Benzemas Lächeln

6. August 2014

Lang ist sie her, die Weltmeisterschaft, irgendwie, und doch liegt sie erst ein paar Tage zurück und wird uns noch lange begleiten. Erfreulich begleiten, möchte ich sagen, auch wenn ich am Montag, als ich meinen vierteljährlichen Kicker las, der hier gewiss exemplarisch für viele andere steht, schon recht bald genug davon hatte, allüberall zu lesen, wo die Parallelen zwischen der deutschen Mannschaft, dem deutschen Spielsystem, dem deutschen Teamgeist oder sonstigen deutschen Tugenden und der oder dem Augsburger, Paderborner, Leipziger oder Großaspacher Mannschaft, Spielsystem, Teamgeist oder auch sonstigen dortigen Tugenden liegen. Ist wohl unvermeidlich.

Meine persönlichen Erinnerungen an die WM hatte ich ja kürzlich schon in aller Ausführlichkeit dargestellt – und schon damals gedroht, angekündigt, was auch immer, dass es das noch nicht gewesen sei.

Eine “Retrospektive” hatte ich in Aussicht gestellt, was für ein großer, überhöhender Begriff. Tatsächlich möchte ich lediglich noch einmal auf die #doppelfuenf zurückschauen, jenes fünfzeilige Reimprojekt, das ich mit dem fabulösen Herrn @rebiger, der im echten Leben dieser Tage auf die Bundesliga vorschaut, planen und umsetzen durfte, und zudem mit der grandiosen Unterstützung einer kleinen und sehr feinen Reimcommunity, die unsere Aufforderung zur Mitwirkung in gar wunderbarer Weise aufnahm und so die #doppelfuenf mit viel mehr Leben füllte, als wir es je gekonnt hätten.

Weniger für diejenigen, die an dieser Stelle deshalb noch mitlesen, weil sie noch keine Allergie gegen die hier phasenweise eher hochfrequent veröffentlichen Fünfzeilereien entwickelt haben, als vielmehr für jene Mitlesenden, die sich zufällig hierher verirrt haben und noch gar nicht wissen, wovon ich rede bzw. worum es in der #doppelfuenf ging, sei kurz gesagt, dass der Herr @rebiger und ich, und eben besagte externen AutorInnen, die WM in Fünfzeilern begleitet haben.

Dies geschah weitestgehend im Limerickschema, was sowohl uns beiden als auch dem einen oder der anderen Beitragenden nicht immer leicht fiel: von der Nennung von Ortsnamen in der ersten Zeile, wie die mitlesenden Fachleute sie erwarten dürften, nahmen wir bereits zu Projektbeginn weitgehend Abschied, aber auch die Metrik genügte nicht immer allen puristischen Ansprüchen. Entsprechende Kritik möge an die Betreiber gerichtet werden.

Während die Gäste thematisch sehr frei waren und dies auch in wunderbarer Weise nutzten, hatten sich die beiden Hauptverantwortlichen, das mag nicht zwingend deutlich geworden sein, die Vorgabe gesetzt, zu jedem Spiel mindestens zwei Fünfzeiler zu erstellen, je einen aus Sicht beider beteiligten Mannschaften, was nicht immer in Reinform gelang, zumindest wenn man die Eindeutigkeit der beiden unterschiedlichen Perspektiven hinterfragt; die geforderten 128 gleichmäßig verteilten Werke kamen indes locker zustande.

Ein besonderer Dank, also über den ohnehin besonderen Dank hinaus, gilt hierbei Herrn @rebiger, der einige Tage lang beide Seiten abdeckte, also die Heim- und die Auswärtsperspektive, als ich selbst aus persönlichen Gründen ausfiel. Womit wir das große Geheimnis jener ausgeklügelten Perspektivenverteilung auch gelüftet hätten, die diesen bemerkenswert störungsfreien Ablauf gewährleistete.

Ok, seien wir ehrlich: Störungen im Ablauf wären ja auch nicht so sehr aufgefallen – zum einen hatten wir Füchse unsere selbst gewählte quantitative Vorgabe gar nicht kommuniziert, zum anderen war die Zahl derjenigen, die die Störung hätten wahrnehmen können, jederzeit überschaubar. Korrekter: fast jederzeit, es gab schon gelegentlich ein höheres Aufkommen, ohne dass ich es an Ereignissen festmachen könnte. Was keine Klage ist: wir hatten Spaß, ein paar Mitlesende ebenso, die Mitschreibenden vermutlich auch.

Letztere vielleicht nicht immer, wenn ich ehrlich bin, weil wir uns in Einzelfällen herausnahmen, an der Metrik herum zu kritteln oder gar, in ganz seltenen Fällen, Beiträge abzulehnen, weil sie vom Fünfzeilenschema abwichen. Was uns die Darstellung zerrissen hätte. Eine Darstellung übrigens, die von unserer, ehrlicher: meiner Seite zwar dilettantisch entwickelt wurde, die aber zumindest auf ein aus unserer Sicht ganz wunderbares Logo setzen konnte, das uns die über die Maßen geschätzte Frau @rudelbildung im Vorübergehen gebaut hat.

Jene Frau @rudelbildung, Eingeweihte ahnten es, die in diesen Tagen ein Buch über Fußball veröffentlicht hat. “Bring mich zum Rasen” heißt es, und ich gebe offen zu, dass ich mit dem Titel fremdle. Nicht aber mit den Texten. Ich kenne noch nicht alle, einige davon sehr wohl, und ich mag ihren Blick auf den Fußball und sein Drumherum, nicht erst seitdem das Buch erschienen ist, sondern seit Jahren, im von ihr gegründeten Textilvergehen, Sie wissen schon.

Ob ihre eine weibliche Perspektive sei? Ja, klar ist sie das. Eine von vielen weiblichen Perspektiven, um genau zu sein. Zudem eine Berliner Perspektive. Und eine portugiesische. Eine Union-Perspektive. Eine Fotografinnenperspektive. Die Perspektive von jemandem, der mit den Menschen redet. Beidseitig, mit zuhören und so. Und mancher Blickwinkel mehr. Ich freu mich drauf, demnächst bei der Lektüre noch ein paar weitere Perspektiven zu entdecken. Das hier schreibt übrigens der Verlag dazu, und das der Herr @bunkinho.

Diese Frau @rudelbildung also, die jüngst ein Buch veröffentlicht hat, von dem Sie möglicherweise gehört oder gelesen haben, hat unser #doppelfuenf-Logo gebaut und damit all unsere graphische Unbeholfenheit in den Hintergrund rücken lassen, sodass wir uns stattdessen auf Metrik und Reime konzentrierten durften, was uns ein bisschen näher lag. Und so veröffentlichten wir binnen sieben Wochen, vom 2. Juni bis zum 21. Juli, insgesamt 272 Fünfzeiler, von denen bemerkenswerte 64 nicht unseren eigenen Federn entstammten. Ja, 64. Als wär’s geplant gewesen.

Herzlichen Dank dafür! Vielleicht kann ich ja an dieser Stelle einfach mal exemplarisch ein Werk aus der #doppelfuenf entleihen und hier zitieren:

Reimendendank
Ein Fünfzeilerschreiber aus Schwaben
genießt’s, sich an Reimen zu laben,
die, von Gästen erdacht,
große Vielfalt gebracht.
Habt Dank, uns veredelt zu haben!

Wenn ich schon am Danken bin, kann ich ja gleich weiterzitieren:

Lesendendank
Ein Fünfzeilerschreiber aus Stuttgart
dankt der #doppelfuenf lesenden Hood hart:
seid so freundlich gewesen,
Anapäste zu lesen,
bis der Sprechrhythmus völlig kaputt ward!

Ich sag’s ungern, aber jetzt wäre der Punkt gekommen, an dem sich die nicht so reimaffinen Leserinnen und deren männliche Pendants spätestens zurückziehen sollten, weil der bis hierher noch halbwegs prosaische Text nun endgültig in die angekündigte selbstverliebte und sich selbst zitierende Retrospektive Eigenlobhudelei übergeht, bestenfalls mit dem einen oder anderen hinführenden Kommentar, aber 272 untereinander geschriebene Fünfzeiler sprechen dann ja auch weitgehend für sich. Bzw. jetzt nur noch 270. Vielleicht auch ein paar weniger.

Vielleicht kann ich sie sogar ein bisschen gliedern. Wie wär’s zum Beispiel mit Prognosenfünfzeilern? Sind ja gang und gäbe, wie auch Kollege @rebiger zu berichten wusste:

Tierische Vorhersage
Hin und wieder beschwört man Orakel,
und nicht selten ham diese Tentakel.
Wer nun wen hier denn schlüge.
Ob’s der Wahrheit genüge?
Kann auch sein: ‘s wird ein Riesendebakel.

Und der Debakel gab es reichlich. Nehmen wir zum Beispiel Herrn @SvenGZ:

Lüftchen
Mit Einmannsturm Old Miro Klose
kann das nur geh`n in die Hose
Nen Titel beim Kicken
Kannste so knicken
So lautet bei mir die Prognose

Auf der anderen Seite gab es auch die Checker, die von Anfang an so richtig Bescheid wussten. So wie Herr @chrisprech:

Neymar sings the Blues
Den Pokal will Brasilien erringen.
Die Hüften die Weiber woll’n schwingen.
Doch dann wird es müllern,
geradezu knüllern,
und Neymar wird Blues nur noch singen.

Der Mann kennt sich aus. Meine Wenigkeit hingegen meinte vor der Gruppenphase Folgendes:

A wie Altmeister
Favorit ist, selbstredend, Brasil.
Dann Kroatien. (Mittelfeld! Stil!)
El Tri: eher bieder.
Ist Eto’o noch ein Leader?
Und wenn ja, ist das gut für ihr Spiel?

Nun ja. Mexiko. Vielleicht doch nicht ganz so bieder, wie ich dann auch reumütig eingestand:

Irrtum
Jüngst nannte ich Mexiko “bieder”.
Verzeihung, ich tu es nie wieder!
Ich verklärte Kroaten,
wart’ vergebens auf Taten.
Man lache mich aus, mach’ mich nieder!

