Schlauchkleid mit Hut

16. September 2014

Man sollte sich ja viel öfter verkleiden. Hab ich das grade wirklich gesagt? Man solle sich öfter verkleiden? Dann muss ich wohl unter dem Einfluss alter Fotografien gestanden haben, die mir jüngst beim Aufräumen in die Hände fielen. Bilder aus Zeiten, in denen man sich noch etwas mutiger kleiden konnte. In meinem Fall zum Beispiel in ein grasgrünes Schlauchkleid, nicht ganz auf Körper geschnitten, aber doch ziemlich. Sollte ich heute vermutlich nicht mehr tragen, sah aber echt chic aus.

Ähnlich verhält es sich mit dem Ken-Outfit, das ich damals bei der “Traumpaare”-Feier meines besten Freundes trug. Meine Freundin ging, naheliegend, als Barbie, der Gastgeber und sein Mitbewohner als elmex und aronal. Der kurzfristig erworbene pinkfarbene Walkman und die eigens dafür aufgenommene Kompaktkassette (“I’m a Barbie Girl” in Dauerrotation, so weit die Batterien trugen) wurden kürzlich im Zuge der genannten Entrümpelungsaktion entsorgt. Hat schließlich keiner mehr gebraucht in den letzten 17 (?) Jahren.

Accessoires sind ja ohnehin das A und O des Verkleidens, nicht wahr? Man frage nur mal meine Töchter. Möglicherweise fiel der Apfel gar nicht so weit vom Stamm. War vielleicht zufällig jemand bei der “Film”-Party, damals, Mitte der Neunziger, als ich mein prall gefülltes Köfferchen dabei hatte, ein kariertes, bis oben zugeknöpftes Hemd und eine Feder auf dem Schuh trug?

Falls ja: hoffentlich bot ich Ihnen eine selbst gebastelte Flasche Dr. Pepper und ein paar Pralinen an! Sie erinnern sich nicht? Auch nicht an die, wie soll ich sagen, gewöhnungsbedürftige Frisur, die ich mir ein paar Stunden zuvor hatte antun lassen, und die, aber das können Sie nicht wissen, tags darauf dem Rasierer zum Opfer fiel? Schade.

Ja, manchmal übertreibt man. Dabei ist weniger doch so oft mehr. Die Kostümierung meines Freundes bestand beim genannten Filmfest lediglich aus einem goldenen Finger, der manches Kontaktanbahnungsgespräch erleichterte, ich selbst beschränkte mich bei anderer Gelegenheit, einer “Bad-Taste-Party”, auf einen Kinnbart. Nein, ich mag Kinnbärte auch heute noch nicht, würde aber nicht mehr so weit gehen, und nein, bei beiden genannten Gelegenheiten implizierte die Beschränkung des Kostüms keine Ausschließlichkeit, wie sie möglicherweise grade in Ihrem Kopf umherspukt.

Aber klar, mit Aufwand macht das Ganze irgendwie mehr Spaß. So wie damals, als wir beim Thema “Werbung” als Sargträger des Marlboro Man gingen. Maßstab: 1:1, Design, natürlich: Marlboro. Dürfte in eine gesellschafts,- konsum- und auch sonst irgendwie kritische Phase gefallen sein. Oder als Ausdruck zur Schau getragener Distinktion durchgehen.

So wie der Entschluss, auf das örtliche Fasnetsmotto “Die Welt zu Gast bei uns im Dorf”, oder so ähnlich, mit einer Kostümierung als Parkscheinautomat zu reagieren. Reich wurde ich nicht, aber der Gemeindekämmerer zeigte sich angetan.

Ein paar Jahre zuvor hatte auch die Lokalzeitung Notiz von uns genommen: “Flower Power” hatte das Thema gelautet, womit wir wieder bei den eingangs erwähnten Schlauchkleidern angelangt wären:

flowerpower_pixel

Falls übrigens der damalige Redakteur mitliest: wir machten auf Gänseblümchen, nicht “auf Margeritte (sic!)”.


Ignorance is bliss

15. September 2014

Nichts. Wirklich nichts habe ich vom Spiel des VfB in München gesehen. Und nichts, wirklich nichts scheine ich verpasst zu haben. Umso schöner, wenn man sich dann auf das beschränken kann, was man auf der Basis oberflächlichen Medienkonsums an positiven Erkenntnissen aus den letzten Tagen gezogen hat, weitgehend unabhängig von der Leistung in München.

Dass Armin Veh bereits in der vergangenen Woche die sakrosankte Identifikationsfigur Sven Ulreich angezählt hat, zum Beispiel, und dessen Schwächen in der Spieleröffnung als erster Trainer auch einmal offen ansprach. Leistungsprinzip auch im Tor – schön.

