veröffentlicht wurde:

„Hallo Ulle, der Saisonstart ist nicht nach Wunsch verlaufen. An welchen Hebeln ist nun anzusetzen?“

Faust. Auge. Realsatire?

Als recht hübsche Realsatire empfand ich auch den Moment, als sich ein Stuttgarter beim Einwurf nicht sonderlich beeilte und sich der Gast darüber empörte. Jener Gast, der seit Mitte der ersten Halbzeit jede Gelegenheit genutzt zu haben schien, sich etwas länger auf den Boden zu legen und die Uhr herunterlaufen zu lassen, und der nun seine Strategie ein bisschen ändern musste. Ich gebe zu: ich schmunzelte, lachte gar. Ob das schon unter Häme läuft, die ich sonst so gerne kritisiere? Vielleicht.

Vielleicht war’s aber auch nur ein großer Selbstbetrug. Vielleicht lachte ich schlichtweg hysterisch, weil mich die Fahrlässigkeit entsetzte, mit der der VfB den Gast ins Spiel kommen ließ, der zuvor in überzeugender Art und Weise die Basisstrategie gegen den VfB verfolgt hatte: Räume eng machen, gut verschieben, den Stuttgartern den Ball überlassen und zusehen, wie sie scheitern. Irgendwann die eigenen Räume nutzen, in Führung gehen, gewinnen.

Ich weiß nicht, wie bewusst die VfB-Spieler dazu übergingen, einen Schritt weiter zurückzuweichen, etwas weniger Mut zu zeigen, das Heft des Handelns weitgehend aus der Hand zu geben. Eine gute Idee war es auf jeden Fall nicht. Um nicht falsch verstanden zu werden: auch in der ersten Halbzeit hatte der VfB kein Feuerwerk abgebrannt.

Immerhin hatte ich aber den Eindruck, dass die Kurz- und Querpässe, derer man sich mangels größerer Lücken in der Hannoveraner Defensive behalf, einige Zeit lang schneller, druckvoller, entschlossener gespielt wurden als zuletzt und so den Gast stärker forderten. Der Mut, in die gelegentlich entstehenden kleinen Lücken zu stoßen, war dabei noch nicht sonderlich ausgeprägt, aber das mag auch viel mit dem nicht so sehr vorhandenen Selbstvertrauen zu tun haben.

Weiter oben hatte ich von mehreren Faktoren gesprochen, die dazu führten, dass man gegen Hannover nicht nur drei Punkte holte, sondern dass vor allem auch eine ganz andere Stimmung im und später um das Stadion herum herrschte. Nicht mehr so, als sei der gesamte Neckarpark von Death Eaters heimgesucht worden. Nun möchte ich keineswegs behaupten, Fredi Bobic sei irgendwann auf die schiefe Bahn und die falsche Seite geraten, praktiziere dunkle Magie und habe nur willfährige Genossen um sich versammelt, oder höchstens zum Teil.

Dass aber der unter der Woche vollzogene Schritt zur befreiten Stimmung auf den Rängen beitrug, dürfte auch von jenen, die nicht nur den Stil, sondern auch die Trennung an sich für kritikwürdig halten, nur schwer verneint werden können. Ganz wesentlich beitrug, wenn man mich früge.

„I don’t want anyone to lose their job“, so oder ähnlich sagt es Barry Glendenning, ich zitierte ihn gelegentlich in anderem Kontext, regelmäßig bei „Football weekly“, und ich sehe mich in aller Regel nicken. Grundsätzlich gilt das auch für Fredi Bobic. Dennoch brachte die Cannstatter Kurve (genauer: das dortige Commando) mein Empfinden ganz gut auf den Punkt: „Fredi, es war Zeit zu geh’n!“, ergänzt um den Dank für seine Verdienste und seine Treue. Passt.

Gerne würde ich mich an dieser Stelle Armin Veh anschließen, der am Mittwoch seine Zuversicht zum Ausdruck brachte, dass Bobic gewiss seinen Weg als Manager machen werde; allein: ich glaube es nicht. Ich glaube noch nicht einmal, dass man mit Bobic, wie Veh ebenfalls sagte, die vier Punkte aus den letzten beiden Spielen geholt hätte. Vielleicht will ich es auch nur nicht glauben.