Doch weiterhin gilt, immerhin: ich bin nicht allein in meiner Ignoranz. Herr @rebiger zum Beispiel hatte die Chuzpe, gegen das Dark Horse aus Kolumbien zu setzen. Zugunsten von … Japan:

C wie Chuzpe
Kein Falcao und so: kaum Probleme.
Und für Hellas gibt’s maximal Häme.
Auch die Elf um Herrn Drogba:
nicht gänzlich unrockbar.
Nippon holt Punkte bis ins Extreme.

Japan, Kolumbien, Griechenland? Na, Herr @rebiger?
Nun, ich selbst vertat mich da wohl auch:

Sounds like a melody
Gruppe C – wen ich ganz vorne wähn’?
“Die Japaner”, sprach ich, “souverän”.
Doch gegn die Ivoren
war ihr Posten verloren.
Sind sie lediglich big in Japan?

Oder nehmen wir die Dreiweltmeistergruppe, die der Kollege etwas anders benannte:

D wie Dodesgruppe
Costa Rica wird wenig bestellen:
Hunde-like, bloß nicht beißen, nur bellen.
Fraglich nur: Wer an zwei?
England? Uruguay?
Wer wird sich zu Italien gesellen?

Knapp daneben, würde ich sagen, und nicht nur dort:

Fehleinschätzung
Dieses war meine Top-Expertise:
Zu den Top 4 zählt “der Portugiese”.
Nun ist klar, dass – oh, Mist -
er nichts anderes ist
als ein schnarchender, schlafender Riese.

Da wir grade bei Portugal sind: Herr @rebiger scheint dort nicht alle Spieler gleichermaßen zu mögen. Einen verortet er in der Tierwelt:

Cristiano wer?
Es war einmal ein eitler Pfau,
aus dem Land neben Spanien (genau).
Wollt’ den weltweiten Ruhm,
hat jetzt Freizeit. Und nun
intressiert sich für ihn keine Sau.

Wohingegen ich ihm schon sehr gern zusehe.

Brotlos? Vielleicht.
Zirzensische Künste am Ball
sind vielen Beleg für ‘nen Knall.
Doch die Moves von Neymar
(und Cristiano, na klar)
sind tatsächlich und gänzlich mein Fall.

(Natürlich weiß ich um Herrn Ronaldos Torquote, und die von Neymar jr. ist auch nicht so übel. Aufhänger waren ein paar schick anzusehende und nur so halb effektive Dribblings.)
Ach, und noch etwas, vorgreifend, zu Neymar. Und den Fans.

Bedauern
Ein getretener Volksheld aus Santos,
der, beseelt, manches Tor für sein Land schoss,
lässt Brasilien trauern.
Weltweit herrscht Bedauern -
sofern in die Wertung Verstand floss.

Doch wir waren eigentlich bei Prognosen. Hin und wieder galten sie auch einzelnen Spielen. Und waren nicht weniger wild, so zum Beispiel beim ersten Auftritt von Volker Finkes “unbezähmbaren Löwen”, als ich drei Tore von Herrn Choupo-Moting vorhergesagt hatte. Wenigstens konnte ich den Hauch einer Erklärung liefern:

De facto draußen
Eric konnt’ mein Träumchen nicht leben.
Hat Maxim gleich die Schuld dran gegeben.
Sagt Choupo: i wo,
es lag an Eto’o.
Und Moting weiß: das war’s dann wohl. Eben.

Eher nicht so gut erklären konnte man indes rückblickend, wieso gerade Belgien “von der Bank” Algerien hatte schlagen können:

Hipsterexpertenhipster
“Experten, ey!”, sagt jeder zweite
algerische Fan nach der Pleite.
Gegen belgische Hip-
ster gäb’s einen Tipp:
auf der Bank, hieß es, fehle die Breite.

Wo wir grad von Belgien sprechen: ganz schön respektlos, der Herr Kollege, nicht wahr?

Gutes Pferd
Bis zur 70. sehr viel Verdruss,
dann der erste vernünftige Schuss:
Mit dem Kopf von Fellaini,
diesem Wollknäuel-Heini.
Belgien springt nur so hoch wie es muss.

Wollknäuel-Heini!? So geht’s ja wohl nicht! Um indes kurz, nun ja, beim Thema zu bleiben:

Korkenzieher
Marcelo, Willian und Luiz!
(Fehlt Dante, der wär ja auch süß.)
Doch so sehr sie auch rocken -
als Meister der Locken
grüßt Ochoa, derdie Null stehen ließ.

(Ja, derdie ist ein einsilbiges Wort.)

Nicht schlecht übrigens dies hier von @rebiger, prognosemäßig, letztlich aber doch nicht gut genug:

Kein Geheimfavorit
Herr van Gaal so: “Sie spielen, Herr Fer.
Komm’ se doch mal vom Aufwärmen her!”
Der zieht sich kurz um,
kommt rein, dann macht’s bumm!
Tja, Oranje schlägt wohl keiner mehr.

Mir war’s irgendwann dann doch ganz angenehm, dass er nicht recht gehabt hatte mit seiner niederländischen Unschlagbarkeitsthese:

Unsachlich
Argentinien steht im Finale.
Das sendet die richt’gen Signale.
Ich räume gern ein:
ihr Spiel war nicht fein.
But your one-man-show sucks, Louis van Gaal, ey!

Wenn wir somit quasi in Finalnähe gerückt sind, zitiere ich gern eine meiner Lieblingseinschätzungen, die Herr @bimbeshausen unmittelbar vor dem Halbfinale abgab:

11 Richtige
Geht’s ums Stehen, geht’s eher ums Sputen?
Schweini sagt: »Ich kann 90 Minuten
und wenn’s sein muss auch mehr«.
Immerhin – gleichwohl: er
zählt für mich derzeit nicht zu 11 Guten.

Bezog sich ja nur aufs Halbfinale, nicht wahr? Bereits vor dem Viertelfinale hatten wir, also der Herr @rebiger und ich, noch einmal Rollen verteilt. Ok, ich hatte. Ohne dass der positiv gestimmte Herr Kollege etwas davon gewusst hätte, schon gar nicht, dass ich den bad cop spielen und mich noch dazu nicht an seine Fünfzeilenvorgabe halten würde:

Voller Vorfreude
Ich will Belgier und Brasilianer,
auch die Deutschen und Costa Ricaner.
Argentinier, Franzosen
in kurzen Sporthosen.
Und Holländer. Und Kolumbianer.

Wieso denn Vorfreude? (I)
Argentinien, Brasilien, ey, Alter:
kein Fußball – Alleinunterhalter!
Die Franzosen: brutal.
(Die FIFA: “Egal.”)
Costa Rica? Nein, wirklich: ein Kalter!

Wieso denn Vorfreude? (II)
Kolumbien? Pfft – ohne Tiger!?
Oranje setzt nur auf den Flieger.
Den Belgiern (geheim)
geh ich nicht auf den Leim.
Und mit Löw wird man eh niemals Sieger.

Ah, der Herr Löw. Den wollen wir ja nicht ganz vergessen. In der Tat galten nicht wenige Prognosen, da unterscheidet sich die #doppelfuenf nicht vom richtigen Leben, ihm und seiner Mannschaft. Ich bin ein bisschen stolz auf diese eine sehr frühe Einschätzung, die nun wahrlich nah an der Realität lag:

Fangedanken: So nicht!
Der Kader: nicht mehr als ein Torso.
Wie stellt sich der Trainer das vor, so?
Kaum Stürmer, so’n Dreck –
der Jogi muss weg!
Im Juli dann: Auto raus, Korso!

Die Prognosequalität war im Übrigen nicht überall gleich hoch, wie erneut Herr @SvenGZ bezeugen kann:

Guter Brauch
Ein guter Start in die WM
ist nichts Besonderes, denn
so war es sonst auch.
Fast schon ein Brauch
wie das Aus gegen Italien.

Italien, tze! Vor dem Halbfinale gab es dann im Wesentlichen zwei Denkschulen, die ich kurz  zu umreißen versuchte:

Gar nicht mal so schlecht
Herr Löw und sein Team sind vor Ort.
Italien und Spanien: längst fort!
Auch Frankreich und Chile
hatten höhere Ziele.
Schon wieder top 4 – großer Sport!

Gar nicht mal so gut
Noch ein Spiel um Platz 3? Hat kein’ Zweck!
Verliern im Finale? So’n Dreck!
Man kann’s drehen und wenden:
es wird titellos enden –
die Wurst an der Linie muss weg!

Ach, dieses Halbfinale! So groß  – und zwischendurch so unangenehm, dem, Verzeihung, Gemetzel televisuell beizuwohnen:

Lämmer
“Hört mal auf,” sagte ich, “haltet ein!
Ich will das jetzt nicht, muss das sein?”
Wollt mich gerne verbeugen,
aber bloß nicht bezeugen:
die Lämmer, die Schlachtbank, das Wein’n.

Herr @nobilor war indes derart beeindruckt, dass er das 7:1 zum Anlass nehmen wollte, die fünfzeilige Struktur aufzubrechen, was wir Betonköpfe verwehrten. So genießt sein Werk nun das Alleinstellungsmerkmal, hier als einzig unveröffentlichtes aufgeführt zu werden. Und sieben Zeilen zu umfassen:

Ausnahmeerscheinung
Müller – eins vor
Miros 16tes Tor,
Schürrle/Kroos mal zwei
Sami auch dabei
Legendenspiel
für großes Ziel
Zeilenzahl heute nach Score.

Danach war Brasilien ziemlich durch, wie @rebiger auch beim Spiel um Platz 3 voller Poesie feststellte. Dabei hätte man wissen können, dass die Niederlande mit Windmühlen aufwarten:

Arme Ritter
Sie kamen kein Stück mehr zu Potte.
Es glich einem Gang zum Schafotte.
Seleçao, sehr schaurig,
gestaltete traurig
das Spiel. Wie dereinst Don Quijote.

Immerhin durften sie bis zum Ende dabei sein, die Gastgeber. Von einigen Großen und nicht ganz so Großen hatte man längst Abschied genommen. Vom Weltmeister, zum Beispiel:

Zäsur
Eine Ära und manche Karriere
endet heute, in Sieg und Misere.
Vorerst schließt sich der Reigen,
ich werd mich verneigen:
der Weltmeister gab sich die Ehre.