Oder dass Timo Werner ein München allem Anschein nach zumindest einmal eine Halbzeit lang in der Sturmspitze statt auf der Außenbahn spielen durfte, anstelle von Vedad Ibišević. Womit auch Letzterer wieder ein Spieler aus Fleisch und Blut wäre, der ansprechende Leistungen zu erbringen hat, wenn er spielen will. Dass dieser Anspruch in analoger Weise auch für Werner gilt, hatte der Trainer bereits kurz zuvor zum Ausdruck gebracht. Gefällt mir.

Und hey, Moritz Leitner! In der Startelf! Sicher, Didavi war wohl erkrankt, und allem Anschein nach hat Leitner nun auch nicht unbedingt ein Feuerwerk abgebrannt. Dennoch: mir fiele die Vorstellung schwer, den VfB weiterhin völlig kreativitätsbefreit aufspielen zu sehen, Leitner aber draußen zu wissen. Seine Ideen, sein Mut, seine Frechheit in der einen oder anderen Szene können dem VfB nur guttun.

Sein Leichtsinn nicht, zugegeben. Wenn er indes nach dem Spiel ein bisschen zickig ist und nebenbei vielleicht einen Konflikt zwischen älteren und jungen Spielern nach außen dringen lässt, dann kann ich dem gegenwärtig nicht viel Schlechtes abgewinnen.

Zu den älteren Spielern zählt mittlerweile auch der Kapitän. Dem, es dürfte angesichts der Beispiele Ulreich und Ibišević kaum mehr überraschen, der Trainer ein paar Sätze ins Stammbuch geschrieben hat, ehe er ihn am Samstag auswechselte. Also auch hier: Leistungsprinzip.

Klingt doch ganz schön, tendenziell. Als hätte der Trainer genug von Erbhöfen, Stallgeruch und Verdiensten aus der Vergangenheit. Dass die genannten Defizite nun wirklich nicht neu sind: geschenkt! Dass wir von außen eh immer alles besser wissen: keine Frage! Dass das Spiel in München trotzdem ziemlich frustrierend gewesen sein muss: nicht schön!

Ob ich mich damit ähnlich belüge kreativ tröste wie die Spieler, die glücklich waren, nicht wie andere zur Pause 0:4 zurückgelegen zu haben, die eine deutliche Verbesserung im Vergleich zur Partie gegen Köln gesehen zu haben glaubten, oder die meinten, dass man in München halt einfach verliere? Ich glaube nicht. Aber ich glaube auch nicht, dass es ohne einen knorrigen Veh, der Reizpunkte setzt, der den etablierten Akteuren ihre Defizite und deren Folgen aufzeigt, und der Spieler wie Leitner oder Kostic einfach mal machen lässt, zu nennenswerten Veränderungen kommen kann.

Natürlich ist es wohlfeil, sich an ein paar gedrückten Sätzen zu erfreuen, an Kommunikations- statt sportlichen, nun ja, Highlights hochzuziehen und die Fakten auf dem Platz in kolportierter Vogel-Strauß-Manier zu ignorieren, das gebe ich gerne zu.

Gleichzeitig denke ich durchaus, dass diese Unwissenheit, der Verzicht auf die allwöchentliche Portion Frust, nicht nur zu einem gewissen Verständnis für Spieler führt, die in einem 0:2 beim FC Bayern nicht den endgültigen Beweis für die eigene Unfähigkeit sehen, sondern vielleicht tatsächlich den Blick schärft für einzelne Aussagen und Entscheidungen, die unter anderen Umständen, beispielsweise als Zehnter oder Elfter mit vier Punkten, drei davon gegen Aufsteiger Köln, vermutlich als positive kleine Signale wahrgenommen würden. Zumindest möchte ich mir das einreden. Fühlt sich besser an. ‘twould be folly to be wise.

 

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Wer indes meinen ehrlichen Frust hören möchte, dem sei der Kölner Bockcast ans Herz gelegt, wo ich in der Vorwoche meine Eindrücke zum Spiel gegen den dortigen Champions-League-Kandidaten und zu den Perspektiven des VfB ziemlich unstrukturiert und dennoch unzensiert von mir geben durfte, bis hin zu furchtlos-treuen Nebelkerzen.


Revolverheld

9. September 2014

“Bin ich eigentlich der Einzige, der …?”

So lesen wir es Tag für Tag auf Twitter, hören es vielleicht auch abseits der Tastatur, und in der Regel folgt dann eine zumeist nur scheinbar vom Mainstream abweichende These, also etwas in der Art von “Bin ich der Einzige, der Helene Fischer nicht so geil findet?”, oder auch “Bin ich der Einzige, dem das Helene-Fischer-Gehate auf den Sack geht?”.