Dass man sich die Trennung von Bobic anders hätte vorstellen können, steht außer Frage. Früher, vielleicht, nach dem Klassenerhalt zum Beispiel, oder auch später, einen Tag, und auf jeden Fall so, dass man all jenen, die mangelnden Stil unterstellten, nicht ebenso zähneknirschend wie überzeugt zustimmen hätte müssen. Ob die Entlassung letztlich telefonisch erfolgt ist oder doch erst im persönlichen Gespräch, weiß ich nicht, und auch nicht, ob der Unterschied im vorliegenden Fall letztlich doch nur eine Marginalie wäre. Peinlich ist es allemal.

In den ersten Tagen nach der Entlassung hatte ich den Stil kritisiert, grundsätzlich aber gelobt, dass die Vereinsführung getroffene Entscheidungen auch dann konsequent umsetzt, wenn der Zeitpunkt ungewöhnlich oder gar falsch erscheint. Der Begriff “Überzeugungstäter“ war in meinem Kopf herumgeschwirrt, wie möglicherweise auch in dem von Armin Veh.

Da mittlerweile jedoch relativ klar scheint, dass die handelnden Personen de facto von mindestens einem ganz besonders wichtig(tuend)en Menschen zu diesem raschen Schritt gedrängt wurden, der sein Wissen nicht für sich behalten konnte oder wollte, bin ich, abseits der inhaltlichen Entscheidung, in erster Linie verärgert. Ich möchte weiterhin über die kommunikativen Auswüchse der Aufsichtsräte anderer Vereine lachen können, ohne ständig an den Balken im eigenen Auge zu denken.

Und nun, wie geht es weiter? Mir gefällt, dass Bernd Wahler an Ralf Rangnick denkt. Aber ich mag es ja auch, wenn er von der Champions League redet, irgendwie. Illusionen machen das Leben rosarot.

Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass wir uns derzeit auf dem Sportdirektorenmarkt in einer Situation befinden, wie wir sie jahrzehntelang bei den Trainern erlebt haben: bloß nicht außerhalb des Karussells denken! Vielleicht liegt das auch nur an mir, der ich keine Ahnung vom Sportdirektorengeschäft und –markt habe. Allein: den anderen TeilnehmerInnen an der öffentlichen Diskussion scheint es ganz ähnlich zu gehen.

Ich habe keine Ahnung, wer es könnte, und vor allem: wer es gut könnte. Natürlich ist der Name Rangnick attraktiv. War er Ende der Neunziger übrigens auch, wir erinnern uns. Ich weiß noch nicht einmal, wer es nicht könnte. Vielleicht wäre Jens Todt ja ein guter, auch wenn ich es a priori nicht glaube. Oder Bruno Hübner, frisurunabhängig. Vielleicht wartet Christian Heidel ja nur auf die Gelegenheit, sich außerhalb von Mainz zu beweisen, wer weiß? (Ich habe eine Vermutung.)

Und womöglich wäre eine Doppelspitze aus Guido Buchwald und Thomas Berthold das Nonplusultra, beraten von Uwe und Hansi Müller. Auch hier habe ich eine Vermutung. Letztlich aber keine Ahnung vom Sportdirektorengeschäft. Hoffentlich hat sie Herr Wahler. Oder die Menschen, mit denen er sich berät.


Nihil nisi bene, quasi*

1. Oktober 2014

Als Horst Heldt vor gut vier Jahren bei Nacht und Nebel nur mal kurz Zigaretten holen ging, wäre Fredi Bobic nicht meine Wahl als Nachfolger gewesen. Die Gründe riss ich damals kurz an, um dann recht rasch zu den Überlegungen überzugehen, deretwegen ich dennoch ein gutes Gefühl hatte. Einiges davon bestätigte sich, anderes, wie das halt so ist, nicht so sehr. Seit einigen Tagen ist die Ära Bobic Geschichte.

Dirk Dufner sagte in diesen Tagen sinngemäß, dass selbst die größten Kritiker des VfB-Sportvorstands nicht in Zweifel ziehen würden, wie sehr dessen Herz am Verein hänge. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob diese Aussage so stimmt; zwischenzeitlich hatte mancher Beobachter sehr wohl den Eindruck, dass dem Sportvorstand das eigene Hemd, sprich: der Job, durchaus auch recht nahe sind. Auch ich. Dennoch stimme ich Dufner zu, dass der VfB Bobic eine Herzensangelegenheit gewesen sein dürfte und vermutlich auch weiterhin ist. So lässt sich nicht zuletzt Bobics jüngste Wortmeldung deuten.