Oder Italien, vermisst von @rebiger:

Gondeln tragen Trauer
Von Mailand bis zum Apennin,
von Sizilien bis nach Turin:
Ein Land ist in Trauer,
halb weinend, halb sauer,
und Schuld daran ist Herr Godín.

Ich machte die Gruppe dann rund, irgendwie. Waren auf jeden Fall auch mal Weltmeister:

Generationswechsel
Roy Hodgson, der frech nominierte,
den Jugendwunsch nicht ignorierte,
kam dann doch nicht zurand’
und beschämte das Land:
man ging heim als verheerende vierte.

Oder nehmen wir die Elfenbeinküste. Zum dritten Mal in der Vorrunde raus. Und mit ihr Didier Drogba.

Dann halt 2018!
Nun würde sein Traum echt noch wahr,
so dachte der alternde Star.
Es war doch nicht zu spät,
diese Wies’ schien gemäht.
Wer hat’s dennoch verkackt? Côte d’Ivoire!

Überhaupt, Afrika, komplett raus nach der Vorrunde. Algerien geht da dem Vernehmen nach gerne mal unter. Dabei warfen sie sogar die Deutschen aus dem Turnier, wenn ich @fraochdachs recht verstanden habe:

Teufel an der Wand
Die Überraschung perfekt: Algerien
schickt Jogi & Co. in die Ferien.
Lahm patzte, ohwei!
Dann Klose: vorbei!
Daraus zieht man hoffentlich Lehrien.

Tatsächlich hatte man sie wohl schon früher gezogen.

Noch so ein schwerer Abschied: Mexiko. Mal wieder im Achtelfinale, und mal wieder mit Kapitän Marquez:

Käptn trifft Robben
Bis der Rückzugsimpuls unten ankam,
hatt’ er längst schon gemerkt: ‘s war zu langsam.
Es war so ein starkes
Turnier von Herrn Márquez,
bis Robben sein Angebot annahm.

Am schmerzlichsten war mir der Verlust der Chilenen, die ich ein bisschen adoptiert habe. Als unerwartetes Zweitteam, gewissermaßen. Gegen Spanien wussten sie noch zu begeistern:

Königsmord
Sie liefen so viel und so schnell.
Man dachte bei sich: Duracell.
Bissen mutig und keck
den Weltmeister weg.
Mancher meinte, er höre Gebell.

Doch irgendwann verließen selbst ihn, dem ich ein bisschen zu nahe trat, die Kräfte:

Die anderen Werte
Mein Mitleid gilt ihm ganz speziell.
Steht für Wille und Einsatz Modell.
Sieht zwar aus wie Gesocks,
das auf Kirmessen boxt;
hab mich dennoch verliebt in Medel.

– und so war es um sie geschehen:

Ehrerbietung
Lobpreisungen schenkt man Dir. Viele.
Deinem Mut, Deinem Herz, Deinem Stile.
Du nahmst mich gefangen
und ließest mich bangen.
Ich weine mit Dir, großes Chile!

Szenenwechsel. Das Fernsehen. Könnte man viel drüber schreiben. Geschah in der #doppelfuenf erfreulicherweise nicht im Übermaß. Aber diese ständige Einspielung des Facepalm-Logos bei Wiederholungen, ich weiß ja nicht … mich störte sie schon beim Eröffnungsspiel:

Zeitlupengesichter
Erst ein Kullertor, dann ein Präsent;
schließlich Pike (wiewohl sehr behänd).
Nicht nur in Kroatien
palmierte man Fazien.
Und das Fernsehen stützt diesen Trend!

Herrn Mertesacker störte etwas anderes, später, was einige fünfzeilig festhielten, exemplarisch sei auf Herrn @chrisprech verwiesen:

Arschtritt für Büchler
Und Merte sagt: Boris, so’n Scheiß!
Ich leg mich jetzt ersma auf Eis.
wie kannst Du es wagen,
so dämlich zu fragen,
Echt, Alter, gleich gibt’s auf den Steiß!

Das TV-Gesicht der WM, zumindest hierzulande, war für mich Mehmet Scholl. Zumindest hörte ich ihm am liebsten zu: oder sah mir seine Kleider an. Einverstanden: manchmal war er auch einfach ein bisschen zu sehr er selbst:

Der Mehmet
Der Südam’rikaner per se:
Emotionen vom Kopf bis zum Zeh.
Hat er Frust, muss der raus -
Mehmet Scholl kennt sich aus.
Demnächst dann “der Iwan”, ok ?

Wohingegen ich es sehr mochte, wie er sich ob der zum Teil überharten Spielweise so sehr echauffierte, dass der Flötenmann neben ihm eine neue Zehnkämpfergeneration fürchtete:

Zehnkämpfer
Mehmet Scholl schöbe gern einen Riegel
vor Tritte und Schläge und Prügel.
Sieht den Fußball in Not,
Filigrane bedroht.
Und Opdi disst Hans-Peter Briegel.

Wo wir grade vom Fernsehen reden: hier meine fünf Alibi-Minuten zu gesellschaftlichen Missständen, und die nur so halb:

WM-Paradoxon
Das Geschehen vor Ort: schwer erträglich.
Die FIFA (per se?): rundum kläglich.
Das Gebaren: rigide.
Die Kritik: sehr valide.
Heut geht’s los, und ich freu mich unsäglich!

Herr @kaffchris zog indes eine überzeugende gesellschaftliche Parallele:

Kann hier ja nicht passieren 
Polizei außer Rand und auch Band –
geprügelt wird ohne Verstand.
Nichts ist fertig, ein Graus,
auf den Straßen nur Staus!
Mein Gott, was’n rückständig’ Land!

, während die Herren @frankie1960 und Kamke noch ein bisschen bei unser aller Lieblingsverband verweilten:

Sepp
Es war einst ein Sepp, der hieß Blatter
Seine Reden war’n lautes Geknatter.
Die Stimmung toll.
Die Taschen voll.
Doch: irgendwann kommt der Gevatter

Ellbogen (II)
Dass Suárez bestraft wird, ist wichtig.
Das Strafmaß: nicht meins. (Aber: nichtig.)
Der Franzose Sakho:
exkulpiert, lebensfroh.
Jedes FIFA-Klischee erscheint richtig.

 

Wenn wir über die #doppelfuenf reden, müssen wir wohl auch über Sprache sprechen. Über bis zur Unkenntlichkeit gebeugte Aussprachen, der Metrik wegen, über erfundene, falsch geschriebene oder fragwürdig gebeugte Worte. Über gebeugt gehende Menschen indes eher nicht. Bleiben wir erst einmal bei der Orthographie, die Herr @ojweh, im Verbund mit einer diskutablen Namensbetonung, wunderbar für seine Zwecke optimiert hat:

Drecksdefensive 
Zum Superstar namens Neymar
Sprach der Scholari: Nu sey mar
nicht so offensiv
wir stehen heut tief
Für den war der Spieltag im Eymar!

Der hiesige Hausherr passte die Aussprache auch gerne mal bei Nicht-Eigennamen an, was ähnlich schwer wiegt und auch durch ein Betonungszeichen nicht gerettet werden kann. (Aber hey, es ging um Karagounis!)

Fast wie immer
Hellas’ Endstation: Achtelfinale.
Ihr Spiel trug bekannte Merkmále:
hinten ziemlich verschlossen –
ein Gewühltor geschossen –
Karagounis gibt fleißig Signale.

Dass es immer noch schlimmer geht, steht außer Frage. Da werden dann Namen falsch geschrieben, um bei der Silbenzahl zu tricksen und damit einen furchtbaren Scherz zu ermöglichen, der den Begriff Wortspiel nicht verdient hat und den mancher Twitternutzer mit zahlreichen Strafkästen belegen würde. Immerhin, die Überschrift vermittelt, wie mies er (also ich) sich dabei fühlte:

Oh mein Gott!
Man wartet ja drauf, dass der Witz fällt.
(Marjo Barth macht mit solcherlei Hits Geld. )
Als Komparse: der Shaq,
mit getripeltem Pack,
in Manaus, Ihr wisst: auf dem Hitzfeld.

Immerhin: der Herr @rebiger war auch nicht immer völlig frei von Unsinnsphantasien sprachlicher Art, und auch ihm war es überschriftlich bewusst. Brüder im Geiste?

Ähm… tja.
Und am Ende gewann Kolumbiehn
(Ich hoffe, mir wird es verzieh’n:
Dass der Reim einer ist,
sorgt für Grammatik-Mist.
Doch wie heißt es so schön: C’est la Wien.).

Und noch ne Überschrift, und noch ne Namenssache:

Cilessen, ich weiß.
Coach van Gaal sagt: “He, Jasper Celissen,
Sie werden aus dem Tor geschmissen.
Denn ich hab’ das Gefühl,
Ihr Rivale, Tim Krul,
hält viel besser und nicht so beschissen.”

(Ach so, ähm: Cillessen, ich weiß.)

Selbes Spiel, andere Verfehlung, anderer Autor (moi):

Akkusativfehler
Die vergebenen Strafstöße kosten
Costa Rica den Halbfinalposten.
Das geht doch nicht an!
Drum klage ich an:
Hollands Unsympath zwischen den Pfosten.

Immerhin: ganz böse war unser aller Umgang mit Sprache dann auch wieder nicht. Hin und wieder kamen schöne Sachen dabei heraus, hashtagbezogene Wortspielereien, zum Beispiel, wie sie Herr @bimbeshausen nach dem Halbfinale erdachte, zugegeben: mit von der Redaktion ergänzten #-Zeichen.

Ehrlichkeit
Gurken hinten herum, so ein Quark
wohl ein Spielstil, den keiner gern mag
Oder sag mal: Gefiel
dir denn etwa das Spiel?
Weil ich ehrlich bin, sag ich: #ned #arg.

Gelegentlich wurd’s auch mal fremdsprachlich, so zum Beispiel vor dem vermeintlich turnierrelevanten Duell der später in der Gruppenphase gescheiterten Exweltmeister, als Kollege @rebiger der englischen und ich der italienischen Seite zugelost worden war:

Very british
If we bring this round and little ball
behind the “Catenaccio“-wall,
Rooney or his mates score,
(Germans shout: England! Tor!)
This would be like “… and Justice for all“.