Die Beispiele sind frei erfunden, wiewohl vermutlich nicht ganz realitätsfremd, und ihnen ist, von gemeinsamen Formulierungen und Strukturen abgesehen, eines gemeinsam: die Antwort. Ich habe das vor einigen Monaten schon einmal drüben bei Twitter auszudrücken versucht:

Nicht nur vor diesem Hintergrund bin ich mir ziemlich sicher, nicht der Einzige zu sein, auch wenn ich mir die Frage schon einmal kurz stellte, der sich mit einer gewissen Regelmäßigkeit wünscht, das eigene Blog möge doch genau so sein wie das von Herrn X oder Frau Y. Nicht unter gestalterischen Aspekten (obschon es da natürlich gewisse Wünsche gäbe) oder in Sachen Reichweite (obschon man sich da gewisse Wünsche vorstellen könnte), nicht einmal im engeren Sinne inhaltlich. Es geht zumeist vielmehr um die grundsätzliche Art der Darstellung, korrekter: die Art der Texte.

Der eine oder die andere Mitlesende erinnert sich vielleicht an eine ältere Aufforderung, die ich hier im Blog einmal formuliert habe, und an die geschätzte Mitbloggende, ich denke insbesondere an Trainer Baade, gelegentlich erinnern: “Erzählt Geschichten!” Und so mag es nicht überraschen, dass Blogs, die ich gerne mein Eigen nennen würde, beziehungsweise von denen ich mir wünschte, dass die dort veröffentlichten Texte von mir sein könnten, meist solche sind, in denen Geschichten erzählt werden.

Langer Rede kurzer Sinn: ich beneide Herrn Kofler um sein Blog. Verzeihung: ich bewundere die Texte in seinem Blog. “Herr Kofler erzählt vom Krieg“, heißt es, und Herr Kofler, das dürfte auf der Hand liegen, erzählt dort Geschichten. Aus seinem Journalistenleben, aber nicht nur, amüsante Erlebnisse, aber nicht nur, sich selbst nicht zu ernst und gelegentlich auf den Arm nehmend.

Irgendwann wird sich mein Neid bestimmt wieder ein neues Ziel suchen, aktuell indes gilt er ihm. Nicht allein, aber in erster Linie.

Manchmal, wenn ich mich in Herrn Kofler gar nicht so martialischen Kriegsgeschichten verliere, denke ich “Hey, das hätte ich sein können”, nicht sehr oft, aber immerhin. Noch etwas seltener denke ich gar: “Das hätte von mir sein können”, nicht so, sondern anders, aber immerhin. In Einzelfällen gehe ich gar so weit, zu mir selbst zu sprechen: “Dazu könntest Du doch auch was schreiben!” Womit die Geschichte dann auch endet, unverrichteter Dinge. Stets, bisher.

Kürzlich bin ich dort indes über ein Thema gestolpert, zu dem wahrlich die meisten von uns etwas sagen können. Es geht um unser erstes Auto. Bei Herrn Kofler handelte es sich um einen Suzuki LJ 80, eine Art modernen Klassiker, glaube ich.

Unabhängig vom jeweiligen Modell haben wir vermutlich alle noch recht lebendige Erinnerungen an das Symbol unserer großen Freiheit, an die erste Urlaubsfahrt, an abgewürgte Motoren, an legendäre Spritztouren in kapazitativen und juristischen Graubereichen, an kleinere und größere Unfälle, lächerlich niedrige Benzinpreise, die natürlich viel zu hoch waren, möglicherweise an zwischenmenschliche Erfahrungen in etwas beengter Umgebung und ganz bestimmt auch an den Soundtrack, an jene selbst aufgenommenen Kassetten, die all das begleiteten.

Schloss ich von mir auf andere? Vermutlich. Schön war’s halt, waren sie, jene jungen Jahre, und obschon ich zum einen keine wirkliche Geschichte zu erzählen habe, mir zum anderen des Umstands bewusst bin, dass ich die Fallhöhe mit der langen Vorrede selbst bestimmt habe, will ich doch ein paar Zeilen zu meinem ersten Auto schreiben. Vielleicht möchte sich ja noch die eine oder der andere beteiligen und uns einen Schwank aus der Jugend (bzw. der gerade erreichten Volljährigkeit) erzählen?

Wir schrieben das Jahr 1990, die historische Einordnung möge die geneigte Leserin selbst vornehmen, als man mir den Führerschein zusandte, pünktlich zum 18. Geburtstag, wie das auf dem Land so üblich war. Was nicht nur an einer geringen ÖPNV- und folglich hohen Mopeddichte unter Heranwachsenden gelegen haben mag, die einen auf den motorisierten Straßenverkehr recht gut vorbereitete, sondern auch daran, dass sich in ländlichen Gegenden in aller Regel genügend abgelegene Sträßchen finden, wo man sich auch schon in jüngeren Jahren an Lenkrad und vor allem Pedalen versuchen kann. Allein: bei mir kam das irgendwie nicht zustande.

