Befreiungsschlag

25. November 2009

Fußball ist so schön einfach. Und so, wie soll ich sagen, unmittelbar. Für jeden verständlich. Innerhalb kürzester Zeit wird deutlich, ob wir einen genialen Moment oder einen fatalen Fehlpass erleben, ob ein Dribbling großartig oder stümperhaft, der Hackentrick pfiffig oder fahrlässig, der Abschluss sensationell oder einfach eigensinnig ist. Und einen Befreiungsschlag erkennt selbst der uninteressierte Laie auf Anhieb als solchen.

Etwas schwieriger wird es, wenn man das Ganze eine Ebene höher hebt, wenn der Befreiungsschlag nicht nur für eine konkrete Spielsituation, sondern im Idealfall für eine ganze Saison gelten soll. Zumindest mir fällt es dann schwer, aus der Situation heraus unmittelbar zu erkennen, ob der vermeintliche Befreiungsschlag tatsächlich geeignet ist, die Situation zu bereinigen, oder ob sie eben noch nicht geklärt ist. Bezieht man diese Frage auf den gestrigen Sieg des VfB Stuttgart in Glasgow, lässt sich sicherlich feststellen, dass Markus Babbel Gelegenheit bekommen hat, etwas Luft zu holen, dass sich die Mannschaft neues Selbstvertrauen geholt hat, und dass natürlich die Chancen in der Champions League intakt sind. Dennoch würde ich persönlich zögern, von einem nachhaltigen (Buzzword Bingo?) Befreiungsschlag zu sprechen. Ein Teil der Qualitätsmedien ist weniger zurückhaltend:

Tatsächlich spricht manches dafür, dass es sich um einen Befreiungsschlag handeln könnte. Erstmals war man in der Lage, die eigene Schwächephase nach dem wie so oft guten Beginn auf eine knappe Viertelstunde vor der Pause zu beschränken, um danach endlich einmal weiter nach vorne zu spielen und so letztlich, anders als gegen Glasgow und bei Urziceni, den Vorsprung auszubauen. Mit Kuzmanovic ist nach langer Suche nun doch der Gomez-Nachfolger gefunden: er hat gleich viel gekostet wie Marica, ist aber torgefährlicher. Cacau füllt die Lücke auf der 10. Pogrebnyak strotzt mittlerweile vor Selbstvertrauen – Rudys Tor hat er großartig mit der Hacke vorbereitet. Lehmann hat die verloren geglaubte Aggressivität wiederentdeckt und grätscht auch mal mit beiden Beinen voraus, wenn längst abgepfiffen ist.

Ok, etwas ernsthafter:
Vieles war gut gestern, insbesondere die Entschlossenheit, sich die Butter nicht wieder vom Brot nehmen zu lassen. Mit den ersten Erfolgserlebnissen kam auch das Selbstvertrauen für Ansätze zum Kombinationsspiel und die eine oder andere Einzelaktion zurück. Defensive Harakiri-Aktionen waren bis auf Pogrebnayks verheerenden Querpass, der beinahe zum Ausgleich geführt hätte, Mangelware. Das 2:0 kann man mit etwas Wohlwollen sogar als schnellen Gegenangriff nach einem am eigenen Tor abgefangenen Ball walten – wann hat man so etwas zuletzt gesehen? Die Abwehr stand souverän, im Mittelfeld war man mit Träsch und Kuzmanovic defensiv kompakt und hatte dennoch genügend Inspiration, nach vorne etwas zu bewegen. Ob das gegen stärkere Gegner als die Rangers bereits reicht, bleibt allerdings abzuwarten, zumal erneut keiner der eingesetzten Stürmer traf.

Sebastian Rudy? Zu ihm ist aktuell das meiste gesagt. Was mich absolut beeindruckt, ist seine enorme Ruhe am Ball, auch wenn man sie in der einen oder anderen Situation als Phlegma auszulegen geneigt ist. Für einen 19-Jährigen ganz außergewöhnlich, finde ich.

Die aufmerksame Leserin mag bemerkt haben, dass ich nicht so recht weiß, wie ich das Spiel einordnen soll. Einerseits habe ich mich über den hochverdienten Sieg und das Spiel des VfB außerordentlich gefreut und will auf anhaltende Besserung hoffen. Andererseits waren die Rangers einfach erschreckend schwach, sodass man nicht der Versuchung erliegen sollte, plötzlich alles in den hellsten Farben und höchsten Tönen darzustellen.

Aber am Sonntag wird erst einmal das Kanonenfutter aus Leverkusen hergespielt.