Vinceremo noi!
Voi: Welbeck, ma noi: Balotelli.
Voi: Hodgson, noialtri: Prandelli.
Poi grandissimo Pirlo.
Oltracciò, devo dirlo:
le barbe, occhiali, capelli.

Wieso Nigeria letztlich auch fremdsprachlich scheiterte, weiß ich gar nicht mehr so genau, es mag am gesetzten “same old” gelegen haben:

Nearly super eagles
Same old, said Nigeria, same old -
an often-heard story retold:
the outsiders shine -
big teams in decline?
In fact, then, the underdogs fold.

Wohingegen “algerische Tränen” einfach nicht so schön klingt.

Les larmes algériennes
Leur jeu: plein d’esprit et de charme.
Ont causé une espèce de vacarme.
(Silencieux, sur l’terrain)
Néanmoins, à la fin,
l’Algérie se retrouve en larmes.

Ach, Sprache. Auch im TV eine Thema, irgendwie:

Griezerklärung
Grissœument, sagt Herr Simon, nasal.
Auch Grisemanne und Grisement, optional.
Wär er skisportbeschlagen,
würd er’s noch anders sagen,
nämlich Grissmann, wie Werner – normal!

Zurück zum Sport. Irgendwann ließ es sich nicht mehr leugnen: Deutschland stand im Finale. Und konnte auf eine bemerkenswerte WM-Geschichte gegen Argentinien zurückblicken. Was allerorten geschah, so auch bei uns:

Keine Pointe
Herr Jürgens und so singen Schlager.
Matthäus: “Mein Schuhwerk!” – Versager.
Lehmanns Zettel brilliert.
Zwanzigzehn: filetiert.
Doch die Schlusspointe setzt Burruchaga.

Was dann doch nicht stimmte. Die Pointe kam von Herrn Götze, der schon früh im Turnier einen Glanzpunkt gesetzt hatte:

Kniefälle
Herr Rojo traf jüngst mit dem Knie.
Das sei ja nicht schlecht, meinen Sie?
Mich reißt’s nicht vom Stuhle,
denn die ganz hohe Schule
ist Herrn Götzes Kopf-Knie-Strategie.

Im Finale adaptierte er sie zu einer nicht weniger imposanten Brust-linker-Fuß-Strategie, womit er seine Vorgänger in einer Hinsicht weit in den Schatten stellte:

Weltmeistertorschützen
Aus dem Hintergrund, Drehung, Elfmeter –
na ja, war halt wichtig. Konkreter:
Götze traf, man konnt’s sehn,
nicht nur wichtig – auch schön!
Löws Sinn für Ästhetik versteht er.

Selbstverständlich war er nicht der alleinige Held, wie Herr @rebiger sogleich deutlich machte:

Fels in der Brandung
Das Tor schoss zwar Mario G.,
und Schweini tut sicher viel weh.
Doch mein Held an dem Tage,
und zwar ohne Frage:
Boateng (Und zwar nicht Kevin-P.).

Nicht so überraschend, meinen Sie? Noch nicht mal originell? Was soll ich sagen? Meine sind’s auch nicht:

Schweinsteiger
Strapaziert war er, beinah’ schon über-,
sowohl körperlich als auch – noch lieber – ,
um ‘ne Sehnsucht zu stillen:
als Symbolbild für Willen,
für Kraft und, vor allem, für’ n Leader.

Erfolgstrainer
‘s ist ein spielphilosophischer Schöngeist,
der Tacklings im Grunde “obszön” heißt
und der Standards verachtet,
der – wer das wohl gedacht hätt’? –
den Weg in betitelte Höh’n weist.

Puh, ist jetzt doch schon ganz schön lange geworden. Ich fasse nochmal zusammen:

Kurz und knapp
Erst mal Portugal, Ghana, US.
Dann Algerien: Merte hat Stress.
Neuers Arm gegen Frankreich,
Brasilien versank gleich.
Und nach #arg-em Finale: Exzess!

So war das also. Und das Unvermeidliche trat ein.

Die Erben des Kaisers
“German dominance” tönt’s mancherorten,
begleitet von markigen Worten.
Der Subtext, unsagbar:
auf Jahre unschlagbar.
(Experten und ihre Konsorten.)

Ob die größte Überraschung im Nachgang des Turniers vermeidlich gewesen wäre, vermag ich nicht zu beantworten. Sie nötigt mir großen Respekt und ähnlich großes Bedauern ab.

Irrelevantes Gebrüll
Da stand er, im strahlendsten Licht.
Sein Timing, wie stets, ein Gedicht.
Ich veneigte mich tief,
doch mein Innerstes rief:
Herr Lahm, mensch, ich möchte das nicht!

Womit wir eigentlich durch wären. Aber wenn man sich so die WM-Rückblicke angehört oder durchgelesen hat, kam immer auch die Frage nach den besonderen, den vielleicht auch kleinen, großen Momenten auf. Dem möchte ich mich nicht entziehen und verweise abschließend auf ein paar solcher Szenen:

Mondragóns Einwechslung war so eine. Schön gemacht, Herr Pekerman. (Bitte nicht mit Felix Magath und André Lenz verwechseln.)

43
Herr Pekerman möchte ihn ehren,
drauf rinnen ergreifend die Zähren.
Ein schöner Moment:
Herr Mondragón [weint].
Auch ich kann und will mich nicht wehren.

Oder Herr Löw im Dauerregen von Recife? So gar nicht geschniegelt. Da bröckelte ein Image, und manche(r) mag schon gehofft haben:

Beim Schopf gepackt
Das bildjournalistische Rudel
erkannte den tückischen Strudel,
in dem er nun steckt –
hat’s Symbolbild gecheckt:
Herr Löw als begossener Pudel.

Nach Kolumbiens Ausscheiden forderte David Luiz das Publikum auf, dem wunderbaren James Rodriguez zu huldigen. Nach meiner Wahrnehmung war indes Dani Alves, den ich lange Zeit nicht sonderlich mochte, was sich seit geraumer Zeit geändert hat, derjenige gewesen, der ihn zunächst getröstet hatte. Und natürlich war er damit nicht allein, auch die Deutschen Spieler taten sich so gegen Brasilien hervor. Sportler.

Respekt
Dani Alves, ich zieh meinen Hut:
Ihr Trost für Herrn James tat gut.
Macht den Jungen nicht glücklich,
doch als Fan ist’s erquicklich -
man erlebt, was ein Ehrenmann tut.

Erinnern Sie sich an Stephan Lichtsteiner? Der kurz vor Ende der Verlängerung (?) den Ball verloren und Lionel Messi die Chance zum Gegentor eröffnete, das dann Angel di María erzielte? Und daran, wie Lichtsteiner anschließend mit leerem Blick im Netz hing? Genau.

Große Gefühle
Herr Lichtsteiner in seinem Netz:
ohne Worte, ermüdet, entsetzt.
Geht, so sagt sein Gesicht,
mit sich selbst ins Gericht.
Ist zutiefst in der Seele verletzt.

Und schließlich, meine ganz persönliche Szene der WM. Der Schuss auch, klar, die Parade erst recht. Vor allem aber das, was danach kurz von den Kameras eingefangen wurde. Ungläubig war er, bewundernd, ja, fast ein bisschen fassungslos. Und, um es ein bisschen zu überhöhen, sich vielleicht auch im Klaren, dass er eben zu einer der größten Szenen des Turniers beigetragen hatte, die ich gern angemessener in fünf Zeilen gepresst hätte:

Wunderbares Lächeln
Die Nachspielzeit läuft, alles schwächelt.
Das Atmen fällt schwer, mancher hechelt.
Letzte Chance: riesengroß.
Die Parade: grandios.
Benzema ist perplex. Und er lächelt.

 

Ja, war lang. Die WM. Der Text. Die Fünfzeilerphase. Jetzt ist erst einmal Ruhe. Danke nochmals allen Beteiligten, und sorry an all jene, die nicht im Rückblick auftauchen. Vielleicht hätte ich jemanden bitten sollen, statt meiner die Auswahl vorzunehmen.

 

 

 


Dann halt doch: VfB-Content. Ein bisschen.

28. Juli 2014

Es lässt sich wohl nicht mehr weiter hinauszögern. Zu eindeutig sind die Signale, zu schnell rückt das Großereignis in den Hintergrund, zu unerquicklich sind die Sommerlochthemen, zu medienpräsent ist die Versammlung. Kurz: es ist wohl an der Zeit, sich wieder mit dem VfB zu befassen. Wenn auch nicht mit den Versammlungsthemen, will sagen: mit der “alternativlosen” Ausgliederung, mit den neuen Aufsichtsräten, die ihre Unternehmen in Stellung bringen, Sie wissen schon.

Auch nicht mit dem Urlaub, übrigens, aus dem Herr Bobic zurückgekehrt ist, wie Herr Wahler jüngst in bemerkenswerter Art und Weise betonte, oder gar mit den Krachern, deren Ankündigung dann ja doch eher ein wenig flapsig zu verstehen gewesen sei, wenn ich Herrn Wahler recht verstanden habe.

Oh, Verzeihung, mit den Krachern hab ich mich dann ja doch befasst, mit einem zumindest, wenn auch in Wahler’scher Manier: flapsig. Der eine oder die andere hat es vielleicht schon gesehen, bei der Lektüre des Bundesliga-Heftchens der 11 Freunde, wo ich wiederum ein paar mehr oder weniger ernsthafte Sätze zum VfB sagen durfte. Geübten Lesenden wird aufgefallen sein, dass die BloggerInnenbilder entfallen und die Fragebögen kürzer geworden sind.

Da indes die Antworten pro Fragebogen ähnlich zahlreich und auch ähnlich umfangreich waren, es sei denn, ich hätte eine abweichende Version beantwortet, will ich meine vollständige, ungeschminkte und tatsächlich nur sehr bedingt originelle Wahrheit gerne hier veröffentlichen:
___________

Die neue Saison wird legendär, weil…

sich der 1. FC Köln zum besten Aufsteiger aller Zeiten aufschwingt. Nicht nur nach Punkten.