Natürlich ist mir klar, dass die erste öffentliche Äußerung des Ex-Sportvorstands unter mancherlei Vorbehalten betrachtet werden muss. Arbeitsrechtliche Erwägungen sind ebenso ins Kalkül zu ziehen wie Überlegungen zur Imagepflege – Karriereplanung in Krisenzeiten, sozusagen. Ich gehe fest davon aus, dass sich Bobic ganz gehörig auf die Zunge beißen, vielleicht auch die Faust in der Tasche ballen musste, als er das Facebook-Statement freigab, und doch bin ich überzeugt, dass man ihn zwar des Weglassens bezichtigen kann, nicht aber der Unwahrheit: der VfB liegt ihm am Herzen.

So wie ich vor einem Jahr schrieb, dass ich Bruno Labbadia stets für den Klassenerhalt im Jahr 2011 dankbar sein würde, so gilt das analog auch für Fredi Bobic, der diesen Trainer damals installiert und damit gewiss keine Lösung aus dem Hut gezogen hatte, mit der er die Stuttgarter Seele streicheln würde. Und wer wäre ich, ihm für die nächste Trainerentscheidung böse zu sein, jene für Thomas Schneider, für die interne, nachwuchsorientierte, erhofft junge und wilde Lösung?

Im Gegenteil: Bobic erfüllte eine Sehnsucht zahlreicher Anhänger, und auch wenn man die Frage, ob die Befriedigung von Fansehnsüchten zum originären Aufgabenprofil eines Sportvorstands zählt, getrost verneinen kann, bin ich ihm dankbar für die Illusion, die er mir einige Wochen lang gönnte. Über Huub Stevens brauchen wir ohnehin nicht zu reden, und Armin Veh ist bekanntlich eine magische Lichtgestalt, sodass man mit einer gewissen Berechtigung zu dem Schluss kommen mag, dass Bobic bei der Bestellung der VfB-Trainer gar nicht so viel verkehrt gemacht haben kann.

But where did it all go wrong, könnte man fragen, and when, und würde beispielsweise im Fall von Bruno Labbadia spätestens bei der Vertragsverlängerung im Frühjahr 2013 recht eindrucksvoll fündig, von der drohenden Inauguration seines, also Bobics, Dreieckspartners aus Bulgarien ganz zu schweigen – hier greift dann wohl die Überschrift: nihil nisi bene, quasi.

Wenn aber Labbadias Verlängerung schon angesprochen wurde, lässt sich das Ziehen von Analogien zu Vedad Ibisevic dann doch nicht ganz verhindern, und schon sind wir bei der Transferpolitik. Es ist einfach, dem Manager Bobic eine Reihe von Fehlschlägen nachzuweisen. Gleichzeitig fällt es auch nicht schwer, ihm einige gute Griffe zu bescheinigen, sei es der bereits genannte Ibisevic, seien es Traoré, Maxim und Gruezo, sei es vielleicht auch der eine oder andere Zugang zur laufenden Saison.

Ja, keine Kracher im engeren Sinne, stimmt. Zu wenig Mut, vermutlich. Mit kleinen Transfers macht man auch nur kleine Fehler, könnte man meinen, meinte vielleicht auch er – die Stuttgarter Nachrichten listeten bei ihrer Auflistung der fünf größten Transferflops der Ära Bobic mit Sararer und Torun deren zwei auf, die ablösefrei zum VfB gekommen waren, dazu Haggui, für den eine halbe Million geflossen sei. Nach hemmungsloser Geldverbrennung sieht das eher nicht aus; Flops sind sie dennoch, und vielleicht ist ja gerade der Verzicht auf „Königstransfers“, die diesen Namen rechtfertigen, eines der Kernprobleme der letzten Jahre, ob die Schuld nun bei Bobic oder bei den Sparfüchsen in der Vereinsführung lag.

Ich weiß es zu schätzen, dass sich Bobic immer öffentlich gestellt hat (sein Auftreten und die gesandten Botschaften fallen dabei zum Teil unter den Überschriftsvorbehalt, gewiss), auch dann, wenn eigentlich seine Vorgesetzten gefragt gewesen wären, sich aber nicht so recht dazu durchringen konnten. Und seien wir ehrlich: wer hätte schon Herrn Mäuser oder Herrn Professor Hundt bei der Öffentlichkeitsarbeit zusehen wollen? Bei Herrn Wahler hält sich die Freude des Zuhörers bis dato auch eher in Grenzen, ungeachtet aller Champions-League-Fantasien, aber vielleicht wird das ja noch.

