Sommerliche Substitutionsstrategien.

29. Juni 2009

Man kann sicherlich geteilter Meinung darüber sein, ob die fußballerische Sommerpause mit dem Trainingsauftakt der meisten Bundesligisten bereits ihr Ende gefunden hat, oder ob die ganzen fürchterlichen Vorbereitungsspiele aus Belek, Abu Dhabi oder sonstwo nicht erst die eigentliche saure-Gurken-Zeit darstellen. Man kann sogar auf dem Standpunkt stehen, die Sommerpause sei ein Hirngespinst und sie zum Unwort erklären.

Dass die bundesligafreie Zeit für alle Junkies etwas gewöhnungsbedürftig ist, dürfte indes außer Frage stehen, und mitunter macht sich dann doch ein wenig Verzweiflung breit. Da fängt man dann schon mal an, im Maschinenraum [frei nach dogfood] herum zu werkeln, behilft sich nostalgisch mit den guten alten Zeiten, philosophiert über Rückennummern, befasst sich mit dem Leben nach dem Fußball (oder dem abseits des rein Sportlichen), vielleicht auch mit Fankultur oder Fankultur.

Wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, äußerst man sich zu den wildesten Gerüchten vom Transfermarkt oder geht in einem ultimativen Schritt sogar so weit, selbst Sport zu treiben – so wie ich am -bezeichnenderweise- Samstag:

Gemeinsam mit ein paar Freunden nahm ich an einem Freiteitturnier teil, wie es sie derzeit an jedem Wochenende zuhauf gibt. Sowohl die Gesamtschau der Turniere als auch jedes Turnier für sich sind durch ihre Heterogenität gekennzeichnet: Durchschnittsalter der Mannschaften, Spielstärke der und innerhalb der Teams, Spielfeldgröße, Untergrund,… – alles findet sich in allen Variationen.

Zu den Gemeinsamkeiten dürfte indes die Gewissheit zählen, dass es irgendwann im Lauf eines solchen Turniers in irgendeiner Form knallt. Gelegentlich spielt dabei Alkohol eine Rolle. Am Samstag durfte ich wieder einmal als stiller Beobachter dabei sein. Ok, nicht ganz als stiller Beobachter – meine Zeugenaussage hat die Polizei durchaus interessiert.

Es war eines dieser Spiele, bei denen eine junge, fußballerisch limitierte, aber hochgradig (über-)motivierte Mannschaft (die “Aggressiven”) auf einen erfahrenen, weit überlegenen Gegner trifft, dessen Fokus nicht nur auf dem sportlichen Erfolg liegt (die “Betrunkenen”). Die Aggressiven schlugen von Beginn an in punkto Einsatz über die Stränge, weit über die Stränge, und wurden auch rasch mit einer selbstverständlich völlig unberechtigten Zeitstrafe belegt, was sie nur noch wilder machte, angetrieben von einem fanatischen weiblichen Anhang. Die Betrunkenen ließen Ball und Gegner laufen und gingen den Zweikämpfen möglichst aus dem Weg, waren dafür aber insgesamt nicht mehr behände genug, so dass einer der ihren einer Roy-Keane-Gedächtnisgrätsche (wer sie sich ansieht: bitte auch “more Info” zum Clip lesen) nicht mehr ausweichen konnte.

Nun wurden auch die Betrunkenen etwas unwirsch und stellten den Täter, der sich aber zu wehren wusste. Die Veranstalter stürmten auf den Platz, um der Rudelbildung Herr zu werden, was insofern nicht ganz gelang, als einer von ihnen im entstehenden Knäuel die unterste Position einnahm. Diese Situation nutzte einer der Aggressiven aus, der sich bis dahin im Hintergrund gehalten hatte: er eilte aus dem Hintergrund heran und führte ohne Ball drei Spannstöße aus, die allesamt diesen unten liegenden Hausherrn trafen.

Irgendwie war die Übermacht der Vernünftigen dann doch so groß, dass die Aggressiven sich zurückzogen. Leider wurden erst nach und nach die Informationen zusammen getragen, sodass sich der besagte Treter wohlweislich bereits aus dem Staub gemacht hatte, als die mit etwas Verspätung herbei gerufene Polizei eintraf und einige seiner Mitspieler gerade noch befragen konnte. Selbstverständlich kannte keiner von ihnen den Täter, geschweige denn seinen Namen, und überhaupt seien ja sie die Opfer gewesen.