Wenn ich an die vergangene denke, dann kriege ich…

zum einen das kalte Grausen, zum anderen: Zweifel. Am Verein und an mir selbst. Es gibt mir zu denken, wie bereitwillig ich mich zwischenzeitlich in den scheinbar unabwendbaren Abstieg fügte. Die Labbadia-Jahre haben mich mürbe gemacht.

Mein schlimmster Alptraum…

Der VfB tut all das, was die Fans wollen: er wechselt die ungeliebte Vereinsführung aus, den weinerlichen Trainer gleich mit, ersetzt ihn durch ein junges Eigengewächs, setzt auf „junge Wilde“ – und dann geht trotzdem alles schief. (Ein Alptraum halt. Völlig unvorstellbar.)

Auf diese Schlagzeile warte ich seit Jahren…

„Die bessere sportliche Perspektive des Vereins gab den Ausschlag für meinen Wechsel zum VfB.“

Meine steile These für meinen Auftritt im DSF-Doppelpass…

Rudolph Brückner hätte echt etwas aus dieser Sendung machen können.

Die lustigste Fanaktion der letzten Saison…

In Stuttgart war dem gemeinen Fan einmal mehr nicht so sehr nach Lachen zumute. Aber die Choreo zum 120. Geburtstag machte was her. Und der Jubel für Thomas Hitzlsperger am letzten Spieltag fühlte sich gut an.

Mein unrealistischer Fünfjahresplan…

wird bereits im zweiten Jahr von der noch viel besseren Realität überholt. Endlich wieder Champions League – und im Halbfinale wartet Meister Köln.

Mit meinem 10-Millionen-Lottogewinn kaufe ich meinem Klub…

lieber nichts. Nachdem ich vom Verfall des Vereinswerts gelesen habe, triebe mich die Sorge um, mit den 10 Millionen gegen 50+1 verstoßen zu können. Aber vielleicht ließen sich ja mit Bruchteilen des Geldes die Einrichtung eins Fanprojekts und die Aufarbeitung der Nazihistorie beschleunigen.

Mein Verein braucht eine neue Hymne. Gesungen von… , weil…

Armin Veh, weil dem Verein ein bisschen mehr Selbstironie nicht schaden könnte.

Diesmal feiert der FC Bayern feiert die Meisterschaft bereits am…

letzten Spieltag. Der DFB besinnt sich dann aber eines Besseren und hält sich doch an die offizielle Tabelle.

Und wenn nicht, kommt am Ende raus, dass Pep Guardiola…

die Anweisungen von Mastermind Hermann Gerland in den entscheidenden Spielen ignoriert hat.

Absteigen müssen leider…

immer noch die Mannschaften, die sportlich nicht gut genug sind. Wird in traditionsbewussten Kreisen gerne mal beklagt, ist aber ein ganz gutes Konzept.

Die große Überraschung der Saison…

wird aus Stuttgarter Sicht der versprochene „Kracher“, den der VfB in der Winterpause dann tatsächlich kauft: Moritz Leitner. Ach, und Labbadias Comeback bei den abstiegsbedrohten Schalkern.

Und wohin pinkelt Kevin Großkreutz?

Das möchte ich noch immer nicht wissen.

___________

Ein Fragebogen halt, mit gezwungen halbwitzigen Antworten. Ich hoffe, die neue Saison gibt mehr her.


Unendlicher Spaß

24. Juli 2014

Neulich (tatsächlich ist “neulich” während der stockenden Entstehungsgeschichte dieses Textes zu einem veritablen “vor einiger Zeit” herangewachsen) habe ich den WM-Rückblick von The Football Ramble gehört. Er hieß ein bisschen anders, nicht nur der Sprache wegen, aber es war ein WM-Rückblick. Zum Ende hin ging es um die BBC, die sich wohl gedacht hatte, dass sie, wenn sie schon dieses fußballaffine Publikum vor den Fernsehern sitzen habe, doch gleich Werbung für die neue Premier-League-Saison machen könnte, Match of the Day, Sie wissen schon, Ähnliches galt für Sky. Die Antwort der Podcaster lautete, sinngemäß:

“Respect the mode we’re all still in [...] Give us a break! [...] We love the Premier League, we’re gonna be into it … but just … give us a moment!”

Dem möchte ich nichts entgegensetzen. Noch immer nicht, auch nicht nach einiger Zeit. Im Gegenteil: “Give us a moment!” bringt meine Stimmungslage sehr gut auf den Punkt. Gewiss, der VfB Stuttgart hat noch viele Baustellen im Kader. Andernorts tut sich diesbezüglich sogar einiges. Auch manches, über das man den Kopf schütteln möchte, wie es der vierte Offizielle vehement tut.

Unabhängig davon möchte ich das alles im Moment überhaupt nicht hören. Möchte vielmehr schwelgen und schwärmen, dieser Weltmeisterschaft huldigen, sie als beste aller Zeiten verklären. Allein diese Gruppenphase! Die Niederlande gegen Spanien! Die “kleineren” Südamerikaner! Die Concacaf-Teams (ja, ja, Honduras)! Sie alle haben mich, wie soll ich sagen, geblitzdingst, nein: geflasht.

Geflasht waren auch die jungen Männer beim Fehlpass, Sie wissen schon, jenem (bitte die Stimme kurz etwas anheben) fast (senken) täglichen WM-Podcast von und mit Yalcin Imre (@fehlpass), der während der WM häufig zu unchristlichen Zeiten aufgenommen wurde und doch so viele sinnvolle Gespräche zu Wege gebracht hat.

Diese jungen Männer blickten also begeistert auf die WM zurück und ließen mich kurz schmunzeln, als Herr @GNetzer Wert darauf legte, dem Schwelgen eine sehr deutliche, sehr angemessene Kritik an den nicht sportlichen Aspekten der Weltmeisterschaft in Brasilien voranzustellen, insbesondere mit Blick auf das Gebaren der FIFA, das an kolonialistische Zeiten gemahne. Wie gesagt: ich fand das gut. Besagtes Schmunzeln ließ sich dennoch nicht vermeiden, als nach gut fünf Minuten die “Alibi-fünf-Minuten-Einspieler” im Fernsehen zur Sprache kamen.

Es ist ein Dilemma. Oder, wie ich drüben in der #doppelfuenf zu Turnierbeginn in fünf Zeilen darzulegen versuchte, ein

WM-Paradoxon

Das Geschehen vor Ort: schwer erträglich.
Die FIFA (per se?): rundum kläglich.
Das Gebaren: rigide.
Die Kritik: sehr valide.
Heut geht’s los, und ich freu mich unsäglich!

Wo waren wir? Ach ja, ich schmunzelte. Und distanziere mich auf das Entschiedenste von der Schlussfolgerung, ich stellte die einführenden letztlich siebeneinhalb Fehlpass-Minuten auf eine Stufe mit den Alibis der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung. Aber lustig war’s schon.

Nicht zwingend lustig, aber eine große Freude war indes tatsächlich die – fast – tägliche Fehlpass-[hier bitte ein auf das Hören bezogenes Pendant zu Lektüre einfügen], gerade mit den vielen verschiedenen Gesprächspartnern, und ich stelle gerne fest, dass gerade besagter @GNetzer viel zu selten zu hören ist in diesem meinem Internet. Die Stimme angenehm, der Stil ruhig, die Argumentation schlüssig, der Mann gescheit. Was nicht heißen soll, dass seine Gesprächspartner nicht auch gut gewesen seien.

Klar gab’s noch viele andere Podcasts, und vermutlich komme ich weiter unten auch noch darauf zu sprechen, weil das ganze Zeug, das sich so in meinem Kopf angesammelt hat, letztlich scho au irgendwie raus muss, oder zumindest ein Teil davon, um dann doch wieder Platz für die Bundesliga zu schaffen.

Zuerst aber: der Sport. Ein bisschen. Im Grunde ist ja alles gesagt. Die WM ist durchanalysiert, wir kennen den goldenen Handschuh, den goldenen Schuh, den goldenen Ball, die goldene Mannschaft, vermute ich, und auch das goldene Tor, will sagen: das schönste. Geschossen von James Rodriguez, diesem jungen, aufstrebenden 80-Millionen-Mann, der den Ball so wunderbar auf seiner Brust tanzen ließ und dann an und unter Musleras Latte schmetterte.

Weil wir Fußballfans aber gerne mal zur Distinktion neigen, gelegentlich auch zum Hipstertum, hab ich mich zwar auch für ein Tor jenes jungen Mannes entschieden, aber eben ein anderes; auch nicht jenes, das von der Jury zum drittschönsten Turniertreffer gewählt wurde, noch vor dem titelbringenden, technisch sehr bemerkenswerten von Herrn Götze, das die drei jungen Männer vom Fehlpass irgendwann einmal in einer umjubelten Inszenierung nachzustellen versuchen werden.

Mein höchstpersönliches Lieblingstor, das mir zumindest in der Livebetrachtung ganz außergewöhnlich vorkam, bei der nochmaligen Beschau indes, so ehrlich will ich sein, ein bisschen von seiner ursprünglichen Brillanz eingebüßt hat, weil es doch nur elf kolumbianische Ballkontakte waren, darunter ein eher zufälliger, die letztlich zum Torerfolg führten, war das 2:0 gegen Uruguay.

Sie erinnern sich? Der Angriff über rechts, die Verlagerung, die Räume, die geschaffen wurden, die Flanke auf das lange Fünfereck, die Kopfballablage, der banale Abschluss. Ich weiß nicht, ob es unter Hipstertum fällt, der relativen Geringschätzung schön herausgespielter Tore mit vergleichsweise gewöhnlichem Abschluss etwas überdrüssig zu sein und ihm möglicherweise übertriebene Lobhudeleien entgegensetzen zu wollen; unter Distinktionsbestreben dürfte es gleichwohl abzulegen sein.

Und ja, es gibt natürlich Ausnahmen, ganz herausragende Ausnahmen, Argentinien 2006 zum Beispiel, oder Brasilien 1970 (da war der Abschluss selbst auch nicht so schlecht), und natürlich auch Brasilien 1982, wobei man sich auch dort fragen kann, wieso ein Ranking aller brasilianischen Tore am Ende eine Art Antiklimax erfährt, zumindest aus Sicht einzelner distinguierter Möchtegern-Hipster, indem die vordersten Plätze schnöden Fernschüssen vorbehalten sind.