Bobic ist weg, auch wenn er niemals so ganz gehen mag, und das ist aus meiner Sicht auch gut so, spätestens seit der Causa Balakov. Viel besser ist indes der Umstand, dass Herr Mäuser nicht mehr da ist. Dass er nicht mehr in Amt und Würden sein darf (und mit ihm der Aufsichtsratsvorsitzende), ist nicht zuletzt das Verdienst von Fredi Bobic. Nicht alleine seines, gewiss, und zweifellos hat er auch selbst davon profitiert, aber wenn es nur einen Punkt in seiner Bilanz gäbe, für den ich Fredi Bobic uneingeschränkt dankbar sein dürfte, dann wäre es dieses Revirement.

Jetzt ist er selbst weg, und ich bin wieder dankbar. Nur nicht über den Ablauf. Aber das ist eine andere Geschichte, und sie lässt nichts Gutes vermuten.

* Nein, Fredi Bobic ist nicht gestorben. Ja, das mag manche(r) geschmacklos finden. Nein, ich empfinde das nicht so. Ja, es ist mir ein Anliegen, die positiven Aspekte zu betonen. Nein, ich finde die Entscheidung nicht falsch.


Zweikampf

23. September 2014

Hin und wieder spiele ich mit jungen Männern Fußball, beziehungsweise, korrekter, gegen sie. Sie sind zumeist flink, ungestüm und wollen den Ball haben. Ich selbst, und meinen Mitspielern geht es in der Regel ähnlich, bin nicht sonderlich flink, dafür mit einer gewissen Ruhe ausgestattet, und will den Ball nicht hergeben.

Möglicherweise habe ich das Spiel im Lauf der Jahre etwas besser verstanden als jene jungen Leute, die noch viel Zeit haben, verfüge zudem über eine ganz akzeptable Ballsicherheit und darf mir auf bescheidenem Niveau ein gewisses Maß dessen zuschreiben, was man heutzutage Pressingresistenz nennt.

Es dürfte auf der Hand liegen, dass meine Vorzüge in erster Linie dann zum Tragen kommen, wenn ich den Ball am Fuß habe und freie Mitspieler finde, mit denen ich ihn zirkulieren lassen kann. Kritisch wird es insbesondere in Situationen, in denen das Zuspiel ungenau ist, ich also zum Ball laufen muss, oder wenn ich ihn schlecht verarbeite. Dann droht sich der Geschwindigkeitsnachteil bemerkbar zu machen.

Im konkreten Beispiel sieht das so aus, dass der hinter mir mit den Füßen scharrende Gegenspieler darauf spekuliert, dem Ball gewissermaßen den Weg abzuschneiden, so er denn zu mir gespielt werden soll. Wenn nun das Zuspiel tatsächlich kommt und möglicherweise etwas lommelig ist, wie man bei uns auf dem Platz zu sagen pflegt, es also auf halbem Wege zu verhungern droht, oder wenn ich ihn in Flippermanier prallen lasse, wird es kritisch.

Der junge Mann hinter mir erkennt seine Chance und versucht, an mir vorbei zum Ball zu gehen. Ich erkenne es und stelle, Verzeihung: laufe meinen Körper in seinen Laufweg, auf dass er mich nicht überholen möge. Er wird noch weiter ausweichen oder sein Glück auf der anderen Seite versuchen, ich reagiere entsprechend. Geht alles gut, bin ich mittlerweile am Ball und kann ihn spielen oder zumindest halbwegs kontrollieren, Pressingresistenz im weiteren Sinne, Sie wissen schon.

Vielleicht geht das Spielchen aber auch weiter. Mittlerweile haben wir sehr unmittelbaren Körperkontakt, er drängt mit jugendlicher Dynamik an mir vorbei, ich werfe gewisse körperliche Vorteile, die ansonsten eher in Kraftsportarten von Nutzen sind, und entsprechende Standfestigkeit in die Waagschale, was kurzzeitig hilft. Leider ist sein Tempo wesentlich höher als meines, er droht vorbeizukommen, den Ball habe ich nur mehr halb unter Kontrolle.

Also breite ich die Arme aus, unter Umständen auch nur einen. Vergrößerung der Körperfläche. Mit etwas Pech schreitet der Schiedsrichter ein, doch im Normalfall lässt er mich an dieser Stelle noch gewähren. Der Weg für den Eroberer verlängert sich weiter, im Idealfall gewinne ich durch eine geschickte Drehung so viel Raum und Zeit, dass ich in Ruhe abspielen kann. Im weniger idealen Fall drängt er sich an meinem Arm vorbei und ist auf dem besten Wege, mir mit dem Ball davonzulaufen. Schnell.