Mein Vater hätte viel zu viel Angst um seinen Wagen gehabt, gewiss, vor allem aber übte diese Fahrerei, selbst die verbotene, keine allzu große Anziehungskraft auf mich aus. Die Fahrschule würde noch früh genug kommen und mich alles Notwendige lehren.

Und sie kam. Tatsächlich ergab es sich, dass ich einen Tag vor meiner ersten Fahrstunde eine ganz grobe praktische Einweisung durch meinen Cousin erhielt, initiiert von der großen Familienrunde in Omas Wohnzimmer, inklusive Tadel für den ängstlichen Vater, sodass ich dem Fahrlehrer zu Beginn der ersten Stunde guten Gewissens sagen konnte, schon mal gefahren zu sein.

Er erkannte rasch, dass meine Vorkenntnisse nicht der Rede wert waren, und dass die ganze Geschichte wohl ein bisschen Zeit in Anspruch nehmen würde. Er kannte sich aus. Umso erstaunlicher, dass ich es dann doch schaffte, nicht nur zwei Tage vor meinem Geburtstag zur Prüfung anzutreten, sondern diese auch – zweifachem Abwürgen und einmaligem Vorfahrtsverzicht zum Trotz – erfolgreich zu absolvieren.

Die Fahrberechtigung war also da, Fahrgelegenheiten ergaben sich zunächst eher selten. Meinem Vater fiel es weiterhin schwer, mich mit seinem Wagen fahren zu lassen. Er hegte und pflegte ihn, war immer ein begeisterter, sportlicher Fahrer gewesen und hatte seine Autos stets sehr akribisch mit Rallyestreifen (sagt man das heute noch?) und anderem Schnickschnack verziert, so auch dieses, und wollte es ungern unnötigen Gefahren aussetzen, wie ich zweifellos eine darstellte.

So ergab sich im Lauf der nächsten Wochen und Monate ein recht zähes Ringen um den einen oder anderen Kilometer an Fahrpraxis, das ich nur selten zu meinen Gunsten entschied, immerhin aber dann, als es zählte: um mit einem hübschen jungen Mädchen ins Kino zu gehen, zum Beispiel, das am Ende des Abends meine Freundin war. Das konnte ich zu jenem Zeitpunkt zwar noch nicht zweifelsfrei sagen, retrospektiv jedoch sehr wohl. Drei Jahre lang glaubte ich, sie irgendwann zu heiraten. Tja.

Die Sache mit Papas Auto war indes eine einmalige. Oder anders: zum nächsten Date kam ich schon im eigenen Wagen. So eigen er halt ist, wenn er einem von Mama und Papa hingestellt wird, aber das focht mich nicht weiter an. Es war mein Auto, und es war ein großartiges. Eigentlich war seit Jahren klar gewesen, dass es kein anderes sein konnte. Mein Opa hatte einen gefahren, meine Mutter zwei oder drei, ich erinnere mich nicht ganz genau, bis auf einen grünen waren sie alle rot gewesen, und rot war auch meiner. Mit Rallyestreifen, klar, Papa hatte sich das nicht nehmen lassen, aber immerhin ohne Spoiler. Hätte sich vielleicht auch nicht so gut gemacht bei einem R4.*

“Quatrelle”, bzw. 4L, würde ich ihn erst einige Jahre nennen, bzw. sein Pendant, meinen zweiten R4, der mich in Marseille einige Zeit begleitete, einige Mitlesende werden davon gehört haben. Die beiden Autos verschmelzen in der Erinnerung gerne mal zu einem, von dem schmucklosen Gefährt, das mich zwischenzeitlich durch die Gegend trug, nachdem die erste Quatrelle ein gewaltsames Ende erlitten hatte, weiß ich kaum mehr das Kennzeichen.

Wunschkennzeichen hatte man damals ja noch nicht so. Ok, man hatte, vielleicht, wenn man jemanden bei der Zulassungsstelle kannte, aber selbst dann war es nach meiner Wahrnehmung schlichtweg noch nicht so en vogue, sich auf dem Kennzeichen selbst zu verwirklichen. Umso gelungener, dass meines die Initialen besagter junger Frau aus Papas Auto trug.

Dass ich dennoch nicht mit ihr, sondern mit einem guten Freund die erste große Tour mit dem Wagen unternahm, nun ja, war halt so. Südfrankreich war das Ziel. Korrekter: der Weg dorthin. Dass wir im Rausch der Geschwindigkeit beinahe bereits an der Autobahnauffahrt gescheitert wären und die Stimmung zumindest bis zur Schweizer Grenze erst einmal ein wenig reserviert war, soll hier nicht ganz verschwiegen werden. Hat sich ja offenbar auch ziemlich nachhaltig ins Gedächtnis eingebrannt.