Ob ich ein Video von Rodriguez’ 2:0 zu bieten habe? Na ja, nicht explizit. Die Zusammenschnitte im Videoportal meiner Wahl räumen dem 1:0 in der Regel so viel Platz bzw. Zeit ein, dass kein Speicherplatz mehr für eine ausführlichere Würdigung des 2:0 (sprich: den kompletten Angriff) übrig bleibt. Immerhin: die ARD-Mediathek hilft bis Ende Januar 2015, ab 03:55.

Genug überhöht. Das Tor, meine ich. Die WM überhöhe ich gerne auch weiterhin. Nenne sie einen unendlichen Spaß, ohne David Foster Wallace’ Buch gelesen zu haben oder das Hamlet-Zitat einordnen zu können, und somit Gefahr laufend, den literarischen Kniff nicht zu erkennen, der dann möglicherweise gegen meinen Willen in meine Bewertung einfließt. Tja. Ich mein’s aber wörtlich, also fast.

Natürlich gab’s Spaßbremsen, und damit versuche ich nicht, einen Alibi-fünf-Minuten-Einspieler zu platzieren – Verzeihung, das klingt vermutlich viel zu flapsig für das wahrlich ernsthaft Thema jener Schere, die sich in Brasilien abseits des Sports so beschissen weit öffnete –, sondern bleibe beim Sport, beim einen oder anderen langweiligen Spiel, beim Schiedsrichter-Dilemma, das ich jüngst kürzlich vor einiger Zeit bereits ansprach, auch bei den brasilianischen Jagdszenen gegen Herrn James.

Und doch: was für eine Freude! Was für eine Gruppenphase! Und was sind die süd- und mittelamerikanischen Mannschaften gerannt, wie haben sie gespielt, sich taktisch geschickt verhalten, ihre Gegner mit zum Teil unerwarteten Aufgaben konfrontiert. Man denke an Chile, das Spanien aufgefressen hat, oder aus der Concacaf Costa Rica, das sich in der Dreiweltmeistergruppe lächelnd an die Spitze gesetzt hat. Wunderbar.

Ja, wissen Sie alles, ich weiß. Und was hatten wir, also Teile von uns, gejammert vor dem Turnier! Kolumbien ohne Falcao? Abgeschrieben. Deutsche Titelchancen ohne Reus? Dahin! Die Niederlande ohne Strootman? Puh. La France ohne Ribéry? Mon Dieu! Von den außen vor Gelassenen oder nicht Qualifizierten gar nicht zu reden. Indes: so richtig schmerzhaft würde es schon nicht werden:

Hicks!

Ein Jammer: die ganzen Absenzen,
abseits aller Flaggen und Grenzen!
Für Verletzte: bescheiden.
Das Turnier? Wird auch leiden –
wie bei Schluckauf und – hicks! – Flatulenzen.

Will sagen: schade für Falcao, um bei einem der genannten Beispiele zu bleiben, ziemlich schade für Kolumbien, aber dem Turnier ist’s letztlich egal.

Natürlich war der unendliche Spaß auch ganz stark mit der deutschen Mannschaft verknüpft, über die nun ja doch ziemlich viel geschrieben wurde, und nicht selten ziemlich Positives. Über Neuer. Über Schweinsteiger und Hummels und Boateng und so weiter. Darüber, dass jenes Halbfinale viele Leben lang in Erinnerung bleiben wird.

Und über Herrn Löw natürlich. Faszinierend, wie viele Menschen sich freuen, dass nun das ständige Gerede über seine Titellosigkeit, um es harmlos auszudrücken, ein Ende hat. Faszinierend zudem und vielmehr, wie viele Menschen demnach tatsächlich schon immer gewusst haben, wie gut er ist. Vielleicht waren also jene fünf Zeilen, die ich vor Turnierbeginn dem einen oder anderen Skeptiker widmete, fernab jeder Realität und irgendeiner realen Person, sondern nur eine böse Fantasie:

Fangedanken: So nicht!

Der Kader: nicht mehr als ein Torso.
Wie stellt sich der Trainer das vor, so?
Kaum Stürmer, so’n Dreck –
der Jogi muss weg!
Im Juli dann: Auto raus, Korso!

 

Schöne Geschichte natürlich auch für Mario Götze. Ich hatte mir im Vorfeld des Finales eigentlich einen spielentscheidenden Özil gewünscht, aber ich nahm auch Götze recht klaglos hin. Auch er soll ja zwischenzeitlich gar nicht mal so gut gelitten gewesen sein, hörte ich. Quatsch. Natürlich habe ich das mitbekommen, und es stimmt ja auch, dass er nicht immer überzeugte, nachdem der Auftakt gegen Portugal durchaus vielversprechend gewesen war.

Was ich aber sagen wollte: mein unendlicher Spaß hatte gewiss auch damit zu tun, dass ich mich meist auf das Wesentliche konzentrierte: die Spiele. Die TV-Vorberichterstattung zu den Partien ging fast komplett an mir vorüber, was unter anderem dazu führte, dass mich die von meinem Sohn kurz vor Anpfiff übermittelte Information, dass Kramer für Khedira auf dem Platz stehe, aus ziemlich heiterem Himmel traf, nachdem eine knappe Stunde zuvor noch eine unveränderte Aufstellung vermeldet worden war.

Auch nach den Spielen zog ich mich meist recht rasch zurück, aber wenn ich doch was sah, dann war dies in aller Regel besser als ich erwartet hatte. Natürlich hat das mit Erwartungen zu tun, vielleicht auch mit einer deutsch-polnischen Ostseeinsel, doch ganz im Ernst: ich hatte mir die Olis schlimmer und die Herren Scholl und Opdenhövel genau so vorgestellt. Schlecht wäre, auf Basis einer überschaubar großen Stichprobe, anders gewesen.

Selbst die Kommentatoren ließen mich weitgehend kalt. Vielleicht waren sie wirklich besser als in früheren Jahren, vielleicht filterte ich schlichtweg effektiver, ich weiß es nicht. Am liebsten hörte ich erwartungsgemäß dem unaufgeregten Oliver Schmidt zu, auch dem sehr unaufgeregten Thomas Wark, der gefühlt seit Jahrzehnten die Back-Office-Spiele auffängt. Eigentlich hatte ich auch auf den vermeintlich unaufgeregten Gerd Gottlob gehofft, doch sein hemmungsloses “Wirzen” bei zumindest einer Partie der deutschen Mannschaft ließ mich diese Hoffnung rasch begraben und in Sorge vor einem weiteren solchen Auftritt umwandeln.

Tom Bartels habe ich nur aus dem Finale in schlechter Erinnerung, und bei Steffen Simon kann ich schlichtweg nicht objektiv sein. Wenn ich es dennoch versuche, komme ich rasch an den Punkt, wo ich mich frage, ob es Erbsenzählerei meinerseits oder ein Mangel an Professionalität seinerseits ist, wenn ich mich darüber aufregen muss, dass er den italienischen Nationaltrainer Prandelli, einen Mann, der nicht nur in der jüngeren deutschen Fußballhistorie tiefe Spuren hinterlassen hat, sondern der auch außerhalb des Feldes eine bemerkenswerte Persönlichkeit darstellt, konsequent Pandrelli nennt. Hab’s mir überlegt: ja, ich zähle Erbsen. Und es ist unprofessionell.

Während also mein TV-Konsum für eine WM überschaubar blieb, was natürlich auch familiären Freuden und Zwängen geschuldet war, verbrachte ich ungewöhnlich viel Zeit mit dem Hören von Podcasts. Dem Fehlpass, wie gesagt, oder als zweitem, nein, sorry, eigentlich erstem fixem Programmpunkt, World Cup Football Daily, hinzu kamen mit zunehmender Regelmäßigkeit “Fear and Loathing in Sao Paulo” beim Sportradio 360, und gelegentlich 5 live’s Football Daily. Tägliche Sachen halt. Und die Erben, eh klar. mit anderem Fokus.

Wohingegen ich das Gemeinschaftsprojekt des Textilvergehens mit den Mikrodilettanten nur selten hörte, wiewohl ich es mochte: es passte nur so überhaupt nicht zu meinem WM-Rhythmus. Immerhin lernte ich dort fürs Leben: “Die FIFA ist kein empathischer Mensch.”

Was übrigens auch nicht zu meinem Rhythmus passte: Blogs. Peinlich, nicht wahr? Im Grunde las ich überhaupt nichts systematisch, auch nicht in Sportportalen, ja noch nicht einmal die Link11 bei Fokus Fussball, die sonst mein steter Ausgangspunkt ist. Bei der WM war das anders, war diese Rolle anders besetzt: von Twitter. Twitter war meine völlig willkürliche Informationszentrale. Was dort zu einem günstigen Zeitpunkt in Linkform vorbeitrieb, wurde gelesen, alles andere nicht. War gut.

Auch abseits des Medienkonsums habe ich nicht so wirklich viel mitbekommen. Die Spiele sah ich zumeist zuhause, im Schoß der Familie, gewissermaßen. In zwei, höchstens drei Fällen, verfolgte ich die Partien in kleineren Gruppen von vielleicht 10 Leuten, eher weniger. Danach traf man mich nicht in der Stadt an, die Schlandisierung, von der ich immer wieder las, ging weitgehend an mir vorüber. Ich wollte nur Fußball. Pur, nahezu. Ein unendlicher Spaß!

Fußballgespräche mit beruflichen Kontakten, die sich meines Wissens sonst nicht besonders für Fußball interessieren, lenkte ich in der Regel so rasch in professionelle Bahnen, dass der eine oder die andere gedacht haben mag, ich interessierte mich nicht für Fußball. Ich kann nicht einmal ausschließen, dass ich selbst jahrelang eine ebensolche falsche Vorstellung von deren Fußballaffinität hatte bzw. noch immer habe. In Einzelfällen, meine ich.

Der Kollege, der mich als sehr fußballaffinen Menschen einschätzt und mich am Tag des Brasilien-Spiels frug, ob ich mir trotz der Uhrzeit gegebenenfalls auch noch eine Verlängerung ansehen würde, ehe er tags darauf verkündete, es auch gesehen zu haben und dass es ja sehr spannend gewesen sei, dürfte nicht zu denjenigen zählen, in denen ich mich getäuscht hatte.