Mal wieder Bloggern zuhören?

24. November 2009

Das Fußballradio 90elf lädt dreimal in der Woche zu abendlichen Fußballgesprächen auf den Bolzplatz. Vergangene Woche gab es einen Themenabend zu 18mal 18, in dessen Rahmen das Projekt vorgestellt wurde und einige der beteiligten Blogger zu Wort kamen, auch ich durfte ein paar Sätze zu Sebastian Rudy sagen. Die Mitschnitte unserer Gespräche kann man bei 18mal anhören – und gerne auch gleich dort kommentieren.

Zudem gibt es eine weitere Ausgabe des Ballpod-Podcasts, mittlerweile die achte, und auch diesmal haben wir wieder ein etwas anderes Format: Jürgen Kalwa von American Arena, der nach eigenen Angaben erneut für den verhinderten probek „von der Reservebank eingewechselt“ wurde, dabei aber erwartungsgemäß weit mehr als irgendein Ergänzungsspieler war, unterhielt sich im spannenden Tête-à-tête mit dem Popkulturzitatemonster erz von der Kontextschmiede. Die Themen waren indes kaum popkulturell, sondern lauteten Fußballtaktik, Fußballsprache und Wissensvorsprünge. Anhören kann man das Ganze hier, Kommentare bitte dort.


Entscheidungsfindung

23. November 2009

Es ist nicht immer leicht, eine Entscheidung zu treffen. Deshalb ist man in aller Regel gut beraten, die Vor- und Nachteile gut abzuwägen, ohne das Bauchgefühl außer Acht zu lassen. Man kann Personen seines Vertrauens in die Entscheidungsfindung einbeziehen, im Einzelfall vielleicht auch, der Objektivität wegen, wildfremde Menschen, und deren Gedanken dann berücksichtigen oder auch nicht. Irgendwann jedoch, möglichst innerhalb der vorgegebenen Frist, sofern es denn eine gibt, sollte man zu einem Schluss zu kommen, den man dann auch als bindend betrachtet und nicht wegen jeder Kleinigkeit wieder hinterfragt. Ob es anschließend ratsam ist, die verworfenen Alternativen öffentlich auszubreiten, muss jede(r) für sich entscheiden. Ich persönlich halte in aller Regel nicht viel davon. Vor allem dann nicht, wenn dieses Bekenntnis die Frage aufwerfen könnte, wen zum Teufel das interessiert, oder gar: warum hat er’s nicht einfach getan?

Frau Pechstein sowie die Herren Hamilton, Bierhoff, Rutten, Löw, Koch, Klopp, Donadoni, FringsFischer und ganz aktuell auch Herr Henry sehen das anders.

 


Beidfüßig

22. November 2009

Kennt jemand von den werten Lesern wirklich beidfüßige Spieler? Ich meine nicht Leute wie Trochowski, der gerne auch mal mit dem schwachen Fuß einen Gewaltschuss ablässt, der diesen Namen verdient hat, und auch nicht die Pizarros und Gomez’ dieser Welt, die aus 10 Metern mit beiden Füßen das Netz durchschießen können, sondern Spieler, die sich kurz vor dem Anlauf, vielleicht in Abhängigkeit von der gestellten Mauer, überlegen können, mit welchem Fuß sie zum Freistoß antreten werden. Oder gar auf dem Weg zur Eckfahne. Gibt’s da jemanden? Aus der Bundesliga, oder auch aus irgendeiner anderen ersten Liga? Ich weiß nicht einmal, ob Andreas Brehme so weit ging, Eckbälle mit beiden Füßen zu schlagen.

Aliaksandr Hleb tut es. Seit einigen Wochen tritt er Eckbälle mit links. Diese Eckbälle sind nicht schlechter als die des Linksfüßers Thomas Hitzlsperger, ganz im Gegenteil. Während Hitzlspergers Ecken in der Regel an der kurzen Torraumecke in Hüfthöhe geklärt werden, erreichen sie bei Hleb durchaus Kopfhöhe; den vordersten Abwehrspieler passieren sie jedoch auch nicht. Mit dem rechten Fuß durfte sich gestern erstmals Sebastian Rudy versuchen, der häufiger, allein der Höhe wegen, die Tormitte erreichte, dem Ball aber so wenig Wucht mit auf den Weg gab, dass bestenfalls Kopfballspieler vom Schlage der Herren Hrubesch, Pizarro oder Ballack daraus etwas Zählbares hätten machen können. Die hat der VfB allerdings nicht. Fazit: ungefähr 13:1 Ecken, aber keine ernstzunehmende Torchance, die sich daraus ergeben hätte.