Erfreulicherweise trug der -unter anderem- so malträtierte Veranstalter keine nennenswerten Verletzungen davon (die Schwellung unter dem Auge dürfte auch bald verschwunden sein). Der wirklich übel gefoulte Spieler stand irgendwann zumindest wieder auf eigenen Beinen, wird aber die ärztliche Diagnose abwarten müssen.

Fußball.

Mit dieser Aktion haben die Aggressiven übrigens einige Fans des VfB Stuttgart in den Schatten gestellt, die sich am Samstag ebenfalls sehr geistreich mit Fußballthemen befasst hatten.


Trainers Aufgabenspektrum.

23. Juni 2009

Mittlerweile wissen es ja alle, dann kann auch ich mal drüber schreiben: wir sind Zeitzeugen eines Paradigmenwechsels. Der Trainer wird ein anderer. Englisches Modell hört man da immer wieder. Namen wie Magath, Veh oder Strunz. Oder auch Sammer, wenn der Herrn Löws Aufgabe mit übernehmen will.

Einige Trainer sind also nicht nur Trainer, sondern auch Manager, Sportdirektor, Geschäftsführer, vielleicht auch noch Scout,  im Amateurbereich häufig auch noch Spieler und mitunter gar Vereinsvorstand. Bis vor kurzem hatte sich indes keiner bereit erklärt, auch gleich noch die Interessenvertretung für die Kolleginnen und Kollegen zu übernehmen. Aber auch das ist Geschichte: Trainer Baade hat sich dessen angenommen.

Ich weiß, die Sache ist fast eine Woche alt, sie hat sich in dem konkreten Fall auch mehr oder weniger in Wohlgefallen aufgelöst. Aber sie ist mir wichtig, und ich finde es gut, dass sich der Trainer zu Wort gemeldet hat.

Möglicherweise reicht es wirklich nicht aus, dass jeder nach bestem Wissen und Gewissen, bzw. nach Lust und Laune sein Ding macht und gelegentlich mal einen anderen Blogger um Rat fragt. Möglicherweise ist es enorm wichtig, dass man sich noch aktiver austauscht über alles, was um das eigene Blog herum passiert. Linktausch-Anfragen zum Beispiel.

Natürlich kann man, wie ich, auf dem Standpunkt stehen, dass die Monetarisierung des eigenen Blogs im Grunde irrelevant ist, dass man sich mit Werbeeinnahmen nicht zu befassen braucht, weil man entweder kein Interesse daran hat oder das Verhältnis von Nutzen und Ertrag nicht für attraktiv hält – oder beides natürlich. Und so hätte es mir durchaus passieren können, dass ich auf eine Werbeanfrage relativ entspannt reagiert und möglicherweise auch mal Links für lau bzw. gegen Content hergegeben hätte. Kann es auch jetzt noch.

Aber ich bin stärker sensibilisiert. Ich weiß, dass ich dem einen oder der anderen die Preise verdürbe, wenn ich zu freigiebig wäre (nicht dass sich wirklich jemand für mein Blog interessieren würde, aber man kann sowas ja nicht ausschließen), ich sehe, dass gerade die “Fußballblogger” hier in nächster Zeit möglicherweise stark an Relevanz und damit Werbe-Attraktivität zulegen, und ich erkenne an, dass der Ruf nach einer  Interessenvertretung für Blogger zwar nicht unbedingt hierfür, aber insgesamt doch relevanter ist, als ich bisher dachte.

Zunächst aber verlasse ich mich auf den Trainer.


Ich würde ihn nehmen.

23. Juni 2009

23. Juni und die Millionen sind immer noch nicht ausgegeben.

Muss man da nervös werden? Ich glaube nicht. Vielmehr bin ich guter Hoffnung, dass Horst Heldt und seine Mannen recht genau wissen, was sie tun – und die bisher gehandelten Namen rufen ja auch keineswegs Juckreiz hervor.