Nun gilt es, taktisch zu handeln. Da schlägt die Erfahrung zu Buche. Ich hänge mich mit dem ganzen Körper inklusive ausgestrecktem Arm in die entstehende Kurve, die Adaption eines Seitenwagen-Beifahrers verkörpernd, und dränge ihn so von seinem Weg ab. Läuft es gut, entfernen wir uns nicht allzu weit vom Ball und ich gelte noch als diesen führend. Läuft es nicht so gut, pfeift der Schiri ab, oder der Gegner kommt allen Bemühungen zum Trotz an mir vorbei.

An dieser Stelle endet die Erzählung. Ich lasse ihn laufen und kann ihm hernach nicht folgen. So ist das im Sport.

Natürlich könnte man sich auch ein anderes Ende vorstellen. Eines, das man zur Genüge kennt. Das man am Wochenende von Sebastian Rudy vorgeführt bekam, weitgehend, aber das nur am Rande. 

Nun denn, weiter:

Also muss ich ihn festhalten. Mit einer Hand erwische ich sein Trikot, allein: seine Dynamik lässt sich so nicht hinreichend bremsen. Ich brauche einen besseren Griff, erwische vielleicht seinen Arm, doch er ist kaum mehr zu halten. Die zweite Hand kommt zu Hilfe, ach was, der ganze zweite Arm, mit etwas Glück erwische ich die Schultern, umfasse die Hüften, irgendwas.

Wir kommen zu Fall. In einer gerechten Welt bekomme ich beim Sturz seinen Schuh ins Gesicht und anschließend gelb.

“Ich bin schlichtweg zu langsam”, murmle ich etwas geknickt vor mich hin und trotte davon. “In manchen Situationen reichen Ball- und Passsicherheit einfach nicht aus”, konstatiere ich kurz darauf, bereits etwas nüchterner.

Dann denke ich ein bisschen sorgenvoll an Oriol Romeu.


Fiktive Gespräche fernab jeder Realität und jedes Realismus sind weder lustig noch erhellend. Warum lässt man es nicht einfach?

22. September 2014

Trainer, erinnern Sie sich noch an unser Gespräch neulich? Sie wissen schon, wegen der Nationalelf und meinen Überlegungen, wie ich mich dort festspielen kann?

Ja, klar erinnere ich mich. Klang doch vernünftig. Und jetzt würdest Du’s gern in die Tat umsetzen?

Ja, logisch! Wenn nicht in Stuttgart, wann dann?

Wieso gerade in Stuttgart?

Nun ja, wie soll ich sagen: erstens wäre der Andi vermutlich ganz froh, wenn er woanders spielen könnte, der hat ja noch sein Trauma vom letzten Jahr. Zweitens versuchen die zwar recht viel über außen, sodass ich einiges zu tun hätte und an meiner Positionierung im Abwehrverbund arbeiten könnte; gleichzeitig spielt aber niemand die wirklich guten, gefährlichen, überraschenden Bälle in die Naht, die unmittelbare Gefahr ist also überschaubar.

Drittens, falls doch mal einer käme und ich überspielt würde, ist die Chance auf ein Gegentor, oder zunächst einmal eine gelungene Hereingabe, immer noch minimal. Macht ja keiner rein. Zumal wir mittlerweile ja einen Torwart haben.

Ok, Deine Argumentation hat was für sich. Zudem sind sie viertens immer für zwei Gegentore gut, irgendeiner wird schon patzen. Was indes dagegen spricht: ich glaube, dass Leitner spielt, der die gefährlichen Bälle durchaus drauf hat, zumindest in der Theorie. Auch wenn sie ihn nicht sonderlich mögen dort. Zudem erscheint es mir wahrscheinlich, dass sie das System ändern und mit zwei Spitzen spielen, weil sie irgendwann ja merken müssen, dass der Timo Werner da außen vielleicht nicht verschenkt, aber auch nicht ideal platziert ist.

Hm, da haben Sie natürlich recht. Wenn der Werner in der Spitze spielt, kann ich mich auf Vorstöße von Sakai, Rausch oder sonst einem Christian-Ziege-Gedächtnis-Flankengeber konzentrieren. Soweit es nötig ist, halt. Früher hätte ich vielleicht noch mit Gente gerechnet, aber der geht ja nicht mehr so weit nach vorne.