Ansonsten hat sich der VfB im Rahmen seiner derzeitigen Möglichkeiten bemüht. Einmal mehr spielte man 25 Minuten lang gefällig und kam zu einigen Chancen, von denen zwei oder gar drei als wirklich gut gelten dürfen. Danach war es, wie so oft, vorbei mit der Herrlichkeit Stuttgarter Spielkultur. Man ließ die Berliner, die zuvor wirklich nicht den Eindruck gemacht hatten, noch auf den Klassenerhalt hoffen zu dürfen, geschweige denn es zu tun, langsam ins Spiel finden, gab das in Ansätzen gezeigte Kurzpassspiel auf und zeigte eine Leistung, die denen der bisherigen Saison gerecht wurde. Und Markus Babbel sah diesem uninspirierten Kick bis zur 65. Minute zu, ehe er endlich wechselte. Wobei ich fairerweise einräumen muss, dass er zumindest in einem Fall möglicherweise einen Informationsvorsprung hatte und den von den Fans als Heilsbringer geforderten Elson aus gutem Grund nicht bringen wollte. Ich habe ihn auf dem Platz nicht gesehen. Und vor allem: er hat keine der durchaus zahlreichen Standardsituationen nach seiner Einwechslung getreten. Wenn es den einen Grund gibt, weshalb wir Elson sehen wollen, dann sind es doch zweifellos seine Ecken und Freistöße, die Gründe wurden oben genannt. Ich muss das nicht verstehen, aber ich würde gerne.

Unter dem Strich bleibt ein 1:1 gegen eine Hertha, über deren Sieg man sich auf Stuttgarter Seite nicht einmal hätte beschweren können, und die Tabelle lügt noch immer nicht. Nächste Woche in Leverkusen fehlt mit Kuzmanovic zudem der -für mich- gefühlte Kapitän, der nicht nur Siegeswillen zeigt, sondern mittlerweile auch noch die Tore schießt, schießen muss. Keine schönen Aussichten – auch nicht für Markus Babbel, der gestern erstmals deutlich vernehmbare „Babbel raus!“-Rufe zur Kentnis nehmen musste.

Lobend erwähnen möchte ich doch noch Arthur Boka, der seine Form aus dem Länderspiel mitgebracht hatte, den souveränen Niedermeier und den engagierten Pogrebnyak, sowie zumindest für die erste Halbzeit Sebastian Rudy, der erstmals über die volle Distanz spielte. Und last not least, das hätte ich mir nicht träumen lassen, Peter Gagelmann, der ein richtig gutes Spiel ablieferte. Vielleicht sollte ich ihn mir doch öfter wünschen.

Bei einem letzten Punkt weiß ich natürlich, dass ich mich regelmäßig wiederhole – doch selbst wenn es dem einen oder der anderen auf die Nerven gehen sollte, verliert der Punkt nicht seine Gültigkeit: die Nachspielzeit in deutschen Stadien wird nach meinem Dafürhalten bestenfalls ausgewürfelt und dann um mindestens 50 Prozent gekürzt, anders kann ich mir das Procedere einfach nicht mehr vorstellen. In der zweiten Halbzeit fielen gestern zwei Tore, es gab vier Auswechslungen, und sechs gelbe Karten sowie ein Platzverweis (gelb-rot) wurden verteilt. Zwei der gelben Karten wurden wegen Zeitspiels vergeben, wobei allein die Verwarnung für Torhüter Drobny mindestens zwei Minuten kostete, nachdem er zuvor schon in einigen anderen Situationen ermahnt worden war.

Nachspielzeit: 1 Minute.
Das kann ich einfach nicht mehr ernst nehmen.

PS: Über Hinweise zu beidfüßigen Könnern in den Kommentaren würde ich mich freuen. Beidhändige kenne ich indes seit vielen Jahren: Inigo und Westley.


In einer Reihe mit den ganz Großen.

17. November 2009

Nach Trainer Baade, Jens von Catenaccio und dem Königsblogger Herrn Wieland hatte ich kürzlich die Ehre,  zum Ehrenspielführer ernannt von mylaola.de, der „Community für Fussball-Fans und Profispieler“ in der Reihe „Fussi-Blog des Monats„ zu meinem Bloggerdasein sowie zur aktuellen Situation des VfB Stuttgart befragt zu werden.

Der Titel des Beitrags bei mylaola bezieht sich auf das zweite Thema, und irgendwie gefällt er mir nicht so recht, inhaltlich:

Der VfB Stuttgart steht zu Recht auf Platz 15