Dementsprechend habe ich auch darauf verzichtet, sie hier zu kommentieren: zum einen weil diese Spekulationen irgendwann ermüden, zum anderen weil ich mich im Grunde mit allen Kandidaten (bildlich gesprochen) anfreunden könnte. Sicher, Helmes wäre, trotz Verletzung, mein Favorit, Ba war mir vor dieser Posse deutlich sympathischer als danach jetzt, doch sportlich bin ich noch immer von ihm überzeugt, Vagner Love hat sein Können in einem klimatisch wie kulturell alles andere als heimatnahen Umfeld unter Beweis gestellt, so dass ich wohl über den Namen hinwegsehen könnte (schließlich war auch “Und täglich grüßt das Murmeltier” ein durchaus ansehnlicher Film), und Janko hat seine 39 Tore zwar in der tipp3-Bundesliga powered by T-Mobile geschossen, aber selbst in Österreich haben das bisher nur Krankl und Polster geschafft, die beide auch international reüssierten. Ok, Pawljutschenko habe ich von der EM als Chancentod in Erinnerung und Mbokani kenne ich nicht, aber für irgendwas müssen die Scouts ja auch gut sein.

Aber Klaas-Jan Huntelaar? Der Klaas-Jan Huntelaar? The Hunter? Der weltbeste Erstligatorschütze 2006? Der Torschützenkönig der U21 EM 2006? Der erfolgreichste Torschütze in der Geschichte der niederländischen U-21 Nationalmannschaft? Der Spieler von Real Madrid?

Mein erster Gedanke: Klar.
Genauso ernst zu nehmen wie Gullits Wechsel zu den Bayern Anfang der 90er. Oder Zidanes. Oder der von Belanow nach Gladbach. Vanenburg zu 60. Sonny Silooy nach Bielefeld. Savicevic zu Rapid. Hadji nach Saarbrücken. Rivaldo nach Taschkent. Tomasson nach Stuttgart.

Ok, einige musste man dann doch irgendwie ernst nehmen, zumindest auf dem Papier. Die genannten Herren fielen jedoch weitgehend in die Kategorie “abgehalftert” “über den Zenit hinaus”. Huntelaar hingegen hat seine beste Zeit vermutlich noch vor sich. Im vergangenen halben Jahr hat er erstmals keine überragende Torquote erzielt, was zumindest in Teilen damit zu tun haben könnte, dass die Vereinsführung ihn aufgrund eigener Dummheit vor den Kopf bzw. aus der Champions League stoßen musste, und nun dürfte er der dortigen Großmannssucht zum Opfer fallen.

Aber deswegen zum Bundesligadritten wechseln, um einen Spieler zu ersetzen, der wohl auch deshalb wegging, weil die Qualifikation für die Champions League nicht gesichert ist? Soll man sich sowas wirklich ernsthaft vorstellen? Sicher, Italien ist derzeit nicht so richtig attraktiv, in England weiß man nicht so recht, wieviel Geld noch vorhanden ist, und zurück in die Niederlande zieht es ihn möglicherweise auch nicht. Trotzdem. Klaas-Jan Huntelaar. No way.

Aber ich würde ihn nehmen.

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Ach ja: freue mich, wenn jemand die Reihe der Belanows, Savicevics und Silooys in den Kommentaren fortführen will.


Wahlrecht, Legitimation, Verantwortung

9. Juni 2009

Die vorläufigen Ergebnisse der Europawahl und hier in Baden-Württemberg auch der Kommunalwahl lassen mittlerweile nur noch geringe Veränderungen erwarten. Wie immer haben fast alle Parteien Wahlsiege errungen, und wenn sich derlei beim besten Willen nicht herbeireden lässt, dann ist das Ergebnis eben der Bundes- oder einer anderen gerade nicht zur Wahl stehenden Politik geschuldet.

So weit, so bekannt. Alles andere als neu ist auch die -berechtigte- Klage über die geringe Wahlbeteiligung, und in ihrem Schlepptau die wohlfeile These, die gewählten Abgeordneten verfügten nicht über die notwendige Legitimation durch die Wahlberechtigten, wie sie beispielsweise in der Sprechblase formuliert -und in den dortigen Kommentaren kontrovers diskutiert- wird.

In der Tat ist es erschreckend, dass die stärkste Partei gerade einmal 16% der potenziellen Wählerstimmen für sich mobilisieren konnte. Den Parteien ist es nicht gelungen, den Wählern die Bedeutung von Wahlen im Allgemeinen und der aktuellen im Besonderen zu vermitteln. Ähnlich erschreckend ist indes die dieser Einschätzung zugrunde liegende Haltung, dass die Parteien, und nur die Parteien, in der Pflicht stünden, die Bürger zur Urne zu tragen.