Stimmt schon. Andererseits könnten es Maxim oder Didavi schon das eine oder andere Mal versuchen, da musst Du drauf gefasst sein.

Trainer, ich bitte Sie! gegen Schottland hatte ich es mit Ikechi Anya zu tun, meist erfolgreich. In ein paar Wochen will ich gegen Polen, Irland und Gibraltar bestehen. Da werd ich ja wohl mit den Freistoßkünstlern des Vorletzten zurechtkommen! Bisschen Stellungsspiel sollte da reichen.

Das ist mir jetzt zu negativ. Die Freistöße sind schon nicht schlecht.

Stimmt schon. Der Toni kommt da ja auch gerne mal ran. Nur rein macht er ihn nicht. Das ist bei meinen anders. Aber ok, ich werde mich bemühen, sie hinten zu vermeiden.

Ok, überzeugt, einerseits. Bleibt andererseits die Frage, ob wir in der Mitte auf Dich verzichten können. Deine Pressingresistenz ist da schon wertvoll.

Freut mich, dass Sie das so sehen, Trainer, aber wieso glauben Sie, dass der VfB plötzlich zu pressen anfangen könnte, dass er Druck ausübt, den Gegner jagt? Und selbst wenn er uns den Ball abnehmen sollte: was macht er dann damit? Ok, vielleicht Harnik anspielen. Aber bis der den Ball angenommen hat, sind wir mit acht Mann hinter dem Ball. Wahrscheinlicher ist aber eh, dass sie Ulreich einbeziehen. Ballgewöhnung, Sie wissen schon.

Jetzt übertreibst Du aber ein bisschen. In einem allerdings hast Du recht: ein paar Querpässe von Schwaab und Rüdiger werden in der Regel schon dazwischengeschoben, Klein soll den Ball auch mal haben, dann darf ihn Gruezo wieder nach vorne spielen.

Gruezo?

Ach was, sorry, natürlich nicht Gruezo, der darf ja nicht mehr. Romeu meinte ich. Zu viele gleiche Vokale. Wie auch immer: in der Zwischenzeit dürfte unsere Abwehr formiert sein.

Dann darf ich also rechts verteidigen? Und ab und zu mal nach innen schauen, falls doch mal ein paar Stuttgarter schneller nach vorne laufen? Lahm-Style, quasi?

Na ja, Lahm-Style würde ich jetzt nicht grade sagen. Du brauchst nicht auf die Grundlinie zu gehen. Die eine oder andere Flanke (Sagnol-Style) wäre mir lieber. Wenn der Veh drüber nachdenkt, mit der überholten Raute spielen zu lassen, können wir auch die Halbfeldflanke aus der Mottenkiste holen.

Die kennt man in Stuttgart eh ganz gut, Trainer. Boka, Sie wissen schon.

Stimmt.
Nochmal ernsthaft: Du brauchst echt nicht ganz nach vorne zu gehen. Wir halten uns insgesamt etwas zurück. Damit kommt der VfB nicht zurecht. Aber wem sag ich das, das weiß nun wirklich jeder Bundesligaspieler, der seinen Beruf halbwegs ernst nimmt. Masseure, Platz- und Zeugwarte übrigens auch, aber das nur am Rande.

Trainer, noch was anderes: diese Unruhe unter den Fans, das Medienspektakel um das Statement, hat das Einfluss auf das Spiel? Wissen Sie, ich war damals gegen Bochum dabei.

Ah, ich erinnere mich. Ein Ruhmesblatt der Fankultur. Aber nein, das wird diesmal anders sein, glaube ich. Die Fans haben ihren Unmut zum Ausdruck gebracht, reflektiert zum Ausdruck gebracht, soweit ich das mitbekommen habe, und die Spieler werden wohl wissen, dass sie den Schulterschluss mit den Fans brauchen. Da sind gescheite Leute auf dem Platz, die haben keine Eurozeichen in den Augen. Die werden zusammenstehen, das wird alles keine Auswirkungen auf das Spiel haben. Höchstens positive. Selbst Schwaab wird seine Lektion gelernt haben und sich nicht mehr abfällig äußern. Bestimmt. Also ganz bestimmt, ehrlich!

Ja, klar. Der Manager wird ihnen ja sicher auch sagen, wie wichtig die Kurve ist. Der ist schließlich lange genug dabei und hat als Einheimischer ein Gespür für die Fans.