Mein Mitfahrer brauchte einen Moment, um sich an die Revolverschaltung zu gewöhnen, die jüngere Mitlesende vermutlich nicht einmal mehr vom Hörensagen kennen, ansonsten verlief die Fahrt so, wie man sie sich in seinen verklärenden Erinnerungen eben so ausmalt: um die kostenpflichtigen Autobahnen zu meiden, fuhren wir auf kleinen Sträßchen, was den angenehmen Nebeneffekt hatte, dass der Lärmpegel trotz offenen Faltdachs in aller Regel zumindest so überschaubar blieb, dass man die laute Musik, die wir jungen Leute halt so hörten, noch erahnen konnte.

Die Heizung lief auf vollen Touren, gerade wenn es in höhere Gefilde ging, um die Motorkühlung zu unterstützen, und als wir auf der Höhe von Valence, also schon recht weit unten, einen ähnlich alten 2CV aus unserer Gegend überholten, fanden wir das, einer gewissen Solidarität unter Revolverschaltern folgend, hinreichend lustig, um uns, ausnahmsweise auf der Autobahn, über einige Kilometer hinweg immer wieder gegenseitig zu überholen. Nein, es saßen keine zwei Mädels drin.

Der Urlaub fand ein jähes Ende, als uns die Nachricht vom Tod einer Mitschülerin errichte, die Heimfahrt war zäh, geprägt von Müdigkeit, Betroffenheit und schlechter Laune, ein paar Stunden vor der Trauerfeier kamen wir zuhause an.

Das Schülerleben ging schnöde weiter, ein paar Monate später absolvierten wir unsere schriftlichen Abiturprüfungen, dem R4 wurden von Vaters Sohn zwar keine weiteren Rallyestreifen, aber doch ein recht auffälliger, in blassrosa gehaltener “Abi 91″-Schriftzug auf der Motorhaube verpasst, was im Dorf für Gesprächsstoff sorgte und auch von den Mitspielern stets kritisch beäugt wurde, wenn es zu Auswärtsspielen ging. Meist fuhren sie selbst, gestandene ältere Herren von Mitte zwanzig oder gar dreißig Jahren, mit ausgewachsenen Ford Escorts, Golfs, Mercedessen oder auch Ur-SUVs im Kofler’schen Sinne, aber gelegentlich war der eine oder andere dann doch froh, wenn er darauf setzen konnte, nach dem Spiel und anschließendem Getränkekonsum nicht selbst fahren zu müssen, und nahm das bedrohliche Ächzen eines mit vier Personen besetzten R4 in Kauf.

Etwas mulmig wurde meinem Beifahrer in einer solchen Situation, als wir unversehens in einen außergewöhnlich starken Wolkenbruch gerieten, der selbst moderne Scheibenwischer in den Grenzbereich ihrer Leistungsfähigkeit gebracht hätte, die Quatrelle aber derart überforderte, dass es keine Alternative zum sofortigen Anhalten gab. Der Standort auf einer recht langen Brücke war nicht ideal (“alternativlos” sagte man damals noch nicht), zwei oder drei Autos überholten uns noch, einer davon erzürnt hupend, danach kam der Verkehr kurzzeitig zum Erliegen, was – so unsere Überzeugung – aber nicht uns, sondern dem Wetter geschuldet war. Bisschen blöd dabei, dass der Unterboden nur so mitteldicht war und wir sehr feuchte Füße bekamen, mais c’est la vie.

Nach etwa zwei Jahren segnete er viel zu früh das Zeitliche, als ich kurz abgelenkt war – Pfandflaschen auf dem Beifahrerseitz sind nie eine gute Idee; bei einem Wagen ohne Mittelkonsole gilt das in besonderem Maße – und am Fußballplatz eine Kurve verpasste. Die dort stehende Walze ließ sich, ich hatte es schon einmal kurz erwähnt, gerade so vermeiden, der Straßenpfosten und der kleine Graben nicht. Der Schaden war zu groß, die Abi-91-Motorhaube entstellt, das Auto Geschichte. Mir war nichts passiert. War halt ein sicheres Auto, so ein R4. Manchmal wachträume ich bis heute davon, noch einmal einen zu besitzen.

Vor vielen, vielen Zeichen hatte ich mal geschrieben, dass ich Herrn Kofler um sein Blog beneide. Ich mag seinen Stil, den Tonfall, die Geschichten und manches mehr. Vor allem aber bewundere ich seine Fähigkeit, auf den Punkt zu kommen. Er hat das ja auch gelernt.