Es ist nicht en vogue, von Verantwortung zu reden. Verantwortung für das Gemeinwesen und Verantwortung für das eigene Tun, ohne dass man sich beispielsweise anlässlich einer Wahl von PolitikerInnen an die Hand nehmen oder gar den Griffel führen lassen muss. Ich finde schon, dass ich als Bürger in der Verantwortung stehe. Ich sehe mich in der Pflicht, meinen Teil für ein funktionierendes Gemeinwesen zu leisten, und wenn es nur dadurch ist, dass ich zu einer breiten demokratischen Basis der Volksvertreter -auf welcher Ebene auch immer- beitrage. Auch wenn die Defizite der zur Wahl stehenden Alternativen häufig unübersehbar sind.

Wer nach einer angemessenen Informationsphase der Meinung ist, die im politischen Wettstreit befindlichen Parteien und/oder Kandidaten seien allesamt unwählbar*, hat eine Reihe von Optionen. Er (oder sie) kann sich, zumindest mittelfristig,  selbst politisch engagieren und von seinem passiven Wahlrecht Gebrauch machen. Etwas kurzfristiger kann er zumindest den Dialog mit den zur Wahl stehenden Kandidaten suchen, um nach Möglichkeit Einfluss auf deren künftige Politik zu nehmen – und kurzfristig vielleicht auch den Grad der Unwählbarkeit bestimmen, vergleichen, Kompromisse eingehen und letztlich doch wählen.

Bleibt man gleichwohl bei dem Schluss, niemanden wählen zu können, dann könnte man, wenn einem an dem Gemeinwesen gelegen ist, zumindest ein Zeichen setzen. Indem man einen ungültigen Stimmzettel abgibt. Nicht wählen zu gehen ist kein Zeichen. Nicht wählen zu gehen drückt Desinteresse oder Gleichgültigkeit aus, aber keinesfalls Protest, und erst recht kein Verantwortungsgefühl.

Die gleichwohl verbreitete Argumentation, die Wahlverweigerung sei ein Mittel, um den (künftigen) Abgeordneten die Legitimation abzuerkennen, ist bestenfalls interessant. Was bezweckt man damit? Dass die Wahl wiederholt wird, wegen zu geringer Beteiligung? Das ist nach meiner Kenntnis zumindest bei den Wahlen, bei denen ich wahlberechtigt bin, nicht vorgesehen. Und wenn es doch soweit käme, was würde das ändern? Wer brächte dann die Alternativen auf den Weg? Die Verweigerer etwa? Warum haben sie das dann nicht früher getan?

Ist der Ansatz, nicht wählen zu gehen, um den Abgeordneten die Legitimation zu verweigern, nicht vielmehr mit dem Verhalten zu vergleichen, das man gemeinhin -wenn auch fälschlicherweise- dem Vogel Strauß nachsagt? Den Kopf im Sand versteckend, ignoriert man schlichtweg die Wahl, die eigenen Alternativen, die eigene Verantwortung. Und wundert sich schimpft, wenn andere für einen mit entscheiden.

*Zur Einschätzung des Begriffs “unwählbar” hat sich Lukas von Coffee and TV bereits deutlich geäußert: “Unwählbar” aber ist ein kreischendes, absolutes Urteil, das damit in der langen Reihe von Schlagworten wie “Faschismus” und “Zensursula” steht und die Frage, warum sich eigentlich kaum ein Politiker für die Interessen der Netzgemeinde interessiere, von selbst beantwortet.


Ruhe ist die erste Zuschauerpflicht.

6. Juni 2009

Wir wir alle wissen (oder bei Wikipedia nachlesen können), war Ruhe bereits vor über 200 Jahren die erste Bürgerpflicht.

Zwischenzeitlich wurde das ziemlich ausgeweitet, sodass beispielsweise die Dänen Ruhe bewahren sollen, die Angler, die Römer,  ja sogar die Rechner und die Märkte.

Nun also auch die Zuschauer.
Und damit sie ruhig sein können, sollen sie sitzen bleiben.

Nur ein sitzender Fan ist ein ruhiger Fan ist ein guter Fan.