Das heißt nicht, dass ich nichts mit solchen Leuten zu tun haben will, dass ich mich gar als würdigeren, echteren Fan begreife. Vielmehr haben wir schlichtweg keine gemeinsame Ebene, auf der wir über Fußball reden können. Ok, Fragen und Antworten wären eine, und gelegentlich betrete ich sie auch, mit Leuten, die ernsthaft fragen und Antworten suchen. Aber ich bin nicht in der Lage, mit Menschen über Fußball zu reden, die so tun, als kennten sie sich aus, und die auf dieser Basis ein bisschen fachsimpeln wollen. So wie jener Kommilitone, damals, der sich als großer Fußball-Fan gerierte und mir von VfB-Legende Effi Buttmayer erzählen wollte. Ein weites Feld. Oder war es Etty Buffmayer? Ich weiß es nicht mehr.

Überheblich? Vielleicht. Zumal mir klar ist, dass ich bei weitem nicht so viel (mehr oder weniger) nützliches Fußballwissen angehäuft habe wie manch(e) andere(r). Zweifellos habe ich Schwächen in der Beschreibung und oft genug auch im Erkennen taktischer Winkelzüge, und, um zum nützlichen Wissen zurückzukehren, kenne mich beispielsweise im Weltfußball um die Jahrtausendwende längst nicht so gut aus, wie ich es gerne hätte. Aber ich erinnere mich doch an manches, informiere mich zumeist recht aktuell und ausführlich, und bilde mir auch ein, zum einen das Spiel ganz gut zu verstehen, und dass zum anderen die eigene praktische Erfahrung durchaus hilft, den einen oder anderen Ablauf auf dem Spielfeld einzuordnen.

Um es kurz zu machen: ich möchte nicht mit Leuten über Abseits diskutieren, die nicht verstehen, inwiefern die Abseitslinie bei Freds Tor gegen Kamerun falsch war.

Was ich übrigens auch nicht so gern möchte, wenn auch in ganz anderem Kontext und auf ganz anderer Ebene: tagelang über eine kontrovers aufgenommene Feierchoreographie der frischgebackenen Weltmeister diskutieren bzw. Diskussionen darüber lesen. Ich hatte meinen ersten Eindruck in einem Tweet zusammengefasst:

Diese Sichtweise hat im Grunde nach wie vor Bestand. Das, was mich stört, ist die Häme, ist das Auslachen des unterlegenen Gegners. Beides gäbe es auch, und gibt es immer wieder, in deutlicherer Form. Aber es ginge auch ohne. Was mich nicht stört, weil ich es nicht erkenne, ist jener Nationalismus oder gar Rassismus, den manche darin zu sehen glauben. Kann ich nicht nachvollziehen, aber das ist wohl eine Frage der Lesart.

Dass diese Diskussion dann allerdings tagelang tobte, dass man bei Twitter auch am vierten Tag noch mit einem morgendlichen #gauchogate begrüßt wurde, konnte ich zunächst noch viel weniger nachvollziehen. Bis ich die Diskussion bei den bereits genannten Textilvergehensmikrodilettanten hörte, von der ich den Eindruck gewann, dass sie einen Großteil dessen, was ich online über Tage gelesen hatte, in der vielzitierten nutshell abbildete. Gescheite Menschen mit vernünftigen, diskussionswürdigen, aber nicht unvereinbaren Positionen, und doch zog sich das Ganze ewig in die Länge, mit deutlich abnehmendem  Grenznutzen, hier: Erkenntnisgewinn.

Was mich an der Diskussion, und damit entferne ich mich wieder von besagtem Podcast, mitunter dann doch zum Schmunzeln brachte, war der eine oder andere Beleg, der bei Twitter oder sonst wo ins Feld geführt wurde; exemplarisch sei kurz auf zwei verwiesen:

Zum einen auf einen Twitternutzer, der ein argentinisches Medium verlinkte und auf ironische Weise deutlich machte, dass das dort zum Ausdruck gebrachte Gefühl, verhöhnt zu werden, nicht überraschen könne. Mich überraschte das durchaus ein bisschen, sodass ich nachlas:

“El cántico terminó con los jugadores erguidos y gritando “Así caminan los alemanes“, lo cual ha sido señalado como un gesto de burla, según algunos comentaristas alemanes que transmitían los festejos.”
(Fettdruck wie im Original, kursive Hervorhebung durch mich)

Nun ist mein Spanisch kein besonders gutes, mit südamerikanischen Varianten kenne ich mich erst recht nicht aus, aber ich lese das ungefähr so, dass die Einlage der deutschen Spieler eine höhnische Geste gewesen sei, “laut einigen deutschen Kommentatoren, die die Feierlichkeiten übertrugen“. Für mich klingt das gar nicht so sehr nach argentinischer Empörung über den Spott, aber ich mag mich irren.

Zum anderen irritierte mich, auch dies exemplarisch und auch dies bei Twitter, der Hinweis, dass Dante, jener brasilianische Nationalspieler des FC Bayern München, in seinem Buch “Ich, Dante”, davon berichtet habe, wie seine Mannschaft dereinst mit dem Spruch “So geh’n die Dortmunder, die Dortmunder geh’n so” gefeiert hätte, was beweise, dass #gauchogate Schwachsinn sei. Quod esset demonstrandum, möchte ich anfügen.

Genug. Nun also auch hier: zu viel über besagtes Thema. Sind jetzt doch wieder ein paar Zeilen mehr geworden, so insgesamt. Und, der eine oder die andere wird es ungern hören: so ganz ist die WM hier noch nicht abgeschlossen. Eine kleine Retrospektive zur #doppelfuenf, die ein unendlicher Spaß war, wird noch folgen.


Schirichefschelte

8. Juli 2014

Diese Weltmeisterschaft, von der alle reden, die findet hier ja im Grunde nicht statt, wie die gemeine Leserin erkannt haben dürfte. Sondern in Brasilien. Verzeihung. Und ein klein wenig auch in der #doppelfuenf, wo wir vor dem Halbfinale ziemlich begeistert auf 48 WM-bezogene Fünfzeiler schauen. Also 48 aus der werten Leserschaft. Insgesamt stehen wir bei 224 Werken, und inoffiziell haben wir das Saisonziel auf 250 angehoben. Danke schön.

Völlig überraschend kommt die WM also auch ohne mediale Begleitung in diesem meinem Blog ganz gut zurecht; gleichwohl habe ich aktuell den Eindruck, dass zu einem konkreten Thema zwar alles gesagt ist, aber eben noch nicht von allen. Von mir zumindest nicht. Weshalb ich mich kurz zu den Schiedsrichtern äußern möchte, diesen armen Säuen.

Ernsthaft. Die stehen doch sowas von im Regen bei dieser WM, und ausnahmsweise beziehe ich mich da keineswegs auf Zeitlupenwissen, die Geschwindigkeit gegenläufiger Bewegungen oder was Collinas Erben sonst noch völlig zurecht ins Feld führen, um Verständnis für die eine oder andere nicht optimal ausgefallene Entscheidung zu wecken, sondern, Sie wissen schon, auf Herrn Busacca. Herr Busacca, die Älteren werden sich erinnern, bat einmal Herrn Karagounis, keine Signale zu geben, und leitet heute die Schiedsrichterabteilung der FIFA, aber das wissen Sie ja ohnehin, ob älter oder jünger.

Herr Busacca soll den WM-Schiedsrichtern gesagt haben, sie mögen lieber später als früher Karten verteilen, um eine Vielzahl an Sperren zu verhindern, und zudem solle man den aus dem Boden sprießenden Rufern nach einem strengeren Umgang mit taktischen Fouls eine lange Nase drehen. Möglicherweise war die offiziell nicht existierende Direktive etwas subtiler formuliert; inhaltlich würde sie indes ganz gut zum seit einigen Jahren allernthalben propagierten Trend passen, gerade in den großen Finalspielen nach Möglichkeit die besten Spieler auf dem Feld zu haben. Man könnte lange über dieses Bestreben und die dafür ergriffenen Maßnahmen, konkret: die Streichung gelber Karten nach dem Viertelfinale, diskutieren, oder auch über noch weiter reichende Vorschläge, aber darum soll es hier gar nicht gehen.

Sondern um besagte FIFA-Direktive, die besagte FIFA jüngst empört zurückgewiesen hat, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wie Herr @uersfeld bei ESPN zu berichten weiß: “This goes into the core business — protecting the main actors, the players, it’s the most important thing we have to do at FIFA.”, oder eben: “We have to protect the players. If Neymar isn’t playing the semifinal or the final, it’s not good for us too.”

Wenn man nur glauben könnte, dass sich die FIFA dessen von vornherein bewusst gewesen ist. Wenn man überhaupt glauben könnte, der FIFA irgendetwas glauben zu können. So aber glaube ich lieber Herrn Fandel, der eine solche Direktive durchscheinen ließ, oder the 3rd Team, oder eben den Erben, oder schließlich, ganz verrückt, meinen eigenen laienhaften Beobachtungen bei den Spielen, die einen zufälligen flächendeckenden Kartenverzicht unrealistisch erscheinen lassen.

Ist ja auch eine ganz geschickte Strategie, irgendwie, einfach den Schiedsrichtern zu sagen, sie mögen weniger Karten zeigen. Irgendwann werden wir auf diese Weltmeisterschaft zurückblicken, und die FIFA wird es auch tun, um dann nicht ohne Stolz zu verkünden, dass die Anzahl der Tore um (aktuell) 13 Prozent gestiegen und die der Verwarnungen um mehr als ein Viertel gesunken ist. So wie man Armutsdefinitionen verändern kann, oder Schattenhaushalte aufbauen, oder Dopingkontrollen in geeigneter Art und Weise gestalten, um strahlend helle Ergebnisse zu erhalten. Ja, ich komme vom Hundertsten ins Tausendste. Und die gesellschaftliche Relevanz von gelben Karten sollte man vielleicht nicht überhöhen. Was aber bleibt: die offensivste und fairste Weltmeisterschaften aller Zeiten, und wenn schon nicht aller Zeiten, dann stimmt zumindest die Tendenz. Und außerdem waren die besten Spieler im Finale auf dem Feld.