* Wer so gar keine Ahnung hat, was einen R4 ausmacht, der möge sich vielleicht einmal das Innenleben dieses Wagens ansehen, der – abgesehen von Farbe und Rechtssteuerung – meinem damaligen Modell recht ähnlich sein dürfte (ganz rechts der Choke, der mittlerweile ein bisschen aus der Mode gekommen ist). Außen war er diesem hier recht ähnlich, also dem im Vordergrund, mit Faltdach, leider ohne Rallyestreifen. Mein zweiter sah dann eher so aus. Eine Eloge veröffentlichte die Frankfurter Rundschau anlässlich des 50. Geburtstags des R4 im Jahr 2011.

 

 


Elf des Jahres 2015 (ESPM)

2. September 2014

Seien wir ehrlich: wollten wir heute eine Elf des Jahres nach objektiven Kriterien aufstellen, fänden sich dort, eine Entwicklung früherer Jahre verstärkend, fast ausnahmslos Spieler des FC Bayern München, wie die einschlägige Datenbasis von transfermarkt.de unterstreicht. Vor diesem Hintergrund hat sich die Redaktion entschlossen, in diesem Jahr nach dem Prinzip “ein Spieler pro Mannschaft” (ESPM) zu verfahren, um den Anschein zu wahren.

Das Ergebnis ist eine nicht nur bezüglich der Vereinszugehörigkeit, sondern auch qualitativ recht heterogen besetzte Elf, die zwar nicht auf allen Positionen absolute Weltklasse verkörpert, dafür aber unter anderem auf Titelhamster Tom Starke im Tor und Weltmeister Mustafi auf seiner Rechtsverteidigerposition setzen kann. Erschreckend indes, dass Vizemeister Dortmund keinen einzigen Spieler stellt. (Öhm, Verzeihung, Fehler:) nur mit viel Wohlwollen einen Spieler stellen kann:

ElfdesJahres2015_20140902

Gleichzeitig fehlt eine Reihe herausragender Akteure, so die Münchner Cuadrado, Ramsey, Varane und Khedira, zudem ihr Torhütertrio Navas, Lopez und Valdés. Auch Herthas Pandev ist ebenso der ESPM-Strategie zum Opfer gefallen wie die Wolfsburger Podolski und Mitroglu sowie Schalkes Welbeck und Bremens Bryan Ruiz.

Knapp gescheitert sind zudem auf den hart umkämpften Innenverteidigerpositionen Kölns van Buyten und der Hamburger Wollscheid sowie Hannovers Manuel Friedrich, der gegen seinen Teamkollegen Robert Huth, einen weiteren WM-Helden, das Nachsehen hatte.

Trotz aller Qualität kann sich die Redaktion des Eindrucks nicht erwehren, dass die Auswahlen früherer Jahre, als die stärkste Liga der Welt noch keine Weltmeisterliga war, teilweise schlagkräftiger daherkamen.

 


Handwerkszeug

1. September 2014

Fredi Bobic hatte etwa 88 Minuten ziemlich guten Fußballs gesehen. Würde zwar hernach keinen interessieren, aber es war so. Besuschkow war der Souverän auf dem Platz gewesen, Grbic hatte wieder einmal dreifach getroffen, Ferati vieles versucht, nicht immer erfolgreich, die Abwehr sich weitgehend abgeklärt gezeigt, der Gast war chancenlos gewesen: Stuttgart fünf, Frankfurt eins.

Kurz vor Schluss musste Bobic das Schlienz verlassen und ins große Stadion wechseln, von der U19 zu den Erwachsenen. Möglicherweise tat er dies ähnlich zuversichtlich wie ich selbst kurz darauf, nach dem Abpfiff, und in der Gewissheit, dass die katastrophalen Auftritte gegen Köln der Vergangenheit angehörten.

Leider kam alles ganz anders, und ich kann es nur schwer in Worte fassen. (Daniel Schwaab ist da weniger auf den Mund gefallen.)

Könnte ich singen, wäre das Ganze schnell durch. “Ich hatte keine Tränen mehr, als Ujah und Osako trafen”, sänge ich maffayesk, die Silben ein bisschen beugend, ginge noch auf meinen leeren Blick und das Zittern ein, lüde es hoch, das Blog wäre befüllt und meine Stimmung transportiert. Bliebe bloß noch zu hoffen, dass mich jemand von der Straße zöge. Freundin Ayşe, zum Beispiel, die eher selten ins Stadion geht, am Samstag aber mit ihrer ganzen Familie vor Ort war und hernach nicht umhin kam, mir zu bestätigen, was ich ohnehin zu wissen glaubte, dass nämlich das Spiel auch äußerlich Spuren hinterlassen habe: “Du siehst echt scheiße aus, Heini!”

Nun will ich nicht sagen, dass das “noch geprahlt”, will sagen: eine euphemistische Umschreibung gewesen sei, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ich nach dem Spiel geneigt war und im Grunde noch immer wäre, negative Superlative einzustreuen, so ich denn noch welche hätte. Vermutlich habe ich Herrn Völler hier schon des Öfteren zitiert, Sie wissen schon “… einfach die Sache mit dem Tiefpunkt und nochmal ‘n Tiefpunkt und noch mal ‘nen niedrigeren Tiefpunkt.”

Verzeihung. Mir ist gar nicht nach Scherzen zumute. Wirklich so gar nicht. Die Ernüchterung ist kaum in Worte zu fassen. Hatte sich das Déjà-vu in der Vorwoche noch lediglich auf den späten Gegentreffer bezogen, ist es nun ein grundsätzlicheres, beängstigenderes: die Spielweise. Konkreter: die Vorwärtsbewegung.

Kürzlich hatte ich bei n-tv noch vollmundig behauptet, der VfB verfüge in der Offensive “insbesondere mit Maxim und Didavi über ein in den letzten Jahren selten gekanntes Kreativpotenzial” und zudem bedauert, “dass Veh nur schwerlich Platz für beide in seiner Mannschaft finden” werde. Nun, ich wurde Lügen gestraft: er fand. Schön, eigentlich.

Weniger schön, dass ich mich bereits im ersten Schritt geirrt haben könnte. Oder etwas verwechselt habe: technische Begabung mit Kreativität, möglicherweise. Sowohl Maxim als auch Didavi verstehen es, mit dem Ball umzugehen. Sie behandeln ihn liebevoll, er gehorcht ihnen, und sie verstehen auch, ihn zu treten. Freistöße, Ecken, auch Flanken, Pässe: sie können all das. Es ist ihr Handwerkszeug, ein gutes Handwerkszeug, und sie verstehen es zu verwenden.

Kreativ ist das allerdings noch nicht. Kreativität erfordert nach meinem Verständnis Überraschungsmomente, Unerwartetes, mit oder ohne Schnörkel, die Fähigkeit, neue Situationen zu schaffen, etwas, das die Abwehr im Idealfall unvorbereitet trifft und ihr deshalb Schwierigkeiten bereitet. Von den beiden Technikern habe ich derlei am Samstag nicht gesehen. Der kreativste Pass kam von Oriol Romeu – schnörkellos, überraschend, doch leider war Timo Werner bereits ins Abseits gelaufen.

Natürlich geht es nicht darum, Didavi und Maxim die Schuld zuzuweisen. Sie führten mir nur in besonderem Maße vor Augen, dass ich mich einer Illusion hingegeben hatte, als ich auf ein überzeugenderes Offensivspiel gehofft hatte. Ein Offensivspiel, das natürlich auch gern von den Sechsern bestimmt werden dürfte. Oder von den Außenspielern. Ich bin da nicht wählerisch.

Auch nicht bei den Mitteln: ob wir nun Tempodribblings zu sehen bekommen wie phasenweise bei Traoré, oder öffnende Pässe, wie Leitner sie nachweislich spielen kann, manchmal, ob auch mal einer mit dem Kopf durch die Wand geht wie Cacau, oder ob Sakai und Klein auf den Außenpositionen ein ums andere Mal mit hohem Tempo Unruhe schaffen, Verwirrung stiften, so wie, manchmal, der 2012er Sakai und, lassen Sie mich nachdenken, Andi Hinkel 2004.

Meinetwegen können sie sich auch per tiqui-taca bis auf die Torlinie kombinieren, also ungefähr so, wie es Maxim und Didavi zu Spielbeginn kurzzeitig außerhalb der Gefahrenzone versuchten oder wie es die Ballkontaktrekordhalter Schwaab und Rüdiger gemeinsam mit Romeu hinter der Mittellinie taten. Nur schneller. Und woanders. Und irgendwie zielgerichtet.

Da ich bis dato so gut wie keine Spielszenen gesehen hatte, wusste ich nicht, was ich von den Neuzugängen zu erwarten hatte. Romeus kreativen Moment und seine zahlreichen Ballkontakte hatte ich schon genannt, ansonsten hat er mich noch nicht überzeugt, was der einen oder anderen seltsamen Aktion und – zugegeben, kein sehr valides Argument – dem Eindruck geschuldet ist, dass ich schon elegantere, in ihren Bewegungen behändere Spieler aus La Masia gesehen habe. Dafür erinnert er mich an Daniel Morales aus “Taxi”, was immerhin ein ähnlich gutes Argument für ihn ist. Ach, und wieso lese ich in den Aufstellungen immer wieder “Oriol Romeu” neben, zum Beispiel “Gentner” oder “Didavi”? Ist er der neue Lucatoni?