Dass die allerbesten Spieler am Ende doch nicht mehr dabei waren, zumindest einige von ihnen, liegt in der Natur der Sache. Können ja nur zwei Mannschaften im Finale stehen, nicht wahr? Sollte Brasilien dabei sein, wäre Neymar eher nicht dabei. Eigentlich fast schon eine tragische Geschichte, wenn man vielleicht an dieser Stelle ein bisschen Pathos ins, Verzeihung, Spiel bringen möchte, wie dieser junge Mann seiner Herkulesaufgabe nachkommt, eine keineswegs überragende Mannschaft auf seinen Schultern durch das Turnier zu tragen, um dann in einer Art und Weise zumindest der Halbfinalteilnahme beraubt zu werden, die ein besonnener Schiedsrichter vermutlich hätte verhindern können.

Denn das darf man ja, bei aller Kritik an Herrn Busacca und den mehr oder weniger gut verborgenen Agenden der FIFA, auch nicht gänzlich außer Acht lassen: auf dem Platz entscheiden immer noch die Schiedsrichter. Und wenn sich von denen einer hinstellt und deutlich macht: “Das ist ja gut und schön, werte Brasilianer, zumindest aus Eurer Sicht, dass Ihr nicht nur eine Vielzahl taktischer Fouls begeht, um Angriffe des Gegners frühzeitig zu unterbinden, sondern dass Ihr darüber hinaus ganz offensichtlich vorhabt, den Herrn James hier ebenso bewusst wie gezielt und regelwidrig aus dem Spiel zu nehmen, aber ganz ehrlich: ich mach da nicht mit.” Was natürlich analog auch bei einer Reihe anderer Spiele denkbar gewesen wäre.

Natürlich trüge dieser Schiedsrichter dann das Risiko, dass ihn Herr Busacca, den ich gern als pars pro toto beibehalten möchte, oder vielleicht ist er es auch ganz persönlich, nach dem Spiel zur Seite nimmt und ihm sinngemäß sagt, es sei ihm, dem Schiedsrichter, zwar ganz vorzüglich gelungen, ein unter Umständen (Man weiß das ja im Vorfeld nie, und nur weil wir jetzt wissen, dass es aus den Fugen geriet, heißt das ja noch nicht, dass man es hätte ahnen können. Wobei.) zur Eskalation neigendes Spiel frühzeitig zu beruhigen, indem er klare Grenzen gezogen habe, anders als zum Beispiel Florian Meyer beim DFB-Pokalfinale; unglücklicherweise habe er hierzu allerdings zwei gelbe Karten benötigt, noch dazu vor der 30. Minute, und deshalb müsse er nun leider nach Hause fliegen. Aber er könne sich der Dankbarkeit der FIFA gewiss sein; schließlich habe er dafür Sorge getragen, dass sowohl Herr James als auch Herr Neymar das Ende des Turniers bei bester Gesundheit und mit hohem Unterhaltungswert erleben, einer von beiden vielleicht sogar als Finalteilnehmer.

Mir ist leider zweierlei klar: zum einen wäre das ganz schön viel verlangt von einem Schiedsrichter. Die wollen schließlich, wie Neymar oder Rodríguez, auch gern bis zum Endspiel im Turnier bleiben, gibt’s ja nur alle vier Jahre, klar, und dass man da nicht offenkundig gegen Herrn Busacca opponiert, ist nachvollziehbar. Zum anderen erscheint mir die von mir überspitzt formulierte FIFA-Reaktion im Grunde deutlich weniger spitz, als ich sie gerne interpretieren würde. Wenn ich zudem sehe, dass Felix Brych nach zwei sehr anständigen Einsätzen nach Hause geschickt wurde, und wenn ich zudem zwei und zwei zusammenzähle, was den Grund für seinen frühzeitigen Abschied anbelangt, jenen nicht gegebenen Elfmeter also, den kein Betroffener in Echtzeit geahnt hat, und wenn ich dann sehe, wer noch im Turnier bleiben durfte, und das hat nichts mit einer deutschen Brille zu tun, gewiss nicht, Herr Dr. Brych ist mir recht egal, dann schmunzle ich wieder einmal kurz über die namentliche Nähe des Ecclestonevereins FIA und des Blattervereins FIFA.

Ja, ich weiß, dass Herr Ecclestone dort kein Amt innehat. Und ich will noch nicht einmal Verschwörungstheorien formulieren. Nur Entscheidungsfindungen hinterfragen. Oder Transparenz. Womit wir dann doch wieder bei den Schiedsrichtern sind. Und bei Herrn Busacca:

“Dass die FIFA und der Vorsitzende ihrer Schiedsrichter-Kommission, der Schweizer Massimo Busacca, diesbezüglich deutlich weniger Transparenz walten lassen, gehört zu den Ärgernissen dieses Turniers.”

Das schrieb Alex Feuerherdt vor wenigen Minuten, mittlerweile vielleicht Stunden, ich bin zufällig grade darüber gestolpert, drüben bei Collinas Erben, und er schreibt noch viel mehr, und er bringt viele Dinge auf den Punkt, die ich hier bestenfalls vage angerissen habe, und spricht andere an, die hier überhaupt keine Erwähnung fanden.

Was mich, abseits der Verärgerung über das Gebaren der FIFA, mit Alex verbindet, ist der, so ich ihn im Podcast recht verstanden habe, gemeinsame Wunsch, dass Howard Webb das Finale leiten möge. Wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen: er hegt ihn wohl aus der Überzeugung heraus, dass Webb der vermutlich beste Schiedsrichter ist bzw. für das Finale wäre, ich hingegen hielte es schlichtweg für bemerkenswert konsequent, das Finale der WM 2014 von dem Mann pfeifen zu lassen, der bereits 2010 beispielgebend wirkte und zugelassen hätte, dass die Niederländer ihre spanischen Gegner buchstäblich vom Platz treten. Aber nur die besten.

 


Abschied

22. Juni 2014

Im Lauf der Jahre wurde mir eines zunehmend klar: sie konnte kein “Nein” hören. Ich glaube, sie konnte es wirklich nicht.  Etwas in ihr stand dem grundsätzlich entgegen. Sicher, das Wort “Nein” mag bei ihr angekommen sein; die dahinter stehende Botschaft in aller Regel nicht.

Es geht nicht darum, dass sie Recht haben wollte, dass sie überhaupt etwas haben wollte. Im Gegenteil: sie wollte geben. Wenn sie einem etwas anbot, dann war das kein Angebot im herkömmlichen Sinne, nie. Es war eine Ankündigung der Tat, auch im banalsten Kontext:

“Soll ich Dir noch etwas Wurst holen?”
“Nein, danke. Käse ist super, das reicht mir.”

“Hier, bitte, die Wurst.”

Wenn ich dann betonte, dass ich doch nein gesagt habe, lag manches Mal eine gewisse Schärfe in meiner Stimme. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sie überhört hat. Aber überhört hat sie sie, wohlwollend. Immer. Und das nächste Scheinangebot unterbreitet. Selbst dann noch, als sie kaum mehr in der Lage war, sich auf den Beinen zu halten. Eine schwer kranke Frau, die nichts Anderes im Sinn hatte, als Ihre Lieben zu umsorgen. Im besten Sinne.

Ja, manchmal hat man keinen Sinn dafür, ich sagte es, will vielleicht nicht umsorgt werden. Ärgert sich ein bisschen. Zwei Sekunden lang. Und entspannt sich wieder. Ist dankbar. Weil man, weil ich weiß: es kam so sehr von Herzen, war durch und durch lieb gemeint, aufrichtig, fürsorglich, anderen (hier, und oft: mir) Umstände vermeidend, indem sie sich selbst Umstände machte. Viel zu oft nahm ich es wie selbstverständlich hin.

Wir haben über Worte geredet in diesen Tagen. Mit ihrer Tochter, meiner Frau. Darüber, dass Nächstenliebe so ein großes Wort sei. Und darüber, dass es kaum ein besseres gibt, um ihr Wesen zu beschreiben. Ein Wesen, das sich Tag für Tag in kleinsten Gesten ausgedrückt hat. In Hilfsbereitschaft, in geteilter Freude, Mitgefühl, in einer die eigenen Bedürfnisse verleugnenden Rücksichtnahme, bis in die allerletzten Tage hinein. Wenn sie in der Lage gewesen wäre, hätte sie dem Pflegepersonal die Arbeit abgenommen.

Sie hatte diese Krankheit nicht akzeptiert, zu keinem Zeitpunkt. Hinterlistig war sie gewesen, hatte sie auf  beschissene Art und Weise überrumpelt und sie dann nicht mehr in Ruhe gelassen. Sie wehrte sich, bekämpfte sie, ignorierte sie, weigerte sich, ihr Platz in ihrem Leben einzuräumen oder gar das Zepter zu überlassen. Sie würde sich ihr Leben zurückerobern. Mancher mag ihren Optimismus für naiv gehalten haben, vielleicht auch für einen Versuch, sich selbst zu belügen; ich bewunderte ihn. Bewunderte sie.

Es war lange klar, dass der Krebs sie irgendwann in die Knie zwingen würde. Doch klein beigeben würde sie nicht. Aufrecht würde sie bleiben. Zu sehr liebte sie das Leben, strahlte eine kindliche Freude aus, war an allem und jedem interessiert.

Immer wieder kommen mir diese Situationen in den Sinn, in denen sie mit wildfremden Menschen am Tisch saß und es keine fünf Minuten dauerte, bis sie tief ins Gespräch versunken waren, ob sie nun gemeinsame The­men hatten oder nicht, eigentlich, und mitunter auch unabhängig von der Frage, ob sie eine gemeinsame Sprache beherrschten. Das Leben war ihr Freude, der Austausch mit Menschen Genuss, ja Lebenszweck.

Für eine Krankheit war schlichtweg kein Platz, keine Zeit. Wer sie besuchte, durfte über Gott und die Welt mit ihr reden, aber doch bitte nicht über dieses schnöde Gesundheitsthema. Es gab wahrlich Wichtigeres.

Vor ein paar Tagen ist sie gegangen. Gewehrt hat sie sich, den Kopf nahm sie hoch, immer wieder, bis zuletzt. “Du kriegst mich nicht klein, Du nicht!“, wollte sie sagen. Bestimmt.