Filip Kostić hinterließ insofern einen ganz guten Eindruck, als er für Belebung im Angriff sorgte (was angesichts des Ausgangsniveaus nicht schwer war), ins Dribbling ging und den Abschluss suchte. Dumm nur, dass es keine zehn Minuten dauerte, bis er mich an Danijel Ljuboja erinnerte: die erste Schwalbe ließ nicht lange auf sich warten, bei Auseinandersetzungen mit Gegner und Schiedsrichter war er gleich vorne dabei. Muss ich nicht haben, echt nicht. Aber vielleicht sagt’s ihm ja mal jemand.

Florian Klein: solide. Eine schöne Offensivaktion hatte er, mit schöner Flugannahme und anschließender Hereingabe. Darf er öfter machen; man hätte ihm einen stärkeren Partner auf seiner Seite gewünscht, und Mitspieler, die ihn einzusetzen versuchen. Gerne kreativ, aber auch handwerklich sauber hätte gereicht.

Köln spielte übrigens auch mit. Kevin Vogt gefiel mir ganz gut, Anthony Ujah sowieso, für Daniel Halfar habe ich seit langem ein Faible, das am Samstag aber nicht stärker ausgeprägt wurde. Der VfB spielte ihnen ein bisschen in die Karten, und sie spielten ihr Blatt sauber aus. Gute Leistung.

Insgesamt war es schön, die Bundesliga wieder intensiver verfolgen zu können – selbst das Abendspiel sah ich mir in irgendeiner Kneipe an, war sehr beeindruckt von der Münchner Anfangsphase und völlig überfordert, die weitere Entwicklung des Spiels zu begreifen. Vermutlich hatte ich mich schon fast so sehr mit dem Kräfteverhältnis abgefunden wie die Schalker, die nach dem Spiel in kollektiven Jubel ausbrachen, weil sie ein Heimspiel gegen einen unmittelbaren Mitbewerber nicht verloren hatten, was Marcus Bark bei sportschau.de bereits sehr treffend ausgeführt hat.

Ach, und dann war da ja noch ein Handtor. Ich bin ein bisschen überrascht, dass sich Collinas Erben so klar auf die Seite von Benedikt Höwedes, bzw. von Marco Fritz, stellen. Zwar neige ich selbst auch zu der Sichtweise, dass ein solches Handspiel kein strafbares ist, wiewohl ich finde, dass man Höwedes mit guten Argumenten eine sehr bewusste Nutzung des Ellbogens unterstellen kann; vor allem aber frage ich mich, wieso Abwehrspieler, insbesondere in der Champions League, seit einiger Zeit dazu übergehen, sich dem ballführenden Angreifer mit hinter dem Rücken verschränkten Armen entgegenzustellen, um den Ball nur ja nicht aus kurzer Distanz an Hand oder Arm geschossen zu bekommen? Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sie dafür keine handfesten Gründe haben, vorzugsweise erfolgte Schiedsrichterentscheidungen.

Vermutlich werden die Erben das in den nächsten Tagen auch in ihrer nächsten Podcast-Ausgabe noch einmal aufrollen und in mir einen interessierten Zuhörer haben; ähnlich interessiert erwarte ich die zweite Ausgabe der “Schlusskonferenz” beim Rasenfunk, einem neuen Podcast, hinter dem zu meiner großen Freude just jene beiden Herren stecken, denen ich während der Weltmeisterschaft ganz besonders gerne zuhörte, wenn sie beim fast täglichen WM-Podcast von Herrn @fehlpass zu Gast waren: die Herren @GNetzer (der das jetzt wieder nicht so gerne hört) und @helmi.

Ob dort auch die zweite Liga besprochen wird, weiß ich nicht. Falls ja, dann höchstens deren sportliche Aspekte, vermute ich, nicht aber die Mattuschka-Posse. Die mich persönlich ein bisschen bestürzt. Hätte ich nicht erwartet. Nicht, dass mich Norbert Düwel gleichermaßen an Joachim Löw in der Causa Ballack und Michael Skibbe in Sachen Thomas Häßler denken lassen würde, und auch nicht, dass sich Mattuschka selbst nicht entblöden würde, sich auf das Glatteis der großen Buchstaben zu begeben.

Es überrascht mich naiven Romantiker komplett, dass so etwas so schnell gehen kann, und es gibt wenig, was ich aktuell weniger gern hören möchte als Sätze im Stil von “kein Spieler ist größer als der Verein”. Rein emotional und aus der Ferne. Aus der Nähe sieht man das vermutlich aus guten Gründen anders. Tja.